Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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,1 ililMJI EM»_-»—..-«-31_ ^eflerventzLptzr Akmtzrnpyttfl Nr. 44 't I ' ['■ Seite 848 Rechtsgleichheit der Bürger des Landes ohne Rücksicht auf ihre Nationalität, Sprache und Religion verleugnen könne; andererseits halte ich es auch für unzweifelhaft, daß dieser große Grundsatz keine solche Angelegenheit sei, welche für die Mitglieder der Partei als offene Frage gelten könnte, und daß Jene, welche diesen Grundsatz negiren, wenn es Solche geben sollte, als Mitglieder der Partei betrachtet werden dürften. „Die Sache hat zwei Seiten: die eine ist die Ueberlieferung der Finsterniß des Mittelalters: der Judenhaß; die andere jedoch bilden gewisse volkswirthschaftliche und gesellschaftliche Uebel, welche auch jenen als Nahrung dienen und zur Anfachung desselben auch benützt werden. Nicht rathsam ist es, zu ignoriren, daß es den Herren Jstoczy & Comp, nie gelungen wäre, mit den von den Deutschen (prot. pndor; auch dies von den Deutschen) importirten Agitationen eine solche Auftegung zu erzeugen, wenn jene volkswirthschaftlichen und socialen Uebel die Massen für die Aufregung nicht empfänglich machen. Das Volk empfindet das Elend, kann sich aber über die Ursachen desselben keine Rechenschaft geben; da kommt der mittelalterliche „ä la malaise“ speculirende Judenhaß und sagt: Du armes, elendes Volk, ich werde dir sagen, was die Ursache deines Elendes ist: der Jude. Und selbstverständlich ertönt das Echo: „Prügeln wir den Juden!" „So verhält sich die Sache. Die praktische Politik darf dies nicht ignoriren." „Was ist also die Mission Ihrer Partei?" „Entschieden Stellung zu nehmen für die Unverletzlichkeit der Rechtsgleichheit ohne Rücksicht auf die Nationalität, Sprache und Religion der Bürger des Landes. Nationale und volkswirthschastliche Rücksichten können es vielleicht rathsam erscheinen lassen, daß Ungarn keinen wie immer gearteten hergelaufenen Pöbel seine Thore öffnen solle. Die Pflicht der Selbsterhaltung erheischt es, daß die Masseneinwanderung solcher fremder Juden nach Ungarn, wie etwa die von panslavistischen oder panrumänischen Elementen, nicht gestattet sein möge; daß aber unter jenen, welche die der demokratischen Richtung huldigende Gerechtigkeit zwischen die Bürger des Landes eingereiht hat, die Rechtsgleichheit auch nur einer lebenden Seele verkürzt werden solle, das darf die Unabhängigkeitspartei nicht zulassen. „Ihre Mission ist, mit aller Energie dahinzustreben, daß die Judenheit im ungarischen Volke aufgehen, sich mit demselben assimiliren solle. Sie ist verpflichtet, in der Gesetzgebung für dieses Ziel zu kämpfen (Civilehe) und um seiner Erreichung willen mit That und Beispiel voranzugehen. Wenn sie dies mit jener Autorität gethan haben wird, welche der Ausfluß des wahren, die Interessen des Vaterlandes am Herzen tragenden Liberalismus ist, dann wird die Partei von den Juden verlangen dürfen, daß auch sie sich zum Niederreißen jener Scheidewände antidiluvianischen Ursprunges anschicken mögen, welche das Hinderniß der Verschmelzung mit ihren christlichen Bürgersgenossen zu einer nationalen Gesammtheit bilden, daß auch sie die Assimilation eifrig befördern sollen, daß sie, sich befreiend aus den engherzigen Banden des Confessionalismus, selbst die schonungslose Geißel Jener sein sollen, die zwischen ihren Glaubensgenossen die Verschmelzung zu erschweren und die Assimilation zu hindern bestrebt sind. „Sie sind dort am Schauplatze, Sie sehen nicht nur die Umrisse des Waldes, wie ich, sondern auch die Bäume, Sie können es am besten wissen, wo der Schuh am empfindlichsten drückt. Beginnen Sie die Arbeit auf dem Gebiete der Abwehr der volkswirthschaftlichen und socialen Uebel; wenn Sie das Leben Ihrer Partei sichern wollen, so lenken Sie die Aufmerksamkeit, das Streben der Nation auf das Feld praktischer Thätigkeit und sehen Sie nicht mit verschränkten Armen zu, wie die öffentliche Meinung in die „Judenfrage" hineingehetzt wird, welche außerdem, daß sie das Ungarn des 19. Jahrhunderts in das Mittelalter zurückstoßen will, auch noch den lächerlichen Fehler hat, daß sie absolut kein erreichbares Ziel besitzt, ausgenommen das Schwelgen im Hasse und auch dies nach deutschem Muster, die aber auch mit der großen Gefahr droht, daß sie die 5000—6000 jüdischen Bürger sämmtlich unter den Schutz der gouvernementalen Macht jagen wird." In einem