Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021007-3021049--03938-3028099- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
K1.-J Nr. 41 OrflrrrrkWchr Wochenschrift Seite 801 Zimmer eine schöne junge Frau, mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt, am zierlich hergerichteten Theetisch. Die von der Decke herabhängende Lampe warf ein mildes Licht auf die etwas scharf geschnittenen, aber einnehmenden Züge der jungen Frau, die deutlich das Gepräge orientalischer Abstammung trugen. Die dunklen, von starken, schön gezeichneten Brauen umrahmten Augen schauten voll Stolz und Zärtlichkeit auf einen Knaben von etwa sechs Jahren, der ihr gegenüber am Tische saß und eifrig in einem vor ihm liegenden Buche las. Es war ein Band mit Feenmärchen, und der Knabe schien mit dem größten Interesse den Leiden und Freuden der kleinen luftigen Wesen zu folgen, die ihm die Phantasie des Verfassers so anmuthig schilderte. Endlich aber schaute er doch auf und zeigte ein schönes, kindlich reines Antlitz mit großen, dunklen, fragenden Augensternen, die er auf die Mutter richtete: „Aber, Mama, wo bleibt denn Papa heute nur? Es ist längst sieben Uhr und das Bureau wird doch schon um sechs geschlossen." „Du hast Recht, Carl," erwiderte die junge Frau, und ihr Blick flog mit einiger Besorgniß nach der Standuhr hinüber, die den Kaminsims schmückte. „Der Papa ist sonst sehr pünktlich, und es ist jetzt nicht mehr weit von acht Uhr, aber vielleicht ist er noch zur Großmama gegangen." In diesem Augeublicke ertönten Schritte auf der Treppe und der Erwartete trat einen Moment darauf in's Zimmer. Es war eine mittelgroße, schlanke und wohlgebaute Männergestalt mit sehr ausdrucksvollem Kopfe, dessen Züge ebenso wie die seiner Gattin unverkennbar zeigten, daß Beide der im Anfang unseres hochgebildeten Jahrhunderts noch so gemiedenen, gehaßten und verachteten Rasse des Judenthums angehörten. Die junge Frau hatte sich erhoben, um den Gatten freundlich zu begrüßen, blieb aber plötzlich auf halbem Wege stehen und blickte erschrocken auf die ungewöhnlich erregten Züge, auf die wie im Fieber glänzenden Augen des Mannes. „Um Gotteswilleu, Hermann, was ist Dir?" stammelte sie, „was ist denn vorgefallen?" „Nichts, was mich überrascht, liebes Weib", war die mit eigenthümlich heiserer Stimme, wohl infolge der furchtbaren, zurückgehaltenen Aufregung gegebene Antwort, „ich habe ja längst gewußt, daß es so kommen würde, und dennoch hat es mich heute getroffen wie ein Blitz aus heiterm Himmel. Wir gehören \a jetzt wieder zum lieben, deutschen Vaterlande," — die letzten Worte waren mit unendlicher Bitterkeit gesprochen — „und so Mancher hat diese Wiedervereinigung mit seinem Leben bezahlen müssen, es ist daher nur billig, daß auch ich ein Opfer bringe um des großen Zweckes willen, und ich habe sogar noch die Wahl zwischen zwei, freilich in meinen Augen gleichwertigen Dingen." „Wovon sprichst Du eigentlich, Hermann," unterbrach ihn sein Weib, zärtlich seine Hand faffend und liebevoll in das edle, jetzt so finstere Antlitz schauend. „Was ist geschehen und wozu sollst Du ein Opfer bringen?" Er richtete sich auf und fuhr mit der Hand leicht über die hohe, schweißbedeckte Stirn. „Man hat mich heute vor die Alternative gestellt," sagte er dann mit ruhigem, festen Ton, „entweder meinen Glauben oder meine Existenz aufzugeben. Freilich," und die Bitterkeit durchbrach wieder die erzwungene Ruhe, „wie könnte man auch einen Rechtsanwalt im gesegneten deutschen Baterlande anerkennen, der Jude ist! Aber die Entscheidung ist fürchterlich, und wie ich mein Gehirn auch zermartere, ich finde keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Einen anderen Beruf? Ich bin zu alt dazu, und bei einem jeden, den ich ergreifen könnte, wird stets derselbe Grund meinem Fortkommen hinderlich sein. Auswandern und mir irgendwo in einem fremden Lande mühsam eine neue Existenz gründen? Ach, ich bin zaghaft und muthlos geworden in diesem einzigen Tage, ich zweifle an meiner Befähigung, in diesem schweren Kampf gegen das festgewurzelte Vorurtheil zu siegen, und zudem, ich liebe mein Vaterland trotz Allem; mit jeder Fiber meiner Seele, mit jedem Schlag meines Herzens wurzle ich in diesem Boden, der doch so undankbar und ohne Anerkennung dieser Liebe uns von sich stößt." Er hatte sich in einen Sessel geworfen und stützte seufzend den Kops in die Hand. Der Knabe, der inzwischen mit größter Aufmerksamkeit den Worten des Vaters gelauscht hatte, glitt jetzt langsam