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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-26 · 43 (26.10.1894) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 43 Oestrrreichische Wochenschrift Seite 835 selben und fand dort den greisen Meister im Lehnstuhle sitzend, die Spuren eines s ch w e v e it Leidens im G e s ich 1 e tragend. Das Gespräch drehte sich dann um die musikalischen Pläne des genialen Musikers, der in seinen Jngendjahren anch Lieder componirte. „Ich weiß nicht mehr, wo ich die Dinge hingelegt habe", ergänzte er lächelnd. Dann kam Bruckner auf den Verdacht zu sprechen, in den er gerathen sei, daß er mit den Antisemiten liebäugle. „Sehen Sie," fuhr der Meister auf, „das hat mir lvehe gethan. Ich bin ein gläubiger Katholik. Nimmermehr gebe ich mich zu G em e i n h e i t e n und Albernheiten her. Ich hasse das Schlechte, wo ich es finde, bei Christen und Juden gleichmäßig. Ich ein Antisemit! Lächerlich. Ich verdanke viel den Juden, dem Hofcapellmeister Lewy, Siegfried Ochs, und einer meiner Lieblingsschüler, Vogel, ist auch ein Jude." j Wieder einer! Der Volksschullehrer Carl Julius i Klietsch aus Heinsdorf bei Burgstädt, den das conservative Amtsblatt von Plauen im Voigtlande als einen bekannten antisemitischen Agitator bezeichnet, ist wegen einer ganzen Reihe Verbrechen (widernatürliche Unzucht mit seinen Schulkindern) vom Landgericht zu Chemnitz zu 6 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust verurtheilt. Der Wüstling hatte seine Verbrechen seit Jahren verübt. Innsbruck. (Antisemitismus im Innsbrucker Turnverein.) Das „Tiroler Tagblatt" vom Sonntag den 21. October 1894 enthält folgende Zuschrift: „Mein Sohn hat am Mittwoch den 17. d. M. um Aufnahme in den Innsbrucker Turnverein angesucht und gleich am selben Abend über Aufforderung des Herrn Vereinslehrers, wie dies ja häufig geschieht, mitgeturnt. Am Donnerstag kam ein Vertrauensmann des Vereines zu mir, der mir nahelegte, ich möge, da von antisemitischer Seite eine Agitation gegen die Aufnahme meines Sohnes eingeleitet sei, dieselbe zurückziehen, woraus ich erwiderte, es fei mir nicht bekannt, daß auch der Innsbrucker Turnverein ein antisemitischer sei, und wäre dies der Fall, so möge er Farbe bekennen, ich werde daraus die nöthigen Consequenzen zu ziehen wissen. Freitag Mittags laugte an die Adresse meines Sohnes von Seite der Vorstehung des Turnvereines eine Zuschrift ein, in welcher ihm die Ablehnung seiner Aufnahme mitgetheilt wurde, worauf ich noch an demselben Tage nachfolgendes Schreiben an die Vorstehung richtete: „Löbliche Vorstehung des Innsbrucker Turnvereines! Ich erkläre hiemit meinen Austritt aus dem Innsbrucker Turnverein und retournire Ihnen anbei die Attribute meiner Ehrenmitgliedschaft dieses Vereines. Es widerstrebt mir, noch länger Ehrenmitglied eines Vereines zu sein, dessen oberster Grundsatz nunmehr die Unduldsamkeit und Undankbarkeit zu sein scheint. Die meiner Frau bei Gelegenheit der Fahnenweihe übergebene Dankadresse folgt auch zurück." Ich theile Ihnen dies genau, dem Sachverhalt entsprechend mit, um irrthümlichen Gerüchten zu begegnen. Hochachtungsvoll - Wilhelm Dann Hauser. Die „Innsbrucker Nachrichten" vom Dienstag den 23. October schreiben über den Vorfall: ..Die am Samstag in weiteren hiesigen Kreisen bekannt gewordene Zurückweisung der Aufnahme des Herrn Dannhaufer znu. in den Innsbrucker Turnverein, von dem man dafürhielt, daß er im Gegensatz zum hiesigen „Deutschen Turnverein" die Krankheit der Zeit — die antisemitische Ansteckung — von sich ferne zu halten gewußt habe, hat Aufsehen erregt. Das Vorgehen des Turnvereines ist lebhaft besprochen und von den ruhig und leidenschaftslos Denkenden verurtheilt worden. Es ist dieser Fall, wie man jetzt erfährt, nicht der erste Fall konfessioneller oder Stammes-Unduldsamkeit in dem Vereine. Die Nichtaufnahme D a n n b a u s e r's hat bereits ein Präcedenz, jedoch erscheint jene in einem um so schärferen Lichte, als cs sich um eine Persönlichkeit handelte, deren Vater sich unstreitig viele Verdienste gerade um diesen Verein erworben hat. Der Anschauung und Stimmung in jenen Kreisen, welche Partei für D a n n h a u s e r nehmen, und deren ist die überwiegende Zahl dahier, wird von berufenster Seite und in einer Weise Ausdruck gegeben, daß sie Herr Daunhauser als eine glänzende Genugihuung betrachten kann, nämlich durch den Austritt des Altbürgermeisters A d a m aus dem Vereine. Als erster Förderer des Turnwesens in Innsbruck überhaupt und als ältester Turner Innsbrucks drückt Herr Adam in der Zuschrift, mit der er seinen Austritt aus dem Vereine meldet, seine Mißbilligung des Vorgehens Herrn Dann haus er gegenüber aus; er betont die vielen Verdienste, die derselbe sich um den