zweiten an den Redacteur des „Pesti Naplö“ im August 1883, zur Zeit des Ausganges des Processes von Tisza-Eszlar, gerichteten Schreiben äußert sich Kossuth auf folgende Weise über den Antisemitismus: „Ich habe zwischen Mensch und Mensch wegen Nationalität, Sprache und Religion nie einen Unterschied gemacht und werde solchen auch nie machen; als Mann des 19. Jahrhunderts ffnde ich die antisemitische Agitation beschämend, als Ungar iedauere ich sie, als Patriot verdamme ich sie; ich verdamme ie schon deshalb, weil sie in Bezug auf die obwaltenden ocialen und volkswirthschaftlichen Uebel die Symptome als Ursachen dahinstellen will und weil sie, als wenn sie sich in den Dienst der das Wohl unseres Vaterlandes hindernden stemden Interessen begeben hätte, die Aufmerksamkeit von der crkenntniß der wahren Ursachen, von der Nothwendigkeit und Dringlichkeit der Remedur ablenkt; ich verdamme sie auch deshalb, weil sie kein praktisches Ziel hat; ich kann bei dem gesunden ungarischen Verstands soviel Bornirtheit nicht voraussetzen, als wenn auch nur ein Mensch im Lande wäre, der es glauben würde, daß dasjenige, was proponirt wird: „die Aufhebung der Emancipation oder gar die Vertreibung von 6—700.000 Menschen aus dem Lande", im 19. Jahrhundert in Europa möglich wäre, selbst wenn - der Gedanke keine moralische Monstrosität sein würde; ich verdamme sie auch deshalb, weil, indem darüber geklagt wird, daß die Juden in der Gesellschaft eine besondere zusammenhaltende Gesellschaft zum Nachtheile der anderen Classen der Gesellschaft bilden, mit der Agitation gerade das erreicht wird, daß die Juden noch besser Zusammenhalten, denn jeder Druck eifert und treibt die Unterdrückten zum Zusammenhalten an; in das Jdeengebiet der schon so oft abgedroschenen ethischen und Humanitären Rücksichten hinüberzuschweifen verspüre ich keine Lust." Beide Briefe werden den österreichischen Liberalen bestens anempfohlen. _ Der „unlautere Wettbewerb". Die „Fliegenden Blätter" brachten vor Jahren einmal zwei Bilder — von Oberländer, wenn wir nicht irren — ©eenen aus einem Affentheater darstellend. Auf dem ersten Bilde waren Pudel und Affen dargestellt, wie sie höchst gravitätisch eine Gesellschaftsscene nachahmen. Ein Pudel, als vornehme Dame aufgeputzt, mit Sammt und Seide angethan, marschirt voran, gallonirte Affen tragen die Schleppe, ein Hofmeister empfängt sie; kurzum, der ganze äußere Apparat der vornehmen Menschenwelt ist in der possirlichsten Weise nachgeahmt. — Auf dem zweiten Bilde sieht man die Wirkung einer aus die Bühne geschleuderten Wurst. Die ganze gravitätische Gesellschaft fällt über einander her und sucht im wirren Durcheinander ein Stück Wurst zu erhaschen. An diese amüsanten Bilder wurden wir durch den Streit erinnert, der in diesen schönen Herbsttagen im antisemitischen Lager entbrannt ist. Bei feierlichen Gelegenheiten trieft die edle Gesellschaft von lauter erhabenen Gefühlen: Sittlichkeit, Monarchie, Ehristenthum, Volkswohl u. s. w. Derzeit befindet sich die Gesellschaft der „Volksretter" auf der Abonnentenjagd und das „Geschäft" wird mit einer Unverfrorenheit der Reclame betrieben, wie man sie sonst nur aus den antisemitischen Beschreibungen des Treibens „jüdischer Mammonsknechte" kennt. Kein Marktschreier kann seine Patentmedicin kühner anpreisen. Die „Reichspost" von Spitzer-Weimar reclamirt für sich, das alleinige Organ der Christlich-Socialen zu sein. Das hat die verwandten Preßleute um die eigene Existenz in schwere Sorge gebracht und man ist in einen erbitterten Streit um die „Wurst" gerathen. Sie liegen einander in den Haaren und sie überbieten einander an gegenseitigen Vorwürfen von jener Qualität, die man sonst nur den „abgefeimtesten Judenblättern" nachsagt. Die Großen verschlingen die Kleinen und die „Reichspost", welche bereits einige kleine antisemitische Kläffer aufgefressen, geht nun daran, auch den „Politischen Fragmenten" den Garaus zu machen. „Die „Politischen Fragmente" sind kein christliches Blatt, die „Reichspost" kann mit Bestimmtheit versichern, daß ihnen Niemand aus der christlichsocialen Partei folgt.". Natürlich bleiben die angegriffenen Geschäftspropheten die Antwort nicht schuldig. Die „Politischen Fragmente" beklagen sich über die „jüdische Handlungsweise" der „Reichspost", die sich kein neues Feld zum publicistischrn Anbau gesucht, sondern einfach in die Gehege der schon lange bestehenden christlichen Blätter eingebrochen ist-