Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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:ÜS,Lgi7 - MZMM mmwm m 0tt. 43 Er konnte sich nicht losreißen von dem frischen Grabe! der Mutter, er warf sich auf die fühllose Erde nieder, umfaßte mit seinen Armen den kleinen Hügel und stöhnte laut aus tiefster schmerzzerrissener Brust. Sein Gesicht war in die Erde vergraben, und so merkte er nicht, daß noch ein Zweiter den Friedhof wieder betrat und Zeuge ward von seiner Verzweiflung, von seinem stummen und doch so beredten Schmerz. Auch auf des Anderen Antlitz las man Trauer, aber was hier wilde Verzweiflung, war dort gemildert zu stiller Wehmuth. Er näherte sich langsam dem ganz in seinem Gram Versunkenen, und jetzt konnte man bemerken, daß zwischen Beiden eine sehr große Aehnlichkeit vorhanden war, nur war der zuletzt Gekommene kleiner und von zarterem Körperbau. Die milden, freundlichen Züge sprachen deutlich von ungewöhnlichem Edelmuth der Gesinnung, die sanften, leuchtend großen, jetzt mitleidsvoll auf den am Boden Liegenden gehefteten Augen hätten den Seelenhirten verrarhen, wenn auch nicht der Ornat, den er trug, ihn als solchen gekennzeichnet hätte. Einige Minuten stand er ernst und ruhig am Grabe, dann beugte er sich über den Weinenden, und während er liebevoll mit der Hand über dessen verworrenes und mit Erde beschmutztes Haar strich, sagte er leise und sanft wie zu einem Kinde: „Mein armer, armer Bruder!" Dieser richtete sich auf und sah mit glanzlosen Blicken auf den neben ihm Stehenden: „Du hier, Samuel," sagte er langsam und tonlos. „Du bei mir, dem Muttermörder!" „Nicht so, Hermann," war die mit sanftem Tone gegebene Antwort, „weder Du noch ein Anderer hat ihr Leben zerstört, ihre Tage waren gezählt, und Gott hat sie zu sich genommen. Freilich," sprach er immer in dem gleichen beruhigenden Tone weiter, da der Andere heftig den Kopf schüttelte, „Du hast ihr Kummer bereitet, schweren Kummer, ihr und uns Allen, aber sie hat Dir verziehen und uns geboten, in Liebe Deiner zu gedenken und mit Dir zu reden." „Sie hat mir verziehen, sie hat mir nicht geflucht?" frug Jener mit ungläubigem Blicke. „Geflucht? Die Mutter Dir geflucht, Hermann? Hast Du jemals die Mutter ein Fluchwort sprechen hören? Und Dir? Nein, mit einem Segenswunsch und Deinem Namen auf den Lippen ist sie gestorben und ich, mein Bruder, ich bringe Dir ihre Verzeihung und ihren letzten Kuß." Er schlang bei diesen Worten die Arme um den Bruder, küßte ihn innig, und eine zeitlang hielten sich Beide fest umschlossen. Dann begann der Priester, den Bruder aus seinen Armen lassend, auf's Neue: „Und nun ein letztes Wort, ehe wir für immer auseinander gehen. Ja für immer," wiederholte er fest als Entgegnung auf den fragenden Bück des Anderen; täuschen wir uns darüber nicht, kein näherer Verkehr kann zwischen dem Rabbiner unserer Gemeinde und dem Justizrath, der in die Kreise der sogenannten guten Gesellschaft ausgenommen worden, bestehen. Deine Stellung ist es, die uns trennt, nicht Dein Uebertritt, und dennoch hoffe ich, daß wir nicht ganz getrennt sein werden, daß ein geistiges Band uns auch weiter umschlingen, eine Pflicht uns gemeinsam sein werde, und das ist es, was ich am Grabe der Mutter, was ich in ihrem Namen von Dir verlange." Er hielt einen