Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 44 (2.11.1894)
- Date
- 1894-11-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 844 VrstrrrelrhiPtzr Mochenptzrtfl Nr. 44 ganzen Staates. Aber auch auf administrativem Gebiete geht man in Ansehung der Juden vielfach über die Staatsgrundgesetze hinweg. Die „Oesterreichische Wochenschrift" hat erst vor Kurzem eine Probe davon mit der Veröffentlichung einer Coneurs-Ausfchreibung der k. u. k. Domänen-Verwaltung Eßlingen gebracht, in welcher gefordert wurde, daß die Bewerber katholischer Religion sein müssen. Das Ratengesetz, das Haustrgesetz, die geplante Ausdehnung des Befähigungsnachweises aus die Handelsgewerbe, die neuerlichen Gewerbe-Beschränkungen durch die Sonntagsruhe — das Alles sind Umfassungsmauern jenes wirthschaftlichen Ghetto, in welches die Juden wieder eingeengt werden sollen. Und dagegen kann das Recept des Herrn Professors S u e ß wenig helfen. Die Rechtsverkümmerung der Juden aber bedeutet eine dauernde Schwächung, wenn nicht gar den schließlichen Ruin der liberalen Partei. Wenn die liberale Partei nur die Hälfte jenes Maßes von Energie, welches sie gegen die Anbringung zweisprachiger Amtstafeln in Pirano entwickelt, daraus verwenden würde, die volle Durchführung der Staatsgrundgesetze zu bewirken, so wäre die Antisemitensrage längst gelöst. Der Abgeordnete S u e ß verfügt über einen großen und bestimmenden Einfluß in seiner Partei. Er könnte ganz gut einmal in einer Clubsitzung das Wort nehmen und sagen: „Meine Herren, das geht so nicht weiter! Die liberale Partei sängt an, zum Gespötte^zu werden. Wir jagen unsere treuesten Anhänger mit Gewalt von uns! Wir sägen selber den Ast ab, auf dem wir sitzen! Wir haben den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Confessionen in die Gesetzgebung eingesührt und wir verleugnen diesen Grundsatz Tag für Tag, wir bieten die Hand dazu, daß unsere eigene Schöpfung vernichtet wird. Unsere Führer sitzen im Ministerium, geben wir ihnen den bindenden Auftrag, über die gewissenhafte Ausführung der Staatsgrundgesetze zu wachen! Haben sie die Macht dazu, dann ist es gut, haben sie die Macht nicht, dann ist es lächerlich, noch eine Stunde in der Coalition zu bleiben, denn in diesem Falle bilden wir nur einen Aufputz für die Reaction!" So würde ich sprechen, wenn ich an Stelle des Professors Sueß im Club der Linken säße. Man dringe darauf, daß die Staatsbürger jüdischer Confession nicht länger mehr auch bei vorzüglichster Qu alis ic a t i on von den öffentlichen Aemtern ausgeschlossen w erd en, das ist die einzige aber auch die wirksamste Waffe, welche der liberalen Partei zur Bekämpfung des Antisemitismus zur Verfügung steht. Aber was ihr Ansehen vollständig untergraben muß, ist die Thatsache, daß sie auch dort, wo sie noch über die Majorität, über die uneingeschränkte Macht verfügt, ihren Grundsätzen untreu wird und das Princip der Gleichberechtigung verletzt. Am 22. Juni d.J. veröffentlichte die „Oesterreichische Wochenschrift" eine Notiz unter dem Titel: „Der Liberalismus im Wiener Gemeinderathe", in welcher erzählt wurde, daß ein seit 13 Jahren bei der Transport-Gesellschaft als Straßenreinigungs-Obercontrolor beschäftigt gewesener und in dieser Eigenschaft wiederholt belobter Herr Katz, Vater von 5 unmündigen Kindern, bei der Uebernahme der Straßenreinigung in die Regie des Wiener Gemeinderathes nur deshalb nicht mit übernommen wurde, weil er — Jude ist. Und doch ist die Majorität des Wiener Gemeinderathes eine liberale und an der Spitze der Stadt Wien steht ein liberaler Bürgermeister. Sehen Sie, Herr Redacteur, so sieht der Liberalismus in der Praxis aus! Jawohl! Es ist höchste Zeit, daß die Juden sich „bessern" und „ein gewisses rechtschaffenes Selbstbewußtsein sich aneignen." I. I. Wer find die „Mächtigen"? Es war bei der jüngsten Lueger-Feier. Prinz Alois Liechtenstein hatte sich erhoben und eine Rede über den „christenseindlichen liberalen Capitalismus" gehalten, welcher das Volk bedrücke und seine „Macht" mißbrauche. Brausender Jubelruf antwortete dem fürstlichen Redner, dem Sprossen eines der reichsten Geschlechter der Welt. Und dann sprach der fürstliche Hetzer davon, wie die Juden — die natürlich