Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-09 · 45 (9.11.1894) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021053--04021-3028186
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 880 Vrstrrrrichischr Wochenschrift Nr. 45 Rudolf Pollak, zu Räthen die Herren Ad. Orn stein und S. H ai ek gewählt. Tarnopol. (Perl-Feier.) Die am 20. October l. I. i von der Tarnopoler jüdischen Gymnasialjugenb am Sterbelager j des unvergeßlichen Josef Perl, des Stifters der ersten in j Galizien wie in ganz Oesterreich gegründeten israelitischen! Volksschule wie des mit ihr in Verbindung stehenden Tempels, fiel in glänzendster Weise aus. Die herrlichen, geräumigen Localitäten des jüdischen, fortschrittlichen Bürgervereines konnten kaum die bedeutende Anzahl der Gäste fassen, unter denen die hervorragendsten, jüdischen Autoritäten sich befanden. Die Feier eröffnete Herr Abe L a nd esb er g, Schüler der achten Gymnasialclasse. In kräftigen Worten hob er die Bedeutung derselben hervor und betonte, daß die jüdische Gymnasialjugend, den Fußtapfen des Verewigten folgend, stets bestrebt sein wird, den Satzungen des mosaischen Glaubens treu zu bleiben, welcher auch der ihr von der Vorsehung vorgezeichnete Beruf sein mag. Sein College, Herr Victor Nußbrecher hielt einen Vortrag über das Leben und die Verdienste des Verblichenen. Der von dem polnischen Literaten Herrn Gustav K o h n verfaßte, von dem Studenten Herrn Heinrich Großmann declamirte Vers, die großartige poetische Production „El mole rachmim“, mit vernehmbarer und melodisch klingender Stimme von dem jugendlichen Samuel H ersch t a l vorgerragen, sowie das mit wahrem Pathos von Herrn K l i n g e r citirte Gedicht „Der Stern Zions" begeisterten das Publicum; die von den jungen Studenten, Franzos, Horowitz und Nußbaum mit echter Virtuosität auf den Geigen ausgeführten Musikstücke bildeten die Fortsetzung. Besonders rief der junge Horowitz durch sein vollendetes Spiel einen wahren Sturm des Beifalls hervor. Gesänge aus den Psalmen sowie min hamezer von Studenten unter Leitung des Obercantors Herrn Moses Goldbaum mit kräftiger Stimme vorgetragen, erbauten Jedermann. A. M. Pleschen, 28. October. Wegen Unterdrückung einer Urkunde waren der Gastwirth Abraham Cohn in L a b i s ch i n und zwei Mitangeklagte Namens Lindenberg und Joseph am 7. Mai d. I. vom Landgericht Bromberg zu je einem Monat Gesängniß und 50 M. Geldstrafe verurtheilt worden. Cohn war von dec weiteren Anklage der Fälschung einer Urkunde sreigesprochen worden. Der Sachverhait, der seinerzeit auch in diesem Blatte berichtet wurde, ist kurz folgender: Die Angeklagten bilden den Vorstand der israelitischen Gemeinde in Lab i sch in. In einer Vorstandssitzung war beschlossen worden, dem dortigen Cantor und Schächter Rosen berg seinen Cvntract bis zum Jahre 1900 zu verlängern, und war dieser Beschluß in das Protokollbuch der Gemeinde ausgenommen. Später wurden Klagen gegen die Amtsführung Rosenberg's laut, und man wünschte, die Verlängerung der Amtsdauer desselben ungeschehen zu machen. In einfachster Weise wurde dies dtirch Herausreißen des betreffenden Blattes aus dem Protokollbuche bewirkt. Später reichte Cohn dieses Blatt, auf dem er jedoch stoch eine dem Rosen berg ungünstige Aenderung vorgenommen, freiwillig bei dem Amtsgericht L u b i s ch i n ein. Die Revision der Augeklagren gegen ihre Verurtheilung wurde gestern vom Reichsgericht verworfen, dagegen nahm die Sache für C o h n noch weiterhin eine g ü n st i g e Wendung, indem auf die Revision des Staatsanwalts das Urtheil insoweit aufgehoben wurde, als C o h n von der Anklage, die betr. Urkunde obendrein gefälscht zu haben, sreigesprochen worden ist. Hamburg, 29. October. Die Beerdigung der in der vorigen Woche ui Paris verstorbenen Frau Generalkonsul Lieben-KönigsWärter erfolgte heute Morgens 10 Uhr vom Trauerhause, Neue Rabenstraße 21, aus. Es hatte sich ein überaus zahlreiches Gefolge von Freunden und Bekannten eingefunden. Eingeleitet wurde die Trauerfeier durch den vom Chor des Tempelverbandes unter Leitung ihres Dirigenten, des Musikdirectors Ad. Mehrkens, vorgetragenen Choral: „Seele was betrübst du dich". Alsdann widmete Herr Prediger Dr. Leimdörfer der Dahingeschiedenen einen tiefempfundenen Nachruf. Er schilderte den großen Wohlthätigkeitssinn der Verblichenen und wies in beredten Worten darauf hin, wie sie nicht nur so manche Thräne getrocknet, sondern es auch verstanden habe, die Gebeugten durch Worte des Trostes auszurichten. Die Rede machte einen tiefen Eindruck. Nachdem darauf noch der Tempelchor