Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 43 (26.10.1894)
- Date
- 1894-10-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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«Seite 832 DerrrMNtzrUtze M)entzrn5chrM 'Jtt. 43 dem Pcofessocen-Collegium zur Kenntniß, daß er Nachricht geben müsse von dem jähen Hinscheiden des Professors der Augenheilkunde Dr. Ludwig Mauthner.Es läßt sich denken, in welch tiefer Ergriffenheit das Collegium diese zwei unmittelbar nacheinanderfolgenden Mittheilungen vernahm. Das tragische Schicksal Mauthner's hat allseits aufrichlige Theilnahme hervorgerufen und diese documentirte sich in herzlichster Weise bei der am 2L October stattgefundenen Trauecfeier. Die Berufscollegen, die in ihm den jüngsten und einen der strebsamsten Vertreter des medicinischen Professoren- Collegiums verlieren, die Schüler, die in ihm den gefeierten Lehrer und wohlwollenden Prüfer, die Kranken, die einen geschickten Arzt und einen edlen Menschen in ihm beklagen, erwiesen ihm die letzte Ehre. Schon lange vor zwei Uhr waren die Räume seines Gelehrtenheims am Kolowratring Nr. 6 von einer zahlreichen Trauerversammlung erfüllt. Man sah unter den Anwesenden: Ihre Excellenzen Freiherrn v. Bezecny und FZM. Freiherrn v. Tiller, den Sectionschef Freiherrn v. Lilienau, den Ersten Hofrath Freiherrn v. West er mayer, Grafen Dubsky, Bürgermeister Dc. Grübl, Hofrath Ritter von Harrt, Statthaltereicath Ritter v. Karajan. Secrionsrath Dr. Kn ran da, Ritter v. Borke na u, die Reichsrathsabgeordneten Freiherrn v. Oppenheimer, Dr. Bloch und Dr. Roser, die Gemeindräthe Ritter v. Gold sch midt, Baurath Stiaßny und Dc. Stern, Director Heller vom Blindeninstitute auf der Hohen Warte, Groß-Industriellen Wilhelm Pollak, Ober-Regiffenr Ritter v. Sonnenthal, Schriftsteller Fritz Singer, Commercialiath Stiaßny, Schäfermayer in Vertretung der Firma Wilhelmy, den Vorstand der frommen Bruderschaft in Wien Herrn Heit rc. Das Profefforen-Collegium und die ärztlichen Kreise Wiens waren außerordentlich zahlreich vertreten. Man bemerkte den Decan der medicinischen Facultät Professor Weichselbaum, die Pcofefforen Hofrath Ludwig, Hofrath Dittel, Hofrath Nothnagel, Stellwag-Carion, Hofrath Freiherrn v. Wid erhof er, Hofrath Schrötter, Hofrath Grün Hut. Zuckerkand!, Josef Gruber, Benedikt, Monti, Polizer, Stoerk, Hofrath Kaposi, Basch, Obersteiner, Ritter V. Stoffe lla, Hofmokl, Ritter v. Reuß, Os er, Urbantsch itsch, von Mo selig, kais. Rath Winternitz, von Red er. die Docenten v. Hebra, Neudörfer, König stein, G r ünfe ld rc. rc. Präcise zwei Uhr wurde der einfache Holzsarg zum Wagen getragen. Auf dem Wege sang der Ober-Cantor Singer, begleitet vom Chorpersonale einen Psalm. Der Zug bewegte sich dem Centralfriedhofe zu und in einer unabsehbaren Reihe von Wagen folgten die Honoratioren, die dem Gelehrten das letzte Geleite gaben. Gegen drei Uhr langte der Conduct auf dem Centralfriedhofe an. Die Mehrzahl der Trauergäste hatte dem jäh Verblichenen das Geleite bis zur letzten Ruhestätte gegeben. Der Sarg wurde in die Ceremonienhalle getragen und auf die Estrade gestellt. Zu Häupten standen die trauernden Hinterbliebenen. Nachdem Ober-Cantor Singer, assistirt vom Chorpersonale die rituellen Gesänge in oratorisch erhebender Weise verrichtet, trat Ober-Rabbiner Dr. Güdemann an das Kopfende und hielt dem Gelehrten folgenden poesievollen und formschönen Nachruf. Dr. Güdemann sagte: „Wenn man das Leben wechselvoll und mannigfaltig nennt, so spricht man damit ein kaum begründetes Urtheil aus. Die Mannigfaltigkeit ist nur scheinbar, in Wirklichkeit ist das Leben für die meisten Menschen einförmig, eine stete Wiederholung. Dagegen muß Derjenige, den sein Beruf oft an diese Stätte führt, bekennen, daß der Tod es mit dem Leben an Mannigfaltigkeit aufnimmt. Er ist ein Dichter, an deffen Phantasie keine andere hinanreicht. Er schreibt Romane, deren Kürze im umgekehrten Verhältniß zu ihrer erschütternden Wirkung steht und mit kalter Hand entwirft er Schauergemälde, wie sie der größte Künstler nicht auf die Leinwand zu zaubern vermag. Hier an dieser Bahre, hat er als Tragiker gewaltet. Man erzählt von jenem orientalischen Dichter, der den Namen des paradiesischen führt, daß er nach einem entbehrungsreichen Leben als Leiche aus einem Thore der Stadt hinausgetragen wurde in demselben Augenblicke, in welchem in das andere die Boten des Chalifen einzogen, beladen mit reichen Geschenken, womit er den Dichter ehren und auszeichnen wollte. Die Geschenke