Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 42 wieder in das Haus getreten, in dem er seine Jugend verlebt, aber mit magischer Gewalt zog es ihn immer wieder dorthin, und er vermochte diesem inneren Drange nicht zu widerstehen. Sv stand er denn auch jetzt in dem hellen, leuchtenden Frühlings-- morgen, den Hut tief in die Stirne gedrückt, an der nächsten Straßenecke und starrte mit brennenden Augen sehnsuchtsvoll aus das alte, von der Zeit geschwärzte Haus mit seinen kleinen bleigefaßten Fensterscheiben, an denen er vergeblich eine ihm theuere Gestalt zu erblicken hoffte. Plötzlich fiel es ihm auf, daß eine Menge Personen beiderlei Geschlechts vor dem Hause versammelt waren, und schon wollte er näher treten, um sich nach der Ursache dieser Zusammenrottung zu erkundigen, als ihm einfiel, daß sich ja auch eine Synagoge in diesem Hause befand und daß auch seine früheren Glaubensgenossen heute das Osterfest feierten. Er zog sich etwas zurück — der Gottesdienst war offenbar soeben beendet worden — er wollte warten, bis diese Leute, die ihn ja Alle kannten, nach Hause gegangen waren, um dann nur einen einzigen Blick durch das, wie er von Weitem bemerkte, nur leicht verhüllte Fenster in die Stube werfen zu können, wo er als Knabe so fröhlich gespielt, als Jüngling so ernst den Studien obgelegen und in der er noch bis vor Kurzem so genußreiche, zufriedene Stunden verlebt. Der Wunsch, diese Räume, die durch tausendfältige Erinnerungen geweiht und verschönert wurden, zu betreten, wurde stets lebhafter in ihni und erreichte endlich eine solche Heftigkeit, daß alle andern Gedanken davor zurücktraten. Wenn nur die Leute nach Hause gehen wollten! Aber sie gingen nicht, nein, ganz im Gegentheil, ihre Zahl vergrößerte sich zusehends. Und jetzt bemerkte er auch, daß eine seltsame Stille unter ihnen vorherrschte,' himmelweit verschieden von dem geräuschvollen Schwatzen, das er sonst nach dem Schluß des Gottesdienstes an seinen Glaubensgenossen wahrgenommen. Wie eine eiskalte Hand legte es sich plötzlich auf sein bochklopfendes Herz, seine Pulse stockten, und wie im Fieberfrost schlugen seine Zähne aneinander. Was war geschehen? Weshalb blieben all' diese Leute so still abwartend vor der Wohnung seiner Mutter? Er mußte Gewißheit hierüber haben. Etwas zögernd zwar, aber mit festem Schritte näherte er sich einer unweit von ihm stehenden Gruppe und trat, nachdem er sie einen Moment scharf gemustert, mit schnellen Schritten auf eine schon bejahrte, kleine und sehr wohlbeleibte Frau zu: „Godo," sagte er mit bebender Stimme, die Hand schwer auf ihre Schulter legend, „sagt mir um Gotteswillen, was geht hier vor?" Die Frau fuhr bei dem Klang seiner Stimme mit wahrem Entsetzen herum, schüttelte seine Hand wie die eines Pestkranken von ihrer Schulter ab und erwiderte heftig: „Was wollt Ihr hier, Ihr Posche Israel?" Dann aber, als sie in seine Augen blickte, die so flehend, so angsterfüllt auf ihr Gesicht gerichtet waren, rief sie mit schmerzlichem Ausdruck: „O, Reb Hefchel, was habt Ihr gethan? Ihr habt das Unglück allein verschuldet! Eure Mutter —" „Was ist mit meiner Mutter?" unterbrach er sie rauh und feine Finger umschlossen krampfhaft ihren Arm. „Eure Mutter hat einen Schlafanfall gehabt und ringt schon seit zwei Stunden mit dem Tode," Er rührte sich nicht; wie wenn seine Lebensgeister mit einem Male entflohen wären, so stand er da, starr und unbeweglich, aber aus dem Chaos furchtbarer Empfindung, die sein Gehirn durchwühlten und zermarterten, rang sich mit qualvoller Deutlichkeit die eine hervor: Seine Mutter im Sterben und er ihr Mörder: Der Kummer um ihn, sein Abfall von der Religion, die mit ihrem Sein und Wesen so innig verschmolzen war, daß man bei keiner ihrer Handlungen zu sagen vermochte, ob sie aus ihrem persönlichen Charakter, ob sie aus ihrem religiösen Gefühl hervorgegangen, dieser sein Abfall von dem heilig gehaltenen Glauben der Väter war es, was die alte Frau im innersten Herzen tödtlich verwundet, was ihren Lebensmuth gebrochen und ihre Seelen- und Köperkraft zerstört hatte. Er versuchte zu sprechen, umsonst, die Zunge klebte ihm am Gaumen, er wollte gehen, aber die Glieder versagten ihm den Dienst. Da auf einmal sah er durch den Nebel vor seinen schmerzenden Augen etwas wie eine jugendliche, wohlbekannte Gestalt, die schwankenden Trittes aus dem Hause kam, mit von Schmerz entstellten Zügen und nassen Augen. War diese Gestalt nicht seine jüngste, seine liebste Schwester Babette? Mit einen