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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-02 · 44 (2.11.1894) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 850 VrsterreiiMche Wochenschrist nt. 44 eingestellt und seinem Beispiele sind noch andere Liberale Innsbrucks gefolgt. Die „Ostdeutsche Rundschau" ist über diese Handlungsweise wüthend. Es ist charakteristisch, daß dieselben Blätter welche den Hetzruf: „K a u ft n u r b e i C h r i st e n!" an der Spitze jeder Nummer mit großen Lettern anbringen, sofort Ach und Weh schreien, wenn Juden eine ihnen angethane Beleidigung mit gleicher Münze vergelten! Sofort wird dann gejohlt, daß den Juden „die Elementarbegriffe von Anstand fehlen". — Herr Wilhelm Dannhauser ist Stadtrath von Innsbruck, Mitglied der Handels- und Gewerbekammer, des Staatseisenbahnrathes und Censor der Oesterreichisch-ungarischen Bank. Die Familie D a n n h a u s e r ist schon länger als 300 Jahre in Innsbruck ansässig und erfreut sich allgemein großer Achtung. Annagelu! Unter diesem Schlagwort finden wir in den „Politischen Fragmenten" folgende Notiz: „Schlechter als die Prostituirte, die nur des lieben Lebens willen ihre Ehre an lüsterne Geldbesitzer verschleißt, ist die Kupplerin, und eine solche ist das liberale „Grazer Tagebla t t". Wer es nicht glaubt, der lese folgendes Inserat (21. Juni). „Ein Herr sucht gegen hohes Salair eine junge, hübsche Reisebegleiterin. Blondine bevorzugt. Briefe mit Photographie und Angabe von Alter an die Administration des „Grazer Tageblatt". — Ein Mann, der Geld hat (selbstverständlich ein Semite», sucht ein Mädchen, das ihn für gute Bezahlung auf der Reise begleitet, ihm seine Ehre und seinen Leib opfert „gegen hohes Salair". Er hat viel Geld. Das Blut steigt Einem zu Kopfe, wenn man dies liest! Er will keine Gefallene, denn sonst dürfte er seine Auswahl in den Bordellen treffen. Er will ein junges, hübsches Mädchen, und dieser Schurke äußert sogar seine Vorliebe für Blondinen. Er will sie zur H . . . machen, und das liberale „Grazer Tageblatt" steht ihm Pathin dabei". Die „Deutsch-Socialen Blätter" bemerken hiezu: „Es ist dies semitischer Brauch. Man erinnere sich, wie im Talmud von einigen Rabbinern erzählt wird, daß sie, wenn sie in eine fremde Stadt kamen, öffentlich anfragen ließen, welches Frauenzimmer sich ihnen für die Dauer ihres Aufenthaltes zur Verfügung stellen wolle. Wenn man Semiten gewähren läßt, darf man sich nicht wundern, wenn sie semitisch verfahren." Die Entrüstung der „Politischen Fragmente" und der „Deutsch-Socialen Blätter" ist vollkommen gerechtfertigt, nur wenden sie sich damit an die unrichtige Adresse. Das „Grazer- Tageblatt" ist kein liberales, sondern ein deutschnationalantisemitisches Blatt, welches principiell kein Inserat von Juden aufnimmt. Wenn es trotzdem in seinen Spalten Kuppelei treibt, so gewinnt man damit nur einen Maßstab für das sittliche Niveau jener antisemitischen Kreise, in denen das „Grazer Tageblatt" verbreitet ist. Es geschieht übrigens nicht das erstemal, daß wir das antisemitische „Grazer Tageblatt" auf solchen Bordell-Inseraten ertappen. Wir haben schon eine ganze Reihe derselben „angenagelt" und stehen den „Politischen Fragmenten" mit unserer Sammlung zur Verfügung. Damit erledigen sich auch die blöden Bemerkungen, welche die „Deutsch- Socialen Blätter" an die Entdeckung der „Pol. Fragmente" knüpfen. Christlich-sociale Humanität. In dem fortschrittlichen Organe „SträL na Cidlinö" lesen wir: „Vor einigen Tagen starb in S l o u p n o der Fabriksarbeiter Franz S k a l i tz k y und hinterließ eine Witwe und sechs kleine unversorgte Kinder. Seine Krankheit hatte über 20 Wochen gedauert und die Familie in große Noth gestürzt. Seine Collegen in der Fabrik, in welcher er gearbeitet hatte, veranstalteten eine Sammlung, die 38 fl. ergab, und die Betriebskrankencasse schenkte der Witwe 10 fl., so daß sie im Ganzen 48 fl. zur Deckung der Begräbnißkosten und der nothwendigsten Bedürfnisse erhielt. Du^ch ein bisher unaufgeklärtes Versehen bezahlte die Witwe dem Todtengräber bei Bestellung des Grabes statt 2 fl. nur 1 fl. 50 kr. Der Todtengräber verklagte die Witwe beim Pfarrer von Metlitschau, und dieser, ein durchseine „Menschenfreundlichkeit" gegenüber seinen Nächsten allgemein bekannter Herr, schrieb der Witwe einen Mahnbrief, in welchen er u. A. Folgendes vorhält: . . . Der Todtengräber hat nur 1 fl. 50 kr. bekommen. Das ist ein Schundkniff, der bei mir nicht gilt