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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-19 · 42 (19.10.1894) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 808 Vesterreichtfchr Wochenschrtfl Nr. 42 begründet. Odessa aber blieb immer der Mittelpunkt, von dem Licht und Wissen in die entlegensten Winkel des Reiches ausgingen. Hier wurden die ersten russisch-jüdischen Zeitungen „Raswiet", „Zion", „Djen", sowie der hebräische „Hamelitz^ und der jüdisch-deutsche „Kolmewasser“ gegründet, welche sich alle das eine Ziel gesteckt hatten: europäische Bildung unter den Juden zu verbreiten. In den Sechziger-Jahren wurden hier der segensreich wirkende jüdische Handwerkerverein „Trud" und die Filiale des „Vereins zur Verbreitung der Bildung und des Handwerks unter den russischen Juden" in's Leben gerufen, zwei Institutionen, über deren heilsames Wirken zum Wohle der Juden selbst die Feinde Israels mit der größten Achtung sprechen. Doch der Wohlthätigkeitssinn der Odessaer Juden beschränkte sich nicht auf den Kreis ihrer Glaubensgenossen; wir erinnern nur an die Schule von E fru ss i, an das Kankenhaus von Kahanowski undandie Altersversorgungsanstalt von Wallich, deren Pforten für Richtjuden ebenso wie für Juden geöffnet sind. So oft Roth, Elend, oder Seuchen in unsere Stadt ihren Einzug hielten, waren die - Juden die ersten am Platze, welche opferfreudig reichliche Mittel spendeten, um die Calamitäten zu bekämpfen. Noch lebt in Aller Erinnerung der Name des Juden Jacob Rublew, der im Jahre 1802, als unsere Stadt von einer gräßlichen Epidemie heimgesucht war, sein ganzes Vermögen bingeopfert hatte und Tag und Nacht in den Häusern der Kranken, einem rettenden Engel gleich, anzutreffen war. Als die Regierung ihm für seine beispiellose Betätigung der Nächstenliebe einen Ehrengehalt und Orden an geboten hatte, lehnte er beides dankend ab, mit den Hinweis darauf, daß er nur seine Pflicht als Mensch und als Jude erfüllt hätte und kein Recht habe, sich dafür bezahlen zu lassen. Wenn Odessa jetzt aus einem türkischen Dorfe eine Weltstadt geworden ist, welche mit ihren Einrichtungen und öffentlichen Gebäuden allen Städten des Reiches als Muster dient, so gebührt in erster Reihe der Dank dafür den jüdischen Stadtverordneten, von denen wir besonders den seligen Abraham Brodski und den noch unter uns lebenden Raphael Chari erwähnen. Die Festredner bei der Lueger- Feier. Dr. Lueger hat seinen 50. Geburtstag gefeiert und seine derzeitigen Gesinnungsgenossen haben alles Mögliche aufgeboten, um den Tag — so weit überhaupt dieser Ausdruck am Platze ist — zu einem würdigen zu gestalten. Die „derzeitigen" Gesinnungsgenossen L u e g e r's sind noch immer die Antisemiten, denn diese Partei ist es, in der es Lueger am längsten oder auch umgekehrt, die es mit Lueger am längsten ausgehalten. Also nicht die Juden, unter denen Lueger einst so viele Kampfgenossen und Dufreunde gezählt, auch nicht die Demokraten, für deren Programm er einst so geschwärmt, sondern die Antisemiten feierten Dr. L u e g e r's 50. Geburtstag, und man thäte sowohl dem Jubilar, als seiner Partei bitter Unrecht, wenn man einen Augenblick daran zweifelte, daß sie zu einander passen und einander würdig sind . . . Die Jubelfeier Lu ege r's ist nicht so leicht zu Stande gekommen, als man glauben würde und in den vollen, schäumenden Jubelkelch der Partei sind auch einige Wermuthslropfen gefallen. Es hat nicht Alles so geklappt, als man gewünscht hätte, und der Hauptarrangeur, Herr Ernst Vergani, der Herausgeber und Einnehmer des „Deutschen Volksblatt" hat auch seine Verstimmung hierüber deutlich genug gezeigt. Die Verlegenheiten der Festveranstalter entstanden hauptsächlich dadurch, daß eine Anzahl der vornehmsten Parteimitglieder, die am Besten geeignet gewesen wären, Lueger in begeisterten und begeisternden Worten zu feiern, durch ein tückisches Schicksal hieran verhindert wurden. Wer wäre in erster Reihe mehr berufen gewesen, Karl von Margarethen zu feiern, als der einstige Cooperator von Margarethen, Leopold Scherze r, der in demselben Bezirke seine antisemitische Wirksamkeit begann, mit welchem L u e g e r's Namen verbunden ist. Scherz er, der Cooperator von Margarethen, hätte mit leuchtenden Farben das Wirken des Tribunen von Margarethen schildern