Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 852 KeflrcrrntzUHr MochrnkchrM *tr. 44 haben will. Der Richter sprach Mark! dennoch frei, mit der Begründung, daß ihm die Anssage eines Zeugen, der bei Nagel als Gehilfe bedienstet ist, nicht zur Ueberzeugung von öf Schuld genüge. Nagel meldete die Berufung an. - MEi« jüdischer Deputirter ~Iü der bulgarischen Kammer. In der am Sonntag den 23. Oetober neu eröffneten bulgarischen Deputirten-Kammer befindet sich auch ein jüdischer Abgeordneter. Es ist dies Peter Gober, ein jüdischer Landwirth, aus Rußland eingewandert, der sich das Vertrauen seiner neuen Landsleute dermaßen erworben, daß er mit einer Mehrheit von 238 Stimm;» in die Kammer entsendet wurde. Sein Gegencandidat war kein Geringerer als der Ministerpräsident. Nach der Wahl erhielt der neue Deputirte zahlreiche Ovationen von Seite der Wähler. Abermals ist ein Antisemitenführer von der Aetionsbühne abgetreten. Der Dc. med. König in Witten. der Führer der rheinisch-weftphälischen Antisemiten und Abgeordnete für den Reichstags-Wahlkreis Rmteln-Hofg'ismrr-Wolfshagen, erlägt im Wittener „Märkischen Tagblatt" eine Erklärung, worin er mittheilt, daß er sein Mandat beim Zusammentritt des Reichstages niederzulegen und sich gänzlich von oem politischen Leben zurück;uziehen gedenke. Die Gründe für seinen Rücktritt sind nicht angegeben. Sollte Dr. König vielleicht müde geworden sein, mit A h l w a r d t, L e u ß re. Schulter an Schulter zu arbeiten? Ein deutsch-socialer Student veröffentlicht in der antisemitischen „Deutsch-Socialen Corr." folgendes erbauliche Inserat: Ein Student, der übec vilN Studium der socialen Frage sein eigentliches Fach Studium etuias vernachiäisigc hat. bittet behufs Beendigung seiner Studien edeldeukenoe Gciluuu lgsgeuosseu um ein Darlehen von 500 bis 60) Mark zu 5 bis 6 Perzent verzinslich; rückzahlbar innerhalb 4 bis 5 Jahren. G.-falluze Anerbietungen beliebe man unter E. P Kr. an die Geschäftsstelle der „D.-S. Bl." zu richten. Die antisemitischen Brüder brauchen das Geld zu wichtigeren Dingen. Warum Treitschke fiel. Die wissenschaftlichen Kreise in Berlin erörtern lebhaft den plötzlichen und unerwarteten Sturz des Hofhistorikers der Hohenzollern. Herr Professor v. Treitsch ke ist in die tiefste Ungnade gefallen, und er, der oft hohenzollerischer war, als die Hohenzollern, ward von einem Sprößling dieses Hauses in Acht und Bann gethan. Professor v. Treitschke darf nicht mehr das Staatsarchiv betreten; die Quelle, aus der er schöpfte, ist vertrocknet. Nicht der erste Historiker Deutschlands ist es, den der Donner der königlichen Ungnade trifft. Heinrich v. S y b e l ward vor einem Jahre von einem gleichen Schicksale ereilt, wie nun Prof. Treitschke. Kaiser Wilhelm scheint nur die Geschichtsschreibung ad usum imperatoris zu lieben, und das Lob, welches Heinrich v. Sy bel dem Fürsten Bismarck spendete, verletzte den deutschen Kaiser ebenso tief wie der Tadel, den Professor v. T r e i t s ch k e dem König Friedrich Wilhelm IV. angedeihen ließ: Prof. v. Treitschke der nicht genug herbe und empörte Worte gegen Heine finden konnte, weil derselbe den Romantiker auf dem Königsthron verhöhnte, fällt wegen seiner Haltung diesem selben Monarchen gegenüber in Ungnade. Allerdings wird behauptet, Kaiser Wilhelm habein der Charakteristik, die der Historiker von Friedrich Wilhelm IV. gibt, Behauptungen und Anspielungen aus die Gegenwart entdeckt. Deutsche Blätter citiren einige Stellen aus dem geschriebenen Porträt Friedrich Wilhelm's IV. Treitschke, um nur einige dieser diversen Citate wiederzugeben, sagt beispielsweise: „Wenn sich nun unter all' den verheißenden Plänen ein einziger völlig ausgereifter, staatsmännisch durchdachter Entwurf befunden hätte! Jndeß jene leidenschaftliche Lust am Erfolge, selbst am verkümmerten Erfolge, welche den Mann der Thal bezeichnet, war ihm völlig fremd. Er liebte, an der Fülle seiner Gedanken wie an einem künstlerischen Spiel sich zu weiden, und in den langen Jahren des Harrens verlernte erst fast, zu fragen, wie all diese Herrlichkeit in's Leben treten solle." Und dann meint der Historiker wieder, daß Königsworte, nur wenn sie Thaten sind, im Volk fortleben. Professor v. Treitschke ist über den Leichnam Friedrich Wilhelm's IV. gestürzt; selbst verstorbene Monarchen können Schriftstellern und Gelehrten gefährlich werden. Aus