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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-09 · 45 (9.11.1894) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 872 -»LverreuyllMr MmtzenkrhrM Nr. 45 verweilende Graf Emil P o t o c k i. An der Feier nahmen Theil sämmtliche oberen Wirthschafts- und Forstbeamten der Herrschaft Schillersdorf mit ihren Damen, an der Spitze die Herren Centraldirector Schuster aus Wien und Wirthschaftsrath Obratschey, sämmtliche Gemeindevorsteher des Patronats, Bürgermeister Woyty ch und mehrere Herren aus Hultschin, Rabbiner Dr. Blumenthal uns R a t i b o r, Vertreter der Rrtiborer Presse u. A. Freiherr von Rothschild empfing die Gäste in der liebenswürdigsten Weise. Kurz nach 10 Uhr begann die Feier. Die Benediction fand vor einem Betpult im Saale des Erdgeschosses statt. Pfarrer Himmel vollzog die feierliche Handlung unter Assistenz des Pfarrers P o rs k e aus Z a b e l k a u. Nach der geistlichen Handlung ergriff Wirthschaftsrath O b r a t s ch e y das Wort. Er wandte sich an die Insassen des Stiftes. Seine Ansprache lautete: „Meine lieben Leute und Veteranen der landwirthschaftlichen Arbeit! Die Großmuth unseres gnädigen Gutsherrn, des Freiherrn Nathaniel von Rothschilv, hat dieses Asyl geschaffen, damit seine treuen Diener, wenn sie nicht Mehrarbeiten können, und deren Witwen und, soweit der Raum reicht, auch andere Arbeiter, die ihre Kräfte in der herrschaftlichen Arbeit aufgebraucht haben, darin eine Zufluchtsstätte finden und die letzten Tage ihres Lebens sorglos verbringen können. Ihr werdet-demnach iu Zukunft aller Sorgen um das tägliche Brot, um Kleider, Wohnung und um alle anderen Bedürfnisse des menschlichen Lebens, die den Armen so schwer drücken, enthoben sein. Diese Sorgen hat nunmehr Freiherr von Rothschild für Euch übernommen. Ich glaube und erwarte, Ihr werdet ihm dafür dankbar sein, Ihr werdet täglich zu Gott beten, daß der Allmächtige Eurem Wohlthäter dauernde Gesundheit und ein langes Leben schenken möge. Wir wünschen und erwarten aber auch von Euch, daß Ihr in diesem Hause friedlich miteinander leben und daß Ihr auf Ordnung, Zucht und Reinlichkeit halten werdet, wie es die Hausordnung erheischt und die schöne Stätte, die Ihr nunmehr bewohnt, wohl verdient. Dazu gebe Gott seinen Segen!" Pfarrer Himmel dankte hierauf dem Freiherrn von R-othschild namens der Pfründner für das großartige Werk, durch das er sich ein wonumsutum aere perennius gesetzt habe. Er flocht in seine Ansprache einen Segenswunsch mit den Worten: „Der Allmächtige-schütze und segne Sie für dieses edle Werk und erhalte Sie der Menschheit, für die Ihr edles Herz so warm schlägt." Die Ansprache schloß mit einem dreifachen Hoch auf den Stifter des Hauses. Freiherr von Rothschild gab seinem Danke für die Ovation Ausdruck und gedachte seines Vaters, der in seinem lieben Schillersdorf so gern verweilre und dessen sich gewiß noch Mancher von den Anwesenden erinnere. Rach dem Namen des Vaters habe er das Stift benannt. Möge es unter diesem Namen gedeihen! Freiherr von Rothschild forderte darauf die Gäste zu einem Rundgang durch das Haus und den Gurten auf. - Winter Führung des Freiherrn und des Central-Directors Schuster wurde der Rundgang angetreten. Das Anselm- Stift ist nach den Plänm zweier französischer in Wien lebender Architekten, Bouque und Pio, von dem Wiener Baumeister Glaser erbaut worden. Der Bau wurde vor drei Jahren begonen und stellt sich im Aeußeren überaus schmuck dar. Das Gebäude enthält im Erdgeschoß und in der oberen Etage je einen großen Schlafsaal. Vor den beiden Sälen ziehen sich an der Hauptfront lange Corridore hin, die behaglich eingerichtet sind. Die Wände der Corridore sind bis zur halben Höhe mit Eichenholz getäfelt. Längs der Täfelung ziehen sich Bänke mit Tischbrettern hin. In diesen Corridoren sollen die Mahlzeiten eingenommen werden, damit die Schlafsale nicht vom Speisedunst gefüllt werden. Das Erdgeschoß ist für die Weiber, die obere Etage für die Männer bestimmt. In den Schlafsälen sind bequeme vorzüglich ausgestattete Betten aufgestellt. Jeder