Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 46 (16.11.1894)
- Date
- 1894-11-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 46 Deyerrevtzifitze Wochrnfitzriy irr ...'4 Seite 889 Blatte schuldig gemacht Hai, indem er nach einer Serie entrüsteter Artikel gegen die Versicherungs-Gesellschaft „Liuuioue Adriatica di Sicurtä“ zwei, jedenfalls sehr gut bezahlte Inserate aufnahm, in denen diese Gesellschaft angepriesen und gegen angeblich ungerechte Angriffe vertheidigt wird, hingewiesen und dieses Vorgehen des „Deutschen Lolksblatt" gebührendermaßen als cynisch, corrupt, als gemein und charakterlos gebrandmarkt." Um der Wahrheit die Ehre zu geben, müssen wir aber noch hinzufügen, daß K.H. Wolf in diesen Zeilen sich noch verhältnißmäßig überaus zart ausdrückt und daß er bei anderen Gelegenheiten noch ganz anders sich über V e r g a n i zu äußern beliebt. Schönerer, Vergani, Wolf — das sind die Koryphäen der antisemitischen Presse. Wie diese über und von einander denken, haben wir gesehen. Hatten wir Unrecht, als wir sagten, daß jede Partei die Presse habe, die sie verdiene, und daher die antisemitische Partei eine, ganz würdige journalistische Vertretung habe???? Vom Jahrmarkt des Lebens. Der Seandal im Wiener Gemeinderathe. Die Debatte über die von der Commune Wien an die Regierunq zu richtende Petition in der Fleischfrage hat am 13. d. M. neuerlich zu einem wüsten Scandal im Gemeinderathe und zu maßlosen Beschimpfungen der Juden seitens der Antisemiten geführt. Die Herren Hawranek und G r e g o r i g theilten sich in die Ehren dieser Hetze. Es ist nicht der Mühe Werth, über den Ton, welchen diese Menschen angeschlagen haben, in Entrüstung auszubrechen. Gemeinderath Fried jung hat das richtige Wort gefunden, als er erklärte, seine persönliche Geringschätzung dieser Redner sei eine solche, daß er ihren Aeußerungen gar keine Bedeutung beilege. Das ist nun allerdings ein Standpunkt, den ein Einzelner einnehmen kann, der aber nicht für die leitenden Männer der Commune gelten darf. Die schwächliche Duldung dieses Tones würdigt den Namen der Stadt Wien vor der ganzen Welt herab und die Herren Dr. Friedjuna und Dr. Stern haben mit vollem Rechte nicht so sebr im Interesse der Juden als in jenem der Stadt Wien eine Remedur verlangt. Die Herren Hawranek und G r e g o r i g messen selbstverständlich die Schuld an der Fleischtheuerung ausschließlich den Juden bei. Herr Hawranek erklärte, es werde erst dann besser werden, wenn diefüdischenCommissionäre vom Markte ausgeschlossen werden. Gleich darauf erhob sich aber sein Herr und Meister. Herr Lueger, und constatirte, daß jene Fleischhauer, welche von den Zwischenhändlern nicht abbängen, unter sich einen Ring zur Bertheuerung des Fleisches gebildet haben. Also ein christlich-arischer Ring gegen die füdischen Commissionäre. Und Herr Lueger hat Recht; die Fleischtheuerung rübrt von dem Widerstande der hochadeligen Grundbesitzer gegen die Eröffnung der rumänischen Grenze und von der Preistreiberei der christlichen Fleischhauer, die auch Sectionschef v. Erb constatirt bat, her. Die nichtswürdige Bemerkung Hawranek's. daß die Juden durch Fälschung der Lebensmittel die Bevölkerung vergiften, verdient keine ernsthafte Widerlegung. Sämmtliche, seit Jahren durchgeführten Gerichtsverhandlungen wegen Verfälschung von Lebensmitteln richteten sich gegen Christen, und jenem Fleischhauerringe zur Einschmuggelung finniger Schweine, welcher im Vorjahre entdeckt wurde, gehörte selbstverständlich kein einziger Jude an. Herr Gr eg orig schimpfte über unsere„Pofelindustrie". Dagegen mögen sich unsere Liebig, Schroll. Schmitt, Haas rc. wehren. Wenn aber Herr G r e g o r i g die Frage aufwirft, wie der Christ dazu komme, Dasjenige zu essen, was der Jude angreift und verunreinigt, so muß doch daran erinnert werden, daß Herr Greg orig seine Waare fast ausschließlich von jüdischen Firmen bezieht, die wir schon einmal mit vollem Namen genannt haben. Wie kommt der Christ dazu, Hemden zu tragen, die Herr G r e g o r i g aus jüdischen Händen bezieht? Der Katholikentag. Nach wiederholten