Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 810 Mnlfnmi .1 M, irjf. , 'H a ■ W 1 . iiyi Zreflerremflfltzr M-myenptzrtfl Nr. 43 Czar Alexander hat eine besondere Abneigung gegen alle ähnlichen kleinen Schwächen. Seinem schlichten Charakter ist jedes Comödiantenthum, von dem leider der große Arzt nicht frei ist, geradezu widerlich. Daher wollte er niemals Sacharjin zu Rathe ziehen, was diesen natürlich lange schon furchtbar kränkte. Erst bei dem letzten schweren Influenza- Anfall gelang es den Thränen der Czarin und einem kleinen Betrug des intimen Freundes Graf Woronzow-Daschkow (Minister des Hofes), der behauptet hatte, Sacharjin für sich kommen lassen zu wollen, Alexand er M. zu bewegen, die Moskauer Berühmtheit einzuladen. Da aber der große Arzt auch im Anitschkow-Palast seine „Mätzchen" nicht unterlassen konnte, im rothen Bauernhemd erschien, die Küche gräulich fand und die Dienerschaft — die der Czar und die Czarin stets mit größter Freundlichkeit behandeln — gar „Esel" und „Schassköpf" titulirte., so erklärte Alexander III. dem Grafen Woronzow, daß er von dem „alten Narren" nichts mehr wissen wollte, man solle ihn „ablohnen und fortschicken". Zuerst wollte Sacharjin von Bezahlung nichts wissen. Die „Ehre" genüge ihm vollkommen. Doch der Czar war anderer Meinung. „Der Kaiser darf keine Geschenke annehmen, das kostet dem Reich immer zuviel", erklärte er und ließ schließlich Sacharjin zu sich rufen, um ihn persönlich zu fragen, was er „von einem reichen Moskauer Kaufmann pro Tag bezahlt bekomme" — „3000 Rubel, Majestät!" — „Schön. Ich bin zwar auch ein Moskauer Kaufmann, gelte aber immerhin etwas mehr als die anderen.— Du bekommst also 6000 Rubel pro Tag, und damit basta!" Das machte nun rund 60.000 Rubel — ein hübscher Wochenverdienst! Die Czarin schenkte dem Arzt einen prachtvollen Stock mit goldenem, diamantengeziertem Griff, und der Czar fügte als besondere Gnade das Kreuz des Alexander-Newsky- Ordens dazu, — 'die höchste Auszeichnung, die ein Gelehrter — und dazu noch ein Jude von Geburt — in Rußland jemals bekommen hat?. Trotzdem hatte Sacharjin am Hofe zu Petersburg einen so wenig günstigen Eindruck hinterlassen, daß seine Ernennung zum Leibarzt des Czaren fast unbegreiflich erscheint. Sacharjin ist eine hohe, grobknochige Erscheinung mit dem ehrwürdigen Gesicht eines alttestamentarischen Patriarchen, in dem nur die klugen Augen etwas zu modern, ja fast shylokartig blinzeln und zwinkern. Er spricht leise und langsam, als ob jedes Wort eine Perle wäre, die er dem Zuhörer nur widerwillig schenke. Er ist sehr reich, lebt aber ziemlich einfach und arbeitet immer noch in echt jugendlicher Rastlosigkeit. Seine Frau ist ihm bald nach der Ehe gestorben. Er hat nur eine Tochter, die er unlängst verheiratet hat. Man erzählt in Moskau die unglaublichsten Geschichten über die Art, wie er seinen Schwiegersohn gewählt hat. Anna Petrowna Sacharjin soll nämlich einen der jungen College» ihres Vaters begünstigt haben; aber dem berühmten Arzt paßte der etwas schwächlich aussehende Freier nicht. Er wollte vor Allem einen kerngesunden Gatten für die — allerdings bildschöne — Tochter. So mußten denn sämmtliche Freier sich einer medicinischen Untersuchung unterwerfen, gegen die eine RecrutenMusterung als oberflächlich gelten konnte. Aber was thut man nicht für den Besitz der Moskauer „Rose von Saron". — So nannte man Fräulein Sacharjin, die dazu rund zwei Millionen Rubel Mitgift und doppelt soviel Hoffnungen mit in die Ehe bringen sollte. Nun ist Anna Petrowna verheiratet und Mutter bildschöner und kerngesunder Kinder — sie selbst aber sieht bedenklich bleich aus. Sollte das Glück der Ehe nicht von Gelo und Gesundheit allein abhängen, wie der berühmte Arzt es stets behauptet hat. Jedenfalls ist die Carriere des Professor Sacharjin der beste Beweis dafür, daß einzelne Juden in Rußland zu den höchsten-Ehren gelangen können. -i- -i- * Geheimrath Dr. H i r s ch, der Leibarzt des Czaren in dessen militärischem Hauptquartier, weilte in Wien, ging aber von hier nicht nach Korfu, sondern reiste nach L i v a d i a ab. Geheimrath Hirsch wurde von Ischl, wo er sich mit seiner Gemalin aushielt, nach Livadia berufen, da er den Czaren nach Korfu begleiten und daselbst in