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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-02 · 44 (2.11.1894) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 44 Veflerretchifrtze WoltzenfrtzrM Seite 853 Geschichte der Juden in Rom von der ältesten Zeit dis zur Gegenwart. Von De. A. Berliner. Frankfurt a. M. 1893. Zehnmal während der Zeit von 1873—1893 und jedesmal mehrereWochen hindurch warDr.Berli n er, Lector am orthodoxen Rabbiner-Seminar in Berlin, in Rom und hatte so Gelegenheit, in den Archiven der jüdischen Gemeinde, in den Bibliotheken und in den unterirdischen Gängen der Katakomben mit ihren Grabmalern den Stoff zu sammeln zu der vorliegenden, umfassenden Geschichte der ehrwürdigen jüdischen Gemeinde Roms. In doppelter Beziehung verdient sie diese Bezeichnung; zunächst durch ihr Alter, da ihre Entstehung in die Zeit des zweiten Tempels zurückreicht, dann aber durch die unsagbar schweren Leiden, die sie ertragen und — ohne in ihrem innersten sittlich religiösen Kern getroffen zu sein, überstanden hat. . Die Beziehungen zwischen Jerusalem und Rom reichen bis in die Zeit der ersten Hasmonaeer zurück und beginnen im Jahre 159 vor Chr. G. mit der Absendung jener Gesandtschaft, durch welche Juda Macabi den Römern ein Freundfchaftsbüudniß anbieten ließ. Man darf mit größter Wahrscheinlichkeit annehmen, daß seit jener Zeit unablässig Juden der Weltstadt zuströmten; sicher ist, daß sie schon vor dem Jahre 58 vor Chr. G. in so großer Anzahl da waren*) und eine so fest organisirte Gemeinschaft bildeten, daß sie in-den Volksversammlungen von Einfluß waren. Das ergibt sich aus der in diesem Jahre gehaltenen Rede Cicero's zur Bertheidigung des Flaccns, der wegen der Wegnahme der jüdischen Tempelgelder angeklagt war. „Du weißt", ruft er mit Beziehung auf die Juden dem Richter zu, „wie zahlreich jener Bolkshaufe ist, wie er zusammenhält und wie viel er in den Volksversammlungen vermag". Ihre äußere Stellung war eine sehr günstige; von Cäsar und Augustus besitzen wir noch viele Erlässe, die alle den Zweck haben, ihnen die freie Ausübung ihrer Religion und die Aufrechthaltnng ihrer Privilegien zu sichern.**) Die Römer waren vom Hause aus sehr tolerant, und wenn auch im Allgemeinen jeder fremde Cultus als Superstitio (Aberglaube) bezeichnet wurde, so fehlte es doch auch nicht an Männern, welche für die Art der jüdischen Gottesverehrung volles Verständniß zeigten. So führt Varro für seine Behauptung, daß „der Gottesdienst reiner geblieben wäre, wenn der Gebrauch, der zwei Jahrhunderte hindurch bei den Römern bestanden hatte, die Götter ohne Abbild zu verehren, sich erhalten hätte", den jüdischen Cultus an. Der Spott, mit welchem Juvenal und Martin l die Juden übergossen, trifft nur ihr äußeres Auftreten; aber weder bei ihnen noch in der ganzen classischen Literatur ist eine Stelle nachweisbar, in welcher von den Juden behauptet wird, daß sie sittenlos gewesen seien oder daß sie unrechtmäßige Mittel angewendet hätten, um Reichthümer zu erwerben. Juvenal, der den Krämergeist der Griechen geißelt, würde gewiß die Juden nicht geschont haben, wenn sie in dieser Richtung Grund zu einer Anklage gegeben hätten. Mit Ausnahme vereinzelter Maßregeln blieb es auch so in der späteren Kaiserzeit, und es liegt keine Nachricht darüber vor, daß die Juden R o m s von den grausamen Verfolgungen, welche Vespasian und später Hadrian über -die palästinensischen Juden verhängt hatten, irgendwie betroffen worden seien. Welche Anziehungskraft die jüdische Religion auf viele römische Patricier ausübte, wie viele von ihnen, wenn sie auch nicht ganz zum Judenthum übergingen, doch metaentL8 — wie der Ausdruck auf Inschriften lautet — d. h. von jüdischer Gottesfurcht erfüllt waren, ist bekannt. Außerdem mochte wohl auch die Reinheit und Innigkeit des jüdischen Familienlebens, das sich von dem der Römer, wie es gleichzeitige Schriftsteller schildern, so glänzend abhob, eine große Anziehungskraft namentlich auf die Frauen ausgeübt haben. Einen Beleg für diese den Tod überdauernde Treue und gegenseitige Anhänglichkeit der jüdischen Familienglieder bieten die Grabschriften in den Katakomben, von denen Berliner 146 mittheilt. Sie sind zum größten Th eile in griechischer und nur ein kleiner Theil in lateinischer Sprache *) Wie groß dieselbe war. beweist die Erzählung des Josephus, daß au die Deputation der 50 Greise, die nach dem Tode des Herodes in Rom erschienen, um ihre Angelegenheiten dein Kaiser vorzutragen, 8000 römische Juden sich angeschlossen hatten. **) Wie dankbar die Inden dafür waren, beweist die Miltheilung des Suetonins, daß sie viele Nächte hindurch den Grabhügel Cäsar's