Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 876 Veflrrretchtptzr rvmtzenptzrM Rr. 45 GsrrespmräenLen. Wien. Die jüdische akademische Verbindung „Unitas“ feierte am Samstag 27. v. M. im großen Saale von Khuner's Restaurant ihr erstes Stiftungsfest. Dasselbe war überaus gut besucht und nahm einen geradezu glänzenden Verlauf. Nebst den Vertretern der gesinnungsgenössischen Vereine „Kadimah" und „Gamala" in Wien, „Hasmonaea" in Czernowitz, „Zion" in Lemberg waren auch zahlreiche Honoratioren erschienen, unter denen wir Reichsrathsabgeordneten Dr. I. S. Bloch, Universitätsdocenten Dr. I. Grünfeld, Aocenten Dr. H. May erhoff er, de» hebräischen Schriftsteller und Herausgeber des „Mimisrach und Mimaarab" R. Braiuin, sowie die Herren Advocat Dr. Skr ein, Professor Dr. Weiß und Professor Dr. L- Singer bemerkten. Der Präses der Verbindung „Unitas", Herr cand. med. Carl PoIlak, begrüßte die Erschienenen und entwarf eine höchst zutreffende Schilderung der an den Wiener Hochschulen herrschenden Zustände, aus denen der Bestand jüdischer Vereine mit Naturnothwendigkeit hervorgehe. „Die Gründung einer jüdischen Verbindung ist kein Separatismus", betonte der Redner, „denn indem wir selbst Zusammenhalten, feinden wir doch Niemanden an und wir sind gewiß gerne zu jedem Zusammengehen mit Angehörigen anderer Nationen bereit, wofern es nur unter Wahrung unserer Selbstachtung möglich ist." Anhaltender Beifall lohnte die in Form und Inhalt gleich vollendete Rede des Präsidenten, der nunmehr dem Ehrenphilister der Verbindung Herrn Dr. I. Cohn das Wort übertrug. Dieser, ein Meister der Rede, unterzog mehrere, die jüdische Welt interessiren.de Vorgänge der jüngsten Zeit einer scharfen Kritik und geißelte schonungslos die Anschauungen jener Juden, die so sehr gewohnt sind, sich von Anderen ins Schlepptau nehmen zu lassen und jede Selbsthilfe zu perhorrcsciren, daß sie schon den Rath als Verrath ansehen, die Juden mögen sich vor Allem durch Selbstachtung die Achtung Anderer zu gewinnen trachten. Den Vertretern der gesinnungsgenössischen Vereine, welche der »Unitas" ihre Glückwünsche entboten, schloß sich nunmehr Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch an. Lebhaft acclamirt, erklärte er, daß cs ihn mit Genngthuung und Freude erfülle, bei dem Stiftungsfeste einer jüdischen Verbindung anwesend sein zu können. „Lassen Sie sich auch", sagte Abgeordneter Dr. Bloch, „durch eventuelle Einwürfe nicht von ihrem Wege abbringen! Auch mir ist Aehnliches widerfahren; denn als ich meine parlamentarische Thätigkcit begann, da gab es so Manche, welche sagten: Dieser Bloch ist unser Unglück, der macht.den Antisemitismus. Aber wir Alle können uns mit einem unvergeßlich Größeren trösten, der es an sich erfahren hat, daß das gedrückte Volk die gewohnte Knechtschaft gegen die zu erobernde Freiheit nicht einzulauschen wagt. Als Moses auftrat und sein Volk aus Egypten führen wollte, da schrie es: Moses liefert uns den Knechten Pharao's aus!" — Und die vom Präsidenten kritisirte Assimilationssucht besprechend, fuhr Dr. Bloch fort: „Zum Assimiliren gehören eben Zwei: Einer, der frißt und Einer, der sich fressen läßt. Wir Juden wollten uns zwar fressen lassen, aber die anderen Völker mochten uns nicht. Ich habe schon