Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 42 Vrsterrrichischr WmtzenfchrM Sette 807 Nach dieser Erklärung, welche vom Hause mit allgemeiner Zustimmung ausgenommen wurde, zog Manojlovics sein Amendement zurück. Zum besseren Verständnisse der Rede von Deak wollen wir jedoch die Rede nachtragen, mit welcher Manojlovics seinen Antrag begründet hatte. Er sagte: »Ich habe dieses Amendement, geehrtes Haus, zur Beruhigung jener Bolksclasse eingebracht, welche darum, weil sie denselben lebendigen Gott nicht nach der Weise des christlichen Bekenntnisses verehrt, vollkommen vom Genüsse der bürgerlichen Rechte ausgeschlossen ist, ich meine die in diesem Lande lebenden Israeliten. Ich will es zwar glauben und glaube es auch, daß die Absicht besteht, die in Alinea 35 zugesicherte Gleichberechtigung aller Bürger des Vaterlandes auch auf die Israeliten auszudehnen. Aber da nach meiner unmaßgeblichen Meinung unter der Benennung „Bürger des Vaterlandes" staatsrechtlich nicht sämmtliche Bewohner des Landes, sondern nur jener Theil des Volkes verstanden wird, der, da er die Lasten trägt, auch ün Bollgenusse der bürgerlichen Rechte sich befindet, und da bei der jetzigen Stellung der Israeliten sie kaum unter dem Namen „Bürger des Vaterlandes" begriffen werden können, halte ich es für zweckmäßiger, daß statt des Ausdruckes „Bürger des Vaterlandes" die von mir beantragte Benennung „sämmtliche Bewohner des Landes" gebraucht werde. Denn nur durch einen solchen Universalbegriff kann dem Borurtheile begegnet werden, als bezöge sich das Alinea 35 blos auf die Bewohner der gesetzlich recipirten Religionen." Die Juden in Rußland. Gleichzeitig mit den „Novosti", den „Petersburgskija Wjedomosti" und anderen russischen Tagesblättern, reproducnt die „Rußkaja Jizne" (Nr. 215 vom 26- August) eine in mehlfacher Beziehung interessante Correspondenz des (antisemitischen) „Ktjewljanin" aus dem Kreise Lipowetz (im Gouvernement Kijew), der wir folgende Stellen in wortgetreuer Uebersetzung entnehmen: „Die fast übermäßig reiche Grasernte und das gleichzeitige Heranreifen der verschiedenen Brotarten in diesem Jahre hat außer der Verwendung von Mähmaschinen noch eine andere Erscheinung zu Tage gefördert, die bei uns wenigstens bislang gänzlich unbekannt war. Ich meine die ganz bedeutende Anteilnahme jüdischer Arbeiter an der wichtigsten Nationalarbeit — dem Einsammeln des Getreides. Nicht nur aus den umliegenden Ortschaften, sondern selbst aus der Stadt Lipo wetz, deren jüdische Bevölkerung doch nur aus Krämern, Wucherern und müßiggängerischen Tagdieben bestehen soll, machten sich Hunderte von jüdischen Proletariern rasch auf die Beine und zerstreuten sich nach den Dörfern und gutsherrlichen Besitzungen im ganzen Kreise, überall ihre Dienste anbietend. Man zögerte zunächst, diese anzunehmen, schon deshalb, weil die meisten der äußerlich wenig ansprechenden biblischen Gestalten, die sich als Land- und Feldarbeiter versuchen wollten, so unsäglich abgehärmt und ausgehungert aussahen, daß man mit Recht an ihrer Leistungsfähigkeit zweifeln durste. Aber, die Zeit drängte mächtig und einige kühne Neuerer entschlossen sich daher, es mit den Judäern zu versuchen. Bald stellte es sich heraus, daß die Betreffenden einen recht glücklichen Griff gemacht hatten, und deren Nachbarn beeilten sich, ihrem Beispiele zu folgen. Denn, davon abgesehen — was nur im Vorbeigehen zur Ehrenrettung Israels bemerkt werden mag — daß die jüdischen Proletarier alle ihre Kräfteanstrengten, um der ungewohnten und wahrlich nicht leichten Arbeit gerecht zu werden, so daß sie selbst das Lob der sie begreiflicherweise mit scheelen Augen anseheuden Ortsbauern sich zuzogen, sind die Letzteren überhaupt nur schwer, manchmal um gar keinen Preis für die neue Art von Arbeit mit den Mäh- und Dreschmaschinen zu gewinnen. Wie weiland der Schienenweg und die Dampfwagen, gelten die neueingeführten technischen Hilfsmittel in der Agricultur unseren Bauern als Ausfluß der „satanischen List" und als Werke der menschenfeindlichen teuflischen Macht, dazu bestimmt, den Gottessegen für den Landmann in einen Fluch umzuwandeln. