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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-11-02 · 44 (2.11.1894) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
44 (2.11.1894)
Date
1894-11-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44 Wrflerrrichisttzr WochensthrM Sette 847 Hauses der Abgeordneten die Emancipation der Juden im Jahre 1848 nicht durchgesetzt werden konnte. „Ich bedauere und schäme mich dessen" — so sprach Kossuth während seines Aufenthaltes in England auf dem Meeting von Glasgow — „daß wir wegen der damals noch bestandenen Vorurtheile diese heiligen der ewigen Wahrheit (gleiche Freiheit, gleiche Rechte und gleiche Pflichten) auf die jüdischen Bewohner des Landes nicht ausdehnen konnten. Aber mich tröstet der Gedanke, daß die Wärme der Freiheitssonne, nachdem diese Grundsätze gesetzlich inarticulirt sind, den Nebel der Vorurtheile bald zerstreuen werde. Und es kann nur die Frage einer kurzen Zeit sein, d a ß von dem Schilde der ungarischen nationalen Ehre auch dieser letzte Fleck verschwinden s olle"'). Bon der Zeit an jedoch, da Kossuth Herr der Lage in Ungarn wurde, emancipirte er auch ohne Emancipation. Als er Finanzminister geworden war, ernannte er Michael H e i l p e rn zu seinem Staatssecretär; schon früher war Baruch M a u k s ch sein Vertrauensmann und Personalsecretär. In seinem Ministerium ernannte er mehrere Juden zu Sectionsräthen, anderen verlieh er wichtige Vertrauensposten. In der ersten Zeit 'seines Exils war Martin D i o s s i sein Secretär und sein intimster Freund, bis zu seinem Tode blieb der ehemalige Talmudist von Alt-Ofen, der Reichstagsabgeordnete Ignatz H elf y, eine Zierde seiner Partei und des ungarischen Abgeordnetenhauses. Aber die Wiener Mächte der Reaction betrachteten mit scheelen Blicken den Fortschritt der jungen Freiheit in Ungarn. Ungarns Nation wurde genöthigt, die Freiheit mit den Waffen in der Hand zu vertheidigen. Die jüdische Jugend, die Söhne der verstoßenen Judenheit, schaarten sich zum Kampfe unter der nationalen Fahne zur Vertheidigung jenes Vaterlandes, welches ihnen das Bürgerrecht verweigert hatte. Auf den Schlachtfeldern in Strömen von Blut vereinigten sich die ungarischen Juden mit der in Vorurtheilen befangenen Gesellschaft. Und die Vorurtheile schwanden, als das verfolgte Volk erkannt wurde, als man sah, daß es die Freiheit so sehr liebe, daß es für sie selbst für den Fall in den Kampf gezogen sei, wenn sie Anderen zum Vortheile gereichen sollte. Als daher Edmund Kallay unvergeßlichen Angedenkens, der erleuchtete Vorkämpfer für unsere Emancipation, am 26. Juli 1848 einen Gesetzentwurf über die Gleichberechtigung der Juden und über die Giltigkeit der Ehen zwischen Christen und Juden im Reichstage unterbreitete, da wurde derselbe von der Regierung im Principe gebilligt und der Centralausschuß der Scctionen des Abgeordnetenhauses erklärte, daß die Angelegenheit der Juden, wenn die das Vaterland bedrohende Gefahr abgewehrt sein werde, sofort verhandelt und die Emancipation durchgeführt werden müsse. Llaior pars meliorew vielt. Die Reaction triumphirte in ganz Europa, am spätesten in Ungarn. Wenn ich den Namen Ungarn höre, wird mir das deutsche Wamms enge, so schrieb damals der Sänger der Freiheit, Heinrich Heine. Endlicherlag auch in Ungarn die Sache der Freiheit mit Hilfe der Kosaken. Aber der ungarische Freiheitskampf brachte auch die Emancipation der um den freiheitlichen und nationalen Fortschritt so verdienten ungarischen Judenheit. Ludwig Kossuth war Ungarns Gouverneur, als Minister Berthold Sz em e re in der zu Szegedin am 28. Juli 1849 gehaltenen Sitzung des Abgeordnetenhauses einen Gesetzentwurf in Bezug auf die Juden einbrachte. Dieser Gesetzentwurf, datirt vom 24. Mai 1849, wurde von der Nationalversammlung mit Applaus einstimmig angenommen. Derselbe gewährte den Juden uneingeschränkt die politischen und bürgerlichen Rechte, erklärte die Ehen zwischen Christen und Juden für giltig und verfügte, daß ein Congreß der Juden baldigst einzuberufen sei. Die Rede, mit welcher Minister Szemere seinen Entwurf vorgelegt hatte, zeigt klar und deutlich, wie sehr sich die öffentliche Meinung zu Gunsten der Gleichberechtigung der Juden geändert hatte und ist zugleich ein beredtes historisches Zeugniß ihrer patriotischen Opferwilligkeit. Wir reproduciren folgenden Theil dieser Rede. „Ich stelle mir jetzt Ungarn so vor" — sagte der Minister — „als wenn seine verschiedenen Stämme um einen gastlichen Tisch versammelt wären. Aufgetragen sind auf diesem Tische das Vermögen, das Leben, der