seiner Nähe bleiben solle. Er hatte unverweilt die Reise angetreten und ist gestern hier angekommen. Heute Abends setzt er die Reise nach Odessa fort, von wo er sich nach Livadia begibt. Ueber die Abreise des Czaren nach Korfu ist Geheimrath Hirsch selbst noch nicht genau unterrichtet, ec nimmt aber an, daß die Entscheidung bereits getroffen und der.Tag der Abreise schon bestimmt worden ist. Dr. Hirsch erklärte, wie die „N. Fr. Pc." berichtet, daß die Hoffnung auf einen günstigen Ausgang so lange nicht ausgegeben werden dürfe, als der Zustand des Kranken eine Wendung zum Bessern möglich erscheinen läßt. Vom Jahrmarkt des Lebens. Etwas für den hohen Senat. Vorige Woche war die Praterstraße der Schauplatz eines argen Excesses, der durch den Uebermuth einiger Studenten veranlaßt wurde. In dem Vorgarten der Weinstube Saurer, Praterstraße 50, saßen mehrere Studenten, die sich den Spaß machten, einem Gipsmops, den sie von einem „Figurinimann" gekauft hatten, einen Zettel mit der Aufschrift „Semit" um den Hals zu binden, und das so geschmückte Thier vor sich auf den Tisch zu stellen. Es wäre dies auch unter gewöhnlichen Umständen eine in der Praterstraße etwas überraschende Demonstration gewesen, gerade aber kehrten zahlreiche Personen, die sich durch das Halsband des Mopses gekränkt fühlten, aus dem in der Nähe befindlichen Tempel zurück — kurz, bald entstand ein riesiger Scandal vor dem Gasthausgarten, und erst als Polizei einschritt, zerstreute sich die Menge, nachdem sich schon früher die Studenten sammt ihrem Mops in ein Hinterzimmer der Restauration zurückgezogen hatten. Einem von ihnen aber war es mittlerweile sehr schlecht ergangen- Er war so unvorsichtig gewesen, sich aus dem sicheren Gafthausgarten auf die Straße selbst zu wagen und war hier von der aufgeregten Menge furchtbar durchgeprügelt worden. Wir hätten nun von den akademischen Behörden erwartet, daß sie den groben Unfug sogleich mit jener bekannten Strenge sühnen würden, welche sie bei weit geringfügigeren Anlässen gegen Studierende jüdischen Glaubensbekenntnisses zur Anwendung bringen. Es wäre denn doch zu stark, wenn die akademische Jugend ihrer antisemitischen Gesinnung auf offener Straße demonstrativ und in der rohesten Weise Ausdruck geben dürfte. So grober Unfug, welcher zu derartigen excessiven Ausschreitungen führt, kann unter gar keinen Umständen geduldet und etwaigen Wiederholungen muß mit aller Energie vorgebeugt werden. Ist den Herren Buben schon jedes Gefühl für Anstand, Sitte und gute Lebensart abhanden gekommen, so sollte sie wenigstens Furcht vor empfindlicher Bestrafung abhalten, derartige turbulente Gassenjungenstreiche in Scene zu setzen. (Der preußische Kriegsminister für jüdische Einjährig-Freiwillige.) Aus Berlin wird uns geschrieben: In allernächster Zeit wird sich in Marburg in Hessen vor der Strafkammer des dortigen Landgerichtes ein interessanter Proceß abspielen, in welchem der preußische Kriegsminister General Bronsart v. Schellendorf als Kläger auftreten wird, und zwar als Beschützer der Ehre jüdischer Einjährig-Freiwilliger. Im „Reichsherold", welcher von dem antisemitischen Reichstagsabgeordneten Dr. Böckel in Marburg herausgegeben wird, wurden nämlich jüdische Einjährig-Freiwillige der Zechprellerei während der Manöver beschuldigt, weil sie angeblich bei ihren Quartiergebern opulente Mahlzeiten mit dem Vorgeben sich bestellt hatten, daß die Regimentscasse die Kosten decken werde. „Selbstverständlich — so erzählt der „Reichsherold" — war die Angabe der Einjährig-Freiwilligen eine unwahre und die Quartiergeber und Wirthe derselben waren um die Zeche geprellt, zumal sie nicht einmal angeben konnten, welchem Truppentheile die „Zechpreller" angehört hatten." Eine große Anzahl jüdischer Einjährig-Freiwilliger wandte sich nun in dieser Angelegenheit an den „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" in B e r - l i n, und der Vorstand des Rechtsbureaus dieses Vereins hat eine Eingabe an den preußischen Kriegsminister mit dem Ersuchen gerichtet, „entweder eine Bestrafung der Betreffenden herbeizuführen, zumal das oder die Regimenter, denen die erwähnten Soldaten angehört haben, jedenfalls mit Leichtigkeit festzustellen seien, oder, wenn die Behauptung des »Reichs-