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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-02 · 44 (2.11.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 44 Drsterretchfptzr MochenfchrM Seite 861 Adolf M o l l i n g einen schmerzlichen Verlust erlitten. Neben seiner weitverzweigten geschäftlichen Thätigkeit hat er seit 25 Jahren dem Repräsentantencollegium und dann dem Vorstande unserer Gemeinde angehört und stets mit lebhaftestem Interesse und größtem Pflichteifer seines Amtes gewaltet. Er saß außerdem im Vorstände des Israel S i m o n'schen Waisenhauses, sowie des Vereines für Altersversorgung und Krankenpflege. Die Verpflegung der Leidenden war seine angelegentlichste Sorge, und seine Biederkeit, Herzlichkeit und Freundlichkeit ließen ihn als steten Freund und Tröster am Krankenlager erscheinen. Ebenso widmete er über ein Vierteljahrhundert als Vorsteher des jüdischen Wohlthätigkeits-Vereines den umfassenden Obliegenheilen gerade dieses Vereines seine persönliche Thätigkeit und förderte in hervorragender Weise dessen gedeihliche Entwicklung und segensreiche Wirksamkeit. Sein Name wird stets in Ehren gehalten werden und sein Tod wird um so schmerzlicher beklagt, als in denl Nachwuchs unserer Gemeinde ein religiöser Jndisferentismus herrscht, durch den der alte Ruf zu schwinden droht. Das imposante Leichenbegängniß zeigte von der Beliebtheit, welcher der Verstorbene in weiten Kreisen sich erfreute. London, 20. October. Der hebräische Gelehrte Dr. Ginsburg stattete gestern Gladstone in Hawarden einen Besuch ab, um den greisen Staatsmann, welcher bekanntlich neben zahllosen anderen Gegenständen allen theologischen Fragen das tiefste Interesse entgegenbringt, die soeben vollendete neue Ausgabe des massoretischen Textes der hebräischen Bibel vorzulegen. Dem Verfasser zufolge ist dies die dritte große Ausgabe der ganzen hebräischen Bibel. Die erste wurde 1848 in Sconino, die zweite 1524 in Venedig gedruckt. Feuilleton. Hinüber—Herüber. Von Leo H erzberg -Fränkel. Der Schnee wirbelt in schweren Flocken und der eisige Nordwind fegt ihn zu Haufen zusammen. Jede Spur einer Straße ist verschwunden, die Graben sind nivellirt, und wenn ein Schlitten durch das Unwetter gleitet, ist die hinterlassene Furche bald verweht und das nächste Fuhrwerk zeichnet eine neue, ebenso rasch verwischte Linie. Was ihnen als Richtung dient, ist auf der einen Seite die Häuser und Kirchthürme der Stadt Brody, auf der andern der Kieserwald, der die russische Grenze umgürtet. In der Richtung gegen diesen schneestarrenden Grenzwald bewegt sich ein sonderbarer Zug. Auf einem breiten, roh gezimmerten Schlitten, von zwei kleinen, müden, schwerkeuchenden Pferden gezogen, sitzen nebst dem bäuerlichen Kutscher, der einen groben Leinwandsack als Kaputze trägt und seine armen Thiere durch Geschrei und Stockschläge fortwährend aneifert, zwei Frauen und drei kleine Kinder, in Tücher und Decken gehüllt, von einer dichten Schneelage, bedeckt, die Köpfe aneinander gebeugt, um sich gegenseitig zu stützen und zu wärmen. Zwei bärtige Männer und ein Jüngling, dürftig gekleidet und vom Schnee wie von einer weißen Mörtellage vollständig überkrustet, umgeben den Schlitten, den sie zuweilen, im tiefen Schnee, wo die Kraft der geplagten Pferde versagt, nachschieben. Hinter diesem Zuge folgt, das Gewehr unterm Arm, den Czako mittels Sturmbandes unterm Kinn befestigt, das Gesicht halb im aufgestülpten Mantelkragen vergraben, die Hände in weißen Wollhandschuhen versteckt, ein Gendarm, dessen Schnurbart, wie zwei Eiszapfen vom windgerötheten Gesichte herabhängt. Keiner spricht; der Sturm peitscht ihnen ins Gesicht. Nur mühsam nähert sich der sonderbare Zug dem glitzernden Walde, an dessen Saum eine strohgedeckte Hütte steht, die verlassene Wohnung eines Hegers mit offener Thüre und zerbrochenen Fenstern. Immerhin aber eine Zufluchtsstätte gegen den schneidenden Wind, der wie mit Nadelspitzen in das Gesicht fährt. So fest gefroren ist der Schnee an den Gewändern, daß alles Schütteln erfolglos ist und die Mäntel steif wie Bretter sind. Auf einem Hausen Stroh, der trotz des Frostes mephitische Gerüche aushaucht, ruhet die unglückliche Karawane aus; die Kinder wimmern, die Erwachsenen stärken sich an einem Schluck Branntwein, der wie Feuer durch das Blut züngelt. Auf der halb verfallenen Küche liegen einige verkohlte Scheiter, die die erstarrten Männer mittels Stroh