Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Eä^MMB^Se^SiSSMiS.'?» r- -*«v Nr. 45 Oestrrreichische WochrnptzM Sette 881 Ernst von Mannsfeld hatte das Kunststück ersonnen, ein mäßig starkes Corps zu errichten, das nahezu nur von dem Ertrage seiner Waffen lebte. Wallenstein, in dieser Beziehung sein gelehriger Schüler, wußte seinen Meister noch beiweitem zu übertreffen und hatte dem Kaiser 1632, schon das zweite Mal, eine Armee, welche zu einer Zeit hunderttausend Mann zählte, auf eigene Faust ausgebracht und als obersten Grundsatz seiner Kriegsführung ausgestellt: Die Provinz, in welcher seine Truppen lägen, müsse sie erhalten, und hatte dieses Princip nicht nur in Feindes-, sondern auch in Freundesland in furchtbarster Weise in Anwendung gebracht. — Um diese Lasten noch zu erhöhen, waren nicht nur die zahlreichen Combattanten, sondern auch deren Anhang zu ernähren. Die Soldaten hatten es im Laufe der Kriegsjahre vollständig verlernt, eine Häuslichkeit zu besitzen; das Kriegslager war ihre Heimat, das Kriegszelt ihr Wohnhaus geworden. Dem kaiserlichen Heere folgte eine große Zahl von Frauenspersonen, welche in Beziehungen zu den Soldaten standen. Der fromme, reine Sitten liebende König von Schweden zog es vor, seinen Soldaten die Ehe zu bewilligen, und dem schwedischen Heere folgten zahlreiche Soldatenfrauen mit ihren Kindern. — Ein sonst Alles genau erwägender, reiflich prüfender Geschichtsforscher läßt sich zu der Behauptung hinreißen, Wallenstein hätte während der Zeit seiner Kriegsführung eine viermal größere Contribution, als Deutschland im Jahre 1871 von Frankreich, erhoben. Allein, wenn es auch vollkommen undenkbar ist, daß ut jener geldarmen Zeit eine so riesige Summe erpreßt werden konnte, so erschiene auch der zehnte Theil derselben als eine geradezu unerschwingliche, umso mehr, als auch die anderen Heereshaufen, bte Armee der Liga, die schwedischen Völker und die einzelnen Condottieris in gleicher Weise vorgingen, und überdies der Schaden, welcher durch Niederbrennen von Dörfern und Städten, Vernichten der Vorräthe, Zerstampfen der Felder, wohl noch weit mehr als die Contributionen betrug. Daß unter solchen Verhältnissen die Bevölkerung zitterte, wenn sich ein Heer, namentlich ein feindliches, näherte, erscheint leicht begreiflich. Die Bauern verließen dann, wenn möglich, ihre Wohnstätten, um, ihre Häuser und Aecker preisgebend, ihr Leben, die Ehre ihrer Frauen und Töchter vor der Gier einer zuchtlosen Soldateska zu retten. Zur Zeit unserer Erzählung hatte sich das Kriegsgewitter über Sachsen zusammengezogen. Die Ereignisse hatten sich folgendergestalt entwickelt. Die beiden feindlichen Armeen, die Kaiserlichen unter Wallenstein und die Schweden unter Gustav Adolf, welche Letztere Nürnberg und sein Gebiet besetzt hielten, waren sich, nach unentschiedenen Kämpfen im Juli, vierzehn Tage lang unthätig gegenübergestanden. Wallenstein, ein Stratege ersten Ranges, war nicht zu bewegen, eine Schlacht von dem an Truppenzahl überlegenen Schwedenkönig anzunehmen. Nürnberg hatte sich über Vermögen angestrengt, um die ungeheure Menschenmasse und die große Zahl von Pferden, die in dem Weichbild der Stadt zusammengedrängt waren, zu erhalten. Es hatte, mehr als zehntausend seiner Einwohner, Gustav Adolf an zwanzigtausend seiner Soldaten zum Theil durch Seuchen eingebüßt. Alle Felder ringsum waren zertreten, die Dörfer lagen in Asche, das beraubte Landvolk verschmachtete auf der Straße und unbegrabenen Menschen- und Thierleichen entstiegen Moderdüfte, welche die Luft verpesteten, wodurch wieder bösartige Seuchen entstanden, welche die verzweifelnde Bevölkerung hinrafften. König Gustav Adolf, von dem allgemeinen Jammer gerührt, hob am 8. September sein Lager auf und verließ Nürnberg, in welchem eine genügende Besatzung zurückblieb. In voller Schlachtordnung zog er an Wallenstein's Heer vorüber, ohne daß dieser versucht hätte, seinen Abzug zu stören. Der Herzog von Friedland, dessen Truppen der Erholung nicht minder bedurften, hatte nur auf den Abzug der Schweden gewartet, um den seinigen antreten zu können. Fünf Tage später verließ er sein Lager bei Zirndorf. In Bamberg hielt er eine Musterung über sein Heer ab, welche das traurige Resultat ergab, daß seine ursprünglich sechzigtausend Mann starke Armee durch Desertion, Krieg und Seuche auf vierundzwanzigtausend herabgemindert worden war. Er entließ noch den vierten Theil derselben, baierische Truppen, welche zum Schutze ihrer Heimat nach dieser marschirten, und zog nach Sachsen, um dort zu überwintern, hiermit die Absicht verbindend, in dieser Weise eine