Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 874 Destrrrektziptzr ZvvchrnfchrM srr. 45 Hetzerei auf dem Friedhofe. Aus Kol in wird gemeldet: Auf dem Grabe des Dienstmädchens Marie Havlin, dessen Verschwinden und nachträgliches Auffinden in der Elbe bekanntlich im April 1893 zu judenfeindlichen Ausschreitungen den Anlaß gegeben hatte, wurde ein Kreuz mit einer Blechtafel errichtet. Diese Tafel enthielt eine gegen die Juden gerichtete Inschrift. In Folge Einschreitens des Präsidenten der israelitischen Cultusgemeinde von Kolin begab sich Bezirkscommissär E i g l auf den Friedhof, wo er sich von der Richtigkeit der Mittheilung überzeugte. Der Bezirkscommissär ordnete sofort die Beseitigung des Kreuzes mit dem aufreizenden Inhalte an und leitete die Nachforschungen nach dem Urheber ein. Franz August von Sachsen. Es ist sicher von Interesse, daß der Antisemitismus in Sachsen alten Datums ist. Auf Seite 85 der Broschüre „Neuer Geistesfortschritt" heißt es: „Als der König FriedrichÄugust von Sachsen nach der Schlacht bei Leipzig von den Alliirten als Gefangener behandelt wurde, rief er aus: Ich weiß nicht, lieber Gott, warum du mich so hart strafst. Habe ich ja stets nach deinem Willen regiert und niemals gelitten, daß sich ein Jude in meinem Staate niederlasse!" Eme merkwürdige Anschauung vom lieben Gott, die ihn damit zu gewinnen sucht, daß man die Juden vertreibt. Antisemitische Kampsmethode. Selten ist die freche Verlogenheit der antisemitischen Agitation so deutlich in die Erscheinung getreten, wie dieser Tage in dem neuen Organe der Herren Doctoren Lange und H e m p e l, der „Volksrundschau". Am Sonnabend vor acht Tagen brachte das Blatt einen Artikel mit der Ueberschrift: „Ein Bilderbogen zur Judenstage", in welchem dem Dresdener Berlagsbuchhändler Naumburger der Borwurf gemacht wurde, daß er beim Absatz eines in seinem Verlage erschienenen patriotischen Buches grobe Schwindeleien verübt habe. Wir begreifen die Empörung des genannten Blattes, daß außer ihm noch Jemand wagt, angeblich patriotische Gesinnung im Interesse seines Geschäftes zu verwerthen; die „Bolksrundschau" betrachtet ein solches Gebühren wahrscheinlich als ihr Privileg. Aber der Geschäftsneid sollte sie doch nicht zu ganz offenbaren Lügen verleiten, die bekanntlich immer kurze Beine haben. Sie hat nämlich behauptet, besagter Herr Naumburger s e i I u d e, an dem Fall Naumburger könne man die ganze Judenstage studiren. Darauf theilt ihr der Genannte mit, daß er Christ sei, und sie selbst muß zugestehen, daß er einer alten evangelischen Familie entstamme. Glaubt man nun, daß sie nach dieser Belehrung ihre hetzerischen Ergüsse gegen das gesammte Judenthum zurückgenommen, so täuscht man sich. Sie wiederholt in ihrer Nummer vom letzten Sonnabend die Borwürfe gegen Naumburger und fügt hinzu: „Aber Herr Naumburger ist Christ, ist Deutscher! Wie sich die Juden ins Fäustchen lachen werden. Gemach, ihr Herren! Herr Naumburger gehört Euch voll und ganz. Wir haben uns über daS Christenthum des Herrn Naumburger erkundigt und die Auskunft erhalten, daß er wirklich einer älteren evangelischen Familie entstamme. So mag er denn nicht körperlich zu beit Juden gii rechnen sein; aber seine geistigen Anschauungen weisen desto nrehr auf jene Gemeinschaf t h i n." Die „Volksrundschau" hatte in ihrem ersten Artikel Recht, man kann an diesem Falle die ganze Judenstage studiren, man kann zeigen, wie sie von verlogenen Hetzern gemacht wird. Läßt sich irgend Jemand eine verächtliche Handlung zu Schulden kommen, so wird er zunächst zum Juden gestempelt; stellt sich dann heraus, daß er Christ ist, so heißt es, er gehöre wenigstens in seinen geistigen Anschauungen zu den Juden. Weitere Erörterungen sind überflüssig; die „Volksrundschau" würde sich doch nicht belehren lassen, weil sie ebenso wie Herr Naumburger die patriotische Gesinnung nur als Geschäfts« reclame benutzt. Daß übrigens auch andere antisemitische Blätter unentwegt nach dem Recept der Judenriecherei weiter arbeiten, dafür finden wir einen neuen Beleg in dem „Bundschuh". Dies Organ des zur Zeit wieder einmal in Plötzensee weilenden Rectors aller Deutschen und antisemitischen Abgeordneten zweiter