Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021050--03958-3028120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 820 VrstrrreichMr Wortzenschrist Nr. 42 Feuilleton. Aus ulten Tagen. Nachdruck verboten. Ll. Ein herrlicher, leuchtender Frühlingsmorgen stieg über der kleinen Stadt empor, und zauberhaft schön erglänzten die röthlichen Felsmassen, die sie von drei Seilen einschließen, übergossen von den goldigen Strahlen der Sonne, die heute in vollster Pracht am Himmel stand. Gleich jener verzauberten Schönheit, die, lange in finsteren Gewölben gefangen gehalten, endlich doch durch die befreiende Liebe ihre ursprüngliche Gestalt und neues, schöneres Leben zurückerlangt, so hatte auch die Erde in der Alles belebenden, Alles verjüngenden Umarmung des Frühlings die Bande des Eises, die sie lange umstrickt gehalten, abgestreift und blühte nun neu auf in wunderbarem Reiz. Auserstanden aus der Mitternacht war Alles, was athmete, Alles, was sproßte und blühte. Die Glocken der vielen Kirchen läuteten zum Gottesdienst, denn es war Ostern, und die Menschen schickten sich an, ihrem Schöpfer Danklieder darzubringen, daß sie begnadigt worden, das Auferstehungsfest mitzufeiern. Noch waren die Straßen leer, nur vereinzelte, frühe Kirchengänger sah man, aber um so geschäftiger rüstete man sich in den Häusern, um den Glockenruf Folge zu leisten. Und so war es auch in dem hübschen, kleinen, in der breitesten, wenn auch nicht verkehrreichsten Straße der Stadt gelegenen Hause des nunmehr zum Justizrath beförderten Rechtsanwaltes M. Da^ noch nicht sehr alte Gebäude mit seinen massiven, grauen Mauern, den dunkel gestrichenen Thüren und Fensterrahmen, wie den hohen, von blendend weißen Vorhängen verhüllten Fenstern machte einen sehr angenehmen, ja feinen Eindruck, wenn es auch weit entfernt war von der Pracht und Größe der benachbarten und gegenüberliegenden palaslähnlichen Gebäude, die seit Jahrhunderten der Aristokratie der Stadt, dem Geburts- und Finanzadel erb- und eigenthümlich waren. In den Wohnräumen des oberen Stockwerks war die Familie des Justizraths beim Frühstück versammelt. Der Hausherr, dessen Antlitz von der früheren Frische und Jugendlichkeit bedeutend emgebüßt hatte und einen Zug von körperlichem und seelischem Leid unverkennbar durchblicken ließ, schien in tiefe Gedanken versunken und blickte in sichtlicher Zerstreutheit auf die vor ihm stehende, noch unberührte Tasse, während feine Finger mechanisch auf der Tischdecke leise trommelten. Seine Gattin, die ihren beiden Kindern, dem dunkellockigen Knaben und einem lieblichen, um zwei Jahre jüngeren Mädchen, eben ihr Früstück, bestehend aus einem Stück Kuchen und einer Tasse Milch, gereicht hatte, blickte mit etwas ängstlichem, sorgenvollem Augen nach ihrem Manne hinüber. Jetzt berührte sie leicht den Arm des noch immer in Gedanken Versunkenen. „Hermann," klang es leise in bittendem Tone von ihren Lippen, „willst Du Dich nicht umkleiden und mit zur Kirche gehen?" Wie erwachend blickte er sie an: „Ach, es ist Ostern," sagte er, aber das Wort klang wie ein Seufzer und wurde von einem schmerzlichen Zucken der Lippen begleitet. „Ja, Ostern," erwiderte die Gattin freudig, „und wir wollen dem Schöpfer danken, daß wir in Gesundheit und Zufriedenheit dies schöne Fest wieder feiern dürfen. Komm', Hermann, laß uns gehn." Aber er entzog sich widerstrebend ihrem Arm. „Laß mich, Henriette," sagte er mit einem leichten, nervösen Zittern der Stimme, „ich kann nicht mit Dir gehen, ich bin heute in fast krankhafter Stimmung, mir ist, als drohe von irgend einer Seite ein Schreckniß, ein Unglück; es liegt auf mir wie ein beängstigender Alp, und ich glaube, ich müßte ersticken in der schweren Luft der vollgepfropften Kirche. Ich will ein wenig in die Luft, vor's Thor hinaus, in der freien, schönen Natur werde auch ich die Osterstimmung finden." Die Frau erhob sich schweigend, aber mit einem leichten Seufzer vom Tische und wollte eben die Thür des nebenanliegenden Zimmers öffnen, als der kleine Knabe, der während dieser kurzen Unterredung mit seinen ernst und klug dreinschauenden dunklen Augen bald den Vater, bald die Mutter angesehen, sie leicht am Kleide faßte und sprach: „Mama, Ihr sagtet soeben, es sei heute Ostern, warum essen wir denn nicht diese weißen runden Brote, die wir jedes Jahr zu Ostern hatten, und warum hat der Papa denn gestern Abend nicht mehr aus der Hagadah vorgelefen? Ich möchte so gerne nochmals all' die hübschen