den Choral: „O stille deinen Kummer" vorgetragen hatte, wurde die Leiche von den Beamten der „Neuen Israelitischen Beerdigungs-Gesellschaft" auf den Trauerwagen gehoben. Der Leichenconduct, welcher aus 40 Equipagen bestand, setzte sich nach dem israelitischen Friedhof am Grindel in Bewegung.! Feuilleton. j Der Vorbeter von Cham. j Erzählung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges von S. K ohn, Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungsrechte Vorbehalten. Erstes C apitel. Man stand im October des Jahres 1632. Ein reiner, wolkenloser, sternbesäter Himmel blickte auf verwüstetes Land, auf unglückliche Menschen herab. Vierzehn Jahre lang hatte schon die Kriegsfurie in Deutschland gewüthet, und es schien, als wenn diese traurige Zeit nie mehr enden sollte, als wenn der unergründliche Gott nochmals eine Vernichtung der Menschheit, eine Zerstörung alles Bestehenden, und zwar diesmal durch Menschenhaß und Menschenhand, ur abänderlich beschlossen hätte. Der furchtbare Krieg — den dreißigjährigen nennt ihn die Weltgeschichte — hatte am 23. Mai 1618 in Böhmens Hauptstadt begonnen und hatte bald ganz Europa, von einem Ende desselben bis zum andern, in seine blutigen Kreise gezogen. Dem ersten Impulse dieses unheilvollen Krieges, finsterer Fanatismus, hatte sich bald durch die bösen Jnstincte der Menschen, auch Ehrsucht, Raubgier, endlich die wilde Lust am Kampfe zugesellt, und wenn es sich immer noch dem Namen nach um einen Kampf zwischen dem Katholicismus und dem Protestantismus handelte, waren doch die Zielpunkte desselben auch andere geworden, und politische Motive traten ebenbürtig neben die religiösen. Wo es die Erreichung gemeinschaftlicher Zwecke galt, verwandelte sich oft scheinbar unversöhnlicher Glaubenshaß in Bundesfreundschaft. In dem Heere Albrecht Wallenstein's, Herzog von Friedland, Generalissimus der kaiserlichen Armee, fochten Protestanten gegen ihre Glaubensgenossen, und nicht nur eine große Zahl gemeiner Soldaten, die — als Wallenstein jetzt das zweite Mal dem Erzhause durch den Klang seines berühmten Namens ein Heer schuf — seiner Werbetrommel nachliefen, waren evangelischen Glaubens, sondern auch Söhne aus protestantischen Fürstenhäusern dienten unter ihm. — Wallenstein, der ursprünglich sein Schwert gezogen, um den katholischen Glauben zu schützen, pactirte, wenn er dabei seinen Vortheil fand, mit den evangelischen Sachsen und mit Gustav Adolf von Schweden, welcher als Hort und Beschützer des neuen Glaubens in Europa bezeichnet wurde. Wenn es Wallenstein's persönlicher Vortheil erheischte, gab er die Länder der treuesten Bundesgenossen seines kaiserlichen Herrn dem Feinde preis und der tapfere Kurfürst Max von Bayern hatte mehrfach Gelegenheit, Wallenstein's Unzuverlässigkeit kennen zu lernen. König Gustav Adolf von Schweden, ein Mann, der bis auf den heutigen Tag als ein edler Fürst und makelloser Charakter bezeichnet wird, verschmähte es doch nicht, sich mit dem katholischen Frankreich gegen Oesterreich zu verbinden, und der allerchristlichste König von Frankreich unterstützte den evangelischen König und die protestantischen Stände, um den römischen Kaiser und den apostolischen König von Ungarn nach bestem Können zu schädigen und zu demüthigen. — Der Krieg wurde von beiden Seiten mit Anspannung aller Kräfte, mit unerhörter Grausamkeit und mit einer beispiellosen Rücksichtslosigkeit, auch gegen die Bürger des eigenen Staates geführt. Die Gräuelthaten, welche Tilly's Soldateska bei der Einnahme von Magdeburg begangen, wo Säuglinge auf den Bajonetten aufgespießt und mißhandelte Frauen und Jungfrauen in brennende Häuser geworfen wurden, bilden einen ewigen Schandfleck der Menschheit, und was die wilden Schweden, di? Krieger des gottesfürchtigen, frommen Königs Gustav Adolf, verübt, die Öualen die sie ersannen, um von Bauern und Bürgern das Geständniß verborgener Schätze zu erpressen, beweisen, daß in jener entsetzlichen Zeit, während welcher man angeblich für den Glauben stritt, der Menschheit der wahre Gottesglaube, die echte Religion abhanden gekommen und an deren Stelle der roheste entsetzlichste, gottvergessenste Egoismus getreten war. Die Schrecknisse dieses Krieges waren noch wesentlich durch die eigenthümliche Art, in welcher das Heer erhalten wurde, erhöht. Bislang hatte der Fürst oder das Land, welches Krieg führte, seine Armeen aus den Staatseinnahmen bezahlt, Im siebzehnten Jahrhundert aber wurde das neue Princip aufgestellt: das Heer solle durch den Krieg ernährt werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.