Classe A h l w a r d t, erfährt durch eine Zuschrift „aus guter Quelle", daß der K a n z l e r L e i st „getaufter Raffenjude" sei, während er, wie die „F. Z." berichtet, thatsächlich der Sohn eines evangelischen Predigers aus der Provinz Sachsen ist. Arisches Gewicht. Gegen die Fleischhauers-Eheleute Simon und Margarethe Husza in Ottakring wurde von mehreren Kunden die Beschuldigung erhoben, sie verkürzten die Kunden dadurch, daß sie unter der Waarenschale der Geschäftswage Fleisch- oder Speckstückchen angebracht hätten. Dadurch bekomme kein Käufer das richtige Gewicht zugemessen. Die genannten Eheleute hatten sich gestern vor einem Erkenntnißsenate wegen Beti'uges zu verantworten. Das Beweisverfahren stellte die Schuld der Angeklagten in untrüglicher Weise fest, woraus Simon Husza zu drei Monaten seine Gattin zu vierzehn Tagen Kerkers verurtheilt wurden. James Darmesteker. In dem jugendlichen Alter von 45 Jahren ist der zweite von zwei hochbegabten Brüdern dahingegangen. In Herrn James Darme steter verliert Frankreich den Mann, auf welchen nach übereinstimmendem Uriheil der Mantel Renan's gefallen war. Er war mehr Gelehrter und nicht weniger Künstler als Renan. Die Literaturen und Sprachen des Orients sprachen zu ihm mit der Stimme der Gegenwart. Die Gestalten ihrer Vergangenheit lebten auf in seiner poetischen Einbildungskraft. Es war eine passende Verbindung, als Herr James Darme st e t e r eine Dichterin zur Frau erwählte, während sein Bruder Arsene eine Künstlerin heiratete. Darmsteter 's Enthusiasmus zeigte sich während seines ganzen Lebens. Der größte Kopf und das reichste Herz in ganz Europa, dies waren die von ihm allgemein gebrauchten Worte seiner Collegen, der Orientalisten. Es interessirten ihn die Gesänge der Bauern nicht weniger als die Hymnen des Zend. Die Person des Madhi inspirirte seine Feder nicht weniger als die Philosophie des Islam. Obwohl er klein von Gestalt und sogar verkrüppelt war, bedurfte es nur einer kurzen Conversation mit .ihm, um den vollen Eindruck zu erhalten, daß es ein Mann von noblen Charakter und bescheidenen geraden Sinnes war. Er war nicht allein Philologe, sondern auch ein Schrift, steller. In den letzten zehn Jahren ist nichts Besseres erschienen als seine „Göttliche Legende" und die „Propheten Israels". Das eine ein höheres Gedicht in Prosa, das andere eine prächtige Reihe ' gerechter Vertheidigungen der Ideale Jsaias.' Und all' das war vollendet, ohne ein Atom philosophischer Wissenschaft und Wahrheit zu opfern. Renan war nur ein Dilettant in den semitischen Studien, D armesteter ein Meister. Er war ein Gelehrter im besten Sinne des Wortes, wie Professor MaxM ül le r in der „Times" vom letzten Montag sagt, ein Gelehrter, wie ihn nur Frankreich hervorzubringen vermag. Eben jetzt ist Frankreich an glänzenden Orientalisten reich, aber James Darme st et er, war taoile xriums imer xares. Durch die Freiheit mit der er sich weit über seine schweren Grübeleien oder Arbeiten erhob, erinnerte er mich an Eugene Bu rn ou. Durch seine wunderbare und beinahe poetische Gewalt der Combination stand er sehr wenig hinter Renan zurück. Durch die Gründlichkeit seines Wissens und die Sicherheit seines Urtheils schien er in den großen Traditionen des älteren Lenormant fortzuschreiten. Es war etwas Merkwürdiges, daß D arm est et er's letztes. Werk von den Propheten Israels handelte, denn obwohl er in seiner religiösen Auffassung stets liberal gewesen, so blieb er doch dem Judenthum durch sein ganzes Leben treu, Er nahm Theil an der Revue des etudes juivös und freute sich sehr der Fortschritte auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschüft in Frankreich. Beide Brüder waren Franzosen von Geburt, denn bereits der Großvater war von Darmstadt eingewandert. Daher stammt der Stamm der Familie. James und Arsöne waren in Chüteau Salins 1849 und 1846 geboren. In Paris war der Erfolg seiner Brüder ein rapider. James Darmesteter war ein Stipendist des^Lyc6e Bonaparte, 1864 und ein Preisbewerber des Concours g6ri§ral. Unter dem Einfluß Michel Brsals und von Rergaigne widmete er sich dem Persischen. Asien übte, wie einer seiner Biographen trefflich bemerkte, auf ihn den gleiche»