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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-16 · 46 (16.11.1894) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Dir. 46 L»euerremrtschr WortzrnsrtzriN leichter denkbar, als in einem Staate, wo der Freibrief wohl . geschrieben ist, die Freiheit aber noch nicht von ihren K tten j befreit ist. i Aach die Art, wie der Oberrabbiner seines Amtes maltet, ist dann naturgemäß eine andere, als wir es gewohnt sind. Sein organisatorischer Geist, der das G.ößte und Kleinste bedenkt, ist bis in die letzten Fasern des Gemeindelebens eingedrungen und damit der Geist strammster Zicht und Ordnung in allen Dmgrn, welche das öffenitiche religiöse Leben betressen. Zn dieses Gebiet fällt zu allererst die geniale Ausarbeitung eines Gesammtlehrplanes für die gottesdienstlichen Schulen, an welchen Tausende von Mädchen und Knaben unterrichtet werden. Es wird wohl genügen, wenn gesagt wird, daß eine Schülerin — nicht ein Schüler — der oberen Jahrgänge, also ein Mädchen von 12—14 Jahren jeden Schüler eines österreichischen Obergymnasiums durch staunenerregende Kenntnisse in hebräischer Sprache, Literatur und jüdischer Geschichte wohl in große Verlegenheit bringen würde. Wir haaen selbst stundenlang dem Unterrichte in den verschiedenen Lehranstalten beigewohnt — in ein'r erselben wurden 1500 Knaben in herrlichen Lehrräumen gleichzeitig unterrichtet — und mit Entzücken die Leistungen der jüngsten und äliesten der Schüler und der Lehrer bewund''rt und mit Bedauern des Baterlandes und heimallichen Staates gedacht. Geradezu großartig ist die israelitisch' Kinderbewahranstalt. Bei unserem Besuche waren ungefähr 900 Kinder anwesend. Die kleinen Knäblein und Mägdlein vom 3. bis zum 6. Jahre wußten schon recht gut die hebräischen Segenssprüche zu sagen, sie konnten die Schöpfung der Welt, von Abraham, Jsak und Jakob kindlich einfach, mit lieblichen Worten erzählen. In s lßem Schlummer lagen da in einfachen Bettchen die Maden, während Andere wieder muntere Liedchen sangen und Spiele spielten. Der Unterricht wird nach Fröbel'scher Art ertheilt. Zur Frömmigkeit und zur Ausübiing heiliger Gebote werden schon diese Kleinen hingeleitet. Es sei nur der Merkwürdigkeit halber betont, daß die den Kindern verabreichte Milch aus der unter strenger Rabbinatsaufsicht stehenden Milchwirthschaft herrührt. Unvergeßlich bleibt uns ein Besuch im Mädchenwaisenhause, welches unter Leitung der wackeren Juffrouw Zeehandelaar steht Fünfundneunzig Mädchen sind dort unlergebracht — im gleich vortrefflichen Knabenwaisenhause sind 65 Zöglinge — welche den gesummten Unterricht und Unterhalt hier genießen. Die Einrichtungen sind mustergiltig; durchwegs peinlichste Reinlichkeit, glänzende Ordnung, größte Sorgfalt und — last not least — strengste Religiosität. Die rituellen Vorschriften werden auf das Peinlichste beobachtet. Milch und Fleischvorräthe tragen alle das Rabbinatsiiegel; die Kücht entspricht den höchsten Ansprüchen der Sauberkeit und Bequemlichkeit wie auch des — Schulchan Aruch. Mit vornehmer Noblesse sind in dieser Anstalt wie in allen übrigen Instituten Amsterdams die Berathungs- und Versammlungszimmer der Dirigenten eingerichtet, welche mit liebevollster Sorgfalt ihres Amtes walten. Die Leistungen der Schülerinnen in sämmtlichen Fächern, in häuslichen und Handarbeiten, sind vorzügliche. Es war an einem herrlichen Freitag-Abende. Wir saßen als Gäste des Oberrabbiners in traulichem Gespräche in dessen zierlichem Gärtchen. Da ertönten aus dem benachbarten Waisenhause herrliche Lieder. „Hallelujah, hallelujah, hallelu el bekodschau", so klang es in wundersüßem Chore; die Waisenkinder sangen heilige Weisen, lieblich und schön. Alle waren wir tief ergriffen, und lautlos lauschten wir und dachten: Glücklich die Gemeinde, in der jüdische Kinder so in Frömmigkeit und Gottvertrauen erzogen werden. Hier ist es am Platze, von einem Freitag-Nachmittag im Judenviertel Amsterdams zu erzählen. In Eulenburg- Seite 893 straat, Mniderstraat, Joodenbreestraat und Rapenburgerstraat, wogt eine dichte Menschenmenge; man muß sich durchzmängen, Wagen an Wagen, Karre an Karre. Die Ausrufer schreien