aufsuchten und seinen Tod beklagten. abgefaßt. Hebräische Worte finden sich nur vereinzelt, auch die Namen sind fast durchwegs griechisch oder lateinisch. Die eben geschilderte günstige Lage der Juden in R ozn dauerte bis in die ersten Jahrzehnte des vierten Jahrhunderts. Erst in der späteren Regierungszeit C o n st a n t i n 's traten einzelne Beschränkungen ein, bis ihnen endlich unter Theodosius II. im Jahre 439 das römische Bürgerrecht, das sie bis dahin genossen hatten, entzogen wurde. lieber ihre weiteren Schicksale in den nächstfolgenden Jahrhunderten haben sich keine Nachrichten erhalten. Erst im 12. Jahrhunden werden die Juden unter der 3cholae genannt, welche zur Zeit der Ottonen die laudes des Kaisers beim Hinaufziehen zum Capitol sangen. Auch bei der Schilderung des feierlichen Umzuges, den der neugewählte Papst Calixtns hielt, wird ihrer erwähnt. Sie erschienen dabei mit ihren Thorarollen, was später zu einem feststehenden Gebrauche wurde und sich bei jeder Thronbesteigung eines neuen Papstes wiederholte. Was nun die Lage und Stellung der römischen Juden in dieser und der nächstfolgenden Zeit betrifft, so muß man allerdings, wenn das heidnische Rom zur Vergleichung herangezogen wird, zugestehen, daß sie sich wesentlich verschlimmert hatte. lieber Verfolgungen, über das Gebot, besondere Abzeichen an den Kleidern zu tragen, über Confiscirung von Büchern, über Schändung von Gräbern und Zertrümmerung von Leichensteinen wird in liturgischen Gedichten, die um diese Zeit entstanden, bittere Klage geführt. Aber solche Vorfälle blieben doch immer nur vereinzelt, und im Großen und Ganzen war die Lage der Juden in R o m einstweilen noch ungleich bester als in den übrigen christlichen Ländern Europas. Die strengen Verordnungen, welche die Päpste gegen die Juden erließen, kamen eigenthümlicherweise in Rom am allerwenigsten zur Anwendung, sei es, weil man erkannte, daß bei dem Versuche einer praktischen Durchführung derselben das allgemeine Wohl in erster Linie leide, sei es aus anderen materiellen Gründen. Die christliche Bevölkerung Roms war zum größten Theile nicht feindlich gegen die Inden gesinnt, die letzteren wohnten mitten unter den christlichen Mitbürgern zerstreut in der ganzen Stadt und waren weder auf einen einzelnen Theil derselben angewiesen, noch in ihrem Erwerbe beschränkt und behindert. Benjamin von Tudela, der im Jahre 1160 in Rom weilte, schildert die Lage der dortigen Juden in günstigen Farben. Er erwähnt unter Anderem einen Rabi Jechiel, Enkel des Verfassers des Aruch, der „Beamter des Papstes ist, bei ihm aus- und eingeht und sein Haus und Vermögen verwaltet". Ganz besonders begünstigt wurden aber in dieser Zeit einzelne jüdische Aerzte. Wir besitzen noch ein Schreiben des Papstes Bonifacüus IX.. beginnend mit den Worten: „an den geliebten Sohn Angelus Manneli, den Arzt und unfern Vertrauten" (Familiaris), in welchem er dessen Tugenden rühmt, die er aus eigener Erfahrung kenne und ihn zu seinem Arzt und Hausgenossen ernannt. Einem Arzte, Elyas S a b b a s, gehört auch der erste Bürgerbrief, der sich erhalten hat. Er ist im Jahre 1405 ausgestellt, und der Papst rühmt darin seine „rühmlich bewährte ärztliche Kunst, mit der er vielen kranken Christen zur Wiedererlangung ihrer Gesundheit hilfreich sich erwiesen hat". Eine gleiche Anerkennung erhielten auch die Aerzte Joseph Z a r f a t i und dessen Sohn Samuel von Papst Julius II. im Jahre 1504. Joseph Zarfati hatte auch Gelegenheit, sich dankbar zu beweisen. Als nämlich, so erzählt Gregororius, der Papst am 17. August 1511 bereits todtgesagt wurde, da plünderten die Palastbeamten sofort seine Wohnzimmer, so daß selbst im Schlafzimmer kaum ein Stück Linnen übrig blieb. Da erklärte aber der jüdische Arzt, daß der Papst nicht todt sei, und gab sogar noch Hoffnung für sein Leben. In der That genas der Papst und lebte noch bis zum Jahre 1813. Von dem Ansehen welches Bonet de Lates bei Leo X., dessen Leibarzt er war, genossen haben muß, zeugt der hebräisch geschriebene Brief Renchlins an ihn, in welchem er ihn um seine Fürsprache bei dem genannten Papste in Angelegenheit seines Processes bittet. Jakob Mantino, der als Leibarzt bei Paul III. in hohem Ansehen stand, zeichnete sich auch durch seine große Gelehrsamkeit aus. Er übersetzte Maimunis Einleitung zu den Sprüchen der Väter in's Lateinische, ebenso einige Commentare des Averroes zu den Schriften von Aristoteles und Plato. Daß aber diese Männer ihre Stellung und ihren Einfluß benützten, um ihren Glaubensbrüdern nützlich zu sein und ihre Lage zu verbessern, darf als selbstverständlich angenommen werden.

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