Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 42 (19.10.1894)
- Date
- 1894-10-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021050--03942-3028104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 804 Vestrrreichtsttze Wochrnschrtfl solche Fremdlinge einen unglaublich unseligen Einfluß auf Moral, Sitte, Gesetzgebung und alles Uebrige ausüben. Das canonische Recht von Dr. Loew erläutern zu hören, bereitete uns einen ganz eigenartigen Genuß. Kennt er ebenso genau die Ansichten und Willcnsmeinungen der katholischen Kirche in Fragen des Eherechtes? Das gehört doch auch ein wenig zum canonischen Rechte. Weiß er, wie die Kirche über eine erste und zweite Ehe zu urtheilen pflegt? Wir widerstehen der Versuchung, mehr Details zu bringen, uns an diesen Andeutungen vorläufig genügen lassend. Wenn es aber dem Herrn D o c t o r w r e d e r einmal belieben sollte, sich zum g e st r e n g e n M o r a - listen aufzuwerfen, dann wollen wir uns die Freiheit nehmen, ihm zu beweisen, daß er nicht die n ö t h i g e Eignung zum Sittenrichter besitzt. Er möge g e t r o st bei sich selber anfangen. Das wäre recht sehr empfehle nswerth. Er ist würdig, an der Seite Deckert's der Nachfolger des Paulus Meyer zu sein, —seines ebenbürtigen „Stammes- und Glaubensgenossen". Antisemitischerseits hat man nicht übel Lust, es den Juden zur Last zu legen, - weil die Abgesallenen frech und geschmacklos ihre früheren Religionsgenossen öffentlich schmähen. Was generelles, sozusagen internationales „Charakter"- merkmal des Apostatenthums überhaupt bildet, wird als „semitische Rassenqualität" ausgegeben. In einem Artikel vom 21. December 1888 brachte das „Vaterland" an hervorragender Stelle folgende Auslassung: „Ein bedeutendes Contingent der Convertiten liefert das Judeuthum. Die Austritte aus dein Judenthum sind von 7 des Jahres 1868 auf 293 des Jahres 1887 angewachsen. Wir erinnern uns dabei an die Anekdote von den drei Juden, welche ihre Religion geändert hatten. Als der eine erzählte, er habe das „aus Ueberzeugung" gethan, sagten die beiden anderen, welche ganz offen ihre egoistischen Beweggründe eingestanden: „das kannst Du einem Christen erzählen, aber nicht uns". Wir selbst haben ja viele dieser Convcrsionen mit eigenen Augen gesehen. Wir haben es erlebt, daß jüdische Advocaten sich taufen ließen, da sie dann nach einer Bestimmung unseres Berwaltungsrechtes das Anrecht erwerben, ihren Namen, der ihnen bei der Landbevölkerung das Geschäft verdorben hätte, in einen gut christlich kliugenden umzuändern. Wir haben viele solcher Gesuche gelesen, welche dieses Motiv ganz offen und schamlos ausführtcn. Und wenn wir von den solcherart katholisch gewordenen Convertiten absehen, so finden wir unter den 293 Austritten aus dem Judenthum des Jahres 1887 in Wien allein 57, welche zu keiner anderen Religion üvertraten. Also nahezu ein Fünftel der Juden-Conversionen hatte die Confessionslosigkeit zurFolge." Will man diese gewiß traurige Erscheinung objectiv würdigen, so muß man sie mit den analogen Erscheinungen innerhalb der christlichen Gemeinden unter muhammedanischer Herrschaft vergleichen. Die Geschichte der Christen unter türkischer Herrschaft kennt und nennt viele Apostaten von dem Charakter und den Antecedentien des Dr. Max A n t o n L ö w! Ueber das Verhalten der Christen zu ihrer Religion in den Ländern der Türkei bietet die interessante Schrift von Dr. M. Friedrich Gmelin „Christensclaverei und Renegatenthum unter den Völkern des Jslant" (Sammlung gemeinverständlicher, wissenschaftlicher Vorträge von V i r ch o w und H o l tz e n d o r f f) belehrende Aufschlüsse. S. 18: Je mehr mau sich in den Schriften über diesen Gegenstand umsteht, umsomehr erschrickt man über die große Zahl von Apostaten nicht nur, sondern über die frivole Leichtfertigkeit, mit der sie ihren Glauben verleugnet haben. Zwar die Geschichte der Christensclaverei unter den muhammedanischen Völkern ist keineswegs arm an Beispielen des hochherzigsten Märtyrerthums und der standhaftesten Glaubenstreue. S. 19 : „Wenn mau das Verhalten, welches Türken in christlicher Gefangenschaft und welches die Mauren in Spanien unter christlicher Herrschaft bewiesen haben, mit dem Verhalten der Christensclaven unter dem Moslemim vergleicht, so fällt dieser Vergleich nicht zu Gunsten der Christen aus. Obgleich man sich z. B. österreichischerseits in den Türkenkriegen die erdenklichste Mühe mit der Bekehrung gefangener Türken'gab, so endigten auch die eifrigsten Versuche selten genug mit dem erwünschten Erfolg, einen Türken für den Uebertitt zu gewinnen. Der beste Beweis dafür ist das Gepränge, mit dem man den Triumph in einzelnen glücklichen Fällen in Scene zu setzen nicht versäumte. Welche Mittel aber in