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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-09 · 45 (9.11.1894) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 45 VesterreMrilrhr Wortzenschrifl Seite 873 I Patriarchenzelte ist ein herrliches Schloß geworden. Der Ahn, nach welchem dieses Haus seinen Namen hat, und dessen Sie, Herr Baron, in Ihrer Rede in kindlicher Erfurcht ergreifend gedachten, er hat vor zwei Jahrzehnten die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen, aber der Stein leuchtet fort in der Familie. Der Adel der Geburt verbindet sich mit dem Adel des Herzens, der Sohn führt weiter, was sein edler Vater begonnen. Wenn die Wälder von Schillersdorf reden könnten, sie würden erzählen von zahllosen getrockneten Thränen und von gar vielem geheilten Menschenleid, sie würden von einer Siebe berichten, die nimmer Halt macht vor der Bekenntnißformel, die keinen Unterschied und keine Schranke kennt, von einer Liebe, die aus der Höhe herniedersteigt, um sonnengleich die Herzender Menschen zu erwärmen, zu erleuchten und zu befruchten. Mögeder Segen des Allmächtigen über diesem Hause ruhen! Möge dasArbeiterheim seinen erhabenen Beruf jederzeit erfüllen! Undwenn einst der Wanderer durch diesen Forst zieht und an dieser Stätte rastet, dann wird er des Mannes gedenken, der dieser Stätte den Namen gegeben, dann denkt er des edlen Menschenfreundes, der sie erbaut, und seine Lippen flüstern dann vielleicht den biblischen Weihegruß: „Ein Segen solltest Du Andern werden und Du sollst selbst gesegnet sein!" Meine Herren! Lassen Sie mich der Dolmetsch Ihrer Empfindungen sein! Verbinden wir uns in dem Rufe: „Der Gründer der Anselm-Stiftung, der Schloßherr von Schillersdorf, Freiherr Nrthaniel von Rothschild, er lebe hoch, hoch, hoch!" Freiherr von Rothschild war tief ergriffen durch die Worte des Dr. Blumenthal. Ec dankte und weihte sein Glas dem Blühen und Gedeihen der Anselm-Stiftung. Während des Frühstücks zeigte sich der Schloßherr von Schillersdorf als Gastgeber von unermüdlicher Aufmerksamkeit. Der Act der Eröffnung des „Anselm-Stifts" hatte ihn sichtlich mit Freude erfüllt und er darf sich dieses Werkes freuen, das neue Kunde gibt von seiner Hochherzigkeit. Und so schließen auch wir unseren Bericht mit dem Wunsche, daß dem „Anselm-Stift" und seinem edlen Stifter allezeit Heil beschießen sein möge! Vom Jahrmarkt des Lebens. Shakespeares „Shylock". Aus London, 29. October wird geschrieben: In der letzten Nummer der „English Historical Raview“ widerlegt Professor H ale die Annahme, daß Shakespeare sein Genie dazu mißbraucht habe, um ungerechten Haß und Mißtrauen gegen die Juden zu erregen. Diese vom Ehrwürden Arthur Dimock neuerdings ausgestellte Behauptung bedurfte wohl kaum einer Widerlegung, denn Shakespeares ganzes Wirken ging auf Humanität und Toleranz aus. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß „Shylock" eine bloße Carricatur des im Jahre 1594 Hingerichteten Juden Lopez ist. Sh ake fpeare's England zählte viele Juden, wenn man auch nicht so weit zu gehen braucht wie Low ell, der behauptete, daß die meisten englischen Adelsgeschlechter, vorab die Rüssels und Cecils, von Juden abstammen. Shakespeare erkannte jedoch ganz deutlich, daß die Verfolgungen, welche die Juden zu erdulden gehabt, nicht spurlos an ihnen vorübergehen konnten. In dieser Hinsicht ist er einfach in die Fußtapfen seines Vorgängers in der dramatischen Kunst getreten. Denn auch Marlo we's „Jude von Malta", Barabbas, den auch Charles La mb als ein Ungeheuer bezeichnete, ist lediglich ein durch maßlose und ungerechte Verfolgung zum Verbrechen getriebener Mann. Barabbas ist im Grunde eine edle Natur, sein häusliches Glück besteht in seiner Tochter, die er über Alles liebt, mehr als sein Geld sogar, das für ihn eher einen ästhetischen als einen commerciellen Werth hat. Auch ist er stolz auf seine alte Rasse. Aber der Staat Malta zieht alle seine Güter ein, um den Türken Tribut zu entrichten, verwandelt sein Haus in ein Nonnenkloster, zwingt seine eigene Tochter, ihren Glauben abzuschwören und Nonne zu werden. Was Wunder, wenn