können, denn die Beiden kannten einander so gut, schätzten einander so lange und wirkten miteinander im Dienste des Beide alleinseligmachenden Antisemitismus. Der Cooperator von Margarethen war in Würdigung seiner großartigen Wirthshausberedtsamkeit und der Verdienste um die heilige Sache des Antisemitismus zwar zum Pfarrer von M i st e l b a ch avancirt, aber die kleine Entfernung hatte den Bund der edlen Seelen nicht gestört. Der Pfarrer arbeitete und wirkte in demselben Geiste wie der einstige Cooperator, und noch immer wäre er der berufenste Festprediger bei einer Lueger-Feier gewesen, wenn — nun wenn das obenerwähnte tückische Schicksal den antisemitischen Priester nicht zu früh seiner Wirksamkeit entrissen hätte. . . Herr PfarrerSch erzer cultivirte neben dem Antisemitismus noch continuirlich andere Passionen, die man mit seinem Priesterkleide für unvereinbar hielt. Er vernachlässigte die Schule, wo er Religionsunterricht ertheilen sollte und besuchte umso fleißiger die Wirthshäuser. Er hetzte zwar lieblos gegen die Juden, aber er bezeigte zu viel Nächstenliebe gegen Damen, die noch nicht das canonische Alter erreicht hatten und kränkte dadurch auch seine 28jährige, hübsche Wirthschafterrn, die ihm eines Tages im Wirthshause coram publico eine heftige Eifersuchtsfcene machte. Schließlich vergriff sich der antisemitische Priester nicht nur am Geiste des Evangeliums, sondern auch an fremden Geldern, die ihm anvertraut waren, so daß er dauernd der antisemitischen Partei, zu deren Zierden er gezählt, entrissen wurde. So kam's, daß der gewesene Cooperator von Margarethen bei der Jubelfeier Karls von Margarethen fehlen mußte. .. So schmerzlich die antisemitische Partei die zeitweilige Entfernung Scherzer's beklagte, sie konnte sich mit dem Gedanken trösten: Gottlob, es gibt noch genug antisemitische Priester, die unseren Lueger zu würdigen wissen. Und da richtete sich freudig das Auge der Partei auf den hochwürdigen Katecheten Dr. Battisti. Das war so der richtige Mann nach ihrem Herzen. Vor Allem war auch er ein intimer Freund und Gesinnungsgenosse Dr. Lu e g e r's und sein wackerer Mitkämpfer im Kampfe gegen die Corruption. Wie großartig konnte dieser würdige Mann gegen das in Sünden verkommene jüdische Gelichter losziehen! Es war erbaulich, diesen Gottesmann gegen die Juden donnern zu hören, die seines Erachtens durch und durch verderbt und sittenlos sind, die keine Ahnung von den Geboten der Ehre haben, die nur einen Gedanken haben, Geld zu erjagen, um ihre Lüste zu befriedigen und die das Vertrauen mißbrauchen, das gläubige Gemüther in sie setzten. Ach, welch ein Festredner wäre der hochwürdige Dr. B at ti sti gewesen, wenn es gegolten hätte, die Verdienste seines „edlen, frommen, großen Freundes" Lueger zu feiern. Das bereits wiederholt erwähnte tückische Schicksal hat es aber nicht gewollt. Wenige Tage vor der Lueger-Feier veröffentlichte das „Wiener Diözesanblatt" folgende Notiz: Zur Nachricht. „Die hochwürdigen Herren Kirchenvorsteher werden aufmerksam gemacht, daß der in Wien sich aufhaltende Priester der Trienter Diözese Dr. Georg B a t t i st i dermalen weder eine Meßlicenz, noch eine Beichtjurisdiction für die Wiener Erzdiözese besitzt." Das erzählte das Diözesanblatt, aber noch ganz andere Dinge wurden zur selben Zeit von dem hochwürdigen Herrn verlautbart. Daß er z. B. wegen nicht näher zu schildender Vorgänge von dem Ottakringer Ortsschulrathe in D i sciplinaruntersuchung gezogen wurde, daß er scandalöse Verhältnisse mit jungen Damen unterhielt, von denen eine sich als die Braut des frommen Mannes ausgab.Daß der hochwürdige Herr nebenbei ein Pumpgenie ersten Ranges war und die kleinsten Beträge die längste Zeit schuldig blieb, sei nur nebenbei bemerkt. Entscheidend jedoch dafür, daß Dr. Battisti gelegentlich der Lueger-Feier nicht in so hervorragender Weise als Festredner auftreten konnte, war aber doch hauptsächlich der Umstand, daß plötzlich die Oeffentlichkeit von all dem erfuhr, was früher nur die intimsten antisemitischen Freundeskreise Battisti's wußten.... Also auch mit diesem antisemitischen Priester war der L u e g e r-Feier nicht geholfen und schmerzlich gekränkt mußte Lueger in der Festrede — Geßmann's für Alles Ent-

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