Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 45 (9.11.1894)
- Date
- 1894-11-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 870 Weflerrrichlptzr Wochrnsttzrtfl Nr. 45 Wir Juden sind der Meinung, daß die Staatsgrundgesetze dazu da sind, um ausgeführt zu werden; wir sind der bescheidenen Meinung, daß der Eid, welchen die Minister auf die Berfasiung und auf alle anderen Gesetze geleistet haben, auch den Juden gegenüber heilig ist und sein muß und daß es mit diesem Eid nicht verträglich erscheint, wenn man die Juden vom Staatsdienst entgegen den klaren Bestimmungen der Verfassungsgesetze unter allerlei nichtigen Borwänden ausschließt, sie um ihr Recht betrügt. Will die Regierung die Staatsgrundgesetze von allen Staatsbürgern respectirt sehen, so möge sie selber mit edlem Beispiele vorangehen und voranleuchten! Ich habe gesprochen. Aus dem Parlamente. „Das haben nicht die Juden eingeführt, das ist Gottesgesetzt" rief Pater Sch eich er aus, als der Abgeordnete Doctor Bloch in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 5. November d. I. gegenüber den Angriffen des Abg. Pattai aus die jüdische Schächtmethode sich auf die religiösen Vorschriften der Juden zum Schutze der Thiere berief. Und der Abgeordnete Dr.B lo ch erwiderte darauf: „Ganz richtig, es ist göttliches Gebot." Und nun die Frage: Wenn diese Vorschriften, deren wichtigste und grundlegendste jene über das Schächten ist, göttliches Gebot sind, wenn katholische Priester selbst den göttlichen Ursprung dieser Gesetze in öffentlicher Parlamentssitzung anerkennen, warum halten sich nur die Juden daran, warum schüren selbst katholische Priester wie S ch e i ch e r und Seifert die Agitation gegen das Schächten? Ja. es ist Gottesgesetz, daß Thiere nicht unnöthig leiden sollen unter der Hand des Menschen. Und vor 4000 Jahren bereits haben die Führer und Gesetzgeber des jüdischen Volkes erkannt, was die größten Physiologen unserer Zeit, an ihrer Spitze Rudolf Bircho w, durch die Erkenntniffe der modernen Wissenschaft bestätigen, daß das Schächten die rascheste, sicherste und schmerzloseste Art der Tödtung ist. Das Gebot Gottes ist zugleich das Gebot der Wissenschaft! Und doch steht der Pater Sch eich er und stehen viele seiner Berussgenvffen auf Seite Derer, welche dieses Gottesgesetz bekämpfen. Die Beweggründe dieses Kampfes hat der Abgeordnete Dr. Bloch mit einem einzigen Worte aufgedeckt: „Nicht um den Thierschutz handelt es sich Ihnen", rief er Herrn Pattai und deffen Gesinnungsgenoffen zu, „sondern nur darum, den Juden Eins am Zeuge zu flicken!" Wären dem Pater Scheicher die Gottesgesetze über den Thierschutz heilig, wie könnte er dann schweigen zu jenen Grausamkeiten, welche die Jagd im Gefolge hat? Die Jagd ist den Juden verboten, nur ein geschächtetes und nicht ein^ jagdgerecht erlegtes Wild darf genoffen werden. Hier zeigt sich, daß das Schächten die Grundlage aller thierfreundlichen Bestimmungen des Alten Testamentes ist. Die Jagd ist bei den Juden verboten, aber sie bildet das „edelste" Vergnügen gerade jener Gesellschaftsschichten, welche sich so gern die Stützen des Christenthums nennen. Wenn der alttestamentarifche Thierschutz eine göttliche Institution ist, warum geht Herr Pater Scheicher nicht hin und verkündet diese humanen Gesetze unter seinen Glaubens- und Gesinnungsgenossen? Er trägt ja das Kleid des Priesters, er ist ja berufen, das Wort Gottes zu verbreiten! * * Das Alte Testament! Der Pater Scheicher höhnt es, wie es der Pfarrer D e ck e r t verhöhnt hat. Der Pfarrer von Wein haus hat das Andenken Davids verunglimpft und der priesterliche Abgeordnete für St. Pölten zuckt höhnisch die Achseln und meint, jeder Mensch hat Fehler, auch König David habe solche gehabt. Sie sehen in David einen Patentjuden und sie glauben, das Judenthum zu verkleinern, wenn sie diese erhabene Gestalt aus seiner Geschichte verkleinern. Der Abgeordnete Dr. Bloch hat es absichtlich vermieden, das Andenken David's in Schutz zu nehmen. Er hat sich lediglich damit begnügt, zu constatiren, daß das Neue Testament den Stifter der christlichen Religion den „Sohn David's" nennt. Und nun fragen wir: Wenn man Lueger oder Scheicher sagen würde, daß ihr Vater ein Wüstling, ein Meuchelmörder gewesen sei, würden sie nicht über solche Schmähungen ihrer werthen Person entrüstet sein? Christus wird der „Sohn David's" genannt. Jeder Christ, der David lästert, lästert damit den eigenen Erlöser. Das Neue Testament