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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-26 · 43 (26.10.1894) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 43 Vryrrrevtztptzr Mmtzenphrm Seile 831 Ludwig Mauthner. Ein tragisches Geschick, das selbst Fernstehende und ganz Fremde zu tiefem Mitleid und Ausdrücken des Beileids bewegt, hat in der Nacht vom Freitag den 19. auf Samstag den 20. d. M. ein Dasein abgeschlossen, gerade in dem Moment, in welchem es das vollste Leben zu beginnen schien. In der Frühe durch kaiserlichen Entschluß auf den Posten berufen, der das Ziel seines Lebens bildete, zwingt ihn in derselben Nacht die mächtigere, gewaltigere Majestät des Todes in das Reich der Schatten hinab. Es war keine gewöhnliche Ernennung, mit der Professor Dr. Ludwig Mau ihn er auf den ersten Lehrstuhl für Augenheilkunde berufen wurde. Seit Jahren hatte sein Name in der Gelehrtenwelt einen Hellen Klang und seit langer Zeit schon riefen ihn arme, schwer leidende Patienten, bei denen die Hoffnung auf Heilung ihres Leidens gering geworden war, von Wien aus in alle Richtungen der Windrose, bis an die fernsten Grenzen unseres Erdlheiles hin. Und manche wunderbare Cur gelang dem scharfen Diagnostiker und geradezu unfehlbarsicheren Operateur. Trotzdem aber hatte Ludwig Ma uth. ner keinen Lehrstuhl an der Wiener Universität inne, der doch all sein Sehnen in den letzten Jahren bildete. Seltsam genug war es. Sagte doch vor einigen Jahren ein großer auswärtiger Gelehrter, daß es eigentlich eine Blamage für die Wiener Universität sei, für M a u t h n e r keinen Lehrstuhl frei zu haben; aber eine Ursache war auch vorhanden. Ludwig Maut hu er gehörte zu jenen äußerlich schroffen Naturen, die sich gar viele Feinde schaffen. Schon sein ziemlich gewaltsamer Abschied von der Universität in I n n s b r u ck. die ihm für seine Thätigkeit nicht genügte, erregte Anstoß, und die Zahl seiner Gegner wuchs bei mancher anderen Gelegenheit. So kam es, daß sich Mauthner's Ruf als Arzt mit jedem Tage hob, daß er aber Professor ohne Professur blieb. Endlich aberschien dieses Ziel erreicht, denn vor einigen Wochen waren wir schon in der Lage zu melden, daß Ludwig M a u t h n e r zum Nachfolger Stellwa g's ernannt sei. Aber Tag um Tag verging und die Ernennung wurde nicht publicirt. In weiteren Kreisen sah man dem Ausgange dieser Affaire mit großer Spannung entgegen. Da endlich am Freitag publicirte die „Wiener Zeitung" die Berufung Mauthner's, die ein in allen Blättern lebhaft besprochenes Ereigniß bildete. Es mag wohl an jenem Tage wenige so glückliche Menschen auf der Welt gegeben haben, wie Ludwig Mau ihn er. Hatte doch diese Berufung den Traum eines ganzen Jahrzehntes in seinem Leben gebildet. Nun am Ziele, war er zugleich am letzten Ende der Bahn. Ein Herzschlag hat den 55jährigen Mann — er war am 13. April 1840 aus einer sehr angesehenen Prager Familie geboren — jählings gelobtet. Mauthner war eine eigenartige Natur, von einer kindlichen Herzensgute, dabei rauh und schroff. Was er aber im Stillen Gutes gethan, das dürften wohl Hunderte von armen Leidenden zu erzählen wissen, hatte er doch für die mittellosen Kranken viel eher ein freundliches Wort, als für Diejenigen, welche ihm fürstliche Honorare zahlten. Oftmals vermag man die Wohltaten, die gute Herzen im Stillen übten, nicht aufzuzählen aus Rücksicht auf noch Lebende; so ist es auch bei Ludwig Mauthner, der ihm erwiesene Güte nie vergaß und überall mit vollen Händen gab, wo Hilfe noththat. Wie er dabei auch ganz Fremden gegenüber als Arzt handelte, das mag ein kleiner komischer Fall aus seinem Leben darthun, der zugleich seine Rauhheit und seine Herzensgüte zeigt. Einer seiner Patienten schreibt einem Wiener Blatt: „Mit einem schweren Augenleiden behaftet, lag ich vor zwei Jahren im Rothschild-Spitale, wo mich Professor Mauthner in wahrhaft humaner Weise behandelte. Eines Tages, als es mir sehr schlecht ging, fragte mich Professor Mauthner, ob ich nicht einen Wunsch hätte. Ich antwortete: „Ja wohl, Herr Profeffor, aber ich fürchte, daß mein Wunsch unbescheiden sei." — „Nur heraus damit", meinte der menschenfreundliche Arzt. Hiedurch ermuthigt, sagte ich: „Meine Bitte geht dahin, daß Herr Professor die Güte haben, mich täglich zu besuchen, da ich mich in Ihrer Anwesenheit immer ein wenig beffer fühle." — Profeffor Mauthner erwiderte darauf: „Wenn's nichts weiter ist und meine bloße Gegenwart Ihnen Besserung bringt, so will ich täglich kommen." — Er hielt Wort, und als ich nach drei Monaten als Reconvalescent in seiner Privat-Ordination erschien, hatte er eine wahre