mit heiserer Stimme und preisen ihre Waaren; einer übeJchreit den andern. Die Waarenstände sind dicht umdrängt von Judenfrauen man sieht nichts als weiße Häubchen. Riet allemaal tegelijk (Nicht alle zugleich) schreien die Verkäufer. Es ist ein reiner Jahrmarkt von Plundersweilern. Da gibt es im bunten Gemisch: Obst, Grünzeug, Sabbatbrode, Füche, Gebetbücher, Zizzis, Besomimbüchsen rc. rc. In einzelnen Straßen steht der ganze Hausrath vor der Tyüre: Tische, Bänke, Stühle, Schränke u. s. w. Auf der Straße wird geputzt und gescheuert aus Leibeskräften, Alles rennt, stößt und schiebt — all dies zur Vorbereitung für Sabbat. An zahllosen Kaufläden prangt die Außchrift: Onder Rabbinale Toezicht (unter Rabbinatsaufsicht) aus Wurst-, Käse- und Butterläden, Conditoreien, Garküchen rc. Nun wird es Abend und allmählich stille. Die Leute, welche bis jetzt nicht sehr sauber ausgesehen haben, treten mit Festtagsmiene und Feiertagskleidern auf die Straße. Frauen, Kinder und Männer strömen zu Haus' nach den Synagogen. A m st e r d a m hat nämlich 11 Hauptsynagogen und zahllose kleinere Bethäuser, welche an Sabbaten überfüllt sind und an Festtagen für die Andächtigen kaum ausreichen. Die Synagogen, auch die neuesten, sind nach altem Style eingerichtet. Der Alimemor ist in der Mitte. Die heilige Lade ist sehr erhöht. Nun beginnt der Gottesdienst. Musterhafte Ordnung herrscht in den heiligen Räumen. Der Rabbi steht völlig getrennt von der Gemeinde. Die Parnaßim haben ihre Plätze vorne an der Bima. Die Costers und Oppassers (Küster und Aufpasser), Erstere im Barett, L'tztere in Cylinderhüten und Amtsketten, sorgen für Aufrechthaltung der Ruhe, die ohnedies keiner stört. Nun singt der „Geneser", d. h. der wohlbekannte Oberchasan H e y m a n n mit lieblicher Stimme: lecho daudi. Begleitet wird sein Gesang von einem Männerchore, der stch aus jungen Leuten bester Häuser zusammensetzt, die sich freiwillig dicsem heiligen Zwecke widnien. Des Oberrabbiners Söhne gehen mit gutem Beispiele voran. Keiner der Synagogenbesucher darf vor vollständiger Beendigung des Gebetes den heiligen Raum verlassen und es fällt auch keinem ein, es zu thun. Ja, am Sabbatvormittag darf Niemand sein Tallis vor „Olenu" ablegen. Selbst beim Minchagebete sind die Synagogen vollgepfropft und nun gar, wenn eine Predikatie (Predigt) ist. Wir haben eine solche einmal gehört, und mit Bewunderung lauschten wir den Worten des Oberrabbi, aus dem der Geist der Propheten sprach. Und als er den H-imweg antrat, da standen in der engen Straße — denn nur einmal des Jahres predigt der Oberrabbiner in den Nebensynagogen — die Männer, Weiber und Kinder, um den allverehrten Mann zu sehen und zu grüßen. Samstag Nachmittag da sitzen die Männer im trauten Familienkreise oder in Vereinigungen, um zu „lernen". Auch gehen die Familien im Artis (dem berühmten zoologischen Garten) spazieren, denn dieser ist in die Sabbatgrenze einbezogen. So geht nun der Sabbat zu Ende. Der Fremde thut gut, den Abends zum Besuche des „Nieuwe Markt" zu benützen. Ein romantisches Bild ist da zu sehen. Auf einem großen Platze, umrahmt von alterthümlichen Gebäuden steht eine Unzahl Buden. Die finstere Nacht wird durch Fackeln erhellt. Ein heilloser Lärm tönt uns entgegen. Die Verkäufer brüllen geradezu und erzählen der gaffenden Menge phantastische Geschichten über die feilgebotenen Maaren. Was es da Alles gibt: Häringe, alte Stiefel, Gier- Weltgeschichten in ehrwürdigen Bänden, Kupferstiche, hollän, dische Käse, eiserne Töpfe und Oefen, Fleischwaaren, Cigarren. Geflügel, kurz Alles, was kreucht und fleucht. Es ist wirklich ein ergötzliches Schauspiel, das nur an Sabbatabenden stattfindet. — Einen Sonntag benützten wir zum Besuche der vereinigten israelitischen Armen-, Kranken- und Irrenhäuser. Ein imposanter Rohziegelbau, einfach und geschmackvoll, beherbergt diese Institute; über tausend Seelen leven darin. Der wackere Bader Man es, ein ebenso frommer wie thatkräftiger Herr, steht dem Ganzen vor. Die Räumlichkeiten sind herrlich. Speisezimmer, Schlafkammern, Gesellschaftsräume, Krankenstuben und Gärten in staunenerregender Ordnung.

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