Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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B^%fe«BaKgigJ40^ **'-~--iw.,. Nr. 44 Orstrrrrichifche Wochrnschrifk SeÜe 849 Sie hat auch schon Erfolge erzielt. Regner's „Revue" hört mit neuem Jahre auf, zu erscheinen, und auch der „Volksfreund" des Herrn Dr. P s e u n e r geht ein. Das scheint aber Herrn Spitzer nicht genug zu sein, er will mehr und immer mehr haben. Wenn die „Politischen Fragmente" kein christliches Blatt sind, dann ist natürlich die „Reichspost" des Herrn Spitzer doppelt christlich, dann ist sie das einzige Organ der christlich-socialen Partei in Wien, und deshalb müssen die Abonnenten der „Fragmente" zum neuen Jahre mit Sack und Pack zur „Reichspost" übergehen." Dabei plaudern die „Fragmente" manches interessante Geschäftsgeheimniß aus: Die Elsenbahnverstaatlichung gehört mit zu den Fnndamentalsätzen des christlich-socialen Parteiprogramms. Als letzthin die Verstaatlichung der Südbahn auf die Tagesordnung der öffentlichen Discussion kam, war aber das Blatt ganz außer sich. Herr Spitzer schrieb gleich eine ganze Artikelserie gegen die Eisenbahnverstaatlichnng überhaupt und gegen die Verstaatlichung der Südbahn insbesondere. Wie reimt sich diese Haltung der „Reichspost" als Parteiorgan der Christlich-Socialen zusammen? Oder soll die christlich-sociale Partei vielleicht deshalb gegen die Verstaatlichung der Südbahn stimmen, weil in dem Organ des Herrn Spitzer jede Woche ein großes, pauschalirtes Inserat der genannten Eisenbahngesellschaft prangt, das Herr Spitzerzu verlieren fürchtet, wenn die Südbahn verstaatlicht wird? Kein christliches Blatt hat auch noch unsere Verdienste um die christlich-sociale Bewegung in Abrede gestellt. Nur Herr Spitzer „ist so frei"! Sein Blatt zählt wohl erst nach Monaten, aber als Abkömmling des auserwählten Volkes glaubt er, sich herausnehmen zu können, Alles zu Hofmeistern. Niemand ist mehr sicher, von der semitisch-antisemitischen „Reichspoft" angerempelt und in seiner Existenz geschädigt zu werden. Das Schauspiel, die Gesellschaft sich gegenseitig die Wahrheit sagen zu hören, ist erhebend. Sie haben ja beide so recht. Auch diejenigen der zweiten Richtung der antisemitischen Blätter Wiens schießen seit einigen Tagen mit gehacktem Blei aufeinander, Schönerer, Steinwender und Vergani liegen sich mit wahrer Berserkerwuth in den Haaren. Die Veranlassung zu diesem häuslichen Zwiste bilden die Vorgänge bei dem am 24. d. M. abgehaltenen Antritts-Commerse der deutschnationalen Studentenschaft, zu welchem sich Herr S t e i n w e n d e r mit den Seinen in Erwartung eines glänzenden Triumphes eingefunden hatte. Aber Herr Steinwender denkt und Herr Schönerer lenkt mit Hilfe seines allzeit getreuen Leibknoppen K. H. Wolf. Der erfindungsreiche Abgeordnete für Villach hatte sich den Wiener Universitätsprofessor Gegenbauer bestellt, welcher die deutschnationale Studentenschaft zur'Einigkeit mahnte und erklärte, zwischen Studenten und Profesioren dürften keine Schranken aufgerichtet werden, „auch nicht von asiatischen Einwanderern". Zu den charakteristischesten Merkmalen der antisemitischen Gesinnung gehört die Respectlosigkeit vor geistiger Capacität, die eiserne Stirne. Männer, wie Hofrath Professor G o mp e r z, Hofrath Professor Lieben, Hofrath Professor N e um a n n werden von Leuten von dem Schlage G e genbau e r 's von deren Existenz weder das deutsche Volk noch die deutsche Wissenschaft die geringste Ahnung hat, als „asiatische Einwanderer" beschimpft. In Ermangelung einer wissenschaftlichen That hat sich Herr Gegenbauer zu einer antisemitischen Kraftleistung aufgeschwungen, welche selbstverständlich von der germanischen Jugend mit Enthusiasmus begrüßt wurde. Mitten in dem stürmischen Jubel über diese Worte betrat Herr K. H. Wolf die Tribüne und hielt eine fulminante Rede, in welcher er für den „nationalen Radicalismus" im Sinne Schönerer's eintrat und die Unentschlossenheit und Halbheit der Steinwende r-Gruppe scharf verurtheilte. Herr Wolf ist ein wirksamer Redner und er riß den größten Theil der Versammlung mit sich fort, so daß die Steinwendrianer mit langer Nase dasaßen und selbst der brave Profeffor Gegenbauer das Fiasco nicht mehr bemänteln konnte. Die „Deutsche Zeitung", das Organ S teinw end er's, sucht über die Niederlage mit der dummdreisten Behauptung hinwegzutäuschen, daß die liberalen Blätter über den Verlauf des Commerses entstellte Berichte brachten. Dem gegenüber führen wir das mit den Steinwendrianern durch Dick und Dünn marschirende „Deutsche Bolksblatt" Verg ani's als elastischen