Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 840 Veprrvetchtptze WochrnptzrM Nr. 43 dischen Ritus eingeladen, Samstag am 20. d. M. in der Bereinssynagoge Leopoldgasse einen Vortrag zu halten. Derselbe hielt am genannten Samstag Vormittag einen homiletischen und Nachmittag einen agadischen Vortrag. Die beiden Reden zeichneten sich aus in Form und Gehalt durch philosoPhischeGedankentiefeund stylistische Klarheit. Der Redner besprach am Vormittag die Stellung des Juden thums zum Optimismus und Pessimismus und die Zuhörer bewunderten nicht blos die großeEcudition und die ungewöhnliche Belese»httt des Vortragenden in der weiten wissenschaftlichen Literatur, sw» reiche Belesenheit im talmudifchen und rabbinis chen Schriftthum, sondern auch die Meisterschaft und Gewandtheit, mit welcher er die schwierigsten Denk-Probleme klar und leichtfaßlich zur Anschauung und zum Verständniß brachte. Der Rabbinatscandidat G. Sch melk es hat bei dieser Gelegenheit gezeigt, daß er nicht blos ein großer Talmudist, sondern auch ein bedeutender Gelehrter ist und über die ungewöhnliche Begabung verfügt, die Resultate seiner wissenschaftlichen Gedankenarbeit in anmuthiger, klarer und leichtfaßlicher Form einem Publicum zum Verständniß zu bringen. Wien. Der regelmäßige Unterricht an der C a n t o r e n Bildungs-Anstalt des Obercantors I. Bauer, Redakteur der „Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung", 2. Bezirk, Novaragasse 27, beginnt am 1. November l. I. und werden in derselben Candidaten in allen Fächern des Cantorates (Chasones) nach deutschem und sephardischem Ritus vollkommen ausgebildet. Wien. Prof. Oscar Morini, der berühmte Violinvirtuose und ehemalige Capellmeister des 41. Infanterie-Regimentes, jetzt Schulleiter der behördl. autor. Musikschule Morini (Wien. L, Taborstraße Nr. 22) hat beschlossen, trotz der Heranwachsenden Schülerzahl 20 Freiplätze an besonders talentirte unbemittelte Schüler zu vergeben. Wir können die in so kurzer Zeit berühmt gewordene Schule, allen Eltern, die ihren Kindern eine künstlerische Ausbildung zu Theil werden lassen wollen, auf's Beste empfehlen. Eibenschitz, 19. October 1894. Herr Sigmund Oesterreicher, Director der Ziegelfabrik in Breitensee, hat der hiefigen Schule den Betrag von 10 st. gespendet, wofür ihm hiermit der herzlichste Dank ausgesprochen wird. Es wäre wünschenswerth, wenn alle Glaubensgenossen, welche nach der Stadt ziehen, derartig an ihrer Muttergemeinde mit Herz und Sinn hängen würden, wie Herr Oesterreicher, der dies bei jeder fich darbietenden Gelegenheit manifestirt. Klosterneuburg, 19. October 1894. Am Vorabend des Lauohüitenfestes wurde das älteste Mitglied unseres Bethausvereines Herr Abraham Rosner im Alter von 85 Jahren zu Grabe getragen. An der Bahre trauert seine Gattin, welche mit ihm 57 Jahre in glücklichster Ehe lebte, trauern Kinder, Enkel uud Urenkel. Herr Rabbiner Dr. D e u 1 s ch aus Ottakring, hielt dem Heimgegangenen einen tiefempfundenen Nachruf. Kimpolung. Frl. Pepi G o ttes m a n n hat sich mit Herrn Aleä. vr. Karl K o st i n e r aus W i s n i tz verlobt. Breslau, 14. October. Der 27. Jahresbericht der hebräischen Unterrichtsanstalt des Rabbiners Dr. P. Neustadt berichtet von der Gleichstellung dieses Religionsunterrichtes mit dem an den hiesigen höheren Lehranstalten und an den Gemeindeschulen ertheilten Unterricht. Der Stundenplan der bewährten Unterrichtsanstalt ist derart eingerichtet, daß der Unterricht ausschließlich auf die schulfreien Nachmittage und Sonntag Vormittag gelegt werden konnte. Während des abgelaufenen Schuljahres durfte der Begründer der Anstalt auf eine 50jährige Lehrthätigkeit zurückblicken. Die Religionsschule des Herrn Dr. P. Neustadt erfreut sich der Anerkennung angesehener Kreise nicht nur hier, sondern auch außerhalb. Die Zahl der hiesigen Mitglieder ist von 337 auf 396, die der auswärtigen von 402 auf 425 gestiegen. Die Anstalt besitzt das Recht, Legate anzunehmen. Die einer unserer angesehensten hiesigen Familien angehörende Frau Henriette Schottländer hat der Schule ihre Theilnahme bis über das Grab hinaus bewahrt, ferner haben Frau R. Kounen in Kempen a. Rh. und Frau G. Jakobson zu Stolzenau (Hannover) die Anstalt mit Vermächtnissen'bedacht. Die Talmud-Thora des Herrn Dr. N e u st a d t ist in unserer Stadt schon deshalb ein Bedürfuiß, weil sie das Schwergewicht