Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 42 Vefterrektztschr Wochenschrift Seite 817 „Das sind die üblichen und fast regelmäßig wiederkehrenden Abweisungsgründe" — fährt der Berichterstatter fort — „sollen wir uns bei ihnen beruhigen? Wer dazu räth, der meint es nicht gut mit der Sache des Judenthums, oder der hat kein Verständniß für jenes große und wahre Wort unseres größten deutschen Juristens: „Im Kampfe sollst Du Dein Recht finden!" Einen Doppelsieg hat der Rechtsschutzverein bereits erkämpft, wie im „Nachwort" mitgetheilt wird: 1. Wegen des verleumderischen Vorwurfes in der „Hannover'schen Post", daß durch das Lol-Näre-Gebet den Juden Dispens für alle Meineide ertheilt wird, wird das Hauptverfahren von der Strafkammer in Hannover eröffnet. 2. Gegen das in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitete Flugblatt, welches die Juden zu einer „international-verschworenen Betrügergesellschaft" stempelt, hat der Oberstaatsanwalt zu Breslau den ersten Staatsanwalt daselbst einzuschreiten angewiesen. „Das Ergebniß des Strafverfahrens und die Entscheidung der Gerichte blei§t abzuwarten; wie sie aber airch ausfallen möge — heißt es sehr richtig im „Nachwort" — schon die Thatsache, daß die Anklagebehörde die öffentliche Klage erhoben hat, ist von nicht zu unterschätzender Tragweite. Jahrzehnte hindurch hat man den Juden, einer in Preußen mit Corporationsrechten ausgestatteten Religionsgesellschaft, nachsagen dürfen, daß sie Verbrecher von Religionswegen seien; durch Hunderttausende von Flugblättern hat man — ohne sich durch den historischen Zusammenhang von Judenthum und Christenthum beirren zu lassen — diese Beschimpfung in allen möglichen Variationen verbreitet und damit das Feuer der antisemitischen Bewegung geschürt; alle Bemühungen, die Anklagebehörde zum Einschreiten zu veranlassen, sind vergeblich gewesen; nun scheint es, daß es uns gelingen wird, eines der verwerflichsten und gefährlichsten Agitatiousmittel der Gegner lahm zu legen." Blankenburg, 5. October 1894. (O e s f e n t l i ch e Stadtverordneten-Sitzung.) Der heute Nachmittags im Rathhause abgehaltenen Sitzung des Stadtverordneten- Collegiums wohnten 15 Stadtverordnete und 2 Magistratsmitglieder bei. Den Vorsitz führte Oberamtsrichter Ribbentr op. Zuerst wurde das Protokoll der Sitzung vom 4. August verlesen und genehmigt. Bor Eintritt in die Tagesordnung erbat sich Bürgermeister H u i s k e n zu einer persönlichen Angelegenheit des nicht anwesenden Stadtrathes Glaser das Wort. Im August erschien in einer Nummer des antisemitischen Organes „Hannover'sche Post" eine Correspondenz aus Blankenburg, welche die Person und Religion des Stadtrathes Dr. Glaser in schmählicher Weise angriff und unter Anderem bemerkte, daß Stadtrath G l a s e r seinerzeit den hiesigen Socialdemokroten das Geld zum Baue des Casinos gegeben habe, und zwar unter der Bedingung, daß dieselben dann von der Brauerei „Glückauf", deren Hauptactionär er sei, das Bier bezögen. Diese Nummer war in unserer Stadt weit verbreitet worden und insbesondere verschiedenen Stadtverordneten zugänglich gemacht, nicht aber eine spätererscheinende, in welcher Stadtrath Glaser eine Entgegnung veröffentlicht und die Anschuldigungen als unwahr zurückgewiesen hatte. Stadtrath Glaser glaubte nun nochmals im Collegium eine öffentliche Erklärung abgeben zu müssen und bemerkte in dem betreffenden Schreiben, daß er, sollten die Stadtverordneten nicht von seiner Schuldlosigkeit überzeugt sein, bereit wäre, sein städtisches Amt niederzulegen und ganz und gar aus dem kommunalen Dienste, dem er seine Kraft22 Jahre lang gewidmet, zu scheiden. Bürgermeister Huisken erklärte es als selbstverständlich, daß den Angaben des Stadtrathes Glaser Glauben zu schenken sei. Man müsse es nur bedauern, daß unter dem Schutze der Anonymität solche Unwahrheiten in die Öffentlichkeit gebracht werden. Ebenso äußerte der Vorsitzende, daß es einer solchen Erklärung des Stadtrathes Glaser gar nicht bedurft hätte. Die Versammlung stellte einstimmig dem Stadtrathe Gflaserein Vertrauensvotum aus. Rees a. Rhein. 