und ihr seid verpflichtet, dem Todtengräber noch 50 kr. zu bezahlen, sonst wird der Selige im Grabe so lange keine Ruhe finden, bis Ihr es bezahlt habt; 1 fl. 50 kr. bekommt er nur von Bettlern, die auf Genleindekosten beerdigt werden, und da wird kein Leinen zum Herablassen benützt, sondern Stricke, die nicht geputzt werden müssen . . . ." Zum Schluß sprach der hochwürdige Herr noch etwas von einer Belastung des Mannes im Fegefeuer, wenn die 50 kr. nicht bezahlt werden. Eine recht praktische und — christliche Execution das, nicht wahr? Die herzlosen Peiniger und Bedrücker des Volkes sind aber nur die Juden. Im Spiegel. Im antisemitischen „20. Jahrhundert" (1893, S. 490 ff.) hält Otto von Leixner der gegenwärtigen Gesellschaft einen Spiegel vor und die reflectirten Bilder sind eine köstliche Illustration dafür, wie „deutsch" und „edel" die antisemitische Gesellschaft ist, die sich über das Judenthum entrüstet. Leixner schreibt: Je mehr sich der Wille der Mehrzahl auf äußere Güter hinlenkte und darin von der öffentlichen Meinung bestärkt wurde, desto mehr entfesselt wurden die ichsüchtigen Triebe der Menge. Die Gier nach Gewinn, womöglich nach raschen, nach schnellen Erfolgen aus allen Gebieten; der Schachergeist, die Streberei und der ungesunde Ehrgeiz wuchsen heran und drängten die Innigkeit der zarteren, edleren Gefühle zurück. Das I ch wurde der Götze, der die Mehrheit der Deutschen beherrschte. Wo das eintritt, ist sittlicher Rückgang unausbleiblich. Vermindern mußte sich die ichsüchtlose Hingabe an die Pflicht, der ernste Mannessinn, der vor Allem danach strebt, die Zustimmung seines Gewissens zu erlangen, und lieber Notb, Kummer und Verkennung auf sich nimmt, als von den Ueberzeugungen seines Gemüths läßt. Und selbst das, was in solchen Zeiten für die „Nächsten", für das „allgemeine Wohl" gethan wird, geht zum größten Theil aus verhüllter, verfeinerter Ichsucht hervor, ist nicht von Herzenswärme erfüllt, sondern nach rein äußerlichen Maßstäben aufgi-baut und berechnet. Es fehlt eben gar oft an Männern, die ihre ganze Innerlichkeit für das Wohl Anderer einsehen. Von keuschem Sinn darf man heute unter deutschen Jünglingen und Männern kaum sprechen, wenn man nicht ausgelackt sein will. Und leider! gibt es auch schon genug Mädchen und Frauen, denen schamhaftes Wesen als veraltet gilt. Ich hasse jene Schamspielerei, die vor jedem natürlichen derben Worte zurückschreckt, alles Natürliche im Leben, Kunst und Dichtung verdammt. Sie ist oft nur ein Mantel, den die befleckte Einbildungskraft benutzt. Aber zwischen dem Natürlichen und dem Frivolen gähnt eine tiefe Kluft, denn das Zweite gebt aus unreinen Trieben und Vorstellungen hervor und schließt oft die Absicht in sich, solche zu wecken. Heute ist die Lebenslust in der Gesellschaft voll unreiner Keime; in Kunst und Dichtung ebenfalls. Man spricht von „freiem Geist", wenn eine Frau sich von Lebemännern Zoten erzählen läßt, ohne den Frechen zu ohrfeigen; unter dem Vorwände, daß man sein Wissend erwehren, Menschen kennen lernen wollte, werden Bücher gelesen, die im Kerne einfach schamlos sind, mögen sich die Verfasser in noch so viel wissenschaftliche Fetzen hüllen. Ein Mädchen oder eine Frau gar mancher reindeutscher Gesellschaft würde ausgelacht, wenn sie sich weigerte, ein liederliches Lustspiel, Pariser Mache, anzusehen, „weil es ihr sittliches Gefühl verletze". Wenn das auch im Allgemeinen nur in den großen Städten Vorkommen kann, so wird in kleineren und auf dem Lande in anderer Art gesündigt. Und die Künste mißbrauchen das Wort Natur, um damit das unsittlich, schamlos Empfundene zu decken, und sie geben den „Gebildeten" in oft ungemein verfeinerter Form Gift. Von den Sünden 'meiner Geschlechtsgenossen will ich weiter nicht spechen, die Thatsachen sind bekannt, und an uns, an uns allein liegt die Schuld. Ein antisemi-tischer Herbergsvater. Der „Freigeist" schreibt: Wie von einem so recht und echt Christlich-Socialen die Nächstenliebe und Ehrlichkeit gepflogen wird, darüber möge nachstehender Vorfall Zeugnis; geben. Lebt da in Seifersdorf ein ehriamer Hausirer, Josef Förster mit Namen, dem es plötzlich vor nicht gar langer Zeit einfiel, für anderer Leute Geld ein nettes Häuschen zu erbauen. Unser sehr stommer und friedliebender Herr Pfarrer litt zur selben Zeit gerade an den Geburtswehen eines katholischen Männerverrims, doch dank der Beihilfe einiger recht geistvoller, charakter-

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