Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 812 ^rllrrrrtttzUrtzr VochrntrtzrM scr. 42 seiner Würde vereinbarlich, den gemaßregelten Priester während der am 2. d. M. stattgeftmdencn Grundsteinlegung für die zu erbaumde Kirche in Ottakring an seiner Seite zu dulden und mit ihm in freundschaftlicher Weise zu plaudern. Dr. Battisti war im Frack aus dem Festplatze erschienen und versuchte, sich unter jene Festtheilnehmer zu mischen, welche dem Kaiser vorgeftellt werden sollten. Auf die Bemerkung eures mit diesem Arrangement betrauten Herrn, daß er „gestrichen" sei, gab er schlagfertig zur Antwort: „Ich bin ja Schriftführer des Ottakringer Klrchenbau-Dereines." Seine Berufung auf diese Ehrenstelle verhalf ihm jedoch nicht zu der Ehre, dem Kaiser vorgestellt zu werden. Der gemaßregelte „Hetzcaplan" ist in dem diesjährigen Schematismus der Wiener Erzdiözese nicht mehr genannt. Ein Geburtstagsgeschenk für Doetor Lueger. Als das Bankett im Katharinen-Saale in Meidling anläßlich der Lueger-Feier im schönsten Gange war, flatterte v in der Galerie auf die Feftgäste eine große Anzahl von Papiermedaillons herab, die auf beiden Seiten mit folgendem Inhalt bedruckt waren: Die Avers-Seite lautete: Bergani, wann zahlst du deine "^viele Tausende von Gulden betragende Ehrenschuld an H auck? Es wird aus diesem Anlässe neuerlich die Frage gestellt: „Gedenkt die ihrrfllrcht - sorisle Parker nicht?, gar nichts gegen eine solche Eh araktcrlo sigkeiteines Blattes zu t h n n, das sich als ihr Organ gibt und als solches woql auch allgemein angesehen wird? Die Revers-Seite lautete: Vergani- Moral. — Die .Ostdeutsche Rundschau' schrieb am 2. Juni 1894 u. A. Folgendes: „Wir haben auf den jüngsten, scheußlichen Fall von journalistischer Ber» kommenheit.dessen stch Berganiinseinem Blatte schuldig gemacht hat, indem er nach einer Serie entrüsteter Artikel gegen die Lkersicherungs - Gesellschaft „Bionlone Adriatica di Sicartfc“ zwei jedenfalls sehr gut bezahlte Inserate aufnahm» in denen diese Gesellschaft angepriesen und gegen angeblich ungerechte Angriffe vertheidigt wird, hinzewiesen und dieses Borgehen des »Deutschen Bolksblattes' gebührendermaßen als cynisch corrupt, als gemein u charakterlos gebrandmarkt." Diese Prpiermedaillons sind die schönsten Denkmünzen zuc^bleibenden Erinnerung an dieses gelungene Fest! Aus der antisemitischen Gesellschaft. Dem Thierarzt Wilhelm M eyenberg zu Gronau, einem tapferen Antisemiten, ist nach § 84 der Hannoverischen Städteordnung das Stimmrecht entzogen worden. Erster Vorsitzender des Gronauer Antisemitenvereines, war er bereits siebenmal bestraft, darunter sechsmal wegen Beleidigung. Die gerichtlichen Erkenntnisse darüber ergaben, daß die Kriterien des § 84, festgelegt auch im § 18 des Verfassungsstatuts der Stadt Gr o n au, beiMeyenberg zutreffend seien, und so entzogen ihm denn die städtischen Collegien das Stimmrecht mit der Begründung, daß Meyenberg wegen Vergehen bestraft worden sei, die in den Augen der öffentlichen Meinung entehrend seien, und daß er sich durch unsittliche, d. h. gegen die gute Sitte gerichtete Handlungen der öffentlichen Achtung verlustig gemacht habe. Bauern und Juden. Während man von antisemitischer Seite das sclavische Berhältniß der Bauern zu den Juden, die ihre Hypothekengläubiger seien, betont, erzählte Professor Lujo Brentano in München in der Versammlung des Vereines für Socialpolitik in Wien, daß nach einer Nachfrage, die er in Baiern mit Hilfe der Behörden vollzog, die bäuerlichen Hypotheken sich befinden im Besitz: 1. der Hypothekenbank, 2. der Stiftungen, 3. der wohlhabenden und reichen Bauern. Von Juden wußte er nichts zu berichten, mithin muß die Zahl der in ihrem Besitz befindlichen Hypotheken nur ganz gering sein. Bettina von Arnim über die Juden. Die berühmte Dichterin der romantischen Schule war entgegen den Anschauungen der meisten Romantiker eine Vertheidigerin des Judenthums. Ludwig Geiger schreibt über sie in der „Allg. Ztg. d. Jud." (Nr. 30): „Ihr Eintreten für die Juden in Frankfurt, für die sie auch Goethe zu intereffiren suchte, bei dem großen Dichter aber höchst laue Aufnahme fand, war bekannt. Weniger bekannt ist, daß sie auch in ihren Briefen an Caroline von Günderode 1803 und 1801 (veröffentlicht in ihrem Buche „Die Günderode" 1810) mit Völler Entschiedenheit für die Juden eintrat. Dort gibt sie an zahlreichen Stellen liebenswürdige Schilderungen eines Marburger Juden Ephraim, eines schönen, alten Mannes, der in aufopfernder Weise für seine Enkel sorgt, eines Philosophen und Mathematikers, der die Studenten unterrichtet, auch Bettina Stunde gibt und sie in die Tiefen der Philosophie einführt, dabei aber, um mehr Geld zu schaffen, in seinen Mußestunden Handelsgeschäfte treibt. Sie verehrt und liebt den Alten fast wie einen Heiligen. Sie erzählt mit Begeisterung von einer Predigt eines christlichen Pfarrers, der für Duldung und Aufklärung sprach. Einmal, indem sie von dem alten Juden erzählt, faßt sie sein Wesen und wohl auch das Wesen der Gemeinschaft, der der Einzelne angehört, in die Worte zusammen: „Und meine du, was du willst aberduwir st mir Recht geben, daß unter solchen Druck, unter so erniedrigenden Bedingungen der Adel des Lebens frei und unmittelbar bewahrt, daß sie nicht einmal durch das niedrigste Geschäft sich gebeugt fühlt, für eine hohe Seele spricht, daß sie mehr Recht hat auf unsere feierliche Achtung, als sie vielleicht dem Aeußeren nach der Mißdeutung, der Verachtung ausg esetzt." Juden tu Sachsen. Die „Magd. Reform" preist wieder einmal das Königreich Sachsen als das gelobte Land der Antisemiten. Sie sagt: „Das Königreich Sachsen steht bei den Juden der ganzen Welt als antisemitisch in Verruf, namentlich bei den Juden in Ostdeutschland und in Oesterreich. Fortwährend wandern fremde Juden nach Deutschland oder deutsche Juden im Osten weiter nach Westen. Allein alle diese zuwandernden Juden meiden die weißgrünen Grenzpfähle, sie wollen von diesen Antisemiten nichts wissen, sie suchen sich andere Wohnsitze und so hat d-r Antisemitismus das Königreich Sachsen mindestens bewahrt vor einem weiteren Zuwachs unwillkommener schädlicher fremder Volkselemente." Wieso kommt es, daß trotz der Judenfeindschaft Sachsens das Land um keinen Deut besser daran ist, als die übrigen deutschen Länder? Man kennt das Elend der sächsischen Fabriksstädte, die Anzahl der Selbstmorde, die Concurse rc. und all' das trotz der geringen Zahl der Juden. Varn Hagen von Ense schrieb seinerzeit das derbe Wort (I. Schrattenholz, Antisemitenhammer. 1894. S. 584): „Diese stupiden, kleingeistigen, selbstsüchtigen Widersacher der Juden! — wie viel Juden sind denn in Sachsen, daß diese Lumpenchristen so große Furcht haben? — „Keine achthundert!" — So wenig, nur achthundert! sind dort? Ja, dann wundert's mich nicht, daß die Sachsen so dumm geblieben sind-die müßten sich expreß welche ausbitten, damit mehr Gescheidtheit in's Land käme!-" Helicr den gegenwärtigen Stand der antisemitischen Bewegung in Oberhessen. Die „große antisemitische Bewegung", die, wie Herr Stöcker einst so gern den Ungläubigen im Parlamente erzählte, in Hessen mit „elementarer Wucht" in die Erscheinung getreten, ist nun auch, soweit die persönliche Agitation in Betracht kommt, mit derselben elementaren Wucht verschwunden. Die hessische antisemitische Bewegung war das Parade- und Renommirbeifpielder conservativen Christlich-Socialen, die zuerst den Antisemitismus predigten und für ihre „heilige" Sache des Volkes als Staffage bedurften. In Hessen aber hat auch der Antisemitismus zuerst die typische Entwickelung durchgemacht vom conservativen Bastard zum radicalen seltmaäöwau, der freilich nie ganz die' conservative Rassenabkunft verleugnete. Ein gebildeter, mit Wahnvorstellungen behafteter Mann weckte und fälschte zugleich den latenten Antisemitismus des ungebildeten Volkes. Nun aber schreibt der gemeindeamtliche „Gießener Anzeiger":