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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-16 · 46 (16.11.1894) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
46 (16.11.1894)
Date
1894-11-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 884 Vesterrrichifchr Wochrnfchrist Rr. 46 worden. Die jüdische Privatwohlthätigkeit ist speciell in Wien von den Hausirern stark in Anspruch genommen. Zn den Armenbüchern der israelitischen Cultusgemeinde finden sich 402 jüdische Haustrer, welche regelmäßige Unterstützungen erhalten, darunter 126 arme Witwen, die allein für 316 Kinder zu sorgen haben. Was wird der Staat thun, um diese Bedauernswerrhen nach dem Jnslebentreten des Hausirgesetzes vor dem Aeußersten zu schützen? Sie werden betteln gehen, und der humane Staat wird auf sie das Vagabundengesetz anwenden. Die Anerkennung, welche der Abgeordnete Polzhofer dem Grasen Wurmbrand ausgesprochen hat, überhebt uns der Nothwendigkeit, den Weg genauer zu kennzeichnen, welchen der liberale Herr Handelsminister eingeschlagen hat. Die antisemitische Propaganda feiert einen unerwarteten Triumph, der christlich-sociale Geist erringt im Gewände des Liberalismus Sieg auf Sieg. Der Abgeordnete Lew icki hat das richtige Wort gefunden, als er erklärte, mit diesem Gesetzentwürfe betrete man die abschüssige und rückschrittliche Bahn der Privilegirung einiger egoistischer Classen der Bevölkerung, und der Abgeordnete Exn er hat dem Handelsminister die Unrichtigkeit der Behauptung, daß mit dem Hausirgesetze nicht eine Beschränkung, sondern nur eine Regelung des Hausirhandels beabsichtigt sei, aus dem Wortlaute des Motivenberichtes nachgewiesen. Die Beschränkung wird allerdings nur die Inden treffen. Dem Ermessen der Verwaltungsbehörden ist in diesem Gesetze der weiteste Spielraum gelassen, und man weiß, was das unter den heutigen Verhältnissen in Oesterreich zu bedeuten hat. Die sociale Hetze gegen die Juden beginnt sich nunmehr in gesetzliche Formen umzusetzen. Die Gesetzgebung ist nicht mehr ein Füllhorn, aus welchem Segen quillt, sie ist ein Schwert, welches der Starke gegen den Schwachen schwingt, um ihn zu vernichten. Dem ersten Schritte auf dieser verhängnißvollen Bahn werden weitere folgen, und der Augenblick scheint nicht mehr ferne, in welchem unsere Glaubensgenossen sich darüber Rechenschaft werden geben müssen, ob sie noch länger mithelfen dürfen, an dem Ringe zu schmieden, mit dem man ihnen den Hals zuschnüren will. Zur Vorgeschichte der Gründung der „Jüdischen akademischen Lesehalle". Motto: „Wir wollen sein ein einig Bott von Brüdern". Die alte Fabel, daß die Universität eine unpolitische civitas academica vorstelle, deren Regierungsprincip die Wissenschaft und die Forschung, wird längst nicht mehr geglaubt, Thatsachen gegenüber, die das Gegentheil beweisen. Es scheint zwar dem gesunden Laienverstande unanfechtbar, daß das Piedestal der Wissenschaft viel zu hoch steht, um von den Wellen des Parteigetriebes berührt zu werden; daß der Kampfschrei nicht in jene einsamen und majestätischen Höhen des Denkens gelangen könne und dürfe, wo das nnablässige Streben nach Wahrheit, einem Sturme gleich, die Nebel und Dünste gewöhnlicher Interessen verjagt und einen Himmel voll ungetmbter Heiterkeit und Klarheit schafft, mit einem Horizonte, gegen dessen unermeßliche Weite die natürliche Begrenztheit eines jeden politischen Gedankens verschwindet. Dem scheint so; aber zwischen der Wirklichkeit und jenem Jdealbilde gähnt eine unsäglich weite Kluft. In Wirklichkeit haben die politischen Schlagworte, die bisher nur extra wuros herrschten, schon längst den Weg intra muros gefunden. In Wirklichkeit tobt statt des dort alleinberechtigten Kampfes der Meinung gegen dieM e i n u n g derKampf der C o n s eff i on gegen die Confeffion. Der mitdenübelst bekannten Waffen geführte Kampf der antisemitischen Partei gegen alle übrigen hat eine schnöde Fortsetzung und Analogie gefunden in den geweihten Hallen der ersten Universität des Reiches. Die Burschenschaften sind durchgängig, die Corps größtentheils antisemitisch, getreue Satelliten der verschiedenen Fractionen antisemitischer