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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-19 · 42 (19.10.1894) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 42 WM 1,1 I II - -E -»- — WrflerreUtztpyr Zvmyrnf«krm Seite 313 Im Laufe des nun. zu Ende gegangenen Sommers hat sich zwar langsam, aber stetig eine Wandlung in unserer Landbevölkerung vollzogen, die mit Freuden begrüßt werden kann, nämlich: Der Antisemitismus, aber für unsere speciellen Verhältnisse richtiger, der B ö ck e l i s m u s ist kleiner und kleiner geworden und befindet sich deutlich im Zustande der Agonie. Schon im vorigen Jahre betonte der ,,Gießener Anzeiger" häufig, daß die wüste Agitation der Böckel'schen Blätter die Leute wohl aufhetzen könnte, aber einen dauernden Erfolg niemals erzielen würde. Unsere Landleute hören es nämlich recht gerne, wenn ein wenig über Regierung, Verwaltung, Beamten, Geistliche und Lehrer geschimpft wird. Folgen diesen Hetzereien und Großsprechereien aber keine entsprechenden Leistungen — wie wir es seit einigen Jahren deutlich zu beobachten Gelegenheit hatten — dann gehen selbst den einfachsten Leuten die Augen auf und sie gewinnen die Ueberzeugung, daß es besser ist, langsam im Guten foctzuschreiten, als sich von unfähigen „Kcischern" durcheinander bringen zu lassen. Zwar ist der Antisemitismus noch nicht ganz beseitigt und er wird wohl auch noch da und dort etwas von sich hören lassen, r'lbec seinen Höhepunkt hat er längst überschritten und besonderen Schaden wird er hoffentlich nicht mehr anrichten. Der älteste jüdische Grabstein Ungarns. Professor Dr.David Kaufmann hat in Ofen den ältesten jüdischen Grabstein Ungarns aufgefunden. Ueber diesen hochinteressinten Fund schreibt der gelehrte Herr Professor dem „P. Ll." Folgendes: „Bei Grabungen zum Behufe der Fundamente eines neuen Hauses sind aus dem Boden unserer Stadt (I., Christinenstadt), aus dem Eckgrund der Panler- und Tunnelgasse in einrc Tl-fe von vier M:tern Grabsteinfragmsnte mit hebräischen Schciftzeichen zu Tage gekommen, die ein ganz besonderes Interesse für sich in Anspruch nehmen und dank dem Verständnisse des Besitzers, des Herrn Karl B i e r m a n n, vor dem Unterg mge bewahrt geblieben sind. Ein Fragment ist es vor Allem, das durch seine wunderbare Erhaltung und durch die Nachricht, die es uns bringt, die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Trotz der Schärfe und Klarheit der Schrift, die wie eben unter dem Meißel hervorgegangen erscheint, verräth der alterthümliche und nur aus früheren Jahrhunderten nachweisbare Charakter der Buchstaben, daß wir es da, wie das klar ersichtliche Datum 1278 besagt, wirklich mit einem Denkmale von hohem Alter zn thun haben. Es ist ein jüdischer Grabstein aus der Acpadenzeit, der älteste jüdische Grabstein Ungarns, der hier ans Licht gekommen ist. Wie um keinen Zweifel an dem Alter des Steines aufkommen zu lassen, indem das Datum nur durch die Zahl 38, das ist 5038 gleich 1278 bezeichnet ist, hat sich in unmittelbarer Nähe dieses Denkmals ein zweites gefunden, das die Jahreszahl in Worten ausdrückt. Fünftausendundvierzig, so lautet die klar erhaltene Datumszeile, entspricht aber dem Jahre 1279/80. Beide Denkmäler stammen also aus dem gleichen Jahrzehnt, ja aus demselben Lustrum. Da die Sockel dieser Grabsteine aufrecht in der Erde standen, als man beim Graben auf sie stieß, so ist durch diesen Fund zugleich die Stelle des ältesten jüdischen Friedhofs im Lande entdeckt. Unterhalb des Burgfelsens, der O f e n trägt, auf der dem Strome abgekehrten Seite, um den Überschwemmungsgefahren zu entgehen, hatte die jüdischen Gemeinde von Ofen ihren Gottesacker, dessen Lage nunmehr unzweifelhaft klar geworden ist. Der einzige Name, der auf dem lesbarsten Fragmente erhalten geblieben ist, wird Manchem eine Ueberraschung bereiten. Der Vater des hier 1278 beigesetzten Mannes, der also in den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts hinausreicht, trägt den Namen Peter, der freilich auch an anderen Orten, wie mehrfach aus Deutschland bezeugt ist, von Juden unbedenklich ihren Kindern beigelegt wurde. Noch ist der Theil der Pauleraaffe, unter dem dieser älteste jüdische Friedhof Ungarns sich offenbar hingezogen hat, nicht dem Verkehr übergeben. Es ist kaum zu bezweifeln, daß fortgesetzte systematische Grabungen noch manches Denkmal an den Tag bringen würden, das eine aller schriftlichen Urkunden beraubte Epoche jüdischer Geschichte in Ungarn beleuchten könnte. Der in seinem wichtigsten Theile fast unversehrt der Vernichtung entgangene Stein des R. P eff ach, des Sohnes des R. Peter, der 614 Jahre nach seinem Heimgange ein Zeuge der Reception seiner Glaubensgenossen geworden ist, verdient es aber jedenfalls, als ältestes jüdischgeschichtliches Denkmal unseres Landes