Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-09 · 45 (9.11.1894) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021007-3021053--04010-3028175
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 45 Veflrrredtztphr Wochenfitzrist Seite 869 mit seinem eisernen Schlachtwagen über sie und zerschnitt sie mit Messern und durchsägte sie, wie man Ziegel formt. »Habt Ihr je etwas Entsetzlicheres gehört? Man glaubt diese Opfer der jüdischen Grausamkeit jämmerlich zerfetzt vor sich liegen zu sehen und das Wehegeschrei der Unglücklichen zu hören. Und dieser eine Fall war nicht genug. „So that David in allen Städten der Söhne Amons!" nach dem Zeugnisse der heiligen Schrift. „Und doch heißt eS, daß David nach dem Herzen Jehovas war; er war also sonst ein frommer Jsraelite, das Muster eines solchen. Seine Blutthaten werden freilich auch in der heiligen Schrift getadelt; er durfte deshalb seinem Gotte nicht den Tempel erbauen. Wenn nun in einem Manne wie David so unmenschliche Grausamkeit lebte, was soll man von anderen Israeliten sagen, die doch nicht alle ganz nach dem Herzen Gottes sind. Müßte ich alle Züge der Grausamkeit und alle Greuel, die sich in der Geschichte der alten Hebräer finden, vorführen, ich fände heute kein Ende." Aus einer anderen Partie (liest): „Um nur Einiges zu erwähnen. Da heißt es: Juda zeugte den Pharao aus der Thamar; das warseine Schwiegertochter. Wer die Stählungen der Bibel kennt, findet da Hurerei, Ehebruch und Blutschande vereinigt. Das, meine Herren, ist von der Kanzel herab gepredigt worden. (Abgeordneter Br. Scheicher: Es ist aber auch so!) Darüber werden wir schon noch sprechen (liest): „Weiter lesen wir: David zeugte Salomon aus dem Weibe des Urias, aus Bethseba; das ist wieder Ehebruch, verbunden mit Meuchelmord und Berrath. Bon Salomon, dem weisesten und berühmtesten der israelitischen Könige, dessen Regierung das goldene Zeitalter der Geschichte Israels ist, sagt die heilige Schrift blos, daß er ausländische Weiber zu sehr liebte; aber wenn man näher zusieht, liest man, daß er außer der Tochter Pharao's noch 700 andere Frauen hatte; damit hatte er noch nicht genug, er nahm dazu 300 Kebsweiber. damit die Zahl voll sei, 1000 Weiber! und „ein" Mann. Ist das nicht doch zuviel?" (Heiterkeit!) Und Sünder der abscheulichsten Art verschmähte der Heiland nicht, zu seinen Ahnen zu zählen. Meine Herren! Die alten Arier pflegten, wenn sie miteinander kämpften, vorerst ihre Götter gegenseitig zu beschimpfen. Daß aber wir es nöthig haben, unsere beiderseitigen Ahnen so zu beschimpfen, geht doch nicht an? Abhängigkeit; des Neuen Testamentes vom Alten. Was sagt aber das Neue Testament zu dem, was Pfarrer Deckert in seiner Kirche gepredigt und durch den Druck weiteren Kreisen zugänglich gemacht hat? Das wichtigste Zeugniß für die Messianität Jesu sieht das Evangelium in der Vorherverkündung im Pentateuch, in der Weissagung des Erzvaters Jacob I. Bk. 49 10. Als die Pharisäer die Gotteskindschaft Jesu negirten, wie wurde diese vertheidigt? Auf westen Zeugniß berufen sich die Apostel? Blos auf David! „Er aber. David, spricht durch den heiligen Geist: Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: fetze Dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße". Und Zacharias, der Vater des heiligen Johannes, der Gatte der heiligen Elisabeth hat nach dem Neuen Testamente am Beschneidungstage seines Sohnes des heiligen Geistes voll geweissagt: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat erlöset sein Volk und hat uns aufgerichtet ein Horn des Heils in demyause seines DienerDavid." Matthäus XXll, 29—33 ist zu lesen: „Ihr habet vernommen, was euch Gottes Mund verkündete — ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs — der Ewige kann aber nicht ein Gott der Tobten, sondern nur der Lebenden sein." Dasselbe ist auch bei Marcus Xll, 26 und 27 zu lesen." Lukas I, 54 und 55 preist sich Maria ob ihres Kindes mit den Worten: „Gott gedachte seiner Barmherzigkeit, wie er es verheißen hat unfern Vätern, dem Abraham und seinem Samen in Ewigkeit." Daselbst 72 und 73 rühmt sich der Vater von Johannes dem Täufer mit den Worten: „Und zu gedenken seines heiligen Bundes, den Bund des Schwures, welchen er zugeschworen hat unserem Vater Abraham." Lukas Xlll, 28 sind die Worte Jesus zu lesen: „Dann wird sein Heulen und Zähneklappern, wenn