Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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vtBKzaäKSSES Nr. 46 Vrflerreichifche Wochrnfchrist Seite 895 Wien. (Bon der Universität.) Der „Verein zur Pflege kranker Studirender" befindet sich seit Jahren in den Händen der Antisemiten. Die Juristengruppe enthält eine große antisemitische Majorität, ebenso die Philosophengruppe, aber auch die medicinische Gruppe wählte so wie im Borjahre auch heuer streng judenreine Funktionäre, obwohl 60 Percent der Mediciner Juden sind. Höchstens 30 jüdische Mediciner wohnten der Wahl der Vorstandsmitglieder bei. Diese . ndolenz kann nicht genug getadelt werden. Wir haben 3 jüdische Vereine an unserer Universität, ein vierter hat sich Freitag als „Jüdische akademische Lesehalle" constituirt, und trotz dem sind wir nicht im Stande, wenigstens 6 Mandate zu erobern. Hoffen wir, daß das nächste Studienjahr eine strammere Organisation der freisinnigen Mediciner bringt, sowie sie heuer den medicinischen Unterstützungsverein, einen von den Antisemiten hochwichtig genannten Verein, in Händen behalten haben. Allerdings enthielten sich die Antiliberalen der Wahl gänzlich, indem sie einsahen, daß gegen die Organisation, welche die Liberalen hier bewiesen, ein Ankämpfen vergeblich sei. So wurde auch Samstag den 10. November d. I. im Hörsaale des Prof. Vogl unter Anwesenheit des Protectors des Vereines, Hofrathes Ludwig, die freisinnige Candidatenliste einstimmig gewählt, und zwar: Als Präses Herr Gustav Geber, als Bicepräses Herr Friedrich Wech s berg, in den Ausschuß die Herren: Leonhard Gerbel, Robert Grünb aum,Richard Grün feld, RichardHönigsw a l d, Heinrich L ö w e n st e i n, Sigmund S t i a ß n y und Stanislaus Z a b l o ck i; in den Ersatzausschuß die Herren: AlexanderFer en czi, Paul Neu mann und Theodor Robert Offer. Also, auf's Jahr auch den Krankenverein erobern! E. B. Wien. (Studenten-Mensur.) Die Frictionen zwischen lümmelhaften antisemitischen und jüdischen Studenten an der Wiener Universität werden na^gerade für diese Hochschule typisch, sie finden jedoch eine Abwehr, nicht durch die maßgebenden Factoren, sondern von den Betroffenen. Ein antisemitischer Krakehl-Studiosus, welcher sich jüngst erfrechte, einen jüdischen Studenten mit bekannten antisemitischen Titulaturen zu beschimpfen, wurde von Letzterem gefordert und erhielt bei der Mensur sieben regelrechte Säbelhiebe. Die Genesis der Schmisse, welche er von dem jüdischen Studenten zum ewigen Gedächtnisse behalten wird, dürfte der tapfere Arier kaum als Reclame für sein tapferes antisemitisches Arierthum zu sructificiren versuchen. Wien. Die akademische Verbindung „Kadimah" feierte den Eintritt in das 24. Semester ihres Bestandes mit einem Samstag den 3. d. M. in Kuhner's Restaurant stattgehabten Commerse, der einen überaus glänzenden und animirten Verlauf nahm. Den großen Saal erfüllte eine vielhundertköpfige Menge, in der wir unter Anderen Abgeordneten Dr. Bloch, kaiserlichen Rath Wilhelm, Docenten Dr. Mayerhofer, Schriftsteller B r a i n i n rc. bemerkten. Ueberhaupt sei hier das charakteristische Moment erwähnt, daß die Intelligenz der Wiener Judenschaft, Advocaten und Aerzte, in einer ungewöhnlich großen Zahl sich eingestellt hatte und lebhaftes Interesse an dem Abend bekundete. Nach Begrüßung der Gäste ergriff der Senior der Verbindung, Drd. Med. Leonhard Gerbel das Wort, um die Verhältnisse auf der Wiener Hochschule und die Stellung der „Kadimah" zu denselben zu besprechen. Wenn früher so oft von der Indolenz und Trägheit der jüdischen Studenten geklagt wurde, so seien die Juden heute schon einen Schritt weiter gegangen, indem sie entweder im Anschlüsse an das nationale Programm eine Besserung der Lage anstreben, oder in schnödem Berrath ihr Heil suchen So erzähle man sich, daß eine ganze Verbindung das Taufwasser nahm, weil sie keinen Paradechristen auftreiben konnte und dennoch judenrein sein wollte. Demgemäß sei es nur Mlärlich, wenn die Tendenz der „Kadimah", die jüdisch-nationM Idee, in solch raschem Fluge immer weitere und weitereMMe erobere, und sei hoffentlich die Zeit nicht ferne, wo '^^-Losungswort „Kadimah — Vorwärts" allen Juden voranlenchten werde. Die formvollendete Rede, in der burschikose Strammheit gepaart mit reifer Dialektik die Zuhörer bestrickte, erhielt ihren ehrlich verdienten Applaus. Nach Absingung des Bundesliedes erhielt das Mitglied der Verbindung Drd. I. S ch a l i t das Wort zur Tendenzrede. Wir sind nach den bisherigen Leistungen des Redners an oratorische Kunststücke gewöhnt, und entsprach Drd. Schalit auch diesmal allen Erwartungen. Nach einer Ueberficht über die E