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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-16 · 46 (16.11.1894) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 900 VrstrrreitWchr WochrnphrM Nr. 4L „Weiß ich's, ob ich es je erleben werde, die Vaterstadt, die altehrwürdige Altneusynagoge, den uralten Friedhof, die Gräber meiner Eltern, die alten Freunde wieder zu sehen?" murmelte Towije unverständlich, „ein Wunder des höchsten Gottes wär's, wenn wir am Wege nicht elendiglich ums Leben kämen!" Frau Elke Kohen aber war von den Worten des guten, klugen Knaben so ergriffen, daß sie ihn heftig an sich zog und sein Lockenhaupt stürmisch mit Küssen bedeckte. „Gott segne Dich, mein lieber Elije, Dir muß es noch wohl ergehen hier auf Erden, weil Du ein gar so braves, herziges Kind bist; — aber Hendel und Du, Ihr werdet nicht so lange warten müffen, wir werden Morgen früh zeitlich ausbrechen und wohl doch zu Menschen kommen, die uns aus Mitleid etwas zu essen geben werden .... auch haben wir noch etwas Geld bei uns, freilich nur sehr wenig, und wir müffen mit diesem Haushalten auf dem weiten Weg, aber im ärgsten Falle werden wir euch etwas zum Essen kaufen, koste es, was es wolle!" Es war eine kleine Pause eingetreten. Der kleinen Hendel waren vor Müdigkeit wieder die Aeuglein zugefallen, und Elke legte das schlafende Kind auf einem Rasen unter einem Baume; endlich meinte Towije Kohen: „Ruhe aus, schlafe Elke, ich werde wachen." Die Frau und der Knabe streckten sich auf den Rasen aus und Elke sprach: „Schlafe Du, lieber Mann, ich werde es nicht vermögen, — ich will nur meine wunden Füße ruhen laffen." Towije Kohen stieß als Antwort einen tiefen Seufzer aus und setzte sich zu den Seinen ins Gras. Jetzt erhob sich ein Herbstwind, der alles abgefallene Laub, das auf der weiten, von einzelnen Bäumen bepflanzten Grasfläche zerstreut lag, zuerst lustig vor sich herjagte und dann fein säuberlich zusammenfegte, und auch rauschend durch die Baumwipfel fuhr. Mit dem Brausen des Windes machte sich auch gleichzeitig ein Ton, wie von fallenden Körpern, bemerkbar, und Elije rief plötzlich ganz entzückt die Hände zusammenschlagend: „Väterchen, Mütterchen, schaut, was uns der liebe, gute Gott geschickt hat! Da sind ja Birnen!" Und so sprechend deutete er mit einem glücklichen Lächeln auf einige überreife Herbstbirnen, die in den Kriegswirrsalen von dem Besitzer des Baumes nicht gepflückt und jetzt von dem Windstoße heruntergeworfen worden waren. „Väterchen, das ist genau so, wie Du mit mir im Chummisch 4) gelesen, als unsere Vorfahren in der Wüste hungerten, sandte ihnen der Allgütige Himmelsspeise aus den Wolken, .... ich darf mir wohl eine nehmen und auch das Kind aus dem Schlafe wecken und ihm eine reichen?" „Ja, ja", riefen die Eltern, und bevor noch Elije selbst eine Birne aß, weckte er Hendel, welche begierig nach dem unerwarteten Labsal griff. „Aber Hendel!" verwies Elije, „man muß ja, bevor man etwas ißt, Brocho machen," 2) und er sprach ihr im Urtexte jene Benediction vor, welche vor dem Genüsse einer Baumfrucht verrichtet werden soll, und das kleine Mädchen sprach, während sie die Birne behaglich mit ihren kleinen, weißen Zähnen kaute, dieselbe Wort für Wort nach. Auch Towije und Elke Kohen griffen nach der unerwarteten Gottesgabe, und als die auf dem Boden liegenden Birnen verzehrt waren, pflückten sie noch einige vom Baume, welche Elke für den kommenden Tag in ihrem Korbe aufbewahrte. „Towije", sprach seine Frau, „ich fühle mich nicht nur durch den Genuß dieser Früchte körperlich gestärkt, sondern auch meine tief gesunkene Hoffnung wird neu belebt. Mir scheint's ein Zeichen des allerbarmenden Gottes, daß er uns nicht verlassen wird!" Die Mondessichel beleuchtete die eigenthümliche Menschengruppe unter dem Birnbaum so deutlich, daß Elke den bittern Zug, der über ihres Gatten Gesicht flog, gewahren konnte. Um seine Bewegung zu verbergen, erhob sich Towije Kohen rasch und ging einige Schritte seitwärts, Elke folgte ihm und legte ihm leicht die Hand auf die Schulter, so daß er sich unwillkürlich umwandte, sie blickte in ein bleiches, thränenüberströmtes Antlitz, und sie sprach mit einer tiefen, schönen Altstimme, in deren Ton schon eine Welt voll Beruhigung lag: „Wer wird gleich so