Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 890 Veflerrelchlfitzr WochenfchrM Nr. 48 Nrtchovits, die alberne Subventionsgeschichte als erstunken und erlogen bezeichnen. Wir theilen hier den Wortlaut dieser Depeschen in deutscher Uebersetzung mit: Sofia, 10. November, 9 Uhr, 10 Min. Abends. In Erwiderung Ihres Telegramms beeile ich mich. Ihnen meine Entrüstung über die infame Verleumdung zum Ausdruck zu bringen, deren Gegenstand Ihr Blatt war, und Ihnen zugleich zu bezeugen, daß die „Neue Freie Presse" niemals auch nur die geringste Subvention für ihre glänzende und beharrliche Bertheidigung der bulgarischen Sache erhallen hat. (Gez.) Ministerpräsident Dr. S to ilow. Sofia, 10. November, 7 Uhr Abends. Ich bin erstaunt, daß die Verleumdungen, welche ein Blatt von so dürftiger Bedeutung wie die „Straza" gegen Ihr ehrenwerthes Journal erhoben hat, ein Echo bis in Ihr Parlament finden konnten. Das ist zu viel Ehre für die „Straza" und zuwenig für den Interpellanten. (Gez.) Natchovits. Enxinograd, 10. November, 12 Uhr Nachts. Sein« königliche Hoheit hat mit Entrüstung von den Verleumdungen Kenntniß genommen, die gegen die „Neue Freie Presse" geschleudert wurden. Se. königliche Hoheit ist besser wie irgend Jemand in der Lage gewesen, zu wissen, daß die Redaction der „Neuen Freien Presse" viele Jahre hindurch in der uneigennützigsten Weise die gute Sache Bulgariens vertreten hat, ohne je direct oder indirect irgendwelche materielle Unterstützung erhalten zu haben. Der Chef des Geheimen Cabinets: Dr. Stanciow. Der ehemalige Ministerpräsident Herr Stambulow telegraphirt uns: „Neue Freie Presse", Wien. Sophia, 13. November. Mit großem Bedauern habe ich erfahren, daß Sie im Abgeordnetenhause Gegenstand einerVerleumdung gewesen sind, die auf die Zeitung „Straza" zurückzuführen ist. Mit Entrüstung wei.se ich diese Verleumdung zurück, und ich erkläre feierlich, daß weder Sie «och Jemand Ihrer Mitarbeiter irgend welche Subvention von der bulgarischen Regierung erhalten haben. Wenn Sie in Ihrem Organe meine Politik unterstützten, so haben Sie dies gethan aus freien Stücken und aus Ueberzeugung, für die gerechte Sache zuplaidiren. Stambulow. Zur Keuntniß des Justizministers! Die „Ceska Politika“ vom 7. d. M. reproducirt den Bericht eines Brunner czechischen Blattes über eine Gerichtsverhandlung, welche sich vor Kurzem in Ungarisch- H r a d i s ch abgespielt hat. Vor dem dortigen Gericht war der Bauer Josef Vyky dal der Ehrenbeleidigung angeklagt, weil er einen jüdischen Kaufmann, Namens Moritz Kohn, einen „stinkenden Juden" genannt hat. Der Richter vernimmt den Kläger als Zeugen: Richter: „Sie sind der Kläger Moritz Kohn?" Kläger: „Bitte, Herr Rath". Richter: „Bekenntniß?" Kläger: „Mosaisch." Richter: „Gut, Sie klagen also, daß Sie Josef Vyky dal „stinkender Jud'" schimpfte? Kläger: „Ja, dies ist eine große Beleidigung." Richter: (läutet; der Gerichtsdiener tritt ein.) „Vodraczko, riechen Sie zu diesem Herrn." Gerichtsdiener: „Bitte. . . Richter: „Riechen Sie nur zu ihm. Stinkt er, oder riecht er?" G e r i ch t s d i en e r ist in großer Verlegenheit. Richter: „Nun, wird es werden? Riechen Sie zu ihm!" Gerichtsdiener beriecht den Kläger. Richter: „Riecht er?" Gerichtsdiener: „Nein, Herr Adjunct, er stinkt!" Richter zum Kläger: „Hier haben Sie den Gerichtsdiener unter Eid! Ich kann den Angeklagten nicht verurtheilen." Wir wissen nicht, ob die „Ceska Politika“ oder die Brünn er „lück. Noviny“ sich mit diesem Berichte nur einen geschmacklosen Spaß erlaubt oder ob sie die Wahrheit erzählt haben. Hat diese Gerichtsverhandlung thatsächlich stattgefunden und den obigen Verlaus genommen, dann wird wohl der Herr Justizminister wissen, was er zu thun hat. Ein Richter, der auf solche Weise sein Amt mißbraucht, schändet den Tempel der Gerechtigkeit und soll mit Peitschenhieben aus demselben