vor z-hn Jahren gesagt: Kehrt zu Euch selbst zurück, versucht, ob Euch nicht die Völker mehr lieben werden, wenn Ihr wieder anfanget, Juden zu sein!" Als Abgeordneter Dr. Bloch seine Rede mit einem an die „üinitas* gerichteten Glückwünsche schloß, folgte allgemeiner nicht endenwollender Applaus, der sich erneuerte, als der Vorsitzende Herrn Dr. Bloch für seine warme Theilnahme den Dank d?r Verbindung auszprach. In Beantwortung eines von Herrn eand. med. A. Weiner auf die erschienenen Gäste gesprochenen Toastes, ergriff Herr Professor Dr. L. Singer das Wort. Er wies in glänzender Rede nach, daß die nationalen Bestrebungen der jüdischen Studenten ihre volle Berechtigung haben, da es wie jedem Einzelwesen so auch jedem Volke sreisteheu müsse, gemäß seiner Eigenart zu den Culturfortschritlen der gesammten Menschheit beizutragen. Und als Dr. Singer auf die Worte Gegen bau er's anspielend sagte: „Weil aber wir Juden unser gutes Theil zu der Cultur Europas beigetragen haben, so sind wir keine Fremden im Lande, trotz unserer Eigenart", da bewies die brausende Zustimmung, wie sehr der Redner im Sinne der Versammlung gesprochen hatte. Den Neigen der Toaste schloß Professor Weiß, welcher auf seine alte Freundschaft zur „Kadiwah" hinwies und auch die neugegrüudete Verbindung seiner wärmsten Sympathien versicherte. Nunmehr trat — die Mitternachtsstunde war schon vorüber — die Fidelität in ihre Rechte, welche, durch eine sehr reichhaltige humoristische Kneipzeitung gefördert, die studentischen Theilnehmer noch längere Zeit bei^ammenhielt. Baden. Wie man jetzt erfährt, kam es am 13. September d. I. im Caf6 Kerschbanm in Baden zu einem peinlichen Auftritt. Ein junger Student, Isidor Tr autzl, der Sohn eines Villenbesitzers, wurde damals von dem Badener Architekten Carl Schmidt mit einer Reilpettsche mißhandelt, weil er zwei Tage vorher im „Goldenen Kren;" mit demselben H rrn ein Rencontre gehabt hatte. Das letztere bestand darin, daß Schmidt der studentischen Gesellschaft Tr a u tz l's, weil ste beim Fortgehen die Zimmerthür offen gelassen, die Worte:„Binkeljud! Zumachen!" zugerufen und Trautzl auf die vergebliche Frage, wer der Rufer sei, erklärt hatte: „Ihr seid ein feiges Gesindel!" Am 13. September begegnete Schmidt, der Obmann eines neuen „judenreinen" Badener Gesangvereins der Liederfreunde ist, dem Studenten Trautzl im Cafe Kerschbaum und nahm diese Begegnung zum Anlaß, seinen jungen Widersacher mit der Reitpeitsche aus dem Locale hinauszutreiben. — Das gerichtliche Nachspiel dieser Scandalaffaire hat sich kürzlich vor dem Badener Bezirksgericht vollzogen. Schmidt war von dem Wiener Advocaten Dr.. Vincenz von Berger, Trautzl von dem Abgeordneten Dr. Foregger vertreten. Der Richter sprach Schmidt von der vorsätzlichen Körperbeschädigung frei, verurtheilte ihn aber wegen thätlicher Beleidigung zu zweihundert Gulden Geldstrafe. Trautzl wurde wegen Beleidigung zu zehn Gulden G e ldftra'fe verurtheilt. Sowohl Dr. Foregger, als auch der staatsanwaltschaftliche Functionär meldeten die Berufung gegen das Urtheil an. Troppau. Die auf Grund des Gesetzes vom 21. März 1890 von der hiesigen Cultusgemeinde verfaßten neuen Statuten sind nun von der hohen Landesregierung genehmigt und seit dem 18. October