Verein erworben bat. und erklärt, daß derselbe es wahrlich nicht verdient habe, so behandelt und beleidigt zu werden." Antisemitische Unruhen in Katherinoslaw. Aus Petersburg, 19. d., schreibt man der „Pol. Corr.":Aus einem Processe, der soeben in Katherinoslaw zn Ende ging, wird erst bekannt, daß in dieser Stadt im Monat April dieses Jahres sehr umfangreiche antisemitische Unruhen stattgefunden haben. Wie ans dem Verlause des Processes hervorgeht, trugen sich diese Unruhen in folgender Weise zu: Im Monat April war eine größere Anzahl von Juden aus der Umgebung Katherinoslaw in diese Stadt gekommen, um daselbst das Passahsest zu feiern. Dieser Zufluß von Juden von dem Lande führte zn großen Unruhen. Zunächst entstanden Streitigkeiten zwischen russischen und jüdischen Gassenjungen, woraus sich rasch ein Zusammenstoß zwischen den erwachsenen Männern beider Parteien entwickelte. Die Aufregung ergriff im Handrnndrehen die ganze Bevölkerung der Stadt, und es entwickele sich eine regelmäßige Jagd aus die Inden, welche aus den Straßen mit Schlägen traklirt, deren Läden geplündert und in deren Häusern die Fenste. scheib.n durch Steinwürse zertrümmert wurden. Ein jüdisches Gasthaus wurde sogar in Brand gesteckt. Die Polizei war für sich allein nicht im Stande, die Ordnung wieder herzustellen, und erst als der Gouverneur den Truppen befahl, der Polizei zu Hilfe zu kommen, gelang es, diesem barbarischen Vorgehen der Bevölkerung von Katherinoslaw ein Ende zu bereiten. Es wurden ungefähr hundert Verhaftungen vor genommen und nach dem Verhöre sind fünfzehn Personen im Gesängniß znrückbehalten worden. Gegen diese Fünfzehn wurde soeben der Proceß geführt und das Urtheil lautete dabin, das; neun von ihnen frei ansgingen, während sechs zn Arreststrasen zwischen zwei Monaten und einem Jahre und Verlust der bürgerlichen Rechte verurtheilt wurden. _ Unitas. Ein Lied aus dem Jahre 1848 endet mit den Worten: „Und der lang ersehnte Himmel Kehrt aus Erden wieder ein." Ich weiß nicht, ob diese Zeilen der Gesinnung der christlichen Bevölkerung entsprachen, sicherlich aber dachten die meisten Juden so. Und das ist nur natürlich. Bedeutet dock für sie die neue Freiheit die Erlösung aus uralter Roth und Schmach. Und so suchten sie mit der alten Sonderstellung des Judenthums auch jede Erinnerung daran auszumerzen und sich innerlich und äußerlich ihren andersgläubigen Mitbürgern anzuschließen. so sollte der Unterschied zwischen Juden und Christen bald nur noch der Geschichte angehören. Aber was war das? Die guten Geister, die man erhofft hatte, Frieden und Verschmelzung, blieben aus. Statt ihrer also begann nach und nach eine Strömung zu entstehen, die die schlimmsten Gesinnungen der vergangenen Epoche unter neuen Schlagworten zeigte. Mehr als 20 Jahre hindurch gelang es noch dem Liberalismus, sie niederzuhalten, dann aber drang der Antisemitismus durch und heute ist er eine der mächtigsten und jedenfalls die lauteste Strömung im öffentlichen Leben. Die Juden erstaunten; war doch auch in anderen Ländern die Emancipation durchgeführt worden, ohne daß solche Rückschläge eingetreten wären. Sie verglichen nun ihr Verhalten mit dem anderer Israeliten, z. B. in England und Holland, und da kamen sie zu einem sonderbaren Resultat. Auch Jene hatten alle Unterschiede möglichst abgestreist, aber sie waren dabei doch Juden geblieben; hier aber batten sie im Assimilationseifer selbst den Kern ihres Wesens, ihr Judentyum, in Volksthum und Glauben von sich geworfen. und die Folgen ließen nicht auf sich warten. So hatten sie versucht in möglichst enge Beziehungen zu ihren christlichen Mitbürgern zu treten; das war die jüdische Zudringlichkeit. Durch äußeren Glanz hatten sie sich bestrebt, ihre Abstammung vergessen zu machen; das war die jüdische Protzigkeit. Da sie ihre eigenen Ideale aufgegeben hatten, so wurden sie entweder Vertreter der reinen Negation und kamen so in den bösen Ruf ewig unzufriedener Revolutionäre, oder sie schlossen sich mit Feuereifer fremden Strömungen an und vergifteten oder verjudeten sie wie ein populärer Ausdruck besagt. So hatte die Ueberireibung eines an sich richtigen Grundgedankens statt der erhofften Erfolge nur Unheil gebracht. Diese Erkenniniß brach sich denn auch langsam Bahn, und ihr dürfte jenes Wiederaufleben jüdischen Geistes zu danken sein, das in der letzten Zeit vielfach bemerkt werden konnte. Leider blieb diese neue Strömung bei Worten und setzte sich nur an einem Punkte in Thaten um; dieser Punkt war die Universität, wo die jüdische Partei einen Mittelpunkt an der Kadimah fand. Noch ist die traurige Nothnagel-Affaire in frischer Erinnerung, bei der dieser Verein allein die jüdischen Interessen vertrat.

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