von seinem Stuhle herab zu dem Vater, und die Knie desselben leicht berührend, fragte er leise, indem er die klugen Augen fest auf ihn geheftet hielt: „Aber Papa, wie kann man Dir denn Dein Amt abnehmen, das Dir der Kaiser gegeben hat, es ist doch Keiner über ihm?" Wie aus einem Traum erwachend, fuhr der Mann bei der Bemerkung des Knaben in die Höhe, er hatte offenbar dessen Anwesenheit im Zimmer gar nicht beachtet; jetzt strich er liebkosend über die dunkeln Locken des Kindes und bemühte sich, ein Lächeln zu erzwingen, was ihm nicht ganz gelang, während er auf die Frage des Kleinen, dessen Augen gespannt an seinem Antlitz hingen, antwortete: „Der Kaiser Napoleon ist abgesetzt, mein Kind, wir sind jetzt wieder Deutsche, Unterthanen des Königs von Preußen, der kein Usurpator, sondern ein Herrscher von Gottes Gnaden ist, und dieser König duldet es nicht, daß ein Jude Anwalt des Rechtes in seinem Reiche ist." „Und warum nicht, Papa?" „Warum nicht, fragst Du, Karl? Weil der Jude der Paria im Staate ist, weil ein Jude keine Ehre, keine Talente, keine Kenntnisse haben kann, oder besser, weil er keine haben darf. Der Gerechtigkeitssinn des Kaisers hat freilich diese Schranken, hinter welche Unduldsamkeit und Bosheit unser Volk verbannt, beseitigt, aber der neue Herrscher zögert nicht, seine Dankbarkeit für unsere Treue, für unser vergossenes Blut zu bethätigen, indem er uns unser Brot nimmt, und uns, denen die Wunden noch nicht geheilt, die wir für ihn erhielten, wieder in die schmachvolle Abhängigkeit und Erniedrigung zurückstvßt, aus der uns der Kaiser emporgezogen." Er hatte in der Erregung, die sich auf's Neue seiner bemächtigte, offenbar vergessen, daß er zu dem Kinde sprach, und dieses, das ihn denn auch nur halb verstanden, schüttelte den Kopf und ging zurück zn seinem Platz am Tische, las aber nicht mehr in dem Feenmarchen, sondern grübelte über die ihm unverständlich gebliebenen Worte des Vaters nach. Während dieses Zwiegesprächs hatte die junge Frau regungslos dagesessen, und nur ein nervöses Zucken ihrer Lippen und das Beben ihrer ineinander gelegten Hände verrieth, daß diese Ruhe nur eine scheinbare war. Jetzt erhob sie sich, trat auf ihren Mann zu, der in stummer Resignation in seinem Sessel lehnte, und legte die Hand auf seine Schulter. „Was gedenkst Du zu thun, Hermann?" frug sie mit fester, klangvoller Stimme. Er schaute auf und sah in ihre wie vom Feuer eines plötzlichen Entschlusses leuchtenden Augen. „Was soll ich thun?" war die verzweifelte Gegenfrage. „O Henriette, laß uns nur einmal die Rollen tauschen, sei Du meine Stütze, meine Beratberin in diesem furchtbaren Zwiespalt, lehre Du mich das Rechte finden, hilf mir über die Entscheidung hinweg, in der entweder meine Ehre oder mein ganzes Lebensglück Schiffbruch leiden muß." „Und Du kannst noch von einer Wahl sprechen? Deine Ehre steht hierbei doch nicht auf dem Spiele, sie gewiß nicht, aber unser ganzes Lebensglück, und Du kannst wirklich noch zögern, den überflüssigen Ballast verrosteter Gebräuche und eingewurzelter Gewohnheiten über Bord zu werfen, wenn es gilt, unser Lebensschiff flott zu erhalten? Was ist es denn anders, den Glauben aufgeben, der ein Hemmschuh für jede freie Entwicklung des Geistes, ein unübersteiglicher Wall auf der Bahn zu Ruhm und Erfolg und das verderblichste Erbtheil ist, das wir unseren Kindern hinterlassen können?" Er hatte sich, während sie sprach, langsam erhoben und starrte nun aus weit aufgeriffenen Augen auf sie hin, die mit gerötheten Wangen, blitzenden Augen und heftig wogendem Busen vor ihm stand. „So lernte ich Dich denn heute erst kennen? Du kannst so sprechen, Du, Henriette, die fromme, die gläubige Tochter eines alten Rabbinergeschlechts?" „Ja, ich, Deine Gattin, die ihre Kinder nicht hinabgedrückt sehen will auf die unterste Stufe der socialen Leiter, die ihren Gatten, den sie liebt, auf den sie stolz ist, nicht in harter Arbeit um kümmerlichen Erwerb sein Mannesalter hinbringen sehen will, ich, Deine beste Freundin, die es nicht ertragen kann, Dich erniedrigt und mißachtet zu sehen." Er legte einen Moment die Hand vor die Augen, als wenn er die Bilder, die bei den Worten seiner Gattin vor ihm aufgestiegen sein mochten, von sich abwehren wollte. „Aber die Mutter," stöhnte er dann, und in dem einen Worte lag eine Welt von Schmerz, „wie wird sie es tragen?" „Die Mutter? Du bist ihr Liebling, ihr Stolz und ihre Freude, sie wird Dich nicht verdammen, sie wird Dich entschuldigen und Dir verzeihen."