Insasse hat einen Wandschrank, in dem er die ihm von der Verwaltung gelieferte Kleidung, die Wäsche, das Putzzeug, Kämme, Bürsten u. A. m. aufbewahrt. In jedem Geschoß befinden sich Wäschezimmer, Badezimmer, Vorrathszimmer und je ein Krankenzimmer. Für Patienten mit Jnfectionskrankheiten ist ein besonderes Zimmer eingerichtet, zu dem ein Zugang direct aus dem Garten führt. Auch ein Ordinationszimmer für den Arzt und ein Desinsectionszimmer sind vorhanden. Die Küche ist vortrefflich eingerichtet, sie weist zwei Kochherde aus, die in ihrer praktischen Einrichtung besonders das Jrteresse der anwesenden Damen in Anspruch nahmen. Das Haus ist mit einer Luftheizungsanlage nach Meißnerschem System versorgt; in allen Räumen sind aber auch Oefen aufgestellt. Das Haus ist unterkellert und hat sehr große Bodenräume. Rings um das Haus ziehen sich gärtnerische Anlagen. Auf dem ehemals öden Terrain hat die Kunst des freiherrlich Ro th sch ild'schen Obergärtners Fiegl Anlagen geschaffen, die versprechen, dereinst sich prächtig zu entfallen. Längs der Hinterfront ist der Gemüsegarten angelegt, der den Insassen gesunde Beschäftigung in Aussicht stellt. Brette schöne Wege scheiden das Haus von den gärtnerischen Anlagen und ziehen sich um dieselben herum. Eine hinter dem Hause sich erhebende Anhöhe ist für Obstbai.mpflanzungen bestimmt. Die ganze Anlage macht einen außerordentlich hübschen Eindruck. Erwähnt sei noch, daß ein großer'Theil der Einrichtungsgegenstände von Rar ibo rer Firmen bezogen worden ist. Von der Firma Freund sind die Kücheneinrichtung und die eisernen Bettstellen, von der Firma Barten stein die Bettstücke, von M. Glaser Kleidungsstücke geliefert worden. Das „Anselm- Stift" kann 60 Personen ausnehmen; zur Zeit befinden sich darin 23 Personen. Die Insassen erhalten nicht nur freie Wohnung, Kleidung und Verpflegung, sondern auch noch ein tägliches Handgeld. Sie werden überdies, falls sie zu Dienstleistungen für die Verwaltung herangezogen werden, besonders honorirt. Das „Anselm-Stift" stellt sich nach Allem als eine humanitäre Stiftung ersten Ranges dar. Nach dem Rundgange fand im oberen Saale eine Frühstückstafel statt, an welcher außer dem Freiherrn von Rothschild die katholischen Geistlichen, Rabbiner Dr. Blumenthal Centraldirector Schuster, Bürgermeister Woytych, mehrere höhere Verwaltungsbeamte des Freiherrn, die Vertreter der Presse u. A., im Ganzen zwölf Personen, theilnahmen. Im Flamen der geladenen Gäste brachte Rabbiner Dr. Blumenthal den Trinkspruch auf das Wohl des Schloßherrn von Schillersdorf aus. Der Redner sprach nach den einleitenden Worten etwa Folgendes: „Es ist ein herrlich schönes Werk, das heute seiner Bestimmung übergeben wird, es ist ein Werk jener reinen Menschlichkeit, die aus des Herzens Tiefe kryftallklar in die Herzen sich ergießt. Wie gern schauen wir einem Sonnenuntergänge zu! Wie ist es aber doppelt schön, wenn der müde Arbeiter am Ende seines Pilgerweges kummerlos und geborgen die Sonne seines Lebens untergehen sieht! Meine Verehrten, eine alte Sage meldet uns, daß an dem Halse des ersten Patriarchen ein Edelstein hing, der die Wunderkrast besaß, Kranke zu heilen, Leidende zu stärken und Trauernde zu trösten. Und als Abraham starb, hängte er den Stein an das Rad der Sonne. Ein dunkles und doch sinniges Wort! Jener Edelstein mit seinen Zauberkräften war die Menschenliebe, die der erste Verkünder des Glaubens an den Gott des Himmels und der Erde ausstreute in der Welt, es war die Menschenliebe, die das Leid stillen und den Schmerz lösen konnte, die gar wundersam Thränen zu trocknen und Trauernde zu trösten verstand. Und als der Ahnherr starb, da hängte er die Tugend an das Sonnenrad, auf daß der späte Enkel noch, wenn er zu den Vorbildern vergangener Zeiten, wenn er zu höheren Zielen, zu den Sonnen emporblickte, liebend und forterbend des heiligen Vermächtnisses der Väter gedächte. Meine Verehrten! Jahrtausende sind dahingerauscht, aber der Stein hat seinen allen Glanz «immer verloren. Aus dem laubbedächten

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