kamen zu spät, denn der Tod war zu früh gekommen. Er hatte eine Tragödie entworfen, deren Gegenstand der Dichter selber war, und er ist, wie immer, in dem künstlerischen Wettbewerb Sieger geblieben. Ebenso wie jenem Dichter, ist es dem vorzüglichen Manne ergangen, an dessen Bahre wir stehen. Siebzehn Jahre hat er, wie er selber eingestand, nach dem Lorbeer gerungen, oen er als heißbegehrten Lohn seines unermüdlichen Strebens und seiner hervorragenden Tüchtigkeit betrachtete, nach der Berufung auf eine ordentliche Lehrkanzel seines Faches an der hiesigen Hochschule. Aber der Tod hat dafür gesorgt, daß dieser redlich ersiegte Lorbeer ihm nur noch um das entseelte Haupt gewunden werden kann, und der Mann, der sein ganzes Leben der Erkenntniß des Auges gewidmet hat, der diese Erkenntniß durch geniale Forschungen bereicherte und der als ausübender Arzt so Manchem das langentbehrte Augenlicht wiedergab, er mußte seine Augen für immer schließen, in dem Augenblicke, in welchem er wie Moses das gelobte Land seiner Sehnsucht vor sich liegen sah, das er aber wie Moses nicht betreten sollte. So wollte es jener Dichter, der mit rauher Hand die besten Entwürfe des Menschengeistes zerstört, um seine eigenen an ihre Stelle zu setzen, so wollte es jener Tragiker, der keine fünf Acte braucht, um uns zu erschüttern, sondern dem ein Augenblick genügt, um die größte Freude in tiefste Trauer zu verwandeln, so wollte es der Tod. Der Tod? Nein, das soll nicht unser letztes Wort sein. Ueber dem Tod steht noch ein größerer Dichter und ein trostreicher, das ist der Glaube. Hier wo alle Kunst aufhört, wo keine Kunst das verstorbene Herz wieder schlagen macht und das erloschene Auge wieder öffnet, da waltet er seines trostreichen Amtes und er erinnert uns hier daran, daß übermorgen in unseren Gotteshäusern die Schilderung von dem Tode Moses gelesen wird. Wie beginnt diese Schilderung? Mit dem Worte: „Dies ist der Segen." Wo ein Leben, wenn es zu Ende geht, auf eine Fülle von Segen hinweist, die es gespendet, da ist der Tod überwunden. Und dieses Leben hat Tausenden reichen Segen gespendet, zunächst der trauernden Gattin, die nach langer freudloser Zeit wenige glückliche Jahre an seiner Seite genossen, die ihr nun umso glücklicher erscheinen werden, als es leider nur wenige waren; den Kindern, die er zärtlich liebte, den Geschwistern und Angehörigen, denen er der treueste Verwandte war, den Tausenden, denen seine Kunst das Augenlicht und die Gesundheit wiedergegeben. Wenn, er auch das gelobte Land seiner Sehnsucht nicht betreten hat, so hat er es doch Vielen bereitet, er ist Vielen theuer gewesen als der beste, uneigennützigste Mensch, als der anhänglichste Freund. Er war in sich selbst ein Segen und er wird es bleiben durch sein Wirken, durch seine Forschungen, durch die Liebe und Herzensgüte, die ihm Tausende verbanden. Darum wird sein Andenken gesegnet sein für alle Zeiten!" Als Oberrabbiner Dr. Güdemann unter allgemeiner Rührung geendet hatte, wurde der Sarg zum offenen Grabe getragen und in die Tiefe gesenkt. Darauf trat der Decan der medicinischen Facultät, Professor Dr. Weichselbaum an das Grab heran und ries dem Tobten den letzten Gruß der Hochschule zu. Er wies daraus hin, wie selten ein Ereigniß so erschütternd gewirkt hatte, wie Mauthner's jäher Tod, und daß ein derartiger Fall in den Annalen der Universität ganz vereinzelt dastehe. Professor Weichselbaum sagte, daß Mauthner inmitten seiner Hoffnungen entrissen wurde. Er beraubt die Hochschule einer Kraft, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Die Schüler sind ihres Lehrers, das Professoren- Collegium seines jüngsten Mitgliedes beraubt und nun stehe die Facultät mit zerstörten Hoffnungen an der Bahre. Die wissenschaftlichen Leistungen und Lehren des Verblichenen werden fortbestehen, wenn auch der Körper in die Erde versenkt wird. Namens der Poliklinik sprach Professor Dr. v. Reuß, ein engerer Fachcollege Mauthn er's. Er sagte, daß er dem Todten als Mitglied der Poliklinik, als Arzt und als Ophthalmologe den letzten Gruß zurufe. Er skizzirte in kürzesten Zügen Mauthn er's Laufbahn und kam dann zu dem Schluffe, daß die Lücke, die sein Tod gelassen, sich sobald nicht, vielleicht nie schließen werde. Redner betonte, daß er und Mauthner gegnerischen Schulen angehört hatten, die sich wie M o n t a - g u e und C a p u l e t gegenübergestanden seien, aber sie wandelten denselben Weg, wenn sie sich auch im Anfang als Menschen einander ferner gehalten hätten. Später kamen sie ein-