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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-19 · 42 (19.10.1894) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
42 (19.10.1894)
Date
1894-10-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wien, 19. Ortober 1894* Nr. 42. Jahrgang XI. Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. L. ft. Poflsparratftett-3flmt Clraringderkrhr Nr. 810.976. ArdarUon und Administration: Wien Franr Josrfs-Nuai Nr. 3.! Talaphon-Hr. 6535. -.- - —- -#- erausgeber: Reichsralhs-Abgeordneler Dr. Bloch. -- Erscheint jeden Freitag. -- Man abonnirt bei allen PoVanstalten des In- und Auslandes. »rxugsprris für Srstrrrrirst: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare SS kr. Für'» Ausland: halbjährig S fl. — 10 Ar. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4ma' gespaltetes Petitzeile IS kr. ji Inhalt: Leitartikel : Deckert's Leibjud. — Zur Vorgeschichte der Reception der jüdischen Religion in Ungarn. — Die Inden in Rußland. — Die Festredner bei der Lueger-Feier. — Der Befähigungsnachweis. — Lncharjin, der neue Leibarzt des 'Czaren. — Vom Jahrmarkt des Lebens. — Korrespondenzen: Wien, Brünn. Budapest, Lemberg, Brody, Pilsen, Berlin, Blankenburg, Rees a. Rhein. — Vermischtes: Wien, Tarnopol,Reichenau a. d. Kneczna, Neudek, Sassin, Berlin, l5onstantinvpel. — Feuilleton: Aus alten Tagen. — Literatur. — Briefkasten.— Inserate. Deckert's Leibjud. Der Pfarrer von Weinhaus erschien mit dem getauften Juden Loew an der Seite vor dem Gerichtshöfe der zweiten Instanz. Doctor Max Anton L oem hatte er zu seinem Anwalt erkoren — ihn und keinen Anderen. Die Beschwerde wurde, wie vorauszusehen, abgewiesen. Die Geldstrafe von zehn Gulden wegen Verleitung von Schulkindern zur Colportage eines Hetz-Gebetes — echt Deckert'sche Patent-Kuppelung zweier heterogener Begriffe — besteht zu Recht. Trotz Max Anton Loew und seines merkwürdigen Plaidoyers, hat Deckert Unglück mit den Juden. Gr hat es selbst gesagt — mit den getauften, wie mit den ungetauften. Er hatte Unglück mit Paulus Mayer, der gegenwärtig wirklicher königlicher sächsischer Staatsgefangener ist; er hatte Unglück mit Tannenzapf und auch der Convertit Loew war nicht in der Lage, ihm den ersehnten Freispruch zu erringen. Daß er trotz dieses notorischen Pechs immer wieder sich mit Juden einläßt, mit ihnen Geschäftchen macht oder sich von ihnen vertreten läßt, ist doch sonderbar. Er weiß doch, daß ein eigener Unstern speciell über den Decker t'schen Leib- und Ehrenjuden waltet und dennoch — dennoch! Cr kann ohne Juden nicht leben, der gute Deckert. Er ist an ihren Umgang nun einmal gewöhnt. Sie sind die Trabanten des Weinhauser Pfarrers, die Leibwache, die ihn umgibt. Mit ihnen pflegt er vertraulichen Umgang, bespricht geschäftliche Unternehmungen, zu welchen wir auch die sogenannten „wissenschaftlichen" Arbeiten Deckert's zählen, denn bei einem Manne, wie er, ist Alles Geschäft. Er geht auf in Geschäften, er ist ganz Geschäft. Mancher christliche Gewerbsmann könnte sich diesen commerciellen Feuereifer zum Muster nehmen. Und zu den Geschäften benöthigt er Juden. Was für Juden noch dazu! Gewöhnliche thun es gar nicht. Es müssen Nachkommen von berühmten Rabbinern sein. Die haben immer den Vorzug. Doctor Max Anton Loew z. B. stammt von Reb Kiewe Eg er in directerLinie ab. Ein großer, stolzer Name. Sein Scharfsinn hat diese Abstammung kaum errathen lassen, allein vor dem Preßburger Rabbiner hat er vor nicht allzulanger Zeit sich dieser seiner Ahnen gerühmt. Und Dr. Max Anton Löw warf sich damals stolz in die Brust, er ist von hoher rabbinischer Abstammung! Gewiß hat dieses genealogische Moment den Ausschlag gegeben, daß gerade diesem Apostaten und keinem anderen die Ehre zu theil wurde, Dr. Deckert vor Gericht zu vertreten. Paulus Mayer war sein Ober-Leibjud, Dr. Max Anton Löw ist in viel bescheidenerer Position, aber immerhin sein Leibjud. Dr. Max Anton Loew gab wenigstens beruhigende Versicherungen ab: „Wir wollen ihnen nichts thun; wir wollen ihr Hab und Gut nicht nehmen; wir wollen ihnen gönnen, daß sie unter uns leben . . ." Es kostete dem Auditorium augenscheinlich viele Anstrengung, hiebei den nöthigen Ernst zu bewahren, wie ihn die Würde des Ortes erheischte. Ein getaufter Jude, der Sprosse von Rabbinen, spielt sich auf den Großmüthigen heraus und wirst nur mit dem „Wir" so herum. Bei bescheidenem Talente in so kurzer Frist die Höhe — Gönner-Position — zu erklimmen ist nicht seicht. Was würde Reb Kiewe Eger dazu sagen, wenn er noch lebte?! Ferner erzählte der famose Doctor, der „Christ" im Alter von fünf Jahren: „In diesem Vaterunser werden die Gläubigen ausgefordert, dafür zu beten, daß unsere Gesetzgebung vom unseligen EinflussedieserFremdlinge bewahrt bleibe." Gut gebrüllt Max Anton Loew! „Diese Fremdlinge" waren vor nicht gar zu langer Zeit seine — Stammesgenossen. Seine Eltern und seine Verwandten, Alle gehören noch derzeit zu „diesen Fremdlingen". Man muß es dem Herrn Doctor lassen, daß er ungemein glücklich in der Wahl seiner Ausdrücke ist. Das Renegatenthum hat seit jeher durch besondere Frechheit gegen die ehemaligen Glaubensgenossen über die innerem Motive des niederen Handelns die neuen Religionsgenossen hinwegzutäuschen gesucht. Der frischgebackene Christ Anton Max Löw;sprach bemerkenswerthe „Worte über den sacramentalen Charakter der Taufe", welche gerade aus seinem Munde von besonderem Interesse waren. Es ist ja noch keine vollen fünf Jahre her, daß er selbst die Taufe empfangen und er kann somit aus eigenster Erfahrung über den sacramentalen Charakter derselben urtheilen. Es ist ihm noch Alles ganz frisch im Gedächtnis Der Uebertritt dieses Herrn erfolgte ungefähr zu der Zeit, da der Spar- und Vorschußverein St. Josef in die Brüche ging. Eine Menge von armen Teufeln kam da um ihre paar Groschen. Es galt, hochadeligen Herren möglichst viel zu — retten. Sie sollten die möglichst geringe Ersatzpflicht zu erfüllen haben. Das gelang auch so ziemlich. Der Massaverwalter zehrte an diesem Coneurse ein paar Jährchen. Ja, da lohnte es sich schon, auf die Juden zu schimpfen, daß

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