Moment inne, dann fuhr er, des Bruders Hand auf's Neue fassend, mit immer wärmer werdender Stimme fort: „Du hast mit den alten Traditionen unseres Hauses, die stets den Erstgeborenen dem Priesterstande bestimmten, schon längst gebrochen, Deine Anschauungen, Deine Ueberzeugungen, Deine Gewohnheiten sind andere geworden, aber Dein Herz, ich weiß es, ist das gleiche geblieben. Du hegst noch dasselbe, vielleicht sogar noch ein stärkeres Mitgefühl für unsere unterdrückten Brüder, die bis heute vergeblich um Gleichstellung mit den anderen Confessionen nachsuchen. Du bist in einer Stellung, die es Dir ermöglicht, Manchen zu nützen, Du hast Einfluß und einflußreiche Bekannte in den verschiedensten öffentlichen Aemtern, versprich mir, daß Du diesen Einfluß, daß Du Deine Stellung dazu gebrauchen wirst, für Deine einstigen Brüder zu wirken, daß Du mit allen Dir zu Gebote stehenden Mitteln dazu beitragen willst, die finsteren Dämonen des Hasses, des Argwohns und Mißtrauens zu verscheuchen, die unserem Volke den Zugang zu den Herzen ihrer Fürsten und ihrer christlichen Mitbürger noch verschließen. Du hast einen Sohn, der noch das Bundeszeichen unseres Vaters Abraham trägt, lehre ihn. der mit seltenen Fähigkeiten begabt scheint, seine Kräfte zum Wohle seiner unterdrückten Brüder gebrauchen, pflanze die ewige Wahrheit von dem gleichen Rechte aller Menschen in seine offene Seele, lehre ihn als Knabe schon erkennen, daß seiner eine heilige Pflicht wartet, die Pflicht, für den beiweitem größten, leidenden Theil der Menschheit einzustehen mit Gut und Blut, mit der ganzen Kraft und dem vollen Seite 841 Eifer des gereiften und erprobten Mannes. Ich kann in meinem Berufe nur wenig thun; wohl vermag ich auf die geistliche und sittliche Hebung der Jugend meiner Volksgenossen einzuwirken, doch in ihrer Stellung nach Außen kann ich keine Besserung Hervorrufen. Nur ermahnen kann ich sie, auszuharren in Geduld, und vielleicht wird unsere Liebe zum gemeinsamen Vaterlande, unsere Treue und Ergebenheit uns früher, als wir glauben, das Herz des Königs öffnen, so daß wenigstens unsere Kinder, wenn'nicht wir selbst, in besseren Zeiten die schönen, verwandtschaftlichen Bande auf's Neue knüpfen können." Hermann erwiderte nichts, er legte nur seine Hand mit warmen Drucke in die des Bruders und seine Augen sprachen deutlicher, als Worte es vermocht hätten, daß des Bruders Bitte zu erfüllen ihm heilige Pflicht sein werde. Und diese Pflicht, er hat sie redlich erfüllt. Er war es, der in dem Herzen seines Sohnes die heilige Flamme des Mitleids für die Armen, Schwachen und Unterdrückten entzündete, er war es, der zuerst in der weichen Kindesseele jenen edlen Unwillen gegen die krasse Ungerechtigkeit der Vertheilung aller irdischen Güter erweckte, der in dessen sämmtlichen Schriften klar zu Tage tritt. Er hat vor dem klaren Auge des Jünglings den verhüllenden Schleier, mit dem frommer Betrug, Heuchelei und Selbstsucht die wahre Gestalt unserer heutigen Zustände bedeckt halten, hinweg gezogen und ihn diese Zustände in ihrer ganzen nackten Häßlichkeit erkennen lassen. Und die Saat, die in des Kindes Seele gestreut worden, ging auf und zeitigte die herrlichsten Früchte. Wir Alle kennen ihn, jenen Mann, sein Name steht mit unverläßlichen Lettern eingeschrieben in den Herzen