Zeugen, welches in seinem Berichte unter dem unmittelbaren Eindruck der Versammlung constatirt, daß die Stimmung noch der Rede Wolf's eine sehr „gedrückte" geworden sei — natürlich die Stimmung der Steinwendrianer! — und welches weiterhin in einem tags darauf erschienenen Leitartikel über die Rede Wolfs wörtlich schrieb:" Der Sinn dieser Worte konnte nicht zweifelhaft sein, er lautete: Nur im Lager Schönerer's darf die deutsche Studentenschaft stehen! — Die festliche Stimmung war natürlich nach dieser Rede verflöge n. Z ank und H ad er z erklüftete d i e Ver sam mlung. die vor wenigen Minuten noch einig gewesen war!" Und im „Briefkasten" des „Deutschen Volksblatt" von 28. October 1893 gibt Herr V er g ani seinem Aerger über das Fiasco durch folgende Redactionsnote Ausdruck: „Wie konnten Sie von einem Menschen, der wie W. es liebt, sich im "Kaffeehause damit zu brüsten, daß er ein Mädchen verführt habe, überhaupt etwas hallen. Daß es unendlich frem und erlogen ist, wenn derselbe Mensch dann in Versammlungen von der Würde des germanischen Weibes:c. spricht, meinen auch wir". Der Sieg der Schönerianer ist also durch das Zugeständniß der Gegner erwiesen. Herr Vergani schäumt auch vor Wuth und er will Herrn Schönerer dasselbe Schicksal bereiten, das er schon einmal den Juden zudachte, als er im Briefkasten seines Blattes schrieb, man möge sie im Schwarzen Meere ertränken. Denselben grausamen Tod soll nun der Schloßherr von Rosenau erleiden, von dem der Ehrenmann aus S ollenz schreibt: „Unserer Ansicht nach wäre es besser, man bängte ihm einen Mühssteinum den Hals und versenkte ihn in's Meer. dort, wo es am tiefsten ist. die Welt wäre um einen Verführer ärmer". Das ist doch fürwahr ein rührender Beweis brüderlicher Eintracht unter den Judenbastern! Um was es sich bei diesem Bruderzwist im Hause Anti- Sem eigentlich handelt, verrieth das gut einaeweihte ..Vaterland" mit der hämischen Bemerkung: „Herr Wolf scheine mit seiner unverfälscht deutschen Faust in ein Gewinn verheißendes Gewebe gefahren zu sein". Da haben wir wiederum den Streit um die ..Wurst". Das stimmt auch mit dem naiven Geständnisse der „Deutschen Zeituna". daß auch die Steinwendrianer in nationaler Beziehung radical seien, aber nicht radical in wirthfchaftlicher Hinsicht. „In wir tb s ch a stli cher Beziehung", saat das Blatt wörtlich, „wollen wir conservativ und reformatorisch sein". Das kann man nehmen, wie man will, auch in dem Sinne, daß man nehmen will, wo man kann. Der Durchbruch der S chö n erer'schen Richtung in der deutschnationalen Studentenschaft bedeutet für Herrn Steinwender eine verlorene Schlacht. Aber daß es so gekommen ist. kann nicht Wunder nehmen. Herr Schönerer revräsentirt doch wenigstens das Princip der volitischen Ehrlichkeit, er bat es jederzeit abaelehnt. mit Ernst Vergani und der christlichsocialen Schwefelbande gemeinsame Sache zu machen. Herrn Steinwender daaeaen bat feine ..Strebsamkeit" glücklich bis zur Bundesgenossenschaft mit einem Vergani. Ernst Schneide r und — last not least — Alois Liech tenstein geführt. Die deutschnationale Stndentenschgit ist von Schönerer auf bedauerliche Abweae geleitet worden, aber io viel gesunde Vernunft scheint sie sich doch noch bewahrt zu haben, um nicht in dem stinkenden Morast der christlich-socialen Bewegung zu versinken. Im klebrigen mögen sich nm den Ansgana der Sache Dieienigen kümmern, die es anaeht. llnd darunter besindet sich Wohl auch der Staat, der das Wkedererwachen der Schönererschen Richtung unter der Studentenschaft und Erscheinungen wie das Auftreten des k. k. Universitätsdrosestors Gegenhauer wohl mit einiger Aufmerksamkeit verfolgen sollte. Vom Jahrmarkt des Lebens. Vom Innsbrucker Turnverein. Die in unserer letzten Nummer berichtete antisemitische Declaration von Seite des Innsbrucker Turnvereines hat nicht blos den Austritt des Altbürgermeisters A d a m. sondern auch noch jenen einer Reihe anderer angesehener Persönlichkeiten und den Rücktritt des Obmannes Alois Epp und desten Stellvertreters Prof. Meng er zur Folae gehabt. Ueber die geharnischte Erklärung, mit welcher Herr Wilh. Dannhauser sen. sein Ehrendiplom zurücksandte, sind diedeutschnational-antisemitischen Blätter ganz aus demHäuschen. Sie nennen dieselbe „echt füdisch". Herr Dannhauser hat aus der confessionellen Unduldsamkeit des Vereines, zu desten eifrigsten Förderern er gehörte, noch weitere Consequenzen gezogen. Er hat. nach einer Mittheilung der „Ostdeutschen Rundschau". den Broteinkauf bei einem Bäckermeister, welcher als Mitglied des Turnrathes an dem Abweisungsbeschluste mitwirkte,