ihr Uebelthäter sehen werdet, Abraham, Jsak und Jakob und alle Propheten im Gottesreiche, und Ihr bleibet ausgeschlossen!" Lukas XX. 37 wird gleichfalls der Gott Abrahams, Jsaks und Jakobs als Beweis für die Auferstehung der Tobten verwendet. Diese Verse können tausendfach vermehrt werden. Die Bedeutung der alttestamentarischen Gestalten für das Christenthum ist eine ungleich höhere als für uns Juden. Denn für uns Juden sind sie blos unsere Ahnen; wir verehren sie wie Sie, meine Herren, Ihre alten deutschen Ahnen verehren, aber sie sind für uns nicht das, was sie für Sie sind: das Zeugniß und die Zeugen des Heiles. Meine Herren! Stellen Sie alle Bücher von Freimaurern und Freidenkern auf den Index, lassen Sie Alles confisciren und verbrennen; und verbreiten Sie nur solche Predigten unter den Leuten, und um das Christenthum ist es geschehen! (Widerspruch.) Und wenn Sie erst den Christen beibringen, daß Jene, die das Zeugniß des Heiles waren, daß die Erzväter und Propheten, die das Erscheinen des Messias vorher verkündet hatten, Wüstlinge und Meuchelmörder waren—das letzte Resultat, meine Herren, wird dann das Volk schon selbst ziehen. (Widerspmch.) Es wird an Männern nicht fehlen, welche dem Volke die Confequenzen für das Christenthum und das Neue Testament klar machen werden. Wie heißt denn im Neuen Testament der Stifter des Christenthums? „Der Sohn Davids!" Ist nicht jeder Makel, den man dem Namen Davids anheftet, ein Makel für das Christenthum? Abgeordneter Dr. Lueger: Was können denn wir dafür, daß der David so war! (Heiterkeit) Abgeordneter Dr. Scheicher: Ein Mensch kann ja auch Fehler haben; und hat er Fehler, so müssen Sie das zugeben: Vizepräsident Br. Kathr ein gibt das Glockenzeichen.'i Abgeordneter Dr. Bloch: Ich habe noch nie gehört, daß man von heiligen Personen speciell die Fehler heraussucht (Sehr gut!) und in einer großen Kirche vorträgt, um den Leuten zu zeigen: Seht, so hat der Heilige gehandelt! Das Volk lernt daraus, daß man alles Böse thun und doch ein Heiliger sein kann. (Widerspruch.) Es ist nickt meine Aufgabe, hier den David zu vertheidigen; (Heiterkeit.) Der Psalmensänger braucht meine Vertheidigung nicht. Ich habe blos constatirt, was in einer Wiener Kirche vorgeyt, welche Predigten dort gehalten werden, und zwar deswegen, um dem hochwürdigen Herrn Redner, Abt T r e u i nf e l s zu zeigen, wo es nothwendig ist. schärfere Maßregeln gegen antireligiöse Ausschreitungen zu ergreifen. Judenhaß hat noch immer in Bibelhaß umgeschlagen. Der Ministereid auf die Staatsgrundgesetze. Seine Excellenz der Herr Ministerpräsident hat beim Empfange einer Deputation des katholischen Lehrervereines dieser empfohlen, sich von der antisemitischen Bewegung und Agitation fernzuhalten. Die officiöse Presse hat sich beeilt, davon Mittheilung zu machen. Heute wird seine Durchlaucht vielleicht selbst schon die Ueberzeugung gewonnen haben, daß man gegen derartige Ausschreitungen mit frommen Wünschen, mit Empfehlungen nichts ausrichtet. Das Volk sieht nicht auf die Reden, es sieht blos auf die Thaten der Minister. Ich bin überzeugt, daß diese Strömung des öffentlichen Geistes dem Christenthum mehr schadet als uns Juden. (Abge* ordneter Br. Lueger: Fürchten Sie sich nicht!) Abgeordneter Dr. Bloch (-’« Lueger gewendet): Ich sage, die Criminalstatistik hat bewiesen, daß seit der antisemitischen Bewegung die jüdischen Verbrecher abnehmen und die christlichen zunehmen. (Heiterkeit.) . .. Will seine Durchlaucht der Herr Ministerpräsident diese Strömung des öffentlichen Geistes zurückdrängen, so muß er zunächst und vor Allem darauf achten, daß die Administration und die Justiz diese abträgliche öffentliche Meinung nicht fördert. Wenn der Staat selber die Juden boycottirt, das heißt sie von allen Staatsanstellungen aussckließt, so ist es für den schlichten Menschenverstand eines Staatsbürgers schwer begreiflich, warum er persönlich die Juden nicht boycottiren dürfte. Wenn zum Beispiel trotz der bestehenden Staatsgrundgesetze in den letzten Jahren nicht ein einziger jüdischer Äuscultant ernannt worden ist, so gelangt der schlichte Mann zu der l gewiß irrigen Ueberzeugung, daß die hohe Regierung den Juden! als einen Staatsbürger niederer Sorte ansieht, gegen den man! es besonders genau nicht zu nehmen braucht. m

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.