vergeblichen Anläufen zur Veranstaltung eines allgemeinen österreichischen Katholikentages hat am Sonntag unter den Klängen der Capelle Eduard Strauß im großen Musikvereinssaale ein niederösterreichischer Katholikentag stattgefunden, welcher mit einer Rede Lueger's gegen die Juden eröffnet und mit einer Rede des Prinzen Liechtenstein gegen das mobile Capital geschloffen wurde. Man kennt die „ewige Melodie", welche der schwarze Prinz immer von Neuem variirt. Tein wirtschaftliches Programm gipfelt in dem Satze, daß die „orientalische Despotie des Geldsackes" gebrochen, daß den Juden das Geld weggenommen werden müsse. Der Abgeordnete Lueger constatirte höhnisch, daß den Verhandlungen des Katholikentages kein Vertreter der Regierung beiwohnte. Wir wissen nicht, ob dieses Fernbleiben eines staatlichen Functionärs auf eine principielle Ablehnung der clericalen Agitation oder nicht vielmehr auf eine liebenswürdige Rücksicht gegenüber den Rednern zurückzuführen ist. Auf alle Fälle konnte Prinz Liechtenstein sein socialpolitisches Heilmittel der Expropriirung des mobilen Capitals anpreisen, ohne den Einspruch eines Regierungsvertreters fürchten zu müssen. Vor Kurzem erst haben wir an dieser Stelle den Nachweis geführt, daß das Joch des immobilen Capitals auf das Volk viel schwerer drückt als die „Despotie des Geldlackes". Von den Milliarden, welche in den Latifundien und Fideicommissen des Großgrundbesitzes festgelegt sind, schweigt Prinz Liechtenstein klüglich stille. Wenn die Aufreizung gegen das mobile Capital so fortbetrieben wird, so ist es immerhin möglich, daß die Prophezeiungen des edlen Prinzen bald in Erfüllung gehen. Aber bevor es zur Beraubung der Capitalisten kommt, wird es gegen den immobilen Besitz gehen. Wenn einmal der vernichtende Blitzstrahl herniederfährt, wer wollte sich vermessen, ihn zu lenken und ihm die Grenze zu setzen? Wenn der Sturm gegen die Zucker- und Textilbarone losgeht, wird er vor den ritterlichen Baronen und Grasen, die ja auch Schnapsbrenner, Zuckerfabrikanten, Mülllr oder Bierbrauer sind, nicht Halt machen; wenn die Paläste der Börsengrößen in ihren Grundvesten erschüttert werden, werden die Paläste und Schlösser des Hochadels nicht verschont bleiben. Es ist praktisches Christenthum, das die Lueger und Liechtenstein predigen, aber sie spielen mit dem Feuer wie die Kinder, welche die Gefahr nicht kennen. Und wir meinen, daß der Staat wohl Ursache hätte, sich um die Reden dieser Leute zu kümmern, selbst der Staat, der seine stärkste Stütze in dem gefestigten Besitze des Hochadels sucht. Vom neuen Czaren. Krakau, 10. November. Ein Russe, der aus Odessa heute hier angelangt ist, erzählt eine bezeichnende Entscheidung des neuen Czaren. Im Gouvernement Jekaterynoslaw, in der Nähe von Odessa und Jeloswiet, wurden vor einigen Monaten 125 jüdische Familien ausgewiesen, wodurch sie in ihrer Existenz bedroht wurden. Die Ausgewiesenen machten ein Gnadengesuch an den verstorbenen Czaren, in dem sie um Aufhebung der Ausweisung ersuchten, da ihnen und ihren Familien sonst der vollständige Ruin bevorstehe. Das Gesuch blieb unbeantwortet und am 15. d. M. hätten sie schon ihre Heimat verlassen müssen. Bor drei Tagen kam plötzlich eine günstige Entscheidung ans L i v a d i a vom Czaren Nikolaus II., welcher allen bedrohten Familien „bis auf Weiteres" den Aufenthalt in ihrem jetzigen Wohnorte gestattet. Der Rücktritt Wannowsky's, Pobedonoszew's D u r a o w o's, S ch u w a l o w's soll unmittelbar bevorstehend sein. Eine gesunde Blamage. Samstag den 10. d. M. hat es Herr Geßmann im Verein mit seinen Gesinnungsgenossen für nöthig erachtet, ein die „Neue Freie Presse" verdächtigendes Gerücht im Wege einer Interpellation in die Oeffentlichkeit zu schleudern. Die interpellationslustigen Herren haben sich damit eine ganz außerordentliche Blamage zugefügt. Die „Neue Freie Presse" war nämlich in der Lage, schon in ihrer Sonntagsnummer drei Depeschen aus Sofia zu produciren, in welchen drei unwiderlegliche Zeugen: der Fürst von Bulgarien, der Ministerpräsident Dr. Stoilow und der Minister des Aeußern