Male stand er neben ihr, die Erstarrung war von ihm gewichen — und er hielt ihre beiden Hände in den seinen. „Lebt die Mutter?" war Alles, was er hervorbringen konnte. Seite 821 Das Mädchen stöhnte laut und schmerzlich auf, doch sie wandte sich nicht von ihm weg, sondern schlang ihre Arme fest um seinen Hals und barg ihr Haupt an seiner Brust. „O, Hermann," rief sie schmerzerfüllt, „ich ertrage es nicht länger, diesen furchtbaren Kampf mit anzufchauen. Ich glaube," fuhr sie heftiger weinend fort, „sie kann nicht sterben, weil Du nicht bei ihr bist." „Sie lebt noch," erwiderte er nur, und wie zu sich selbst sprechend, fügte er hinzu, „sie lebt noch, um mir zu verzeihen." Sanft löste er die Arme der Schwester von seinem Halse, drückte einen innigen Kuß auf ihre thränenbenetzte Wange und ging dann mit festen, eiligen Schritten auf das kleine Haus zu. Sein Fuß strauchelte nicht, als er die wenigen Stufen hinaufstieg, die zu dem Hausflur führten, in dem ein fast nächtliches Dunkel herrschte, kannte er doch jeden Stein, jeden Winkel darin auf's Genaueste; und so schritt er denn, wenn' auch durch den schnellen Uebergang von der licht- und sonnenerfüllten Straße zu der hier herrschenden Finsternis geblendet, doch schnell und mit Sicherheit weiter, bis er an die Thüre des Zimmers seiner Mutter, dem letzten in den langen Corridor, gelangte. Einen Moment zögerte er, angstvoll lauschend; verworrenes, leises Geräusch von Stimmen klang ihm entgegen, es waren die Weiber, die, nach altem Gebrauch um das Sterbebett versammelt, hebräische Todtengebete murmelten. Eben legte er die Hand auf den Drücker, als die Thüre von Innen geöffnet wurde und die Gestalt eines Mannes im Rahmen derselben erschien. Ein heller Streifen goldigen Sonnenlichts fiel durch das der geöffneten Thüre gerade gegenüber liegende Fenster in das Halbdunkel des Corridors, die Gestalt des heraustretenden Mannes grell beleuchtend. Klein, von gedrungener Figur, mit eisgrauem Bart und Haupthaar, das der unbedeckte Kopf sichtbar ließ, mußte er die Höhen des Lebens längst überschritten haben. Die von Falten und Runzeln durchzogenen, aber nicht unedlen Gesichtszüge mochten wohl einst, als sie noch jugendlich weich und gerundet erschien, sympathisch berührt haben, jetzt aber gemahnten die in ihrer stoischen Ruhe fast versteinerten Linien an die strengen '.''.steten des Mittelalters. Beim ersten Schritt in die Flur gewahrte der Greis die an der Thür lehnende Gestalt und fuhr, dieselbe erkennend, wie von eine Natter gestochen zurück. Wie abwehrend erhob er die Hand, doch nur eine Secunde lang, dann streckte er dieselbe drohend gebieterisch weil von sich, und von seinen Lippen kam leise, aber mit scharfem, fast zischenden Laut das einzige Wort: „Hinaus!" Der Andere achtele weder der drohenden Geberde, noch der deutlichen Abweisung. Er wollte an dem Greise vorbei in das Zimmer dringen, dieser jedoch vertrat ihm den Weg, und während er beide Arme wie schützend vor der halb offenen Thür ausbreitete, stieß er heftig, aber immer in halblautem Tone hervor: „Du wagst es, Elender, dies Haus durch Deinen ^Fuß zu entweihen? Willst Du die nach Befreiung ringende Seele in den letzten Augenblicken noch durch den Anblick Deiner verhaßten Züge beleidigen, die Bitterniß des Todtenkampfes noch verschärfen? Trägst Du noch nicht schwer genug an dem Fluch der Mutter, soll sie ihn in ihrer Sterbestunde wiederholt aus Dein verworfenes Haupt schleudern?" Ein qualvolles Stöhnen rang sich aus der Brust des vor ihm Stehenden: „Sei barmherzig, Onkel," klang es leise von den zuckenden Lippen, „oh, nur ein einziges Mal laß mich das theure Haupt noch berühren, laß mich die erkaltende Hand, die gebrochenen Augen noch einmal küssen und den entfliehenden Geist um Verzeihung anslehen. Nie in ihrem Leben hat die Mutter ein Fluchwort gesprochen, wie könnte sie es gegen mich, den sie unter dem Herzen getragen!" „So weißt Du also nicht, daß sie die „Schiwuh"*) um Dich gehalten hat, daß sie Trauer um Dich getragen, wie um einen Gestorbenen," war die mit harter Stimme gegebene Antwort. „Ja, todt bist Du für sie, für uns Alle." — In diesem Augenblick klang laut und deutlich von Innen das von mehreren Stimmen gesprochene Gebet: „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einiges, ewiges Wesen." Der alte Mann richtete sich hoch auf, legte die Hand auf sein unbedecktes Haupt und sprach laut und feierlich die Worte *) Die Trcmerwoche um einen Gestorbenen. Oesterreichische Wochenschrift