ltstehung und Entwicklung der Assimilation griff Redner die Assimilation von heute an: „Die Assimilation von heute ist keine Freiheitsbewegung mehr, kein Emancipationsbestreben, sich von dem Drucke jahrhundertlanger Bedrückung und Beknechtung frei zu machen, sie ist ein bloßes Gefallenthun dem Nachbarn, ein Nachäffen des Fremdartigen." „Nicht gegen die Aufklärung kämpfen wir, nicht gegen die Assimilation der Geister — denn die Wissenschaft und Kunst sind international — wir kämpfen gegen die Assimilation der Herzen. Der Jude soll, wo immer er auch lebe, Schritt halten mit den kulturellen Errungenschaften seines Landes, er soll den Lebensbedingungen seiner Heimat sich anpassen, er soll ein treuer Bürger seines Staates sein; diese Affimilation darf aber nicht ausarten in ein sclavisch-unterwürfiges Nachahmen der dem Geiste und der Tradition des Judenthums hohnsprechenden Sitten und Unsitten." In weiterer Folge besprach der Redner die Stellung der Juden zu den politischen Parteien und bekämpft insbesondere den Anschluß an die liberale Partei, die ihre Versprechungen nicht halte und um den Preis der Koalition die primitivsten Postulate des Liberalismus opfere. „Das Heil der Juden liegt nur in den Juden, die Erlösung der Juden kann nur durch die Juden werden. Eine jede Nation hat das Recht zu bestehen, ihre Eigenart zu bewahren, sich fortzuentwickeln, wie die Natur jedem Individuum, jedem Wurme das Recht gibt, sich zu erhalten, indem sie sie geschaffen. Der jüdische Nationalismus, der in den sittlich reinen Bestrebungen fußt, durch Wiedererweckung des eingeschlummerten Nationalbewußtseins die Juden aus ihrer Pariastellung zu erheben, ihnen das Recht eines jeden Menschen, zu leben, ungeschmälert zu gewähren, ist der Ausdruck des zielbewußten, offenen Auftretens eines freien Mannes, der nichts fürchtet, aber nur Eines scheut — feige Selbstverachtung." Stürmischer Applaus folgte dieser mit dem Tone echter Begeisterung vorgetragenen Rede. Lebhaft acclamirt ergriff nunmehr Abgeordneter Dr. Bloch das Wort. Er sprach über „Affimilation" und schloß mit dem Wunsche: Möge uns eine neue Generation erstehen mit jüdischem Selbstbewußtsein, mit jüdischem Stolz, eine Generation, erfüllt von jüdischer Tradition, eine Generation, die ihrer Ahnen würdig ist!" Ein nicht endenwollender Beifallssturm durchdröhnte den Saal und ließ nicht nach, bis Dr. Bloch durch die Flucht sich rettete. Im weiteren Verlaufe des Abends sprach noch „alter Herr" der Verbindung, Dr. Kohn, um im Anschlüsse an die Tagespolitik die actuelle jüdische Politik zu besprechen. Auf die „Kadimah" wurde toastirt von den Vertretern der akademischen Verbindung .Ilintas« und des akademischen Vereines „Gamala", der aus der „Kadimah" herausgegründeten Töchtervereine, weiters vom Vertreter des Theologenvereines stnä. xbil. M. Bauer und dem Sprecher des Ruffenvereines. Wenn wir noch hinzufügen, daß diesem officiellen Theile eine Exkneipe folgte, in der eine geist- und witzsprühende Kneipzeiiung einen acuten Lachkrampf der ganzen Corona hervorrief, können wir ruhig sagen: Wer Kraft, Geist und frohe Lebenslust in harmonischer Eintracht vereinigt sehen will, der gehe zur „Kadimah". E. B. Wien. (D i e kärntnerischeHandels-und Gewerbekammer) in Klagenfurt schreibt den Posten eines Secretär-Stellvertreters aus. Die Bewerber um diese Stelle haben dem Concursedicte zufolge ihre Gesuche mitdemTaufscheine zu belegen. Dieser Vorgang ist contra legem und entgegen den Staatsgrundgesetzen/welche die Erlangung öffentlicher Stellen von der Confession des Bewerbers unabhängig machen. Es wäre Aufgabe des bei der erwähnten Kammer bestellten landesfürstlichen Commissärs. gegen diesen den Staatsgrundgesetzen Zuwiderhandelnden Vorgang sein Veto einzulegen. Wien. (Eine recht hübsche und zweckmäßige Spende) erhielt dieser Tage jede der Volks- und Bürgerschulen des zweiten Bezirkes, deren Zahl bei der Ausdehnung dieses größten der Wiener Stadtbezirke eine ziemlich beträchtliche ist. Bor etwa einem Jahre hielt nämlich in dem Lehrervereine derLeopoldstadt der dortigesehr beliebte Bezirksarzt Dr. S.K o h n, einen Vortrag, in welchem er an der Hand eines von ihm zusammengestellten „S ch u l-Ret tu ng s ka st en s" demonstrirte, wie etwa der Lehrer bei einem eventuellen Nnglücksfalle im Schulzimmer oder in dem Turnsaale dem verunglückten Schüler mittels der in dem „Rettungskasten" enthaltenen Medicamente und Bandagen die erste Hilfe leisten könnte. Der Vortragende sprach damals die Hoffnung aus, daß vielleicht die Schulbehörde die Beschaffung eines solchen ..Rettungskastens" für jede Schule veranlassen werde. Diese Hoffnung hat sich — vielleicht mit