beruft sich unausgesetzt auf Abraham Isaak und Jacob und auf alle Propheten. Man lese nur die betreffende Stelle in der Rede des Abgeordneten Dr. Bloch über die Abhängigkeit des Neuen vom Alten Testamente. Wer dieses letztere besudelt, besudelt damit das Christenthum selbst, wer David und die Erzväter schmäht, schmäht den Ursprung der christlichen Religion. Es fehlt nicht an weltlichen Verkündern der antisemitischen Heilslehre, welche direct die Forderung nach Verleugnung des Alten Testamentes erheben. Aber das sind Leute, die nicht auf dem christlichen, sondern auf dem arischen Standpunkte stehen. Kann ein katholischer Priester auf demselben Standpunkte stehen? Wir hoffen, daß uns Pater Scheicher bei nächster Gelegenheit eine Antwort auf diese Frage gibt. * * Wird er eine solche Antwort finden? Er und seine Gesinnungsgenoffen haben nach der Rede des Abg. Bloch, welche in den Kern der Antisemitenfrage — wohlgemerkt: der Anti- . semitenfrage und nicht der Judenfrage eindrang — langwierige Berathungen abgehalten, um nach einer Erwiderung zu suchen, die auch vorher angekündigt und allgemein erwartet wurde. Die Herren waren sich über die Tragweite des offenbar unbeabsichtigten Zugeständnisses des Pater Scheicher, daß die jüdischen Thierschutzgesetze göttliches Gebot seien, ebenso klar, wie über die tiefe Wirkung des Nachweises, daß Altes und Neues Testament untrennbar miteinander verbunden seien. Mit nervöser Hast, mit fieberndem Eifer wurde am Tage nach der Rede des Abg. Dr. Bloch das stenographische Protokoll studirt, man hielt Conventikel auf Conventikel, man flüsterte und wispelte, man concipirte eine ganze Reihe thatsächlicher Berichtigungen, um sie im nächsten Augenblicke wieder zu verwerfen. Hier gibt es keine Berichtigung, Gottes Gesetz läßt sich nicht umstoßen — das haben die Herren Scheicher und Consorten gefühlt und sie haben deshalb auf jede Entgegnung verzichtet. Dem Abgeordneten Dr. Bloch sind übrigens aus Anlaß dieser Rede von Corporationen, Gemeinden, Rabbiner und Vereinen telegraphisch und schriftlich zahlreiche Zustimmungs-Kundgebungen zugekommen, für welche an dieser Stelle der Dank ausgesprochen wird. Drohende Verschärfung der Sonntags putze. Jaroslau, 1. November 1894. Hochgeehrte Redaction! Gestatten Sie mir, in Ihrem geschätzten Blatte einige Worte an die Handel- und gewerbetreibende Bevölkerung mosaischen Glaubens zu richten. Der Handelsminister hat vor einigen Tagen den Entwurf einer Novelle znm Gesetze, betreffend die Sonntagsruhe, dem Abgeordnetenhause vorgelegt, welcher die bisher geltenden diesfälligen Bestimmungen merklich verschärft und eine solche Berkehrsbeschränkung an Sonntagen statuirt, wie sie nicht einmal zur Concordatszeit bei uns bestanden hat und wie sie auch heute nirgends besteht. In Deutschland müssen die Geschäfte nur während des sonntäglichen Gottesdienstes gesperrt bleiben, sonst nickt. In England, wo die Sonntagsruhe am strengsten durchgeführt ist, sind von derselben jene Gewerbetreibenden ausgenommen, welche Nachweisen, daß sie in Gemäßheit ihrer Religion einen anderen Tag der Woche heiligen und durch 24 Stunden feiern. Nur in unserem armen Oesterreich, welches im Vergleich zu anderen Staaten so schon einen minimalen Industrie- und Handelsverkehr besitzt und bestrebt ist, dieses Gebiet zu erweitern, diese Erwerbsquellen zu stärken und zu vermehren, will man dieses Ziel dadurch erreichen, daß man fortwährend neue Beschränkungen dem Handel und Gewerbe auferlegt. Sind diese Beschränkungen für Industrie und Gewerbe in unserer Monarchie schon im Allgemeinen hemmend und ab.- tödtend, so enthalten sie speciell den israelitischen Gewerbetreibenden gegenüber eine solche Ungerechtigkeit, daß man staunen muß, daß sich unter unseren Abgeordneten Niemand findet, der darauf aufmerksam macht. Jedermann weiß es doch, daß 99 Percent aller jüdischen Handels- und Gewerbetreibenden kraft des Gebotes ihrer Religion gezwungen sind, den Sabbath zu feiern und an diesem Tage durch volle 24 Stunden sich jeder Arbeit zu enthalten. Mit Ausnahme der großen Städte Wien, Prag, und Brünn, wo die Juden in dieser Beziehung offen gegen das Gebot ihrer Religion handeln, sind in allen anderen Orten unserer Monarchie am Samstag alle jüdischen Handlungen und Werkstätten geschloffen, so daß das gesammte Geschäfts- und Arbeitspersonal dieser Gewerbsleute durch volle 24 Stunden wöchentlich von jeder Arbeit ausruht und dem Gottesdienst obliegen kann.