Rußland. Die werkthätige Hilfe der Juden bei dem diesjährigen Einsammeln der Broternte namentlich in Südrußland hat nicht verfehlt, in der Presse wie bei den Orts, behörden einen nachhaltige» Eindruck zu hinterlassen. So weiß der „Woßchod" (Nr. 34, vom 21. August a. S.) nach dem „Kijewljauin" mitzutheilen, daß die Ortsbehörden in Kleinrußland durch ein Circular des Generalgouverneurs anfgefordert worden sind, über die bemerkenswerthe und Wohl zum erstenmale deutlich hervortretende Erscheinung Detailberichte einzusenden und namentlich über die Anzahl der jüdischen Landarbeiter in den einzelnen Kreisen, sowie über den Werth der von ihnen geleisteten Arbeit genaue und ziffernmäßige Angaben zu machen. Das sonst gut antisemitische Blatt fügt noch redaetionell hinzu: Die jüdischen Landarbeiter hätten es reichlich verdient, daß die Ortsbehörden mit Bezug auf sie und mit besonderer Rücksicht auf den offenbaren Nutzen, den sie der hart bedrängten Laudwirthschaft bringen, einige mildernde Ausnahmen in der Handhabung der Ausnahmebestimmungen walten ließen. Es sei hart und seh; der Undankbarkeit bedenklich ähnlich, wenn sofort nach gethaner Arbeit der Landrath oder dessen Gehilfe, von Polizisten begleitet, sich einstellt und von den ermüdeten, halbtodt abgearbeiteten Juden verlangt, sie J müßten unverzüglich den Heimweg nach der Stadt anlreten, indem sie kein Recht haben, auch nur eine Stunde länger die Landluft einzuathmen. Auch wird aus diesem Anlaß wieder lebhaft die Frage der Ansiedelung der Juden als Ackerbauern in den westlichen und südwestlichen Provinzen in der russischen Preffe erörtert. Die in der Judenfrage zurückhaltenden und vornehme Neutralität beobachtenden „Rußkrja Wjedomosti",, das Organ der Moskauer Universität, schreiben z. B. (Nr. 292, vom 23. August a.S.): „Die jüdischenAckerbau-Ansiedlungen im Westen undSüdwesten sind durchaus nicht verschwunden wie man dies allgemein, aber irrthümlich anzunehmen pflegt. Die neueste Arbeit Nikitins beweist vielmehr, daß noch im Jahre 1888 nicht weniger als zweihundertundachtzehn solcher Ansiedlnngen in den westlichen Provinzen existirten, mit einer Bevölkerung von über 34 Tausend Personen männlichen Geschlechtes, die eine Fläche von 33 Tausend Dessätinen bebauten". Das Blatt weist ferner darauf hin, wie Nikitin in seinem ersten Werk „die Juden als Ackerbauern" aus Grund amtlich festgestellter Thatsachen, an denen sich beim besten Willen nicht rütteln läßt, überzeugend dargethan habe, daß an dem verhältnißmäßig geringen Erfolg der von der Regierung gegründeten jüdischen Ackerbaucolonien in Neurußland lediglich die ungünstigen Ortsbedingungen und die unverantwortliche Leichtfertigkeit und Sorglosigkeit der herrschenden Behörden Schuld sind.^ Die „Rnßkaja Jizne" — Nr. 211 vom 22. August — citirt eine Correspondenz des antisemitischen „Kijewljanin" über jüdische Fabriksarbeiter im Süden. Aus Perejaslow wird dem Kijewer Blatte geschrieben: „Unlängst ist hier eine Fabrik für Crgaretten-Hülsen errichtet worden. Bereits jetzt arbeiten in dieser 26 jüdische Kinder — meist Mädchen im Alter von 12 bis 15 Jahren. Die Arbeitszeit beträgt 12 Stunden täglich, von 7 Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends mit Unterbrechungen und Ruhepausen von 2ll2 Stunden. Dabei haben viele der jugendlichen Arbeiterinnen einen Weg von 1 xj.2 Stunden nach der Fabrik zurückzulegen und man sieht daher die Armen schon um 5 Uhr Morgens auf die Arbeit gehen. Die 26 Kinder stellen täglich etwa 80 Tausend Hülsen fertig und bekommen einen Tagelohn von sage 25 Kopeken (gleich 50 Pfg.). Ungeachtet dessen ist der Zudrang von „Händen" — lauter jüdischen Kindern! — so groß, daß der Besitzer, Herr Lo pino w, schon ernstlich um die Vergrößerung der Fabriksanlagen und um eine entsprechende Vermehrung der Production besorgt ist". Mit der jüdischen Arbeitsscheu und Faulheit scheint es demnach doch nicht so weit her zu sein. . Jüdische Officiere in der französischen Armee. Unter imposanter Betheiligung wurde dieser Tage in Paris Dr. Vidal, Generalarzt der französischen Armee, zu Grabe getragen. In seinem ergreifenden Nachrufe feierte der Oberrabbiner Zadoc Kahn das lebhafteste Interesse, welches der Verblichene dem Jndenthum und seinen Interessen entgegenbrachte. In dem Trauergefolge befanden sich vier jüdische Divisionsgeneräle und zahlreiche ändere jüdische Officiere.