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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-02 · 44 (2.11.1894) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 856 Vesterreichifchr Wochenphrifl Nr. 44 EorresMnäenrm. Wien. (Von der Baron Hirsch-Stiftung.) In der am 30. d. M. stattgehabten Sitzung des Curatoriums der Baron Hirsch-Stiftung erschien zum erstenmale der neugewählte Curator, Herr Oberrabbiner Dr. Güdeman n. Derselbe wurde vom Präsidenten, Herrn David Ritter v. G u t m a n n, im Namen des ganzen Curatoriums auf das Auszeichnendste empfangen und mit warmer Ansprache hegrüßt, in welcher der Präsident das Curatorium zu einer so vorzüglichen Acquisition beglückwünschte, wodurch die Stiftung einen Mitarbeiter gewonnen, welcher durch reiches Wissen und pädagogische Erfahrung die Sache der Stiftung außerordentlich fördern werde. Sämmtliche Curatoren erhoben sich bei der Begrüßungsrede des Präsidenten, als Zeichen der Ehrerbietung, von ihren Sitzen. Die Erwiderung des Herrn Dr. Güdemann machte sowohl durch ihre bescheidene Form, als durch ihre wohlthuende Wärme einen nachhaltigen Eindruck. Wien. (Der Akademie-Präsident Löwy.) Eine Pariser Depesche im heutigen Abendblatte meldete, daß die gestrige Plenarsitzung der fünf französischen Akademien unter dem Vorsitze des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften, Moriz Löwy, stattgefunden habe. Löwy wurde in Bö sing (Ungarn) im Jahre 1833 geboren; besuchte dort die israelitische Elementarschule, und übersiedelte im 12. Lebensjahre mit seinen Eltern nach Wien. Löwy absolvirte zuerst die polytechnische Hochschule in Wien, widmete sich dann astronomischen Studien und trat später in die Wiener Sternwarte ein. Obwohl er durch seine hervorragende Befähigung und seinen Eifer die Aufmerksamkeit bald auf sich zog, konnte er dennoch in seiner Heimat die wissenschaftliche Carriere nicht länger verfolgen, und zwar wie in Vaperan's „vietionnaire des Contemporains“ bezeichnend genug bemerkt wird: „4eause äe sou origine israßlite.“ Der berühmte französische Astronom Le Verrier. dem Löwy's Arbeiten aufgefallen waren, veranlaßte dessen Uebersiedlung nach Paris und bot ihm eine Stelle im Pariser Observatorium an. Rasch stieg nun der junge Gelehrte 'in die Höhe, und im Jahre 1873 wurde er Mitglied der Akademie, als deren Präsident er jetzt fungirt; auch den Akademien von Wien. London und Petersburg und anderen gelehrten Gesellschaften gehört er an. Seine astronomischen Arbeiten haben ihm viele Auszeichnungen gebracht. Im Jahre 1864 ließ sich Löwy in Frankreich naturalisiren; es ist ihm eine zweite Heimat geworden. Wien, den 28. October. Während bei uns in Oesterreich jedes aufstrebende Talent und Genie, wenn sich dieses bei einem Angehörigen des jüdischen Stammes äußert, wenn auch nicht immer geradezu unterdrückt, doch aber zumeist von maßgebender Seite ignorirt, keinesfalls aber gefördert und unterstützt wird, hält man in 1a belle Francö an der schönen Parole: „lübertß, Dgalitß, Fraternit€“ noch immer fest. In den leitenden Kreisen Frankreichs spielt die Confession keine Rolle und braucht der durch seine Verdienste um die Wissenschaft hervorragende Jude nicht erst alt und grau zu werden oder seinen Geburtsfehler durch die Taufe zu corrigiren, um die verdiente Auszeichnung von der Regierung zu empfangen. In Frankreich wird Demjenigen, der sich Verdienste um die Wissenschaft, um das Wohl der leidenden Menschheit erworben, ohne Berücksichtigung des Alters und der Confession die gebührende Anerkennung zu Theil. Einen neuen Beweis für diese längst bekannte Thatsache bietet uns die jüngst in den meisten Tagesblättern gebrachte Nachricht von der persönlichen Ehrenbezeugung und Decorirung des Professors Roux, welcher die Serumtherapie zur Bekämpfung einer der gefährlichsten und häufigsten Krankheiten, der Diphtheritis, mit so großem Erfolge in Paris eingeführt hat, seitens des Präsidenten der Republik, Casimir Perier. Was uns Juden aber besonders interessirt und erfreut, ist die Ehre, die bei dieser Gelegenheit unserem Landsmanne und noch jugendlichen Glaubensgenossen, Herrn Dr. Alexander Marmorek, dem vom Prof. Pasteur in seinem Institute ein Laboratorium eingeräumt wurde, durch den Besuch des Präsidenten Casimir Pe r i e r und dessen ausmunternde Worte zu^ Theil geworden. Anläßlich seines Rundganges durch die Räume des Pasteur'schen Institutes betrat der Präsident das Laboratorium des Herrn Dr. Alexander M armorek, des „jungen