verzweifeln? Du warst ja stets der Starke, der Geisteskräftige, zu dem ich demüthig emporblickte. Hat Dir die schwere Prüfung, die Gott über uns verhängt, Deine Gläubigkeit geraubt? Zweifelst Du denn an der endlos großen Macht des Weltenlenkers? Weißt Du nicht, daß Gott helfen kann? Oder glaubst Du, daß Du und unsere Kinder seiner Hilfe nicht würdig sind?" „Daß Gott helfen kann", erwiderte Towije Kohen mit großer Bitterkeit, „daran zweifle ich nicht, aber ob Gott helfen will — das weiß ich nicht; und Du und unsere Kinder, Ihr habt gewiß noch nie etwas begangen, daß Ihr so Harter erfahren solltet, — aber ich Hab' es oft erlebt, gesehen und gehört, daß auch der Fromme und Gerechte im Elend unterging." „Der königliche Sänger spricht", tröstete Elke: „Ich war jung und bin alt worden und habe nicht den Frommen verlaffen und seine Nachkommen Brod fordern sehen." „Der Talmud behauptet", erwiderte Towije: „Es gibt Fromme, denen es gut, es gibt Fromme, denen es schlecht, eS gibt Böse, denen es gut, und Böse, denen eS schlecht geht . . . Gottes Rathschluß ist unerforschlich!" Es war eine traurige Pause in dem erregten Zwiegespräche eingetreten. Beide hatten nicht Lust, einen zwecklosen Streit fortzuführen, endlich sprach Elke: „Wir sind beide ruhebedürftig, versuchen wir es, daS Beispiel unserer lieben Kinder nachzuahmen. Sieh' wie ruhig sie daliegen, wie hold sie im Schlafe lächeln, wer weiß, welches Glück ihnen in ihren Kinderträumen erscheint! Vielleicht schenkt Gott auch uns einen erquickenden Schlummer .... ES ist ringsum still, man hört nicht Mensch noch Thier, wir können ruhig schlafen; — übrigens, ich habe ein feines Gehör, das mir auch im Schlafe treu bleibt; auch schlafend höre ich, wenn sich aus weiter Ferne etwas nähert." „Wir wüßten jetzt in der That nichts Anderes, keinesfalls aber Besseres zu thun", sprach Towije, legte den langen, in Leinwand eingehüllten Gegenstand, den er bisher am Rücken gebunden getragen, neben sich in Handweite auf die Erde und streckte sich auf dem Rasen aus. Towije und Elke Kohen begannen halblaut das Nachtgebet. Dieses, reich an ergreifenden Stellen, mußte in der Lage, in der sie sich befanden, machtvoll auf sie einwirken. Schon bei der Bitte: „Erwecke uns, Herr, zum Frieden, erhalte unS das Leben, breite über uns dein Friedenszelt", waren ihre Stimmen in's Schwanken gerathen.... Bei dem Bibelverse: „Der Engel, der mich von allem Bösen erlöste, segne diese Kinder", hatte sich Elke stürmisch erhoben und ihre Hände über die Häupter ihrer Kinder gefaltet; erst als sie sich dem Schluffe des Gebetes näherten, bei dem Psalmvers: „Schau! es schläft nicht und es schlummert nicht der Hüter Israels", und dem Bibelverse: „Auf deine Hilfe baue ich, Ewiger!" war ein Gefühl der Beruhigung über sie gekommen, und bald forderte die Natur ihr Recht, und ihre ruhigen Athemzüge bewiesen, daß sie in tiefen Schlaf verfallen waren. (Fortsetzung folgt.) Wv ist das erste Wiener Wirthshaus gestanden? (Eine historische Phantasie von Julius L ö w y.) Wer das genau wissen könnte, wo in Wien das erste Wirthshaus gestanden ist, der müßte ein gar großer Forscher sein. Die Historiker der alten Zeit haben sich darum nur wenig gekümmert und die verwischten Spuren sind von den Forschern der modernen Tage nicht wieder bloßgelegt worden. Und so bleiben uns nur Bermuthungen, die sich natürlich auf die Historie stützen müffen. Und wenn wir uns da in Urwien umschauen, was finden wir? Der erste Stein zu Wien wurde augenscheinlich auf dem heutigen Hohen Markt gelegt. Darin stimmen alle Quellen überein und Hauslab und Camesina, die verdientesten Wiener Gelehrten unserer Zeit, haben es aus zahlreichen Thatsachen erwiesen, daß der Hohe Markt, beiläufig in seiner, heutigen Ausdehnung, das Forum der ersten römischen Ansiedlung war, daß hier schon in grauer Zeit Recht gesprochen wurde, die Versammlungen abgehalten wurden, denn ein Vereinsaesetz gab es nicht und die Berathungen der Bürger fanden stets unter freiem Himmel statt. Es ist selbstverständlich, daß mit den römischen Soldaten, die hierher kamen, um das feste Castell in der Stadt der Wenden, in Vindobona, anzulegen, auch Geschäftsleute, *) Im Pentateuch, in der Bibel. 2) Einen Segensspruch sprechen.

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