sofort mit dem Capitalismus identificirt wurden — die „Herrschaft" au sich gerissen und die „Arbeits-Sclaven" noch schlimmer und grausamer ausnützen als die alten Römer. Noch stürmischer dröhnte bei diesen Worten der Beifallsjubel der Menge. Ein solcher Cavalier wird doch nicht lügen, nichts verschleiern und verheimlichen! Wenn, ein Prinz Liechtenst e i n es behauptet, so muß es doch wahr sein, daß die Juden alle Reichthümer an sich gerissen haben und daß den Christen gar nichts g blieben ist! Und der Prinz fuhr fort und pries Herrn Dr. Lueger, dem das Verdienst gebühre, das Joch der jüdischen Geldherrschaft theilweise gebrochen zu haben. Wer besitzt nun in Wahrheit den Reichthum und die Macht in Oesterreich, wer nützt in Wahrheit das Volk als Arbeits-Sclaven aus und saugt ihm das Mark aus den Knochen? Ganz Oesterreich zählt 791 Steueramtsbezirke. In 171 derselben steht je ein Großgrundbesitzer als landwirthschaftlich Mächtigster neben den Kleingrundbesitzern und in 382 Bezirken (nahezu 50"/») sind zwei oder mehrere Großgrundbesitzer. In solchen Bezirken haben sie einen maßgebenden politischen, socialen und wirthschaftlichen Einfluß. Dabei ist der Großgrundbesitz in der Zunahme begriffen. Bon 1873 bis 1891 stieg die Zahl der wahlberechtigten Grundbesitzer - von 4931 auf 5402, das ist eine Zunahme von durchschnittlich 9V- Percent. Besonders stark war die Zunahme in den Alpenländern, wo d i e Aufsaugung des Kleinbesitzes durch den Großbesitz und damit die Verwandlung der Bauerngüter in Jagdgründe rasch wächst. Der Verfasser bringt eine Reihe von Beispielen mit Namensangaben, wo Bauerngüter, Viehweiden und Alpen angekauft und in Jagdgebiet verwandelt wurden. Dieses Jagdgebiet wird dann abgesperrt; über die Absperrung ganzer Thäler und Gebirge wird überall geklagt. Weder imBlühnbachthal, noch im Jmlauthal(Fürst Hohenlohe), noch im ganzen Hagengebirge und im westlichen Tännengebirge (Fürst P l e ß und Baron G üstet) darf sich ein Einheimischer oder ein Tourist blicken lassen. Aehnlich wie im Salzburgischen liegen die Verhältnisse in Ober- und Nieder-Oesterreich, wo die Grasen Schönseld, Schafgotsche, Trauttm ansd orff, Rosenberg das Stift Ad m o n t, besonders aber Graf Festet ic s die Bauern immer mehr verdrängen. Der Letztere hatte 1864 mit dem Zukauf von Bauerngütern begonnen; zu Anfang der Siebziger-Jahre hatte er schon 1000 Joch Bauernland beisammen. Die Häuser wurden zum größten Theile niedergerissen, der Boden dem Thiergarten einverleibt; auf einem Hof, zu dem früher 60 Joch Grund gehörten, haust jetzt ein einzelner Jäger. Die Bauern verschwinden in dem ganzen Gebiete; nur einige Taglöhner und Jäger erinnern den Touristen an die Macht des Capitols. In Steyerlin g hat der Fürst von Schaumburg-Lippe seit 1878 sein Gebiet verdreifacht; seine Jagd umfaßt jetzt 15.000 Joch. I n zehn Jahren ist die Einwohnerzahl von Steyerling um 23 Percent gesunken. Im Mühlviertel herrschte der nun verstorbene Herzog von Coburg.Gotha Im Jahre 1887 berichtete ein Pfarrer, daß in seiner Gemeinde mehr als 20 Gehöfte von der Coburgschen Verwaltung zusammengekauft und der Grund in einen Wildschweinpark verwandelt worden ist. DieTaglöhner bekämen 35 bis 40 kr. per Tag ohne Kost; werum diesen Lohnnichtarbeitenwollte, bekäme weder Streu noch Holz. Eine gewaltige Ausdehnung hat der Großgrundbesitz in Niederösterreich, Steiermark, Galizien und den Sudetenländern. Bon den insgesammt 3,454.569 Joch Niederösterreichs besaßen in den Achtziaer-Jahren die Gemeinden 0'71 Percent, die Geistlichkeit 2 74 Percent, die Großgrundbesitzer über 16 Percent. Es sind 247 Besitzer; vier Familien besitzen je 5000 bis 10.000 Joch, drei Familien je 10.000 bis 20.000 Joch; eine Familie 36.000, eine andere (Hoyos) 24.000 Joch; die letzteren neun zusammen besitzen 157.000 Joch. In Steiermark verfügen Staatsdomänen, Geistlichkeit und Adel über 19 Percent des Bodens, die Großgrundbesitzer (177 an der Zahl) über 6 Percent der gesammten Fläche. Ueberall, namentlich aber in Böhmen, Mähren und Schlesien ist der Großgrundbesitzer zugleich der vielseitigste Industrielle. Er ist Bierbrauer und Glasfabrikant, Spiritus- und Branntweinbrenner, er besitzt Mühlen und Brettsägen, Eisen-