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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-26 · 43 (26.10.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
43 (26.10.1894)
Date
1894-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 VrstrrrekWchr MocherchtzrM Seite 835 semiten dazu sagen werden. Auch der Bürgermeister der Stadt Wien zeige den Antisemiten gegenüber eine bewunderungswürdige Connivenz. Während die Antisemiten ununterbrochen agitiren und die Führer die Wahlen mit Eifer und Fleiß leiten, wisse man in der liberalen Partei heute noch nicht, wer eigentlich derLeiterder Wahlbewegung bei den Gemeinde' rathswahlen sein werde. Nicht besser sei es mit der Leitung der Bereinigten Linken selbst bestellt. Es fehle an der nöthigen Agitation, an der politischen Kleinarbeit. Der Antisemitismus habe auch schon Universitätsprofessoren erfaßt. Während der jüdische Student bei größtem Fleiß und tadelloser Aufführung es blos seiner Confession wegen zu nichts bringen kann, könne der antisemitische Student Alles erreichen, wenn er auch mehr Zeit in Kneipen als im Studiensaale zugebracht hat. Auch von Seite der Regierung finden die Juden keinen Schutz. Bei der Berathung über die Preßnovelle habe der Minister des Innern als Argument gegen die Bewilligung der freien Colportage angeführt, daß dadurch gerade jene Preß-Erzeugnisse am meisten Verbreitung finden würden, welche zu Haß und Verachtung gegen Nationen und Confessionen aufreizen. Offenbar glaube der Minister aber, daß irgend ein Artikel in einem liberalen Blatte mehr ausreize, als z. B. das bekannte „Gebet in der Judennoth". Ein anderer Minister im Cabinet, der aus der liberalen Partei hervorgegangen ist, tappt ängstlich hin und her, um es den Antisemiten ja nur rech t z u m a ch en. Der Redner schloß: Professor Sueß das vollste Vertrauen, der Bereinigten deutschen Linken nur mit Vorbehalt. Abg. Professor Sueß nimmt die liberale Partei gegen den Borwurf in Schutz, als ob sie das Wesen des Antisemitismus nicht erkannt hätte. Professor Härtel habe im Landtage schon erklärt, daß der Antisemitismus eigentlich die I u d e n nichts mehr angehe. Der Antisemitismus sei nur die Maske für eine streng rea ctionäre Bewegung. Der Anti semi tismus sei von der früheren Regierung als Kampfmittel gegen die liberale P a r t ei g erne g e d u ld et worden. Der Antisemitismus ist eine mehr gesellschaftliche Frage, als eine Frage der Gesetzgebung. Der gesellschaftliche Ton in Wien hat sich zum Nachtheile geändert, er ist verroht. Dies kann aber im Wege der Gesetzgebung abgestellt werden. Die Juden könnten dem Antisemitismus am besten dadurch den Boden entziehen, wenn sie strenge Controle übersichundihreHandlungen führen, sich moralisch heben und der Bevölkerung zeigen, daß auch in der Judenschaft ein gewisses rechtschaffenes Selbstbewußtsein herrscht. Die Partei nehme regen Antheil an der Wahlbewegung, allein sie wolle der Wählerschaft keine Candidaten aufdrängen, sondern gehe von der Ansicht aus, daß die Wähler selbst aus ihrer Mitte würdige Männer zu Ehrenämtern berufen sollten. Abg. D e m e l mit lebhaftem Beifall begrüßt, wendet sich dagegen, als ob die liberale Partei ihren Gegnern ohne Kampf das Terrain überlasse. Gegen den Antisemitismus komme man mit Vernunft gründen nicht auf. Alle die vorgebrachten Lügen und Entstellungen könne man nicht entkräften. DerAntisemitismus sei eineHydra, welche immer w.ieder neuauflebt, wenn man sie schon zerschmettert glaubt. Unter solchen traurigen Verhältnissen ist es auch oft schwer, geeignete Candidaten für Wahlen zu finden. Denn nicht Jeder lasse sich und seine Familie, sein Privatleben und seine Vergangenheit in den Koth zerren und sich mit dem Gifte der Verleumdung und der Scheelsucht begeifern. Der Antisemitismus sei eine P e st. welche um sich gegriffen hat, jetzt aber schon im Niedergange begriffen ist. Gerade die Städte, die