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die „Ungeheuer der Hölle" mit Cruzifix und Heiligenbildern zu verscheuchen, oder mit roher Gewalt zu zerstören, gegen die an vielen Orten die Ortspolizei und die Landwehr nicht nur, sondern auch das Militär aus der nächsten Garnison aufgeboten werden mußten, verlegten sich die kleinrussischen Bauern nunmehr auf den hartnäckigen passiven Widerstand. Werden sie vom Nachbarn, dem Großbauer oder gar vom Gutsherrn zur Arbeit eingeladen, so lautet in acht von zehn Fällen die nachgerade stereotyp gewordene und schroff abweisende Antwort: „Wo die Teufel mähen und schneiden, dort mögen die Hunde sammeln und die Garben binden!" Man sagt daher nicht zuviel, wenn mau behauptet, der Triumph der Agricultur- Technik in unserer Provinz wird vornehmlich der werkthätigen und verständnißvollen Mithilfe der Juden zu verdanken sein, ohne welche die große Mehrzahl unserer Gutsherren schon heute in die allerschlimmste Sackgaffe sich verrannt haben würde". Weiter heißt es in derselben Correspondenz: Gegenwärtig mögen im Kreise L i p o w e tz etwa 2500 Juden im Alter von 17 bis 28 Jahren als Landarbeiter beschäftigt sein; sie arbeiten sehr fleißig und im Allgemeinen durchaus befriedigend. Ist die jüdische Arbeit zunächst auch weniger productiv als die unserer Bauern, so unterliegt es doch schon jetzt keinem Zweifel, daß sie mit der Zeit, vorausgesetzt, die Juden machen Eimst mit ihrer Betheuerung, nützliche Arbeit verrichten zu wollen und lassen es nicht bei diesem einen Versuch bleiben, auch die nöthige Uebung gewinnen und die ihnen mangelnde Geschicklichkeit sich aneignen werden. Das wäre aber im Interesse unserer Landwirthschast höchlich zu wünschen, da diese im Hochsommer empfindlich an dem Mangel von willigen Händen leidet. Mit Ausnahme der unmittelbaren Concurrenten, der bäuerlichen Tagelöhner, erkennt die gesammte Landbevölkerung die von den Juden geleistete Hilfe gern an und behandelt sie freundlich. Auch die Landwirthschaftsbehörden sZemstwo) verhalten sich wohlwollend, ermuntem die jüdischen Landarbeiter und lassen ihnen ihren Schutz angedeihen". Am 22. August 1894 beging die Stadt O d e s s a die Feier ihres hundertjährigen Bestandes. Anläßlich dieses Ereignisses widmete der „Oäeski IÜ8tc>1c" in seiner Festnummer den Juden dieser Stadt einen längeren Artikel, in welchem er aus deren Verdienste um die Entwicklung derselben hinweist. Die jüdische Bevölkerungszahl Odessa's beträgt gegenwärtig 112.235 Seelen. „Den Juden unserer Stadt" — schreibt das genannte Blatt — „gebührt wegen ihres Fleißes und rastlosen Eifers, den sie von jeher bekundet haben, um den Wohlstand in unserer Mitte zu fördern, die größte Anerkennung. Sie waren die ersten, welche den Grundstein zu dem Reichthume Odessas gelegt haben. Im Jahre 1822 entstand hier das Horowitz'sche Welthaus, 1829 das von Efrussi. Sie haben den Getreide-Export ins Ausland, den Holz-, Silber- und Goldhandel gefördert und auf die Höhe gebracht, um die wir jetzt beneidet werden. Und nicht nur auf dem Gebiete des Handels und der Industrie haben die Juden Großes geleistet; sie scheuten und scheuen auch heute vor schwerer körperlicher Arbeit nicht zurück. Unter den Arbeitern und Taglöhnern find 50 Percent Juden, abgesehen von den Fuhrleuten und Droschkenkutschern, unter denen 25 Percent Juden sich befinden. Die Geschäftshäuser M endete witsch Dreyfuß, Neufeld, Jurawski beschäftigen Tausende von Arbeitern und haben im vergangenen Jahre die Summe von 5,148,304 Rubel umgesetzt. Und ^welche Verdienste haben sich unsere Juden erst um die Bildung ihrer Glaubensgenossen im Reiche erworben! Im Jahre 1826 ist hier die erste jüdische Elementar-Schule gegründet worden, deren Rector Herr Sittenfeld aus Berlin war. Graf Woronzow und der Stadt-Präsident L e w s o p i n trugen ihr Möglichstes dazu bei, um diese Schule zu fördern. Als i. I.- 1828 Herr Stern die Leitung derselben übernahm, galt sie schon als Musteranstalt, und 1837 erwies Kaiser Nicolaus, begleitet von dem Thronfolger, der Schule die Ehre seines Besuches und ernannte den Rector Stern zum Ehrenbürger Rußlan d's. Dank dem eifrigen Bemühen Sternes entstand in demselben Jahre eine gleiche Schule in Kisch in eff, und allmählich wurden in anderen jüdischen Gemeinden des russischen Reiches Schulen