Tendenz. Und die Folgen? — Die Juden, mit ihnen der Liberalismus, sind auf allen Linien zurückgedrängt, aller Einfluß bei den Wahlen in die verschiedenen Unterstützungsvereine liegt in den Händen der Gegner unserer jüdischen Studenten. Der jüdische Student, wenn er aus den Vorlesungen zurückkehrt, in der ihm keine Farben und Bänder zu Gesicht gekommen, muß froh sein, wenn er ohne Behelligung, ohne beleidigenden Anruf oder thätliche Insulte die Aula paisirt hat. Aus dem Gefühle ihrer Masse und Stärke heraus gewinnen jene buntbebänderten 1 und bekappten Herren den Muth zu endlosen Provocationen, 8 was für unsere studirenden Glaubensgenossen keine angenehme 1 Zugabe ihrer ernsten und anstrengenden Lern- und Wissenschaftsg arbeit bedeutet. j Man wird aber vielleicht fragen: Sind denn jene f Parteien numerisch so stark, daß eine Abhilfe von vorneherein jj unmöglich erscheinen muß? Man muß nicht einmal ein i besonders genauer Kenner unserer Universität sein, um zu wissen, daß dies nicht der Fall ist. Die Majorität ist — j noch nicht — antisemitisch. Und warum trotz alledem keine j Abhilfe? Die Antwort liegt nahe: Weil jenem schon erwähnten 1 Kampfe, als er vom Parlament auf die Straße, von der j Straße in die Aula getragen wurde, bereits anderweitige g Muster zum Vorbilde dienten; weil, wie der Antisemitismus ) verständnißvolle Anhänger am Franzensringe fand, auch die j liberale Studentenschaft den parlamentarischen Liberalismus j sich zum unseligen Beispiele nahm. j Und damit ist Alles gesagt, Alles erklärt. Hier wie dort | betrachten die Liberalen mit vornehmer Zurückhaltung die jj Judenfrage als eine persönliche, private, dieJuden allein bedrohend, I also auch allein angehend: der Jude wird angegriffen, der | Jude möge sich vertheidigen. Hier wie dort vergessen aber I die österreichischen Vertreter des Freisinns, daß sie Angriffe auf 8 Juden nur gestatten können, indem sie gleichzeitig an dem jj Fundamente jenes Gebäudes rütteln lassen, das der Liberalisj mus mit Stolz sein Werk nennt und das über seiner | Pforte die Worte trägt: „Alle Staatsbürger haben gleiche | Rechte". Die wahrhaft freiheitliche Gesinnung, die in ihrer reinsten und abstractesten Formel der liberalen j Studentenschaft gegeben sein sollte aus dem stolz behaupteten j Rechte der freien Forschung, müßte es unseren Universitäts-Liberalen als eine Pflicht der Selbsterhaltung erscheinen i lassen, Hand in Hand mit ihren jüdischen Studiengenossen jenen Parteien entgegenzutreten, welche die Aula zu einem g Kampfplatz umgestalten möchten, auf dem sie dem Rechte des jj Juden und dem Liberalismus einen gemeinsam tödtlichen 8 Schlag zu versetzen gedenken. Bei allen Kundgebungen gegen | antisemitische Excesseund Scandale erlebt der Freisinn an unserer | Universität die Beschämung, daß keiner seiner Bekenner ein 8 Wort strafender Abwehr fände und der Kundgebung des | Hasses eine Kundgebung der sittlichen Empörung entgegensetzte. Nirgends ist diese betrübende und klägliche Thatsache, die ihr Ana- | logon bestenfalls in jener edlen Schweigsamkeit findet, mit der die jj deutsch-liberalePartei in der Judenfrage seit dem Tage excellirt, seit- |j dem sie fürchten muß, durch Oeffnen des Mundes jene armseligen K Portefeuille-Brocken zu verlieren, die man ihr nach jahrelangem | Hungern zugeworfen — nirgends ist diese beschämende Thatfj sache mit einer beschämenderen Deutlichkeit zutage getreten, als jj in jenen denkwürdigen Tagen, da gegen einen der vornehmsten I Vertreter des Liberalismus in Oesterreich, zugleich eine Leuchte ß der Wissenschaft, von einer Minorität roher, lungenkräftiger I Wissenschaftsjünger eine Demonstration von unerhörter Frech- | heit ins Werk gesetzt ward, während die Majorität aus libe- | raten Studenten bestand, denen Gleichgiltigkeit oder Furcht die Lust benommen hatten, jenen Rohheiten in wirksamer? Weise entgegenzutreten. Eine Majorität, die sich von einer very achteten Minorität terrorisiren läßt — österreichisches Parlament, wo findest du einen getreueren Spiegel? Bei den in | Folge der Nothnagel-Afsaire nothwendig gewordenen s-

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