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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-16 · 46 (16.11.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4« OrstrrrrdMche Wochenschrift Seite 885 Deputationen zum Rector der Universität vertrat die Sache der freisinnigen Studenten — der jüdisch-nationale Verein „Kadimah", dem sich eine Anzahl Liberaler, in Ermanglung einer eigenen liberalen Organisation anschloß; für die „Kadimah" eine stolze Genugthuung, für die liberale Partei eine Beschämung sondergleichen und nur erklärlich aus ihrer Indolenz und ihrer Degeneration. Diese eclatante Thatsache wird einen Jeden vor der Nutzlosigkeit der Frage bewahren, warum an der Wiener Universität der organisirten antisemitischen Partei keine ebenso festgefügte liberale gegenübersteht. Wie wir vernehmen, wurde der liberalen Studentenschaft schon mehr als einmal, zuletzt anläßlich der Nothnagel - Assaire, nahegelegt, eine allgemeine Lesehalle liberaler Studenten zu gründen und damit den in der Aula doch noch auftreibbaren Freisinn zu energischer Abwehr antisemitischer, also so ipso reactionärer Bewegungen zu centralisiren. Aber eine unbegreifliche Indolenz hat bewirkt, daß diese Aufforderungen jedesmal, nach kürzerer oder längerer mit Versuchen ausgefüllter Zeit, mit dem Geständnisse der Ohnmacht erwidert werden mußten. Die wenigen echten, thatkräftigen Liberalen waren nicht im Stande, einen Verband zu Stande zu bringen, in dem nicht eine erdrückende Majorität Juden den Grundstock hätte liefern müssen, und das aus dem einfachen Grunde, weil die Liberalen christlicher Confession, sei es in übelangebrachter Vornehmheit und Mattherzigkeit, sei es in Folge ihrer nur nothdürftig mit dem Mäntelchen eines phrasenhaften Scheinliberalismus versteckten antisemitischen Allüren, sich von jenen Actionen fernhielten oder sie doch in zu geringer Anzahl unterstützten. Eine allgemeine Lesehalle aber mit dem dürftigenAufputze sogenannter Parade-Christen wäre eine Lüge gewesen, in sich wie jede Lüge die Saat künftigen Unheils bergend. Worauf beruht demnach für Jeden, der die Verhältnisse an dem Maßstabe der angeführten Thatsachen betrachtet, das einzige Heil der jüdischen Studentenschaft? Im Stiche gelassen von ihren liberalen College», bleibt ihr kein anderes Mittel, als ihre Sache auf eigene Kraft zu stellen, die Judenfrage nach bewährtem Rathe als eine private zu betrachten, kurz, gur Selb st Hilfe zu schreiten. Das ist nunmehr, wie wir zu unserer größten Freude hören, geschehen, der todte Punkt ist überwunden. Freitag hat die constituirende Versammlung der „Jüdischen akademischen Lesehalle" stattgefunden. Die jüdische Studentenschaft Wiens hat damit eine wirkliche Centralisation gefunden. Bisher sind derselben an 300 Mitglieder beigetreten, in Anbetracht des kurzen Bestandes des Vereines gewiß ein Zeichen der aufs Höchste gestiegenen „Judennoth" an der Universität. Sache der verschiedenen Cultusgemeinden und unserer Großen wird es sein, diese umfassende Organisation materiell so zu unterstützen, daß sie ihrer Aufgabe gerecht werden kann. Wir betrachten das umsomehr als eine Ehrenpflicht der österreichischen Juden, als das Wirken eines solchen Vereines unmöglich lange intern bleiben kann, vielmehr seine Rückwirkung auf die öffentlichen Verhältnisse früher oder später ausüben muß. Es gilt, die Existenzfrage unserer jüdischen Studenten, und da die Wiener Universität maßgebend ist, auch die der gesammten jüdischen Studentenschaft Oesterreichs, in einer für das Judenthum günstigen und ehrenvollen Weise zu lösen. F. Der neue deutsche Reichskanzler. Sofort, nachdem der neue deutsche Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, sein Amt angetreten, waren einige antisemitische und konservative Blätter bei der Hand, denselben als äußerst philosemitisch und den Juden im hohen Grade zugethan zu schildern. Es ist dies der bekannte und bis zum Ueberdruß abgenutzte Kniff, den unsere Feinde bei allen hochstehenden und einflußreichen Persönlichkeiten anzuwenden