Bilder darin sehen und die Geschichte von dem Lämmlein lesen, weißt Du, das Lämmlein, das gekauft der Vater mein für zwei Suse (Sous), ein Lämmelein, ein Lämmelein." Während der Kleine, langsam und nachdenklich sprechend, die Augen, die ganz denselben Ausdruck wie die des Vaters trugen, fest auf seine Mutter gerichtet hielt, war in dem Antlitz der Letzteren eine merkwürdige Veränderung vor sich gegangen. Ihre Augen, die vorher so sanft und liebevoll auf Mann und Kinder hmübergeschaut, hatten einen fast harten Ausdruck angenommen, und die Stimme, die jetzt auf die Frage des Kleinen antwortete, klang unnatürlich und geschraubt. „Wir sind Christen, Karl," lautete die Entgegnung, „und bedürfen als solche weder der ungesäuerten Brote noch der Hagadah, und ich dächte, Du wärest alt genug, um Dir ein für allemal zu merken, daß wir mit diesen Formelkram jetzt nichts mehr zu thun haben, daß wir einzig und allein den Vorschriften der evangelischen Kirche zu folgen und oem Vorbilde, das uns der Erlöser gab, nachzuleben haben." Nach den letzten, fast mit Heftigkeit gesprochenen Worten faßte sie den Knaben an der Hand, nahm das kleine, ruhig mit seiner Puppe spielende Mädchen auf den Arm und verschwand in dem nebenanliegenden Schlafgemach. Der Justizrath erhob sich ebenfalls, griff nach Hut und Stock und schritt einige Minuten darauf durch das große, altersschwarze, noch aus der Römerzeit stammende Stadtthor hinaus, das, in nächster Nähe seines Hauses gelegen, direct zu den sich um die Stadt hinziehenden Anlagen führte. In tiefe, und wie es schien, nicht eben angenehme Gedanken versunken, bemerkte er weder die achtungsvollen Grüße einzelner vorübergehender Bekannter, noch die erstaunt fragenden Blicke, die ihm nachgesandt wurden und die wohl hauptsächlich seiner nicht eben festtäglichen Kleidung galten. In seinen Kopfe hämmerte es, und zu dem körperlichen Schmerz gesellte sich noch ein unbestimmtes Etwas, ein steigendes, mit jedem Schritt anwachsendes Angstgefühl, das er vergeblich zu überwinden, niederzukämpfen suchte. Einige Zeit irrte er planlos in den menschenleeren, mit dem ersten frischen Grün geschmückten Anlagen umher, dann aber, wie von eimer unwiderstehlichen unsichtbaren Macht getrieben, lenkte er seine Schritte einem anderen Stadtthore zu und schritt, nachdem er dasselbe passirt, eilig, aber mit Vermeidung der jetzt von Menschen wimmelnden Hauptstraßen, durch enge, finstere Gäßchen, an alterthümlichen Kirchen und Klöstern vorbei, bis er endlich auf einem breiten, von Kasernen begrenzten Platz stehen blieb. Und da lag es ja vor ihm, was er gesucht, was er meiden wollte und doch nicht konnte, da auf einige Schritte Entfernung, ein altes, niederes, unansehnliches Gebäude, die Zielscheibe mancher höhnischen Bemerkung, manches albernen Witzes, für ihn ein Heiligthum, der Gegenstand seiner schmerzlichen Sehnsucht, seines wehmüthitigen Verlangens, der Ort, wo feine Mutter, seine Geschwister wohnten, deren Nähe ihm versagt, deren Liebe ihm entzogen war. Er hatte die Mutter, er hatte den Bruder nicht wiedergesehen seit jenem unglückjeligen Tage, der ihn, indem er ihn als ein neues Glied in die große Gemeinde der Christenheit aufnahm, gewaltsam loßriß von Denen, die ihm durch die geheiligten Bande des Blutes eng verknüpft waren. Er wußte, daß seine Mutter, die Gattin des verstorbenen, die Mutter des gegenwärtigen Rabbiners, seines Bruders, bei seinem Abfall um ihn getrauert wie um einen Todten, daß sie ihr Gewand zerrissen und sieben Tage auf der Erde gesessen, wie das Gesetz es bei dem Tode eines der nächsten Angehörigen vorschreibt, und er wußte, daß er von diesem Tage an ein Todter für sie war und bleiben mußte. Dennoch hatte er einmal versucht, in das traute, bekannte Wohngemach einzutreten, aber die Mutter hatte sich bei seinem Anblick sofort erhoben und war in das anstoßende Schlafgemach gegangen, dessen Thüre sie hmter sich verschloß, und sein Bruder, der lesend am Tische gesessen, war auf ihn zugetreten und hatte, ihn mit zwar bewegten, aber festem Ton aufgesordert, das Haus zu verlassen, zu dem er keine Beziehungen mehr habe. Er war gegangen, ohne ein Wort zu erwidern, aber Schmerz und Bitterkeit hatten in seinem Herzen gewühlt, und er hatte sich gelobt, nie wieder das Haus zu betreten, wo man ihn so leicht aufgegeben hatte. Das glaubte er zwar selbst nicht, aber er redete es sich ein, um seinen Schmerz zu betäuben, und er hatte sein Wort gehalten. Er war nicht