auf der Millenniums- Ausstellung allgemeiner Besichtigung zugänglich gemacht und später dauernd im National-Museum aufbewahrt zu werden." Moriz Scharf in Amerika. Jüngst hat sich Mortz Scharf, der im Tißa-Eßlarer Proceß eine so traurige Rolle gespielt, nach N e w y o r k eingeschifft, nachdem er in Amsterdam, wo er sich 10 Jahre aufgehalten, das Diamantenschleifen erlernt und ausgeübt hat. Sein Chef, der die Schleiferei nach Amerika verlegt, hat ihn mitgenommen. In dem Abschiedsbriefe, den Moriz Scharf an seine Eltern gerichtet, heißt es: „Meine Seele ist für immer befleckt, stets wird der Wurm der Reue an meinem Herzen nagen, obwohl ich nicht begreife, wie ich gegen meinen theuern, heißgeliebten Vater eine so frech erlogene Aussage machen konnte, die nicht nur ihn, sondern auch eine Reihe unschuldiger Menschen ins Verderben stürzen und alle meine Glaubensgenossen für ewige Zeiten brandmarken mußte. Wie ich zu dieser Aussage gekommen — ich weiß es nicht, und mein Herz zuckt schmerzhaft zusammen bei dem Gedanken, daß mein Vater, daß die Welt annehmen könnte, die lästerliche Anklage sei in meinem eigenen kindlichen Gehirn entstanden. Und obwohl ich täglich Gott dafür danke, daß die Folgen der Bosheit ausgeblieben, die Gerechtigkeit gesiegt und die Wahrheit zum Durchbruch gekommen ist. so klopfe ich doch reuig an die Brust und spreche: „Vater, ich habe gesündigt! Meiner Jugend Sünden und Vergehen wolle nicht gedenken, o Gott!" Es ist mir unmöglich, von hier zu scheiden, ohne Euch, thenerste Eltern und geliebte Geschwister, noch einmal ein Lebewohl zuzurufen. Ich meinte, daß der Abschied von Amsterdam, dem Orte meiner Wiedergeburt, mir nicht so schwer fallen würde, als es in der That geschieht. Bin ich doch Euch, meine Lieben, hier um so viel näher, als es nun der Fall sein wird, wo der Ocean zwischen uns liegen wird! Trotzdem ich schon so viele Jahre von Euch getrennt lebe, fühle ich doch heute die Liebe zu Euch mit doppelter Stärke erwachen und im Augenblicke des Scheidens sehne ich mich mehr als je nach Euch, ihr Theuren! Ich bitte Euch nun, liebe Eltern, Schwestern und Brüder, vergesset mein nicht, gedenket des Getreuen, der in fernen Abendlande weilt, dessen Herz mit unlösbaren Banden der Treue an Euch geknüpft ist. Schmerzlich empfinde ich es, daß es mir nicht gegönnt ist, Euch vor meinem Scheiden noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu sehen, Euch an den pochenden Busen zu drücken und die segnende Hand der Eltern auf meinem Scheitel zu spüren. Lebet wohl, Geliebte, der Allmächtige sende Segen und Gelingen in alles Werk Eurer Hände, zu ihm wollen wir hoffen, daß er uns wieder vereinige, die wir doch einind er so enge angehören Lebet wohl!" Der ,,Judenknabe Mortara" in Frankfurt. Das „Frankfurter Volksbl." schreibt: „P. Pius M o r t a r a aus Rom weilte einige Tage in Frankfurt, um seinen Landsleuten, den hier lebenden Italienern, das heilige Bußsacrament zu spenden und in der Kirche der Barmherzigen Brüder denselben am Sonntag eine Predigt zu halten. Am Abend erschien der hochwürdige Herr Pater in der dichtbefetzten Versammlung des katholischen Männervereins. Dort schilderte er in einem anderthalbstündigen Vortrag die religiösen Verhältnisse der verschiedensten Staaten Europas, die er durchreist hatte. Am meisten fesselte die Beschreibung seines eigenen Lebenslaufes. Pater Mo rtara ist nämlich ein geborener Jude und seinerzeit von einem Dienstboten seiner, Eltern als Knabe getauft worden. Seine Eltern, die er so sehr liebte, hätten ihn in seiner Jugendzeit häufig besucht und Alles versucht, um ihn mit nach Hause zu nehmen. Er habe seine lieben Eltern umarmt und ihnen immer die Antwort gegeben: „Wenn Ihr Christen werdet, dann gehe ich mit nach Hause." „Von der Wahrheit der katholischen Kirche überzeugt, konnte ich doch selbstverständlich ihrem Wunsche nicht Nachkommen." Die Mutter des Herrn Pater lebt noch, ebenso fünf Geschwister. Seine Brüder hätten, wie die meisten Juden, jede Religion über Bord geworfen; ihre Religion sei nur Geld. Er schloß mit der Aufforderung, die Anwesenden möchten in ihren Gebeten seiner Angehörigen, besonders seiner lieben Mutter gedenken." — Wie man aus diesem Berichte sieht, ist aus dem „Judenknaben Mortara", dessen Bekehrung im Jahre 1858 zufolge der Umstände, die sie begleiteten, das allgemeinste Aussehen erregt hatte, ein sehr lieber Herr geworden. Schon im vorigen Jahre war er auf der Würzburger Katholikenversammlung durch eine Rede ausgefallen, worin er den Beweis zu führen trachtete, daß Deutschland „von Rechtswegen" immerdar als ein katholisches Land anzusehen sei. Seine jetzige Frankfurter Leistung übectrifft die vorjährige durch Tiefe der Eckenntniß und das außerordentlicheTactgefühl, das

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