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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-09 · 45 (9.11.1894) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
45 (9.11.1894)
Date
1894-11-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 868 Vrstrrretchllche WrnhenschrM Nr. 45 Er hat uns aus Zeitungen eine Anzahl von unzüchtigen Inseraten vorgelegt. Ich bin weit entfernt davon, meine Herren, das zu vertheidigen. Wenn es sich um unzüchtige und unredliche Inserate handelt, geht es mir wie dem Grafen Sandor, der im Jahre 1848, als man vor seinem Palaste eine Katzenmusik machte, fragte, wem die Ovation gilt und als er sich überzeugt hatte, daß sie seiner Frau, einer geborenen Metternich gelte, sagte:„Meine Herren! warten Sie ein wenig, ich komme hinunter und pfeife mit". Aber der Herr Abgeordnete hat es leider unterlassen, uns zu sagen, aus welchen Zeitungen er diese Inserate genommen hat. Das wäre für uns sehr interessant gewesen. Ich habe hier auch Inserate und ich constatire, daß sie die Staatsanwaltschaft nicht confiscirt hat, da ist ein Inserat des „Grazer Tagblatt" in einer Freitagsnuwmer des Januar 1893, (liest): „Carneval 1893. Eine lebenslustige Frau aus der Provinz, deren Mann stets auf Reisen ist, sucht sich für den Fasching einen eleganten Herrn, der in der Lage ist, eine echte Drahrerin in allen Ehren auf Bälle, Redouten, Theater u. s. w. zu führen. Allfällige Zuschriften sind in der Administration des „Grazer Tagblatt" unter obiger Chiffre zu hinterlegen. 53 a. Ein Inserat vom 21. Juni d. I. im selben „Grazer Tagblatt" lautet (liest): „Ein Herr sucht gegen hohes Salair eine junge, hübsche Reitebegleiterin. Blondine bevorzugt. Briefe mit Photographie und Angabe von Alter an die Administration des „Grazer Tagblatt". Meine Herren! Das „Grazer Tagblatt" ist dasjenige Organ, welches die Schächthetze in Graz gegen die Juden eingeleitet, auf deffen Betreiben der Grazer Gemeinderath das Schächtverbot erlaffen hat; das „Grazer Tagblatt" ist ein deutschnationales antisemitisches Blatt. (Widerspruch.) Ich habe gesagt, daß das „Grazer Tagblatt" die Schächthetze in Graz arrangirt hat und bis heute die Juden in Graz verfolgt. Sind die Redacteure nicht Antisemiten? (Abgeordneter Schneider: Bas ist ein liberales Blatt!) Ich bitte, unterbrechen Sie mich nicht Sie werden sonst Anderes zu hören bekommen. » Meine Herren! Wir sprechen von Inseraten. Was geht in dem rcdactionellen Theile gewisser Zeitungen vor? Ich constatire wiederum, daß das, was ich hier vorlese, nicht confiscirt wurde. Ich habe vor mir eine Nummer des „Deutschen Volksblatt" vom 7. Mai 1894, ich werde das, was ich vorlese, nicht kritisiren, ich überlasse das Ihrem eigenen Urtheil. In dem Börsenberichte dieser Nummer heißt es (liest:) „Laura läßt sich an jedem Tage von einem Anderen kaufen und wieder an einen Anderen verkaufen .Laura läßt mit sich Stellagen machen, wobei man oben oder unten herauskommen, aber auch in der Mitte bleiben und dabei Schaden leiden kann." Meine Herren! Dies ist ein Blatt, an welchem der Herr Abgeordnete Dr. S ch e i ch e r selber mitarbeitet und in der Laura- Nummer befindet sich eine Conferenz - Rede des Pfarrers Dr. Deckert. (Abgeordneter Br. Sch ei c h er: Bas ist ja Ironie!) Ich überlasse die Ironie zur Beurtheilung dem hohen Hause. Der Herr Abgeordnete Dr. Pa tta i gab sehr interessante Ausführungen über die suggestive Wirkung der ausführlichen detaillirten Berichte über Gerichtsverhandlungen und Verbrechen. Ich erinnere mich genau, paß nach dem großen Scandalproceffe in St. Pölten ähnliche Delicte in allen Gegenden sich häuften. Welche Zeitungen aber in der Ausschrotung solcher Vorkommnisse sich am meisten Hervorthun? Meine Herren! wenn ich hier eine Behauptung wagen würde, so würden Sre sagen: Nun, der ist Jude, also parteiisch. 