bereits in Kraft getreten. Die durch das neue Statut bedingten Neuwahlen sind für Anfang nächsten Monats festgesetzt worden, für welche sich ein sehr reges Interesse kund gibt. Es wird mit ziemlicher Gewißheit angenommen, daß die 30 Herren, welche in den Cultusrath gewählt werden sollen, den bisherigen verdienstvollen Vorsteher Herrn Dr. jur. Sonnenschein wiederum zu ihrem Präses wählen werden. Diesist umso erfreulicher für die hiesige Gemeinde, als Herr Doctor Sonnenschein bis jetzt als Cultusvorsteher mit aller Hingebung und Geschick für das Wohl der hiesigen Gemeinde gewirkt und sich viele Verdienste um dieselbe erworben hat. Ferner ist es allgemein bekannt, daß Herr Dr. Sonnenschein mit aller Energie dahinstrebt, daß endlich unsere Gemeinde ein anständiges und würdiges Gotteshaus bekommt, welches wir bisher leider sehr entbehren. — Wie wir nun aus zuverlässiger Quelle vernehmen, dürste im Frühjahr schon der Tempelbau in Angriff genommen werden. 8—u. Brünn. Der „Auszug aus Egypten", das ist der hochtönende Name, mit dem man hier die Auswanderung der jüdischen Gäste aus dem v. Felbinge r'schen Grand Cafe scherzweise belegt hat. Pharao F e l b i n g e r hat aus den Thatsachen die äußersten Consequenzen gezogen und das Ende ist, daß das Grand Hotel durch Kauf in andere Hände übergegangen ist. Die Consequenz aus einer Thatsache zu ziehen, ist aber nicht Jedermann's Sache; es gibt noch immer Leute, welche nach empfangenem Schlage weiter still halten, damit der zweite Backenstreich umso kräftiger ausfalle. Eine den besten jüdischen Kreisen Brünns ungehörige Daiüe wird darauf aufmerksam gemacht, daß der Correpetitor ihrer beiden die Mittelschule besuchenden Söhne — Antisemit ist, nicht blos Mitglied sondern auch Chargirter in einer der antisemitischen Studentenverbindungen, mit welchen die hiesige technische Hochschule behaftet ist. Zeigte sich die Dame entrüstet? Erschrack sie nicht vor der Möglichkeit, daß das heiligste Empfinden ihrer Söhne vor ihnen selbst verächtlich gemacht werden könnte? Hat sie dem Burschen nicht aus der Stelle das Haus verboten? Traf sie die gemeine Handlungsweise desselben nicht wie ein Faustschlag ins Gesicht? Durchaus nicht! In meinem Haus hat er sich noch nicht als Antisemit gezeigt, meinte die Dame, was er draußen denkt und ist und thut, das ist nicht meine Sache. Die gute Frau hält richtig still, sie reicht die andere Wange hin. Eie wartet wahrscheinlich, bis der antisemitische Held sie in ihrem eigenen Hause etwa eine S . . jüdin heißt, damit sie eine Ursache habe, ihn fortzuschicken. So betrübend ein solcher Mangel an Selbstgefühl ist, so wäre doch der Fall nicht werth mitgetheilt zu werden, wenn man annehmen dürfte, daß derselbe vereinzelt dastebt. Dem ist jedoch nicht so; vielmehr sucht und findet wohl noch so mancher andere antisemitische Student Verdienst oder Unterstützung in jüdischen Häusern. Jeder billig Denkende, wird dies, gelinde gesagt, als eine Ungehörigkeit ansehen, deren Abstellung nicht nur gewünscht, sondern auch auf das Aeußerste angestrebt werden sollte. Das Mittel dazu liegt ganz n der Hand der jüdischen Hochschüler in Brünn. Auf. Ihr Hochschüler! Thut Euch zusammen, um Euch, das vollständige Mitgliederverzeichniß der „Caminia", „Sudetia"