Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021051--03975-3028138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 836 Vesterretchtsrhr rpochrnptzrtfl ’Jh. 43 Auch in weiteren Kreisen der Studentenschaft hat sich diese Erkenntniß Bahn gebrochen, und der Zudrang wurde so groß, daß der lange gehegte Plan einer Theilung durchgeführt werden konnte. So werden künftig drei jüdische Vereine, Unitas, Kadimah, Gamala, an unserer Universität bestehen, von deren jeder bei völliger Gleichheit des Programms doch seinen eigenen Wirkungskreis hat. Zwischen der mehr radicalen Kadimah und der rein wissenschaftlichen Gamala, will die Unitas, deren Mitglieder meist aus den westlichen Provinzen (Böhmen, Mähren, Niederösterreich) stammen, mit Wort und Waffe den goldenen Mittelweg einschlagen. An die wohlhabenden jüdischen Kreise ergeht aber nun der Ruf, diese Verbindung thatkräftig zu unterstützen, indem sie durch Entrichtung eines Betrages als Gründer oder Förderer beitreten. Die jüdische Jugend, die, obwohl sie in höherem Grade als ihre christlichen Collegen gezwungen ist, schon an der Universität den Kampf ums Dasein zu führen, doch muthig für ihr Volk eintritt, darf erwarten, daß dieses ihr wenigstens materiell beisteht. Bedenket, daß ihr Euch selbst stützt, wenn Ihr die jüdische Jugend unterstützt. Wolf Grünebaum, ein jüdischer Soldat. Von M. Plaut. Die Antisemiten haben in ihrem frevelhaften Beginnen, Alles, was jüdisch heißt, zu verunglimpfen und in Verruf zu bringen, auch vor den Leistungen der jüdischen Krieger nicht Halt gemacht. Diesem nichtswürdigen Treiben gegenüber haben die jüdischen Blätter und die „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" es als ihre Pflicht erachtet, Alles aufzuzeichnen, was ihnen über das Verhalten der jüdischen Soldaten im Kriege bekannt wurde. Heute soll der verehrte Leser einen jüdischen Soldaten kennen lernen, der an Tapferkeit keinem der christlichen Soldaten seines Regimentes nachgestanden hat. Der Name dieses Helden ist Wolf Grünebaum, aus Vollmerz bei Schlächtern stammend. Von Jugend auf für Reiten und Schießen eingenomme t, war er bald der keckste Reiter seines Regiments, des I. hessischen Husarenregiments Nr. 13. Da erscholl der Kriegsruf über den Rhein und sein Regiment rückte alsbald dem Feinde entgegen. Laß Dir nun, lieber Leser, einige der von ihm ausgeführten Reiterstückchen von ihm selbst erzählen: „Nachdem ich das Gefecht bei Weißen bürg, die Schlacht bei Wörth mit unserer Attake auf französische Kürassiere und Uhlanen und die Attake unserer zwei Escadronen auf drei französische Kürassierescadronen in der Schlacht bei Sedan mitgemacht hatte, wurde ich vor Paris als Ordonnanz zum Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 94 abcommandirt. General von der T a n n hatte vor der großen Uebermacht des Feindes aus Orleans weichen müssen, und uns — der 17. und 22. Division — wurde die Aufgabe, mit General von der Tann die aufgegebene Position und die Stadt Orleans um jeden Preis wieder zu erringen. Das Regiment, dem ich attachirt war, hatte in früheren Schlachten seinen Commandeur verloren und inzwischen als Führer den von seinen bei Wörth erhaltenen.Wunden kaum geheilten ältesten Major v. Nechar erhalten. Am 1. December erhielt das Regiment in dem Obersten v. Palmen st ein einen neuen Commandeur. In aller Frühe des 2. December rückte das Regiment mit den übrigen Truppentheilen der Division bei A r t e n y dem Feinde entgegen. Wie es schien, hatten wir in demselben im Laufe des Bormittags empfindliche Lücken geriffen. Ec ging zurück, von uns verfolgt bis in die Waldungen hinter Artenh, wo wir uns plötzlich einer fast sechsfachen Uebermacht in einer für uns sehr ungünstigen Stellung gegenüber sahen. Von fast drei Seiten warf der Feind das mörderischeste Feuer auf uns, dazu ging unsere Munition auf die Neige. Da fiel an meiner Seite Oberst v. P., von zwei Kugeln schwer verwundet, vom Pferde. Ich sprang sogleich aus dem Sattel, um den braven tapferen Officier, der erst Tags zuvor aus seiner Garnisonsstadt in Frankreich eingetroffen war, aus dem Kugelregen zu tragen. Er wehrte mir dies aber mit den Worten ab: „Lassen Sie es, mit mir ist es doch vorbei; überbringen Sie eiligst das Commando dem Major v. Nechar!" Ich mußte gehorchen. Als ich zurückkam, hatte man den braven Obersten in eine nahe Mühle getragen, wo er kurze Zeit darauf verschied. Nachmittags mußten wir vor der