8. October. (I u d e n a l s S ch ü tz e n.) Daß auch Juden in den Wettkämpfen des Friedens die Schießwaffen zu handhaben verstehen, zeigten in eclarantester Weise die diesjährigen Schützenfeste im Kreise B orten in Westfale n. In dem Dorfe Klein Reken hatte der Handelsmann Herr Abr. H u m b e r g das Glück, den Königsfchuß zu thun. In dem Städtchen R a m s d o r s konnte der Regiments- Adjutant Herr Leeser Landau sich dieser Ehre rühmen. Den nachträglichen Bericht über die Festesfeier in letzterem Orte schließt der Berichterstatter des Borkener Wochenblattes vom 6. d. M. mit folgenden in unserer Zeit besonders wohlthuenden Worten: „Es ist ja der Zweck der Volksfeste, daß sie die verschiedenen Classen und Stände des Volkes einander näher bringen und die Gegensätze mildern sollen. Bei uns und in Weseke (ebenfalls im Kreise B o r k en), wo eine Jüdin Königin war, hat man nun diesen Zweck dadurch zu erreichen gesucht." — Welcher Abstand zwischen diesen schlichten und von echter Menschenliebe dictirten Worten eines wackern, christlich gesinnten Mnnsterländers und den 30 Pfennig-Hetzreden so manchen antisemitischen Volksverführers! Jassy. Am 13. September fand in Jassy die feierliche Einweihung der von dem Verein „Cultura" gegründeten Schulen statt. Wie unseren Lesern bekannt, -tvurden die Juden Rumäniens durch das im vorigen Jahre votirte Schulgesetz, welches jüdische Kinder vom Besuche der öffentlichen Schulen fast gänzlich ausschließt, genöthigt, zur Gründung von Schulen aus eigenen Mitteln zu schreiten. In fast allen größeren Städten des Landes entstanden Vereine, welche es sich zur Ausgabe machten, den Kindern jüdischer Eltern den ihnen durch das neue Schulgesetz entzogenen Schulunterricht wiederzugeben. Die bedeutendste derartige Bereinigung ist der, Dank den Bemühungen des Herrn Dr. H. T i k t i n, anfangs dieses Jahres ins Leben gerufene Verein „Cultura" in Jassy, der gegenwärtig über 400 Mitglieder mit Jahresbeiträgen von zusammen über 25.000 Francs zählt. In den drei von diesem Vereine bisher gegründeten Schulen erhalten über 600 Knaben größtentheil unentgeltlichen Unterricht sowohl in allen von dem Programm der Staatsschulen vorgeschriebenen Elementargegenständen als auch in der hebräischen Sprache. Die Vortragssprache ist ausschließlich die rumänische. Die Eröffnungsfeier nahm folgenden Verlauf. Am Morgen des 13. September versammelten sich sämmtliche Zöglinge der drei Schulen vor dem Locale der Schule Nr. 2 (Strada Palatulin Nr. 15), zogen mit ihren Fahnen und mit einen Musikcorps an der Spitze, unter Führung ihrer Lehrer, durch die Hauptstraßen der Stadt und begaben sich nach der Schule Nr. 1 (Strada Olba Nr. 15), woselbst die Feier stattfand und welche zu diesem Zwecke mit Laub, Guirlanden, Fabnen und Lampions auf's reichste geschmückt war. Daselbst war bereits eine große Menschenmenge versammelt, welche den ganzen Hof des Schulhauses und den davor befindlichen Platz ausfüllte. Ans dem vorderen Balcon hatten die Damen der Jaffyer Gesellschaft Platz genommen, während die Mitglieder des Vereines ans der Terrasse des Hauses und den zu derselben führenden Freitreppen Ausstellung genommen hatten. Nachdem die Schüler den Umzug durch die Stadt beendet hatten und in den Hof des Schulgebäudes gelangt waren, betrat der Chor des Tempels „Beth Jacob" die Terrasse und eröffnete dieFeier mit der Absingunq von Psalmen und einer Festhhmne, worauf der Cantor das übliche Gebet für den Landesherrn verrichtete. Dann betrat Herr Dr. Tiktin die Rednerbübne und hielt die Festrede, in der er die Umstände schilderte, welche zur Gründung des Vereines geführt, die große Wichtigkeit der Ausgabe zeigte, welche sich derselbe gestellt, die Opserwilligkeit seiner Mitbürger mit warmen Worten pries und den Segen des Allbarmherzigen ans das schöne Unternehmen herabflehte. Nach Herrn Dr. Tiktin sprachen noch die Herren Dr. H. Herzenberg, Bicepräsident der Schulcvmmission, und Dr. Ph. Margulies. Mitglied derselben. Hieraus wurden seitens der Damen des Festcomites Erfrischungen an die Zöglings verabreicht. Am Abend fand ein Gartenfest in demselben Locale statt. Beim Festmahle verlas Dr. Tiktin die eingelausenen Glückwunschtelegramme und Gratulationsschreiben. Zahlreiche Toaste wurden ausgebracht; die Luft erscholl von den Rusen: „Hoch der Verein Cultura!" „Hoch Ehrendirector Tiktin!" „Hoch das gesummte Comite! ' u. s. w. Das schöne Fest schloß mit einer Tanzunterhaltung, die erst in den Morgenstunden endete.