gejagt werden. Eine Anfrage an den Handelsminister. Bei der vor wenigen Tagen stattgefundenen Versammlung des Deutschen Vereines in C i l l i trat unter Anderen auch der dortige Oberpost vermalter Philipp Mayer — trotz seines Namens ein unverfälschter Arier — als Redner auf. Im Verlaufe seiner Ausführungen leistete dieser Herr folgenden 'Satz: „Das Deutschthum habe die liberale Partei zwar noch nicht verlernt, sie habe es noch immer erhalten, wenn auch mit dem Unterschiede, daß sie auch solche Genossen ausgenommen habe, deren Ur-Urahnen im Thale des Jordans gewandert sind." Die Postbeamten ressortiren zum Handelsministerium. Der Handelsminister Graf W u r m b r a n d gehört zur liberalen Partei, in welcher auch jüdische Abgeordnete sitzen. Wenn nun die Beamten des Herrn Handelsministers gegen die Juden sich in so gehässiger Weise äußern dürfen, so liegt wohl die Frage nahe, warum der liberale Graf Wurmbrand nicht beantragt, es mögen die jüdischen Abgeordneten aus der liberalen Partei ausgeschlossen werden? Das wäre doch consequent! „Arische Bänke". Der Wiener Moniteur der deutschnationalen Antisemiten erzählt heute mit viel Behagen von einem Heldenstückchen „arischer" Studenten. Einige deutschnatio» nale Studenten hatten gestern Vormittags in einer Bank im Hörsaal des Professors Cyhlarz Platz genommen. Da hatte ein jüdischer Hörer die unglaubliche Frechheit, sich in dieselbe Bank setzen zu wollen. Selbstverständlich brachte dies das Blut der antisemitischen Studenten in Wallung. Der stud. stir. Nigl machte sich zum Redner seiner Genossen und forderte den jüdischen Studenten auf, sich in eine andere Bank zu setzen, „da die arische Bank gewiß nicht nach seinem Geschmack sein könne." Und nun geschah das Unglaubliche. Der jüdische Student leistete der Aufforderung nicht sofort Folge, ja er vermaß sich sogar, mit einigen Worten zu erwidern. Was Wunder, daß da Herrn Ni gl die Geduld riß? Er drängte sein Zartgefühl zurück und versetzte dem jüdischen Hörer eine schallende Ohrfeige. Der Gezüchtigte erstattete die Anzeige beim Decanate, vor welchem dann Herr Nigl sich für seine That noch demüthigen und Abbitte leisten mußte. Aber Scherz bei Seite! Der eben erzählte Vorgang beweist, bis zu welchem Grade die Verwilderung und Verrohung eines Theiles der Studentenschaft gediehen ist. Und den akademischen Behörden scheint noch immer der ernste Wille zu fehlen, den Ausschreitungen antisemitischer Uebermüthlinge entgegenzutreten. Wie? Man läßt es hingehen, wenn von „arischen Bänken" gesprochen wird, man faßt die Züchtigung eines Studenten im Hörsaale nur als eine diesem angethane Beleidigung auf, die durch eine einfache Abbitte gesühnt werden kann? Vielleicht hatte der Herr Decan übrigens Recht, wenn er die Constituirung von „arischen Bänken" nicht sehr tragisch nahm. Wir stehen heute am Anfang des Semesters und er wird wissen, daß gerade diese arischen Bänke die ersten sein werden, die bald, sehr bald unbesetzt bleiben werden. Schöne Seelen finden fich. Die „Ostdeutsche Rundschau", das tägliche Organ Schön er er's, sieht sich veranlaßt, für die geschädigte Reputation des ehemaligen Vicekanzlers Leist, der in Kamerun Weiber mißbrauchte, sie nackt ausziehen und peitschen ließ, eine Lanze einzulegen. Das antisemitische Blatt vertheidigt diese Heldenthaten L eist's, dessen „kräftige Schmisse" auf Wange und Stirn auf Herrn K. H. Wolf einen „durchaus sympathischen Eindruck" machen. Mit besonderem Behagen verzeichnet das Blatt die Thatsache, daß es in Kamerun eine eigene Prostitution nicht gibt, sondern daß sich die Männer durch Vermiethung ihrer Weiber helfen. So weit hat es die arisch-germanische Cultur allerdings noch nicht gebracht. Die Sittlichkeit im antisemitischen Sachsen. Wie „sittlich" die Capitale des officiell antisemitischen Sachsen, Dresden, ist, geht aus folgender Notiz der