von derselben betroffen sind, werden am ehesten gesunden. (Lebhafter Beifall.) Wähler Carl Peßl verlangt mit Bezug auf die Ausführungen eines Vorredners, daß man nicht wisse., wer eigentlich die nächsten Wahlen von Seite der liberalen Partei leiten werde, von Professor Sueß die Erklärung, daß er sich an die Spitze der Wählleitung stellen werde. Denn der Name desselben bedeute die Erinnerung an ein ruhmvolles, thatenreiches Leben, welches nur der Menschheit und dem Wohle desselben gewidmet ist. Unter einer solchen Flagge müsie die Partei siegen. Die „WienerAllg. Ztg." bemerkt zu dieser Versammlung: Im liberalen „Donau-Club" hat gestern Abgeordneter Sueß einen Vortrag über „die politische Lage" gehalten. Er sprach über die Coalition, über die Gewerbegesetzgebung, über die Wahlreform, über die Steuerreform und noch so manches Andere in ziemlich eingehender Weise. Er redete auch über den Antisemitismus, aber in großer Kürze. Er wußte demselben nur nachzusagen, daß er kein positives Ziel aufzuweisen habe, daß er mit seinen Versprechuitgen in eine Sackgasse gerathen sei, „aus welcher die Leute weder durch das leidenschaftliche Geschimpfe auf die liberale Partei, noch durch das Buhlen um die Gunst der Socialdemokrntcn zu erlösen sind". Das war Alles, was eine Koryphäe der liberalen Partei über den Antisemitismus zu sagen wußte. Einem Wähler war dies zu wenig. Die liberale Partei, so führte derselbe aus, behandle den Antisemitismus als Judenfrage und nicht als politische Frage. Die Angriffe auf „Staatsbürger" würden weder von der Partei noch von der Negierung zurückgewiesen. Diese Beschuldigung nöthigte Herrn Professor Sueß, aus seiner Reserve herauszutreten. Schweigen wäre besser gewesen. Dem Abgeordneten der Leopoldstadt ist nämlich der Antisemitismus „eine mehr gesellschaftliche Frage als eine Frage der Gesetzgebung". Der gesellschaftliche Ton in Wün, sagte der Abgeordnete weiter, ist verroht. „Dies kann aber nicht im Wege der Gesetzgebung abgestellt werden". Wir geben zu, die „Gesetzgebung" für den Antisemitismus verantwortlich zu machen, wäre ungerecht. Nicht an der Gesetzgebung, an der Durchführung der b e ft e h e n d e n Gesetze hat es gefehlt. Wäre den israelitischen Staatsbürgern nicht Jahrzehnte hindurch der Eintritt in die Staatsämter erschwert, das Aufsteigen in der Bureaukratie unmöglich gemacht worden, ihre gesellschaftliche Stellung wäre eine ganz andere. Der Jude kann im Heere Gemeiner werden. Er muß es sogar. Schon an der Schwelle der höheren Charge findet er Hemmnisse. Der Jude kann sich einem Facultätsstudium widmen. Aber es ist ein öffentliches Geheimniß, daß ihm eine gründlichere Ausbildung, an der medicinischen Facultät wenigstens, oft versagt bleibt. Das wissenschaftliche Material steht eben nicht so zur Verfügung. Und hat er sein Doctorat abgelegt, tritt er als fertiger Gelehrter auf den Plan, so macht ihm nur eine entwürdigende Protectionswirthschaft die Behelfe zur Forschung und Vervollkommnung zugänglich. An der juridischen und philosophischen Facultät wird dem Juden nur ausnahmsweise die V6nia legendi, die Gnade, Vorlesungen als Docent halten zu dürfen, zugestanden. Unter solchen Umständen ist es gerade den Juden nahezu unmöglich, eine angenehmere gesellschaftliche Stellung zu erringen. Die ältere Generation hat sich in freierer Weise bewegt; die jüngere vermag sich in keiner Weise zur Geltung zu bringen. Eine nachdrückliche Handhabung der Gesetze würde hier bald einen Wandel schaffen. So wenig Respect auch die Führer der antisemitischen Bewegung vor dem Gesetze haben, so große Furcht empfinden sie vor dem — Strafrichter. Der Abgeordnete der Leopoldstadt rückt aber auch mit einem positiven Vorsch age hervor: „Die Juden könnten dem Antisemitismus am besten dadurch den Boden entziehen, daß sie strenge Controle über sich und ihre Handlungen führen,

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