Barabbas rachsüchtig und boshaft wird! Man ist geneigt, in Shakespeare's und Marlowe's Juden eher Ueberlrecbungen zu sehen, deren Zweck war, abergläubische und bigotte Zeitgenossen über die Tollheit ihrer Vorurthelle aufzuklären. Die „Arbeiter-Zeitung" gegen die Antisemiten. Zwar nichts Neues, aber wahr und drastisch schreibt die „Arbeiter-Zeitung" in ihrer Nummer vom 29. d. M. über „AntisemitischeLügen": Schneider und Lueger haben wieder einmal über Socialismus und Socialdemokratie geschwefelt und, wie das bei diesen Gesellen üblich, wenn sie dieses Thema berühren, in der unverschämtesten Weise gelogen. W-.c sehen uns veranlaßt, die beiden gewerbsmäßigen Ehrabschneider beim Worte zu nehmen, damit sie uns Rede stehen. In einer am 25. October in Simmering abgehaltenen Antisemitenversammlung behauptete Schneider, daß die Führer der Socialdemokratie von den Juden bestochen sind. Als ihm einer unserer Genossen entgegentrat und Beweise für seine lügnerischen Behauptungen verlangte, erklärte er, wohl „keine Quittungen" zu besitzen, aber er habe Grund, es zu vermuthen (!!!) und führte als Beispiele Peukert (!!!) und die Pariser Commune an, wo die Socialdemokratie (?!) angeblich von einem Juden 2,099.000 Franken erhalten habe, und ihn dafür schonte. Lueger behauptete wieder, daß der Schwiegersohn Bleichröder's den deutschen Genossen 300.000 Mark zur Führung des Bierboycotts gab. Die letzte Sophiensaalversammlung besprechend, erfrechte sich Lueger zu sagen, Gen. Dr. Adler habe sich nur im Saale gezeigt, auf der Straße sei er nicht dabei gewesen. Auch sei es ein Dogma der Socialdemokratie, daß das Kleingewerbe zu Grunde gehen müsse. Und so ging es fort, Lüge auf Lüge in der Rassen- und Socialistenhaß und kleinbürgerliche Bornirtheit athmenden Manier der antisemitischen Demagogen. Daß Schneider über gewisse BeziehungenPeukert's unterrichtet sein kann, glauben wir ihm auf's Wort. Doch nicht über Beziehungen Peukert's zu den Juden wohl aber zu einem Bollblutarier, zu einem Herrn, dem Schneider sehr nahe steht. Jedenfalls könnte der jetzige Intimus des schwarzen Prinzen auch für uns Socialdemokraten interessante Enthüllungen über die Beziehungen P e u k e r t 's zu L i e ch t e n st e i n, Schneider und Consorten machen. Ob er sie wohl machen wird? Was Schneider von den Beziehungen Peukert's zu den Juden faselt, ist Humbug und Lüge. Was Schneider über die Commune und die Juden sagt, ist eine abermalige Lüge und Verdrehung. Die Delegirten des Finanzwesens der Commune Barl in und Jour de erhielten allerdings vom Juden Rothschild eine Million Franken, jedoch für Rechnung der Stadt Paris. Rothschild wurde von den Communisten verschont wie alle anderen beschnittenen und unbeschnittenen Actionäre der Bank von Frankreich und das war vielleicht em Fehler, der sich später an der Commune selbst rächte. — Die Behauptungen Lueger 's bezüglich des Schwiegersohnes von Bleich - r ö der und den 300.000 Mark sind so dumm, daß wir gar nicht suchen werden, sie zu widerlegen, dieses Märchen haben unsere deutschen Genossen hinlänglich Lügen gestraft. Infam ist jedoch die Behauptung Lueger's, Genosse Dr. Adler habe sich nicht nach der Sophiensaalversammlung auf der Straße gezeigt. Wir constatiren, daß es gerade Dr. Adler war, der mehreren Opfern polizeilicher Brutalität in der Nähe des Parkringes die ersten Nothverbände anlegte. Dr. Adler ist noch keiner persönlichen Gefahr aus dem Wege gegangen, er ist keinem Kampfe ausgewichen, wohl haben sich aber die Helden Lueger und Schneider zu wiederholtenmalen vor den Soeialdemokraten feige verkrochen. Wir verzichten aus eine weitere Widerlegung der gewerbsmäßigen Lügen und Verleumdungen S chn e i d e r's und L u e g e r 's und erklären die beiden Gesellen hiemit öffentlich für infame, nichtswirrdige Lügner und Verleumder, so lange sie die in der Simmeringer Versammlung und an anderen Orten vocgebrachten Aawürfe und Verdächtigungen, insbesondere jene, die Socialdemokcatie sei von den Juden bestochen, nicht widerrufen oder durch Beweise erhärten. W Ui: * 3 fr! m Fii

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