Spanien zur Unterdrückung des Islams angewendet Nr. 43 worden sind, ist bekannt. Vielleicht hat die Strenge der muhammedanischen Gesetzgebung viel dazu beigetragen, die Moslemim von der Verleugnung ihrer Religion zurückzuschreckeu. Und wenn die Zahl der zum Christenthum übergetretenen gefangenen Türken in keinem Verhältnisse steht zu der Zahl der Christensclaven, die den Islam annahmen, so darf man dabei freilich nicht vergessen, daß die Türken auch ungleich mehr Gefangene in ihren Kriegen zu machen das Glück hatten, als die Christen. Aber es ist immerhin ein rühmliches Zeichen von der Anhänglichkeit der Türken an ihre Religion, wenn z. B. von 296 Gefangenen, die in den Kriegen von 1683—88 in baierische Hände gerathen waren und in München mehrere Jahre in Gewahrsam sich befanden, nur zwei sich taufen ließen. Und die Mangelhaftigkeit ihrer Verpflegung hätte, wie es scheint, wohl den einen oder oen andern in Versuchung führen können, sich durch den Uebertritt ein besseres Dasein zu verschaffen. Wurde doch eines Tages höheren Orts zur Anzeige gebracht, daß von den in der chursürfllichen Fabrik verwendeten gefangenen Türken einige aus lauter Hunger schon feit sechs Tagen Gras gegessen hätten". S. 22: „Fromme Christen, die nach der Türkei oder in andere muhammedanische Länder kamen, hatten Anlaß genug zur Trauer über die Häufigkeit des Abfalles ihrer Glaubensgenossen und besonders die Schriften der Ordensgeistlichen sind voll von solchen Klagen. Bei den Sclaveu konnte sich immer noch ein Gefühl des Mitleids dem der Mißbilligung beimischen, aber oft genug mußte man die bittersten Erfahrungen auchanfr eien Landsleuten machen. Die christlichen Gesandten waren keinen Tag sicher, ob ihnen nicht Leute von ihrem Gefolge davonliefen undmanthatgutdaran,denTagnichtvor den» Abend zu loben. Herr von Driesch hatte es als ein besonderes Glück gerühmt, daß aus dem Gefolge des Grafen Virmondt während des ganzen Aufenthaltes in Constantinopel kein einziger untreu geworden sei. Da entläuft wirklich noch in den letzten Tagen ein Koch, und alles Zureden ist vergeblich, ihn zu bewegen, daß er den Träumen von einer glänzenden Türkenlaufbahn entsage. Einzelne Renegaten trieben es in der Frechheit so weit, daß sie sich ihres Abfalls nicht nur offen vor ihren Landsleuten rühmten, über das Gefühl des Heimwehs und der Anhänglichkeit an Weib und Kind zu Hause lnstig machten, sondern daß sie gar den Gesandten ihrer ftüheren Heimat um Verwendung beim Großvezier ansprachen, damitsie desto schneller ihrGlück machten. Auch solche Fälle kamen vor, daß Gefangene Jahre lang jeder Versuchung zum Abfalle widerstanden und schließlich doch noch, dem erträglicheren Dasein zulieb, sich dazu bewegen ließen. So erzählt Ger lach von einem deutschen Drechsler, der erst nach lOjähriger Gefangenschaft übertrat, obgleich er zum Lohn dafür nur wenige Groschen täglich mehr verdiente. Oft genug sahen sich die Renegaten in ihren Erwartungen bitter getäuscht. Die Mohammedaner selbst hegten ein unbesiegbares Mißtrauen gegen sie und verfolgten, wo sie konnten, die ihnen verhaßten und ihnen selbst in den Weg tretenden Emporkömmlinge. Einzelne Apostaten hatten sich allerdings glänzende Stellungen im türkischen Heere und in den höchsten Staatsämtern errungen. Man darf, um sich davon zu überzeugen, nur einen Blick in den Artikel „Renegaten" im Registcr zu Hammer's „Geschichte des osmanischen Reiches" werfen. Die Achtung des Osmanen besaß der Renegat nicht. Was man ihm vor Allem vorwarf, war ein schrankenloser, vor den schlechtesten Mitteln zu seiner Befriedigung nicht zurückschreckender Ehrgeiz. Schlechte Christen seien sie, noch schlechtere Moslemim, der einen wie der anderen Religion Feind. Ihr Gott sei nur der Raub, und was sie mit der einen Hand der Pforte geben, das nehmen sie wieder mit zweien." Wir sehen also, die Rechnung stimmt auffallend. Zur Vorgeschichte der Rereption der jüdischen Keligion in Ungarn. Bon Dr. Isidor Schwarz. Der große kirchenpolitische Kampf, der erst in diesem Jahrhundert, welcher auf dem in der ungarischen Geschichte ewig denkwürdigen Reichstage von 1843/44 ausgefochten wurde und mit dem Siege der liberalen Opposition der Ständetafel geendigt hatte, brachte auch die immer acuter werdende Frage der Emancipation der Juden in Fluß. Die Frage wurde auch in der Presse, namentlich in den Spalten des von Ludwig Ko ss u th redigirten Blattes „Pesti Hirlap" mehrmals besprochen. Wie gewaltig die freiheitliche Bewegung nach Schluß des Reichstages geworden war, beweist am besten *) Deutschen Lesern empfehlen wir zur Information das auch in deutscher Sprache erschienene Werk des ungarischen Historikers, Michael Horvath „Fünfundzwanzig Jahre aus der Geschichte Ungarns" (1825—1848), 3 Bde.