Freude, daß es ihm gelungen sei, mich wieder her'zustellen. Er forderte mich auf, ihn, so oft es mich freue, zu besuchen, wobei er sich ausdrücklich jedes Honorar verbat. Eines Tages kam ich wieder und hätte als Letzter ins Ordinationszimmer treten sollen. Als Professor Mauthner die Thür zum Wartesalon öffnete und mich erblickte, wendete er sich sofort einer sich erhebenden Dame mit den Worten zu: „Pardon, Frau Gräfin, seien Sie nicht böse, allein der junge Mann hat Eile; nicht wahr, Sie gedulden sich einige Minuten *?" Mauthner war einmal nach Rußland zu einer großen Operation gerufen worden, als gerade den Juden das Betreten Rußlands verboten worden war. Als nun an der Grrnze die Passagiere gefragt wurden, ob unter ihnen ein Jude sei, meldete er sich sofort und ohne Widerrede verließ er sein Coupe nach Aufforderung des Beamten. Seinen hochgestellten Patienten telegraphirte er dann das Ereigniß und einige Stunden später traf ein ministerieller Befehl ein, den Gelehrten sofort die Grenze passiren zu laffen. M a u t h n e r, der einmal die Operation zugesagt, reiste weiter zu dem Kranken; als aber aus Petersburg ein anderer hochgestellter Leidender, der vermutblich durch den Minister von der Anwesenheit des berühmten Operateurs in Rußland gehört hatte, ihn telegraphisch ersuchte, auch zu ihm zu kommen, da depeschirte er eine Antwort zurück, die wohl nur in Folge mangelnder Sprachkenntniß des Telegraphisten an ihre Adresse gelangte, denn der weltbekannte Ritter Götz hätte kaum deutlicher sein können. Unter diesen Umständen ist es wohl erklärlich, daß der Gelehrte nicht gerade pei-xor-a war, aber man mußte schließlich nolen8 voiens doch seinem Rufe gemäß ihm die Professur verleihen. Zur weitereren Charakteristik Mauthner's sei übrigens noch ein kleiner Beitrag aus seiner Praxis mitgetheilt. Nachdem er eines Tages einen Patienten aus Galizien geheilt entließ, dessen Aeußeres gerade nicht auf Wohlhabenheit deutete, fragte ihn dieser um die Höhe des schuldigen Honorars. Sofort fährt ihn Mauthner wüthend an: „Sie Esel, Sie. geben Sie Ihren zwölf Kindern etwas Warmes zu effen. Mir wollen Sie Geld zahlen? Schauen Sie, daß Sie hinauskommen!" — „Aber, Herr Professor, ich — * — „Hinaus!-". Nach einigen Tagen trifft den Gelehrten ein befreundeter Advocat und im Gespräch sagt dieser: „Bor Kurzem habe ich Ihnen einen reichen Patienten geschickt; bedanken Sie sich wenigstens!" -— „Sie, mir? Wen denn?" Erst nach längeren Debattiren wird man über den Patienten klar. „Der ist reich?" — „Nun, eine kleine Million dürfte er haben!" — „Ah, den habe ich geheilt und dann hinausgeworfen". Die Familie ist durch den unerwarteten schmerzlichen Verlust aufs Schwerste betroffen. Professor Mauthner war seit einigen Jahren mit einer aus der angesehenen russischen Familie Brodsky stammenden Dame rermält und lebte in den glücklichsten Verhältnissen, die er ebensowohl seiner angesehenen wissenschaftlichen und socialen Stellung wie seinen günstigen Vermögensumständen verdankte. Er wohnte mit seiner Familie, der auch zwei Kinder aus der ersten Ehe seiner Gattin angehören, im Palais Aresin auf dem Kolowratring Nr. 6 an der Ecke der Fichtegasse. Er war ein Bruder des unvergeßlichen Cultusvorstebers Dr. Ph. Mauthner iund des Präsidenten der Wiener Handelskammer und Reichsraths-Abaeordneten Max Mauthner. Im Allgemeinen Krankenhause, besonders an der nunmehr verwaisten Klinik und auf der Allgemeinen Poliklinik, deren Director-Stellvertreter und Abtherlungsvorstand Prof. Mauthner war, dem zu Ehren ein Festbankett in den nächsten Tagen hätte veranstaltet werden sollen, mochte man anfänglich an die Katastrophe nicht glauben. Auf der Klinik des Professors Mauthner standen um 10 Uhr Vormittags die Aerzte bereit, den Besuch des neuen Vorstandes zu empfangen, da sich derselbe für diese Stunde angesagt hatte. Sie warteten vergebens und wußten sich nicht zu erklären, weshalb Professor Mauthner nicht komme. Um 11 Uhr langte dann die Todesnachricht ein. In ergreifender Weise wurde in der Samstag stattgehabten Sitzung des Wiener medicinischen Professoren-Collegiums das tragische Geschick des Professor Ludwig Mauthner dem Collegium zur Kenntniß gebracht. Der Decan erhob sich und theilte mit, daß der Kaiser den Privatdocenten Titularprofessor Dr. Ludwig Mauthner zum Professor der Augenheilkunde an der Wiener Universität und zum Vorstande der ersten Augenklinik am Allgemeinen Krankenhause ernannt habe. Nach dieser Mittheilung nahm der Decan seinen Platz wieder ein, erhob sich aber allfogleich wieder und brachte

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