Friede, die *) Ludwig Kossuth, „Meine Schriften aus der Emigration, II. Band p. 143 (der ungarischen Edition). Freiheit, die Ehre, der Ruhm, das Glück der Völker, die Hoffnung der Nachkommen, der Segen der Anwesenden. Alle Stämme Ungarns sind um den Tisch geschaart und vertheidigen ihn bis zum letzten Blutstropfen, bis zum Tode. Seitwärts steht jedoch eine Bolksclasse, welche den mit.Schätzen gefüllten Tisch auch vertheidigt hat, obzwar ihre Freiheit, ihre Ehre nicht auf dem Tische sind, die also, wie es scheint, fremdes Recht, Ehre und Freiheit vertheidigt, indem sie ihr Blut mit den Anderen gemeinsam vergießt. Diese Bolksclasse sind die Juden." Sollen wir einen Commentac zu diesen Worten schreiben? Ein momsntum aers psreunias hat sich aber Ludwig Kossuth durch jene zwei Briefe gestellt, welche er zur Zeit des skandalösen Proceffes von Tisza-Eszlar über die antisemitische Bewegung aus seinem frei gewählten Exil zu schreiben für nöthig erachtet hat. Mit größter Entschiedenheit brandmarkte er diese Schmach des Jahrhunderts, keine Berclausulirung, wie es Sitte deutscher Professoren ist, findet fich in diesen Briefen vor. Der Mann, der wie ein zweiter Simson das morsche Gebäude des ungarischen mittelalterlichen feudalen Systems zum Einsturze gebracht hat, dieser Mann hätte sich selbst verleugnen müssen, wenn er anders geurtheilt hätte, als er geurtheilt hat. Und weil Ungarn das seltene Glück gehabt hat nach einem solchen erleuchteten Geiste, Männer von solcher Größe, wie er gewesen, zu besitzen — Franz Deak, Graf Julius Andrassy, Koloman von Tisza — weil Ungarn das Glück hat, von einem Ministerium Wekerle regiert zu werden, so ist bei uns die Judenfrage definitiv begraben, es sei denn, daß uns das Unglück beschieden wäre — qnod Dens avertat, um mit den Worten des canonischen Rechtes zu sprechen — theoretisirende deutsche Professoren an der Spitze unserer Regierung zu sehen, wozu jedoch vorläufig keine Aussicht vorhanden ist. Die zwei Briefe von Kossuth über den Antisemitismus sind ein so beredtes Zeugniß seiner erleuchteten und humanen Gesinnung, daß wir sie vollinhaltlich mittheilen wollen. Die Nutzanwendung für andere Staaten wird sich von selbst ergeben. Das erste Schreiben vom 15. October 1882 ist an seinen bereits erwähnten Intimus Ignaz Helfy gerichtet und lautet wie folgt: „Bezüglich der „Judenfrage" (Schmach und Schande, daß in Ungarn auch noch dies möglich ist) erhalte ich Hunderte Briefe. Unter denselben ist auch einer, in welchem mir „eine Gesellschaft" wegen jener wenigen Worte, welche Csernatony über mich geschrieben hatte, ihre Entrüstung zur Kenntniß bringt, daß auch ich auf meine alten Tage „Jude geworden sei" und sie decretirt, daß „ich keine Ehre mehr habe". Auch einen solchen habe ich, noch dazu mit Namensunterschrift, welcher mich verständigt, daß ich den Verdacht der Bestechung auf mich geladen habe. Andere besitze ich, welche mir bekanntgeben, daß ich die Achtung der Juden verloren hätte, weil ich zu ihrer Vertheidigung das Wort nicht ergriffen habe und Hunderte sind, welche in mich drängen, warum ich nicht schon spreche, und schließlich sind solche, welche gar nicht mich, sondern Ihre Partei angehen — einen schließe ich zur Probe bei — ich bitte Sie, daß Sie denselben sammt meinem herzlichen Gruß M o c s a r y, als dem Präsidenten Ihrer Partei, übergeben sollen. „Nun diese Correspondenzen beweisen, daß die Wellen der aufgehetzten Leidenschaften in dem armen Lande ungezügelt umherwogen. „Es wird wahrscheinlich wahr werden, daß schließlich Ihre Partei für diese Hchen büßen werde müssen; denn vergeblich, es ist eine unvermeidliche Nothwendigkeit, daß die Partei als parlamentarisch constituirte Fraktion in dieser Frage Stellung nehme; ich glaube, daß sie schon säumig gewesen sei, weil ich nicht der Ansicht bin, daß dies eine solche Angelegenheit wäre, in welcher Ihre Partei die Stellungnahme davon abhängig machen könnte, daß sie mit concreten Propositionen zu thun haben müsse. Eine solche Partei, wenn sie als activer Factor betrachtet werden will, kann nicht den Neutralen spielen angesichts einer Bewegung von dieser Tragweite, die nicht mehr den Irrwahn, die Divergation oder das Programm — nennen Sie es, wie Sie wollen — einzelner Menschen bildet, sondern eine tief in das nationale Leben einschneidende öffentliche Angelegenheit ist, zu der die Partei Stellung nehmen muß. Ich aber erachte es einerseits sowohl für eine politische als auch moralische Unmöglichkeit, daß Ihre Partei den Grundsatz der

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