erdrückenden Uebermacht und wegen Mangels an Munition zurückgehen. Ich stieß auf den Divisionsgeneralv. Wittich, dem im Verlauf einer halben Stunde drei Pferde unter dem Leibe weggeschossen worden waren, und wollte ihm schnell ein anderes Pferd besorgen. Da rief er einem Adjutanten den Befehl zu, die Compagnie des 94. Regiments, die zwei Gehöfte an der Waldlisiöre besetzt hielt, herauszuholen, da sie sonst vom Feinde umringt würde. Kaum hatte der Adjutant den Befehl erhalten, als er verwundet wurde. Deshalb bat ich um die Erlaubniß, den Befehl überbringen zu dürfen. Es war ein Weg von etwa dreiviertel Stunden, den ich zurückzulegen hatte. Ich erhielt die Weisung, recht vorsichtig zu sein, da das zu passirende Dorf möglicherweise von Feinden besetzt sein könnte. Vor diesem Dorf begegnete mir Herr Major v. Schauroth, der mir auf meine Frage antwortete, noch sei das Dorf von Feinden nicht besetzt. Ich sprengte also durch dasselbe, überbrachte den Befehl und ritt dann wieder zurück. Es war inzwischen etwas dunkel geworden, und deshalb gewahrte ich erst, als ich nur noch 300 Schritte vom Dorfe entfernt war, daß hinter der Gartenmauer des ersten Hauses eine feindliche Cavallerie-Patrouille (Spahis), die abgesessen war, durch die Sättel ihrer Pferde ihre Gewehre auf mich in Anschlag gebracht hatte. Blitzschnell warf ich mein Pferd herum, und in demselben Augenblicke schon pfiffen mir die Kugeln die sehr bekannte. Melodie um die Ohren. Die Kerls schossen gar nicht übel. Eine Kugel jagten sie mir durch meine Pelzmütze auf dem Kopfe, eine zweite durchlöcherte den Mantel, die dritte riß mir den Absatz vom Stiefel, und eine vierte durchschoß kurz vor meiner Hand die Kandarenzügel meines Pferdes,' so daß ich dasselbe nur noch mit der Trense leiten konnte. Dem Thiere die Sporen eindrückend, jagte ich querfeldein der Richtung zu, wo ich unsere Truppen vermuthete. Bald zeigte sich ein Laufgraben vor mir. Als ich demselben auf 4—5 Schritte nahegekommen war, schlug eine Granate in denselben und durch das Crepiren derselben und die hiedurch hoch aufgeschleuderte Erde, die mein Pferd überschüttete, wurde dieses stutzig und war nicht über den Graben zu bringen. Wären meine Zügel intact gewesen, so wäre ich doch hinübergekommen, und mein schnelles Pferd — ein bei Sedan erbeutetes und dem Großherzog von Sachsen-Weimar gehöriges edles Thier — wäre von den arabischen Hengsten der Spahis nicht eingeholt worden. So aber erreichten mich zwei Mann der französischen Patrouille vor dem Graben. Ergeben durfte ich mich nicht. Es galt zu kämpfen und es galt das Leben. Immer meine rechte Seite dem Feinde zuwendend, fing ich den ersten, auf meinen Kopf gerichteten Hieb auf, schwang meinen Säbel mit aller Kraft und spaltete meinem ersten Gegner mit einem gewaltigen Hiebe die Schulter, daß er lautlos vom Pferde sank. Zur Rechten sah man wie zur Linken einen halben Spahi heruntersinken. Sodann machte ich den zweiten, der mich auch mit seinem Säbel bedrohte, durch einen Stich in den Unterleib kampfunfähig. Kaum dachte ich, nun in Ruhe zu sein, als zwei andere dieser weißgekleideten Wüstensöhne, der Rest der Patrouille, ihr Müthchen an mir zu kühlen gedachten und mir an den Graben noch den Weg verstellten. Der zuerst Herangerittene suchte mich von hinten über den Kopf zu hauen. Um mich zu decken, mußte ich den Hieb, von vorn anziehend, auffangen. Dabei kam ich mit meinem Säbel zu tief und hieb meinem Pferde die Spitze des linken Ohres ab. Dies bewirkte, daß das Thier mit einem Satze den Graben übersprang. Die zwei Feinde folgten mir in der Richtung zu meinen Truppen. Als ich noch einige 100 Schritte vom Walde entfernt war, knallten aus demselben einige Schüsse, und erst, als ich mich nicht mehr verfolgt sah, gewahrte ich, wem der Gruß gegolten hatte. Meine zwei afrikanischen Freunde, deren helle Uniformen auch im Dunkeln unserer Infanterie eine gute Zielscheibe abgegeben hatten, lagen erschossen hinter mir, und ich — war gerettet. Bald darauf erhielt ich die silberne Verdienstmedaille mit Schwertern. * * * Es war in den letzten Decembertagen. Wir lagen in einem kleinen Orte, ungefähr vier Stunden von Maintenon. Eine pechrabenschwarze Nacht hatte sich über die Erde gelegt, und Schnee- und Regenstiirme verleideten Einem jeden Schritt im Freien. Gegen 9 Uhr Abends erhielt ich durch den Adjutanten des 94. Infanterieregiments, den Lieutenant v. Trotha, den Befehl, ' i irr nir iimiir~Tn