der Tausend und Abertausend von Unterdrückten und Verfolgten, deren Fahne er ergriffen und hochgehalten sein Lebenlang, deren Sache er zu der seinigen gemacht, denen er bahnbrechend, ein echter, wahrer Geistesheld, vorangeschritten ist auf dem rauhen, dornenvollen, unebenen Pfade, der zur Erkenntniß der Wahrheit, der in das Land der Freiheit führt. Nicht einer einzelnen Nation, nicht einem einzelnen Volksstamme galt sein Streben und Wirken, nein der ganzen leidenden und geknechteten Menschheit zu ihrem Rechte zu verhelfen, das war der Inhalt seines Lebens, seiner Handlungen, feiner Schriften. Und wenn ihm auch kein Denkmal gesetzt worden, wenn auch keine Marmortafel Zeugniß ablegt von seinem Leben und Wirken, so wird doch das Samenkorn, das feine Lehren in Millionen von Seelen gepflanzt, wachsen und blühen, und die Zeit wird kommen, wo sich erfüllt, für was er gekämpft sein Leben lang, die neue Zeit, die uns die Gleichheit für Alle, die uns die Freiheit für Alle bringen wird. Literatur. Das Vergeltungsprineip im biblischen und talmudischen Strafrecht. Eine Studie von Dr. E. Goitein, Rabbiner in Marienbad. Frankfurt a. M. 1893. (I. Kauffmann). Diese Schrift E. Goitein's reiht sich würdig an die reiche, über diesen Gegenstand bereits vorhandene Literatur. Sie übertrifst durch die Beschränkung auf die Frage des Vergeltungsprincips alle bist,er erschienenen Werke, welche durch die allgemeine Behandlung des mosaischen Strafrechtes diese interessante Frage nicht mit genügender Gründlichkeit behandelten. Nach einer sehr gut orientirenden Einleitung unterzieht der Verfasser in vier umfangreichen Capiteln die Sache einer mit größter Gewissenhaftigkeit angestellten Untersuchung und belegt' eine jede seiner mit genügender Vorsicht aufgestellten Behauptungen durch ehrlich und streng geprüfte- Quellen. Diese wissenschaftlich durchwegs stichhaltige Quellenforschung bildet den Hauptvorzug des Werkes. Das biblisch-talmudische Quellenmaterial ist mit lückenloser Vollständigkeit ausgearbeitet und mir treuer Emsigkeit rein sachlich verwerthet. Die Citate sind verläßlich und sauber. Rühmenswerth ist das Ausgreifen nach fernabliegenden Quellen, die stete Berücksichtigung ältester und modernster Autoren. Der Verfasser führt seinen Gedanken geistreich und mit architektonischem Tacte durch und wirkt auf den gründlichen Leser ruhig, überzeugend. Die vier Capitel des Werkes behandeln: Die Vergeltung durch die Vorsehung; die Vergeltung durch die verletzte Einzelperson; die Vergeltung durch die Richter; die analoge (shmbol.) Vergeltung. Trotz der durchwegs nüchternen Darstellung ist die Sprache glatt und flüssig; man wird nirgendwo durch Stylhärten oder, was wichtiger ist, durch Lücken in scharfer Logik gestört. Die mit aller Gelassenheit geführte Polemik gegen Ansichten anderer Autoren, ist wohl durchwegs eine glückliche. Der Verfasser beherrscht seinen Stoff vollkommen. Der rabbinisch gebildete Jurist, der juridisch erfahrene Rabbiner werden aus Go itein's Buch reiche Belehrung schöpfen und andererseits wird der, in dem mosaischen Strafrecht unerfahrene Rechtskenner, sowie der rabbinisch gut geschulte, im Rechte aber unbewanderte Rabbiner eine positive Bereicherung des Wissens daraus erfahren. NikvlSburg. D. Feuchtwang. Vefterrrichischr Wochenschrift