Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021052--04002-3028166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 868 Veyerretchischr WochenschrM llcr. 44 Kälte, die das Blut in den Adern gefrieren machte, betraten wir wimmernd und zitternd das Land unserer Hoffnung, wo uns die endliche Erlösung winkte — da wurden wir abermals gepackt und aus dem schwer erreichten Asyl in das alte Gesängniß zurückgewiesen. Hier stehen wir wieder auf der Grenzscheide der beiden Reiche, zwischen Freiheit und Verfolgung, zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Lassen Sie uns zurück, He-r Gendarm, nach Oesterreich, Sie retten so viele Menschenleben." „Ich darf Euch weder zurücklassen, erwiderte mitleidig der bewaffnete Begleiter, noch der russischen Grenzwache übergeben. sondern blos auf die neutrale Linie beider Staaten, bis zum Grenzgraben bringen und dann rückkehren, Euch Eurem Schicksale überlassend. Thut dann was Ihr könnt und der Himmel helfe Euch. Nun müssen wir aber weiter, die Nacht rückt vor -- die Eure abermalige Rückkehr begünstigen könnte", fügte er leise zu. Draußen heulte der Sturm, krachten die dürren Aeste der Bäume, wirbelte der Schnee und langsam setzte sich der Zug der schwer geprüften Menschen in Bewegung — kein Stern leuchtete diesem Elend, das schwere, schwarze Wolken dem Auge Gottes verhüllten. Endlich, endlich ragten die Grenzzeichen aus der Schneefläche auf. Hier ist das Ziel. Alles stieg aus dem Schlitten, in den der Gendarm einstieg. um die beschwerliche Heimfahrt anzutreten. „Arme Leute, sagte er, der Himmel habe Erbarmen mit Euch und diesen kleinen Geschöpfen!" Im freien Felde, mitten in der Schneewüste und später Nachtstunde blieben die Unglücklichen zurück. Aus der Ferne blitzte zuweilen durch den Schneewirbel das Licht einer Wächterhütte, aber keine Patrouille zeigte sich. Das harte Wetter, das sie mißhandelte, schützte zugleich die Märtyrer einer mittelalterlichen Barbarei. So verrann eine lange, bange Stunde. „Die Kinder auf die Rücken, sagte nun der ältere Mann und abermals den Weg angetreten, den wir gekommen; vielleicht schlüpfen wir diesmal durch, wenn das Maß unserer Leiden voll ist. Schlechter kann es so nicht mehr werden!" Und unter Thränen und Gebeten begann die mühselige Wanderung gegen Westen. Draußen wirbelte der Schnee, blies ein eisiger Wind, die Kälte stach wie mit spitzen Ruthen in die Glieder. Der Bahnhof war fast leer, als das erste Läuten in — den grauenden Morgen hinaustönte — blos ein Häuflein armer, schneebedeckter, starrgefrorener Menschen schlich sich scheuen Blickes in den Zug und drückte sich zähneklappernd in die dunklen Winkel des weiten Waggons — endlich unter schützender Decke, endlich auf dem schwer erkämpften Wege zum Ziele! Die Minuten vergehen langsam und bleiern, jeder Laut auf dem Perron verbreitet Schrecken d'rinn' im ambulanten Asyl — eine Ewigkeit bangen lautlosen Wartens. Nun das zweite Läuten. Der Conducteur erscheint und coupirt die Karten, hinter ihm ein Gendarm, der die Coupes inspicirt — starrer Schreck lähmt die Unglücklichen im dämmerigen Waggon — einen Moment blicken sie sich gegenseitig an — die Einen hangend und bangend zwischen Tod und Leben, der Andere zaudernd und unentschloffen — es ist derselbe humane Mann, der die Armen zur ruffischen Grenze escortirte — dann aber wendet er sich rasch ab, die Thüre fällt heftig in's Schloß, das dritte Läuten ertönt, ein schriller Pfiff der Maschine erschüttert die Luft, der Zug beginnt langsam seine Bewegung und das Leben kehrt in die armen Wanderer zurück, die so viel gelitten und nun einer ungewissen dunklen Zukunft entgegengehen. Briefkasten. Herrn Sigm. W. Ihre freundliche Zuschrift beantworten wir mit der Gegenfrage: Warum buhlen diese Herren um die Gunst der Arbeiter?