in Brand stecken, obschon Fenster und Thüren der Kälte freien Einlaß gewähren. „Haben wir noch weit?" fragt einer der Männer den sie begleitenden Gendarm. „Bei diesem Weg und diesem Wetter wohl noch eine Stunde bis zum Ziele." „Was geschleht dort?" fragt Jener resignirt. „Wir langen an der Grenzmarke an, ich feuere einen Signalschuß ab, um die Kosaken von der Ankunft von Gefangenen zu verständigen und fahre sofort im Schlitten zurück, Euch auf dem neutralen Grenzstrich zurücklassend, ich habe mich darum nicht zu kümmern, ob Euch die Kosaken holen oder nicht." „Wir müßten ewig auf dieser schmalen Grenzlinie leben — sagt der Jude mit bitterer Ironie — die Kosaken sperren uns dort und Ihr hier den Weg. Hier weist man uns die Thür, dort verrammelt man den Eingang. Ein ewiges Hm- und Herzerren. Wir lebten ruhig in einem Dorfe bei Mosco, seit ich und mein Schwager nach langem Militärdienste rückkehrten, zwei Schwestern heirateten und uns dem Feldbau widmeten. Die übrigen Dorfbewohner lebten mit uns in Frieden und Eintracht, wir arbeiteten Alle schwer auf dem Stück Erde, das wir erworben. Wir pflügten, säeten und ernteten im Schweiße unseres Angesichtes, wie es in der Bibel heißt. Wir halsen uns gegenseitig im Dorfe, wie Söhne Eines Vaters. Da kam eines Tages aus der Kreisstadt ein Tschinownik und frug uns nach unseren Papieren. Wir wiesen ihm unsere Abschiede vom Militär nach belobtem Dienste vor. Dies genügte ihm nicht und er verfügte unsere Ausweisung binnen vierzehn Tagen, bei gewaltsamer Wegsührung nach Verlauf dieser Frist. Wie ein Blitz traf uns dieser harte Befehl. Die Dorfbewohner standen da, mit Thränen in den Augen und Mitleid in den Mienen. Unsere Ernte stand noch in den Halmen, das Heu lag in Tristen, das Obst hing an den Bäumen, unsere Hütten glänzten frisch getüncht und schönes Vieh wieherte und blöckte in den Ställen — wir sollten fort! Wir fuhren in die Kreisstadt, wir suchten Silfe, ohne sie zu finden. Wir fuhren nach Mosco, küßten dem eneral-Gouverneur die Stiefel, denn es galt unsere Existenz, die Zukunft unserer Kinder — umsonst. Die Zelt war kurz, die Dorfbewohner hatten kein Geld, wir mußten unfern langsam und mühselig erworbenen Besitz einem Großrussen unter der Hälfte des Werthes verkaufen und gingen aus Nimmersehen fort, mit uns Weib und Kind, die Trümmer unserer Habe, die Reste des vernichteten Wohlstandes. — Wohin? Für uns waren alle Wege gleich; Alle führten sie in eine ungewisse trübe Zukunft, entfernten uns von der gewohnten und emsig bebauten Scholle, die uns vor wenigen Tagen noch eigen war. Wir kamen nach Moskau und legten müde das Haupt auf die fremde Pritsche. Hinter uns war die Polizei und das Ausweisungspatent — Vorwärts! Eine Frau erkrankte, ein Kind starb, die Kräfte und die Mittel schwanden — wie dem ewigen Juden war uns keine Rast gegönnt — nirgends öffnete sich uns eine gastliche Thür, überall der Fußtritt der Polizei, der uns weiterstieß. In Berdyczew, in Pmsk und in Minsk, wo wir bleiben durften, konnten wir uns nicht erhalten. Tausende Schicksalsgenossen haben ihr Elend hergeschleppt und bekämpften einander im Lebensunterhalt; die Arbeit war billig und das Brod theuer. Einer drängte den Andern, Einer trat dem Andern auf die Füsse. Die Siechen blieben, die Gesunden zogen weiter. Wir kamen im weiten Bogen nach Eydkunen, um deutsches Gebiet zu betreten. Die Ruffen ließen uns hinüber, die Preußen stießen uns herüber. Wieder standen wir im russischen Bereiche und sahen selten dort bie Sonne untergehen, wo wir sie aufgehen sahen. Unsere Mittel, unsere Kräfte, unser Muth nahmen ab. Wir zogen weiter. Bei Graniza betraten wir die österreichische Grenze. Kaum jedoch hatten wir den Fuß auf den fremden Boden gesetzt, als wir ergriffen und nächtlicher Weile zurückgestoßen wurden, in das Land, das uns ausstieß. Die Frauen weinten, die Kinder jammerten, wir fluchten unserm Geschicke und waren rath- und trostloser denn je. Wir lebten unter der Wucht der Polizei, das Leben des Wurmes unterm Fußtritte. Hin- und hergezerrt, konnten wir keinen Erwerb ausüben, kein Ruheplätzchen finden, keinen Plan fassen und nicht die ausländische Erde betreten, auf der uns Erlösung winkte. Nach rechts ^und links, vor- und r rückwärts geschoben, wandertcn wir östlich und suchten abermals einen Durchbruch nach Oesterreich. Endlich bei Sturm und Schneegestöber, einer

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