Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021054--04036-3028202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile 894 Veprrretthtlrtze VoqrnschrM in. 46 Eine reizende Synagoge dient zur Abhaltung des Gottesdienstes für Alle. Fünfundneunzig Greise und Greisinnen sind in der Abtheilung für Alte. Wir beobachteten sie beim Speisen. : Es mundete ihnen die kräftige Kost vortrefflich. Ein Ehepärchen, das jüngst die go.dene Hochzeit gefeiert, saß traulich beisammen, und als sie uns vorgestellt wurden, da kniff der würdige Greis sein Weibchen in die Wange. Nun in die Küche! Eine Augenweide für jede Hausfrau Wie da Alles blinkt und glitzert. In den mächtigen, durch Dampf geheizten Kesseln brodeln Suppe und Grütze; Köche! und Köchinnen in blitzsauberen Gewändern versehen den Dienst und ein Aufseher sieht scharf auf die gewissenhafte Beachtung der religiösen Gesetze, auf Trennung von Fleisch und Milch- und was sonst erforderlich ist. Ein riesenhafter Schabbeeofen fällt uns auf und wir erhalten die Belehrung, daß nur für Solche, für die es ausdrücklich von Anstaltsärzten geboten ist, am Sabbat Speisen gewärmt oder gekocht werden. Sonst labe sich Alles an Schalet. Wird doch selbst kein Tröpflein Wein verabreicht, der nicht aus Flaschen strömt, die mit dem Rabbinatssiegel versehen sind. Mit einem Worte, cs ist eine Musteranstalt in jeder Beziehung. Zur Erhaltung derselben trägt die Stadt jährlich 65.000 fl. bei. Kein jüdischer Kranker, Irrer oder armer Alter hat es nöthig, eine nichtjüdische Anstalt aufzusrchen, denn hier ist liebevoll für Körper, Geist und Herz gesorgt. Alles ist bedacht, was für die Bedürfnisse des Leibes und Gefühles erforderlich ist; hier finden Alle Schutz und Schirm und liebevolle Pflege und mit Verehrung hangen Gesunde und Kranke, Aerzte und Beamte an Bader Manes. Ein kleines Alterversorgungshaus, das den schönen Namen Ohel Jizchok führt, hat der große Wohlihätcr Fedder für fünfzehn jüdische Greise gestiftet. Auch dieses Institut, das wir besuchten, ist musterhaft und glänzend eingerichtet. Eine zweite mustergiltige Privatanstalt ist der Kindergarten des Baron Rosenthal in der Üilenburgerstraat, welcher unter Leitung der Mevrouw Hoofjen steht, der Witwe des verstorbenen Oberrabbiners von G r o n i n g e u, der als Verfasser einer jüdischen Geschichte bekannt ist. Für dreihundert Kinder ist in dieser geradezu luxuriös eingerichteten Anstalt Raum. Sie liegt prachtvoll in einem Garten und auf der Rückseite des schönen Gebäudes fließt das breite Waffer einer Gracht. Desselben Baron Rosen t h a l 's Vater hat auch die berühmte Bibliotheca Rosenthaliana gestiftet, die einen Theil, und zwar Hebraica und Orientalin der Amsterdamer Universitätsbibliothek bildet. Sie enthält Schätze der hebräischen Literatur und steht unter Leitung eines ehemaligen Schülers des Amsterdamer Rabbinerseminars, dessen Rector der Oberrabbiner ist. Hochinteressant ist die Bibliothek der Sephartim, welche der greise und gelehrte Montezinos der portugiesischen Gemeinde gespendet hat. Sie enthält große Raritäten und mit Stolz zeigt der noch lebende Spender, der den ganzen Tag als Oberbibliothekar in seinen geliebten Räumen weilt, die Schätze, die er mit Liebe pflegt. Ehrfurchtsvoll zeigte er uns ein kostbares Manuskript des R a m b a m, und aus einer geheimnisvollen Lade holten er das Original des Briefes hervor, den seinerzeit die spanischen Parnaßim — nicht zu ihrem Ruhme — an Sabbatai Zewi geschrieben hatten. Im selben Gebäude ist auch das Bet-Hamidrasch der Sephardim, ehrwürdig und einfach. Hier sollte eigentlich die schon einmal erwähnte spanische Synagoge geschildert werden, doch das führte zu weit. Gedacht sei aber des merkwürdigen Begräbnißplatzes der Portugiesen. Er ist in dem schmucken, holländischen Dörfchen Ouderkerk. Man gelangt dorthin nach einer herrlichen Fahrt auf der romantischen Amstel. Man tritt in den Friedhof mit frommem Schauder ein, denn hier liegen Jahrhunderte begraben. Ein Kind eröffnete den Todtenreigen — sein Grabstein ist erhalten. — Mächtige Marmorsarkophage, geziert mit künstlerischen Sculpturen liegen auf dem üppigen Grasboden. Die Namen altspanischer Adelsfamilien liest man da: Texeira, Men des, Costa, Sasportas, und nun stehen wir vor dem Grabdenkmal Menasse ben Israels, des hochberühmten und gelehrten Chachams der Portugiesen.