—Als Kenner der Geschichte werden Sie leicht „Darum" finden. Herrn Gustav Edl. v. Hier haben Sie eine i n d i e Augen fallende Parallele: „Der Pauperismus war die große sociale Frage der Kaiserzeit. Alle Versuche des Staates, ihm entgegenzuwirken, erwiesen sich als vergebens. Mancher Kaiser und auch Private suchten ihm durch milde Stiftungen zu steuern. Aber das geschah in höchst unzureichendem Maße; es waren Tropfen auf einen heißen Stein und die habgierige, römische Bureaukratie bildete nicht den besten Verwalter derartiger Einrichtungen". — Und heute? — Herrn Daniel K. Sie sind in einem großem Jrrwahne befangen. Noch im 16. Jahrhundert erklärte der bekannte schriststellernde Jesuit: Padre Josi de Acosta, in seiner „Historia natural de Indias“, 1588 erschienen: „Die Strafe des Himmels würde sicher tiejenigen ereilen, welche sich vermäßen, die weisen Schöpfungen der Vorsehung auf der Erde durch Menschenhände verbessern zu wollen." Herrn stuä. jur. K. L. Nein, weder Proudhon noch auch Brisiot, waren die Ersten, die das Wort: „La proprieti dest le vol“ gebrauchten. Basilius der Heilige, Ambrosius, Bischof von Mailand und Hieronymus der Heilige, also Männer, die, gleich dem Abte Treuinfels, das priesterliche Kleid trugen, lehrten von der Kanzel herab das, was dieser Abt mit Zuchthaus bestraft wissen will. Frau Sidonie v. K. Können wir mutatis mutandis nicht auch sagen: „Ja, das Beten und das Bitten ist erlaubt, Und erlaubt ist Alles überhaupt, Was niemals nützt den jüdischen Unterthauen. Wenn wir an ein Versprechen etwa mahnen, Gesetzlich bitten, was wir fordern können, Da will man uns das Bitten auch nicht gönnen. Man weist »ns ab mit kaltem Hohn zuletzt: Ihr habt die Form verletzt." Herrn Wolf. Die letzte und vorletzte Nummer des Moniteurs des „Zwettler Herrgotts" bestätigen so red)t deutlich die Wahrheit dessen, daß der Antisemitismus im Allgemeinem nicht ein Kampf des Christenthums gegen das Judenthum ist, sondern nur ein Kampf des rohesten Selbstbewußtseins der Natioualitäten gegen Christen- und Jucenthum zugleich. Bei der Partei der Christlich-Socialen hingegen bildet er blos den Deckmantel und gründet sich da aus die totale Unkenntnis; der Grundlehren des Socialismus. — Bei Lueger und den andern geistig bedeutenderen Führern dieser letzteren Partei ist er peciell weiter Nichts als nur ein Mittel zum Zweck. Für den Verein „Schaar Zion" (Hospital) in Jaffa sind bei uns ferner eingelaufen von den Herren: P. L fl. 5, Joses Pollak fl. 1, N. P.s 50 kr., O. K. fl. I, I. B. Gliekmann fl. 5, Heinrich Abeles in Döbling fl. 5, zusammen fl. 17.50. Hiezu die bereits ausgewiesenen fl. :0, macht zusammen fl. 27.50. Weitere Einsendungen werden dankbarst entgegengenvmmen. Herrn Haas in S. Paulo (Brasilien): Abonnementsbetrag fl. 10 bis 30. December 1894 erhalten. Restaurant Kühner. Die Beweise für die Untrüglichkeit der Rassentheorie mehren sich täglich. Während der LandesingenieurHei de als vermeintlicher Jude mißhandelt wird und einem Agitator Schönere r's beim Lucger-Fcst im Dreherpark das gleiche Schicksal passirte, war der jüdische Fiaker Isidor Gö tzl Nr. 723 Standplatz I. Börsegasse dazu ausersehen, bei der Lueger-Feier die Festtheilnehmer zu fahren. Isidor G ö tz l erschien diesen Nassenpolitikern als Arier. (Wiener Com munal-Lose.) Bei der am 2. November stattfiadenvenZ Ziehung der Wiener Communal- Lose beträgt der Verlust im Falle der Verlosung mit dem kleinsten Treffer etwa 38 fl. per Stück. Versicherungen gegen diesen Verlust übernimmt die Central-Depositencasse und Wechselstube des Wiener Bankverein, Wien, I., Herrengaffe Nr. 8. Näheres im heutigen „Inserat" derselben. 2500/« ßapjta|s.Erhöhung durch Gewinn-Ansammlung. Beispiel Nr. 103 (keine Tontinen). Polizze Nr. 2445 John Jelliff Newark (N. J.) Dauer: 1846—1893 Jahresprämie Doll. 5140. Gewöhnliche Todesfalls-Versicherung. Alter 33 Jahre Versicherungsbetrag.Doll. 2000.— Ausbezahlt beim Tode mit Doll. 5035.— Ausserdem wurden Dividenden im Betrage v. Doll. 771.— zur Prämienzahlung verwendet. Vermögen 967/g Millionen Francs. General-Direction für Oesterreich: Wien, I., Lobkowitzplatz Nr. 1. Tb Mutual 7' Verantwort!. Redacteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck von L. Beck 8c Sohn, Wien, VJXL, Lerchenselderstraße 46. (Telephon 3368.)