wirksame Pression auf den Kurfürsten von Sachsen auszuüben, ihn hierdurch zum Abfalle von den Schweden und zu einem Separatfrieden mit dem Kaiser zu zwingen. Er sandte zunächst General Holk in das Boigtland, um diese unglückliche Provinz mit Feuer und Schwert zu verheeren, ihm folgte General Graf Gallas. Zerstörte Städte, eingeäscherte Dörfer, Leichenhaufen bezeichneten den Weg, welchen das Heer genommen. Mit seiner ganzen gesammelten Macht erschien der Herzog von Friedland nun vor Leipzig und zwang die Stadt nach kurzer Belagerung zur Uebergabe. Er beabsichtigte nun, auch Dresden zu nehmen, um, im Besitze des ganzen Landes, dem Kurfürsten dann Gesetze vorzuschreiben. Schon hatte er sich der Mulde genähert, um die sächsische Armee, die ihm entschlossen bei Torgau entgegenrückte, durch seine überlegene Macht zu erbrüten, als die unerwartete Ankunft des Königs von Schweden, der zum Beistände seines Bundesgenossen, des Kurfürsten von Sachsen, in Erfurt angelangt war, ihn zum Aufgeben seines Planes zwang. Um der Gefahr zu entgehen, gleichzeitig von den Sachsen in der Front und von den Schweden im Rücken angegriffen zu werden, zog sich Wallenstein in Eilmärschen nach der Gegend von Mersebürg zurück, um dort in einer befestigten Stellung den Ereignissen, die an ihn herantreten würden, entgegenzusehen. Man erwartete nun in nicht ferner Zeit die Ankunft des Schwedenkönigs, der hier eine Entscheidungsschlacht zu schlagen beabsichtigte, und alle Bewohner der Umgebung waren vor der drohenden Gefahr geflohen. Ringsum war kein Mensch zu sehen, kein menschlicher Laut zu hören, und die tiefe Stille ward nur zeitweilig von einer Vogelstimme unterbrochen. Plötzlich tauchte an der Wegesbiegung eine kleine Men* schengruppe auf. Sie bestand aus vier Personen, einem Manne, einer Frau, einem etwa sechsjährigen Knaben und einem vierjährigen Mädchen. Die dicke Staubschicht auf den dürftigen Kleidern der Wanderer, ihr schwankender Gang, der Ausdruck großer Mattigkeit in ihren Zügen konnten keinen Zweifel darüber lassen, daß sie heute schon eine weite Wrgesstrecke zurückgelegt hatten. Der Mann mochte etwa zweiunddreißig Jahre zählen. Er war groß gewachsen und kräftig gebaut. Aus einem männlich-schönen, von Sonnenbrand und Straßenstaub gedunketten, von einem schwarzen Barte eingerahmten Gesichte blitzen zwei Augen, schwärzer und glänzender als Kohle, deren Blicke jetzt aber trübe an seinem geliebten Weibe und seinen lieblichen Kindern hingen, welche sich vor Müdigkeit nicht mehr zu erhalten vermochten. Die Dürftigkeit seiner Kleidung that dem günstigen Eindruck seiner Erscheinung gar keinen Eintrag. Er trug kein Gepäck, nichts als einen derben Knotenstock in der nervigen Rechten, und einen sorgfältig in Packleinwand gehüllten Gegenstand, welcher der Form nach etwa ein etwas gekrümmter Stab sein mochte und mittelst eines Strickes, welchen der Mann wie einen Gürtel um seine Lenden geschlungen trug, an seinem Rück n befestigt war. Der gelbe Fleck am rechten Aermel kennzeichnete ihn als Kammerknecht des heiligen deutschen Reiches, als Bekenner des einigeinzigen Gottes. Die Frau mochte etwa sechs Jahre weniger als ihr Gatte zählen, sie war groß gewachsen und reichte ihrem Gatten bis an die Schulter. Sie trug ein altes Tuch über den Kopf, unter jenem aber eine schwarze Unterhaube, welche züchtig ihr Haupthaar verhüllte und nur die hohe alabasterreine Stirne frei ließ. So entstellend auch die Kopfbedeckung war, vermochte sie es doch ebensowenig als Leid und Mühsal den Liebreiz des herrlich geformten Antlitzes zu vermindern. Sie trug einen langen braunen Mantel, der ihre ganze Figur verhüllte und nur ein paar kleine Kinderfüße sehen ließ, welche in abgetragenen, zerrissenen Schuhen steckten. Der Mann trug den Knaben, die Frau das Mädchen auf dem Arme, auch die beiden Kinder waren von ungewöhnlicher Schönheit; das Mädchen war auf dem Arme ihrer Mutter eingefchlafen. Die Frau ging immer langsamer, plötzlich blieb sie stehen, wandte sich an den Mann, welcher den düstern Blick auf den Boden heftete. „Lieber Towije", sprach sie, „ich bin müde, wie wäre es, wenn wir ein wenig rasten würden .... ich kann Dir's nicht länger verhehlen, meine Füße sind vom weiten Wege wund geworden — heute tragen sie mich nicht weiter, doch hoffe ich, wenn ich einige Stunden ruhen werde, morgen Früh mit Gottes Hilfe unsere Reise wieder fortsetzen zu können." Der Angeredete blickte verzweiflungsvoll auf. „Ruhen .... rasten?! mein armes, liebes Weib! wo willst Du ruhen? Weit und breit ist kein Haus zu sehen, das uns aufnehmen könnte; — wo willst Du Deine matten Glieder