- Doch zurück von diesem melancholischen Platze, heim in das praktische Leben der Großgemeinde Amsterdam. Wir besuchen eine Fleischhalle. 32 jüdische Metzger sind in jeder der drei Verkaufshallen und alle stehen unter strengster Aussicht. Ohne Murren fügen sie sich den strengen Anordnungen des Rabbinates. Die Schächter Amsterdams sind; wahre Künstler in ihrem Amte; wir sahen sie in Function und bewunderten ihre Handfertigkeit. Die Schechitah ist großartig geregelt und auch hier zeigt sich das große Organisationstalent des Oberrabbiners, der für das ideale und praktische Leben der ihm Schutzbefohlenen in gleicher Weise besorgt ist. Zu diesem idealen Leben gehört auch die Leitung des Rabbinerseminars, welchem wahrhaft' gelehrte und gottesfürchtige Männer entwachsen. Alle sind sie elastisch ebenso wie talmudisch und literarisch hochgebildet, Musterrabbis in jeder Beziehung. Zum Schluffe für diesmal noch Eines. Oeffentlich und privatim wird in Amsterdam für die Pflege von Talmud und Thora in Anstalten und Chewras reichlich gesorgt. In dem großartigen Bet-Hamidrasch, das eine überaus stattliche Bibliothek besitzt, die durch die Seminarbibliothek ergänzt wird, lernen täglich zwei Stunden lang Oberrabbiner und Rabbiner Talmud und zwar, dies ist charakteristisch, ohne Nigun, nur primäre Quellen und besondere Pflege erfährt tiefgehende Halachakritik und Rambamforschung. Nur wohlgesattelte, auswärtige Gelehrte wagen es, an diesen scharfsinnigen, von jedem unehrlichen Pilpul entfernten Erörterungen theilzunehmen, und mancher eingebildete Talmudktnner aus Polen und Ungarn hat das Studierzimmer dieser Rabbinen ernüchtert und eines Besseren belehrt verlassen und wohl daheim respectvoll von dem Gaon in Amsterdam erzählt. So sehen wir, daß es noch eine herrliche jüdische Gemeinde gibt, die man einen Stolz und eine Zierde des Judenthums nennen kann. In dem freien Holland konnte sie sich entwickeln, wo unter dem Schutze einer erhabenen, wahrhaft menschenfreundlichen und für Gleichheit aller Unterthanen glühenden Königin die jüdischen Bürger ein glückliches, freies, jüdisches Leben führen. Und diese Juden der Niederlande verehren ihre Herrscherin, die, den Ueberlieferungen des edlen Hauses Oranien getreu, die Zügel führt. Die Juden Oesterreichs, die von einem erlauchten und väterlich gütigen Kaiser beherrscht und beschützt werden, in dessen Herzen der Glaube keine Scheidewand zwischen den Unterthanen bildet, verehren diesen ihren Monarchen tief, wenn sie auch noch immer durch die traurigen gesellschaftlichen Verhältnisse ihres Vaterlandes auf ungetrübtes Glück warten und harren müssen. -_ GorresMnäenLen. Wien. Vergangenen Freitag fand in Khuners's Restauration die constituirende Versammlung der Jüdischen akademischen Lesehalle statt. Nach den einleitenden Worten legte der Vorsitzende des einladenden Comites, Cand. med. G erbl, Präses der „Kadimah^', sein Amt nieder, mit der Begründung, die „Kadimah" halte ihre Aufgabe damit für erledigt, daß sie die Anregung zur Gründung gegeben, die Einsetzung eines vorbereitenden Ausschusses für die Abfassung der Statuten veranlaßt und endlich die behördliche Genehmigung der Statuten erreicht habe. Auf Ansuchen der Versammlung führte aber Herr Gerbl auch weiterhin den Vorsitz. Nachdem von einer Gruppe der Anwesenden eine Kandidatenliste vorgeschlagcn wurde, stellte Herr Stud. med. I. Haas an den Candidaten für die Präsesstelle Herrn Cand. med. Josef Vierer eine Interpellation wegen seines eventuellen Programms, in deren Beantwortung Herr Vierer Centralisation der gesammten jüdischen Studentenschaft, gemeinsame Arbeit nach gemeinsamer Parole als Hauptziel des Vereines erklärte. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl wurden in den Ausschuß entsendet die Herren: Cand. med. Josef Vierer, als Präses; Caud. jur. Moritz Ernst - als 1. Bicepräses; Stud. med. H. T h a l e r als 2. Bicepräses; Stud. Phil. Beruh. Fuchs als 1. Schriftführer; Stud. med. Alex. Wolf, als 2. Schriftführer; Stud. med. Max Silber als Cassier; Stud. med. M. Kopetzky als 1. Bibliothekar; Stud. med. Jul. Haas als 2. Bibliothekar; Stud. med. Sam. Masse rm ann als Zeitungsverweser; A. H. Reich, Js. Teichner als Cäffarevisoren. Max Weiß, Ernst Straßm ann, Hugo Kohn, Robert Hammerschlag als Ersatzmänner. Herr Reichsraths- Abgeordneter Dr. Emil Byk trat dem Verein als erster Stifter mit 200'Kr. bei.