'Ich gestatte mir deshalb blos, Ihnen ein Urtheil von einem antisemitischen Fachmanne vorzulesen (liest): „Die „Ostdeutsche Rundschau" vom 19. Juni 1892 erklärt: „Der Bericht des „Deutschen Volksblatt" über den St. Pöltener Scandalproceß leistet das Höchste an Schamlosigkeit und stempelt dieses Blatt geradezu zum Bordellblatt. Eine reizende Lecture für die christliche Familie, diese naturalistische Schilderung einer Nothzuchtsscene! Pfui Teufel!" Behandlung jüdischer Sträflinge. Meine Herren! Ich habe von dem Theile der Juden gesprochen, welche das Mißgeschick oder es sich selbst zuzuschreiben hatten — ich habe für diese kein Mitleid — daß sie verurtheilt wurden. Aber der Zweck der Berurtheilung ist bei humanen, civilisirten Völkern nicht per, das Rachegefühl zu befriedigen an dem Verbrecher, sondern eine Besserung zu erzielen. Wie verträgt dies sich damit, meine Herren, daß man den jüdischen Verurtheilten härter bestraft, schon allein durch die Thatsache, daß er Jude ist? Ich rede da von den Verurtheilten in Galizien, die an ihrer Religion hängen und die dann, wenn sie eingesperrt werden, keine rituelle Kost mehr bekommen, daß heißt, entweder, indem sie sich daran gewöhnen, in ihrem religiösen Empfinden geschwächt werden, oder, wenn sie sich nicht daran gewöhnen, dem Hungertode preisgegeben werden. Meine Herren! Es sind schon Fälle vorgekommen, daß verhaftete Juden in Galizien, weil sie nicht-rituelle Kost zu genießen sich weigerten, im Kerker vor Hunger gestorben sind. Das ist offenbar eine Verschärfung der Strafe. Ich appellire an die Humanität unseres Herrn Justiz- Ministers, darin Wandel zu schaffen. Es geht nach seinen eigenen religiösen Anschauungen nicht an, daß man die verurtheilten Juden dazu anhält, ihre Religionsgesetze zu übertreten; man muß sie im Gegentheil dazu anhalten, daß sie in ihrem Leid und Mißgeschick sich wieder an ihre Religion anklammern. „dudenhass schlägt um in Bibelhass.“ Meine Herren! Der Herr Abgeordnete Treuinfels verlangte bei den Religionsdelicten eine größere Ausdehnung und noch strengere Bestrafung. Ich kann Ihnen gestehen, daß die ausgezeichnete Rede dieses Herrn Abgeordneten auf mich einen mächtigen Eindruck gemacht hat. Ich kann es ihm nachfühlen, was er über die Schmähung der christlichen Religion geklagt hat. Der Herr Abgeordnete Krona Wetter seinerseits behauptet (liest): „Es gibt kein Strafgesetzbuch, welches soviel religiöse Delicte hat, wie das unsrige. Im ungarischen Gesetze sind diese Delicte in zwei Paragraphen abgethan; ebenso kurz ist das französische und deutsche Gesetz. Ich bin für die Streichung dieses Paragraphen." Meine Herren! Er hat eigentlich Recht, aber wir leben in ganz exceptionellen Verhältnissen. Was bei uns in Oesterreich vorgeht, ist nirgends in Europa denkbar. . , ., .. - In Wien ist es vorgekommen, daß eine Predigt, die von der katholischen Kanzel gehalten worden, als sie gedruckt war, von der Staatsanwaltschaft wegen Blasphemie, wegen Gotteslästerung confiscirt worden ist, welche Confiscation durch alle Instanzen hindurch Bestätigung fand. Meine Herren! Was nach dieser Richtung in Oesterreich möglich ist, erlauben Sie, daß ich ohne Commentar lediglich dasjenige, was in einer Kirche gesprochen worden ist, Ihrer eigenen Beurtheilung überlasse. Ich habe die „Conferenzrede des Pfarrers Dr. Deckert" hier in der Hand, welche in eben derselben Nummer des „Deutschen Volksblatt" erschienen ist, welche die „Laura"-Geschichte enthielt. In dieser Rede wird nun von Abraham gesagt (liest) : „Abraham selbst hatte ja neben seiner rechtmäßigen Frau Sarah, eine Sclavin Hagar zum Kebsweibe, die nicht seines Stammes war. Desgleichen wissen wir von Jacob, daß er außer seinen zwei Frauen noch zwei Sclavinnen als Nebenfrauen besaß und die meisten Stammväter Israels halten diese Sclavinnen zu Müttern. Moses selbst, der Gesetzgeber des Volkes Israel, hatte eine Midianitin zur Frau, eine Tochter Jethros, und legte sich später zum Aerger seiner Geschwister noch eine Mohrin bei. Beim Auszuge aus Egypten zog, wie uns die heilige Schrift erzählt, viel fremdes Volk mit den Kindern Israels." Dann kommt eine Partie über David, in welcher seine Gräuel aufgezählt werden. Es wird nun dazugefügt (liest): „Wenn man diese Gräuel noch mit den unvermeidlichen Vorkommnissen bei Eroberungskriegen entschuldigen möchte, aber solche Grausamkeit findet sich auch später, und zwar in der Glanzperiode der Geschichte Israels, zur Zeit des Königs David. Was uns das zweite Buch der Könige im zwölften Capitel erzählt, gehört wohl zu dem Schrecklichsten, was je auf der Welt geschehen ist. Joab, der Feldherr Davids, hatte Rabbath, eine amonitische Königsstadt erobert, den König entthront und viele Beute gemacht. David kam, setzte sich die Krone aufs Haupt — nun das war das Recht des Siegers; nichts dagegen einzuwenden. Was geschah aber mit dem überwundenen, wehrlosen Volke? „David ließ es aus der Stadt herausführen und auf den! Boden niederstrecken; dann fuhr er, wie die Schrift erzählt,

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