im Unterricht auf die Quellen, auf Bibel, Talmud und deren Commentare legt, sie gibt auch dem praktischen Cultus Raum durch Anleitung der Jugend zum Gottesdienst bei selbstständiger Vollziehung aller seiner Functionen in einer eigenen Synagoge. Stuttgart, 19. October. Die antisemitischen Geschäfte gehen schlecht. Gestern war eine „Größe" der Partei, der sächsische Landtagsabgeordnete Schubert hier, der in der Siegelberger Bierhalle einer größtentheils aus leeren Stühlen bestehenden Versammlung predigte. Bemerkenswerth ist vielleicht der Umstand, daß der Redner sich gegen den Vorwurf verwahrte, „Judenhetzer" zu sein; er will den Mammonismus auch auf christlicher Seite bekämpfen und spielt die Action seiner Partej^überhaupt mehr auf die „Rettung des Mittelstandes" hinaus. Die Zeiten sind eben schlecht. Feuilleton. Nus alten Tagen. Nachdruck verboten. (Schluß.) M. Es ist ein trauriger, ein trostlos öder Platz, der Gottesacker der israelitischen Gemeinde zu T. Kein Kranz, keine Blume legt Zeugnitz ab von freundlichen Gedenken der Ueberlebenden, kein Baum breitet schattenspendende Zweige über die Ruhestätten der Dahingeschiedenen. Nicht einmal ein gebahnter Weg führt hindurch, nur schmale Zwischenräume befinocn sich zwischen den einzelnen Grabstätten mit meist altersgrauen, kahlen und verwitterten Steinen, auf denen die hebräischen Inschriften in der Farbe des Steines schnell bis zur Unleserlichkeit verwischt sind. Hie und da findet sich auch ein neuerer, hellerer Stein mit deutscher Schrift unterhalb der hebräischen, aber ebenfalls verwahrlost und vom dem Grase, das überall emporwuchert, fast bedeckt. Der Jude soll ja weder den Sarg noch das Grab seiner Todten schmücken, ihm ist der Tod ein Abscheu, die Nähe eines Todten verunreinigend, wozu also sollte er da Schmuck und Zier auf Das verwenden, was für ihn den Inbegriff deL Unheiligen bildet? Was sollen ihm Blumen, die Sinnbilder des frohen Lebensgenusses, an dem Orte der Verwesung? — Ein köstlicher Frühlingstag war es, an dem die verwitwete Rabbinerin in die kühle Erde gebettet wurde, und ein langer Zug von Leidtragenden folgte dem einfachen, schmucklosen Sarge, der als Merkmal besonderer Verehrung von zwölf Jünglingen aus den besten israelitischen Familien abwechselnd getragen wurde. Das Gefolge bestand zum größten Theil aus Glaubensgenossen der Verstorbenen, aber auch viele christliche Bewohner des Städtchens hatten sich angeschlossen, denn die Verstorbene war durch ihre ungewöhnliche Bildung, durch ihren tadellosen Lebenswandel und hauptsächlich der Wohlthätigkeit wegen, die sie stets auch auf nothleidende Andersgläubige ausgedehnt, eine in der ganzen Stadt hochgeachtete Persönlichkeit gewesen. Bon ihren Glaubensgenossen, die in jeder Bedrängnitz ihren Rath und ihre Hilfe einzuholen gewohnt waren, verehrt, angebetet von ihren Kindern, war sie trotzdem von Selbstüberschätzung frei geblieben und streng gegen sich selbst, hatte sie das Recht nicht verwirkt, es gegen Andere zu sein. Strenge war denn auch der Grundzug ihres Charakters gewesen, und alle Liebe, alle Hingabe des Weibes an den Gatten, alle Sorge und aufopfernde Zärtlichkeit der Mutter für ihre Kinder hatten diesen Zug nicht zu verwischen vermocht. Sie hatte ihren Erstgebornen mehr geli.bt, als ihre übrigen Kinder, aber sie war fest geblieben und hatte sogar in der Sterbestunde verweigert, ihn zu sehen. Vor dem niedrigen, eisernen Gitter, das den Friedhof umschloß, hielt der Zug an; in ungeordneten Gruppen drängten Alle durch das offene Thor hinein zu dem frisch aufgeworfenen Grabe, an dessen Rand der Sarg niedergesetzt worden. In kurzer ergreifender Rede gedachte ein fremder Rabbiner der hohen Tugenden der Dahingeschiedenen, ihres segensreichen Wirkens in der Gemeinde und schloß mit der Aufforderung, ihr Andenken zu ehren und ihr an Tugend gleich zu werden. Dann wurde der Sarg hinabgelassen, die zunächst Stehenden warfen eine handvoll Erde darauf, das Grab wurde zugeschaufelt, und die Feierlichkeit war vorüber. Einer und der Andere aus dem Gefolge war zu dem Grabe eines Angehörigen getreten, ein Gebet murmelnd und ein Büschel Gras aus dem Boden reißend, um es auf den Grabstein niederzulegen, dann, nachdem die übliche Ceremonie des Händewaschens an einem bei dem Eingang befindlichen kleinen Brunnen vorgenommen worden, entfernten sich Alle. Alle — bis auf Einen!