pflegen. Sie suchen sie in den Geruch hochgradigen Philosemitismus zu bringen, damit sie die Herren Judenfeinde, um nicht parteiisch zu erscheinen, desto eher in ihrem dunttenTreiben gewähren lassen. Ju der Thal sind wir Juden dem Fürsten Hohenlohe zu großem Danke verpflichtet, und da die Dankbarkeit zu den Charakterzügen des jüdischen Stammes zählt, so möge das, was er uns Gutes erwiesen, hier erwähnt sein. Es war in den Junitagen des Jahres 1878; sämmtliche Mächte Europas hatten ihre Vertreter in die Hauptstadt des Deutschen Reiches entsandt, um über die wichtigsten Fr agen der Politik, über Krieg und Frieden, über Vertheilung von Ländern und über Einsetzung von Völkerrechten zu entscheiden. Die Augen der ganzen Welt waren auf Berlin gerichtet und auch die Israeliten sahen den Berathungen und Entscheidungen des Berliner Congresses mit der größten Spannung und Sorge entgegen. Stand doch auch für sie ein wichtiger Punkt aus der Tagesordnung: Die Frage der Gleichstellung der Juden in den Ländern Bulgarien, Rumänien und Serbien. Bereits seit sechzehn Monaten warteten die Delegirten der Israeliten aller Länder, die in Paris versammelt waren, auf die europäische Conferenz, damit ein Ziel gesetzt werde der schmählichen Unterdrückung, welcher die Israeliten des morgenläudischen Europas ausgesetzt waren. Die „Alliance Israelite Universelle“ ließ durch die nach B erlin entsandten Herren Retter und -Cahn dem Congreß eine Petition überreichen, in der die Nothweudigkeit der Gleichheit aller Menschen und der Freiheit religiöser Anschauungen aus das Eindringlichste klar gelegt war. Israelitische Deputationen anderer Slädte und Länder erschienen auf dem Congreß und lange wußte man nicht, wohin das Zünglein der Waage sich Hinneigen würde. Da war es der nunmehrige Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, der zu Gunsten der Gleichstellung aller Consessionen in Bulgarien, Rumänien und Serbien auf dem Congresse eine bedeutende Agitation entwickelt hatte. Er ließ keine Gelegenheit, kein Gespräch mit irgend einem Vertreter einer europäischen Macht vombergehen, ohne daß er dessen Wort hatte, mit ihm in dieser Frage übereinzustimmen, und als ihm die günstige Entscheidung derselben nach bedeutender Kraftentfaltung gelungen war, erklärte er, kurz bevor er B e r l i n verließ, einer Deputation: „Er b licke mit Genugth uun g auf diesen Theil seiner Thätigkeit. Seine politische Thätigkeit habe er inBaiern mitUnterzeichn un g ein es Gesetzes begonnen, welches dort die Jsr ae liten emancipirte, er hoffe sie zu beschließen, indem er zu der allgemeinen Emancipation der Bekenner des mosaischen Glaubens beitrage." Der Fürst, bereits damals ein Sechzigjähriger, glaubte mit dieser Handlung seine segensreiche Thätigkeit abgeschlossen und auf den wohlverdienten Lorbeeren ausruhenzu können. Und heute, ein Fünfundsiebzigjähriger, hat der Fürst eine Last auf seine Schultern genommen, die für manchen anderen, in der Blüthe seiner Jahre stehenden Mann zu schwer sein dürfte. - Die Thätigkeit des Fürsten in Bezug auf die Emanzipation der Juden in Baiern ist bekannt. Früher waren die jüdischen Verhältnisse in Baiern fast unerträglich. Massenhaft drückende Ausnahmsgesetze waren vorhanden. Beinahe jeder District hatte seine eigenen, so daß nahe an 300 civilrechtliche Ausnahmebestimmungen aufzuheben waren. Das Drückendste und Härteste aller Ausnahmsbestimmungen befand sich aber im Edicte vom 10. Juni 1813, indem dasselbe § 12, bestimmte: „Die Zahl der Judenfamilien in den Orten, wo sie dermalen bestehen, darf in der Regel nicht vermehrt werden, sie soll vielmehr nach und nach vermindert werden, wo sie zu groß ist." Dieses Gesetz wurde in manchen Regierungskreisen mit einer solchen Strenge gehandhabt, daß wirklich eine namhafte Verminderung der Judenfamilien in Baiern stattfand, da ein großer Theil junger Israeliten es vorzog, in Amerika eine Heimat zu suchen, welche ihnen der vaterländische Boden so grausam verweigerte.

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