österreichischen Gelehrten" wie ihn Pariser und Wiener Blätter nennen, welcher vom Herrn Prof. Roux als der einzige Ausländer dem Präsidenten vorgestellt wurde. Herrn Dr. Marmorek in's Gespräch ziehend, erkundigte er sich eingehend bei ihm über seine Forschungen im Institute und verabschiedete sich von ihm unter einem HändedruckmitdenWorten: „Nons sommes henreux de voir venir Jesetrangers chez nous, ponr aider et preter lenr secourß dans les travaux ponr Je salut de l’humanite'. (Wir sind glücklich, die Fremden zu uns kommen zu sehen, um uns in unserer Arbeit zum Wohle der Menschheit ihren Beistand hilfreich zu leihen.) Zur Orientirung der geehrten Leser theilen wir mit, daß Herr Dr. Alexander Marmorek ein Bruder des rühmlichst bekannten Architekten Oscar Marmorek, des seinerzeitigen Chef.Architekten der Tbeater- und Musik-Ausstellung, und ein Sohn des hier in vielen Kreisen beliebten und seit vielen Jahren prakticirenden Arztes Dr. Josef M a r m o r e k ist. 8. L—r. Wien. (DieChristlich-Socialen und das Kleing e w e r b e.) In der gestrigen Versammlung des Bü rgervereines im dritten Bezirke sprach Handelskammerrath Zimmermann über die Principien der Gewerbegesetzgebung und deren Einfluß auf das Kleingewerbe. Er zeigte, daß seit dem Zeitpunkte, als die verbündeten Reactionären mit ihrem Bestreben nach Einschränkungen auf dem Gebiete des Kleingewerbes siegten, auch ein stetiger Rückgang des Gewerbes im Allgemeinen zu verzeichnen sei. Statistisch lasse sich Nachweisen, daß die Kleingewerbetreibenden immer größere Steuerrückstände aufzuweisen haben und daß die Erwerbsverhältnisse überhaupt sich trotz des als so wohlthätig gerühmten Gewerbegesetzes immer ungünstiger gestaltet haben. Hieran tragen die antisemitischen Voltsbeglücker die Hauptschuld. Ihren systematischen Verhetzungen sei es zuzuschreiben, das der Kundenkreis vieler Gewerbetreibender sich eingeschränkt habe, und dies habe auch die Concurrenzfähigkeit wesentlich beeinflußt. Das Eldorado des Mittelalters, das den verblendeten Massen vorgespiegelt werde, sei in einer Zeit, in der der Fortschritt auf allen Gebieten nicht mehr einzudämmen ist, eine bloße Chimäre. Mit dem Schimpfen auf die Juden, mit den Denunciren der Concurrenten, mivdem parteipolitischen Kampfe lasse sich für das Gewerbe nichts erreichen. Haß und Brotneid seien nicht die Säulen, auf denen das Wohl des Kleingewerbes aufzubauen sei. Ein schwacher Schimmer der Besserung beginne sich bereits zu zeigen. Die privilegirten Volkstribunen verlieren schon an Zugkraft, das öde Geschimpfe, die sich immer gleichbleidende Suada der vortrefflich inscenirten christlichsocialen Productionsabende widert langsam die sonst gefügigen Massen an, vielleicht kommt doch wenigstens ein Theil von ihnen zur Erkenntniß und dann werden sie finden, daß die Wege der Liechtenstein und Lueger nicht die Wege eines strebsamen, ehrlich arbeitenden Gewerbebetreibendensind. — Der Bortrag fand den lebhaftesten Beifall der Versammlung. Wien. Die akademische Verbindung „Kadimah" (XXIV. Semester), IX., Müllneraasse 13, publicirt folgenden Ausruf: _ ..Jüdische Commilitonen! XXHI Semester sind verflossen, seitdem die akademische Verbindung „Kadimah" die Fahne der nationalen Judenheit entrollt hat. Anfangs wie ein unzeitgemäßer Scherz belächelt, hat sich jetzt nach mehr als einem Decennium ernster Erfahrungen bei einem großen Theile der jüdischen Studentenschaft die Erkenntniß Bahn gebrochen, die wir bei unserer Gründung und seither immer vertreten haben, die Erkenntniß nämlich, daß unser Heil nur in der Selbsthilfe liegt. Darum fort mit lächerlicher Ässimilationssucht, fort mit unmännlicher Verleugnung seiner selbst! Fort auch mit dem unthätigen optimistischen Zuwarten auf eine bessere Zukunft! Schaaren wir uns um ein gemeinsames Programm, welches allein unseren Interessen entspricht: Das nationale Programm. , In solidarischem Zusammenstehen wollen wir unser Recht vertreten, in der Pflege nationaler Eigenart und nationaler Geschichte und Literatur wollen wir den Muth für ein selbstbewußtes Auftreten schöpfen. Darum, jüdische Commilitonen, wer von Euch noch Herz und Sinn für die Ehre seines Volkes hat, schließe sich uns an! Mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, soll er geistig und physisch ausgebildet werden für den Kampf um die höchsten Güter seines Volkes. I. A. d. C. Dr. med. Leonhard Gerbe/ Dr. med. Armin Mayer, dz. Präses. " dz. Schriftführer."

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