Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 800 Vrflerreichische Wochenschrift Nr. 41 Loos sie zu den Enterbten der Gesellschaft gemacht, sie und ihre Kinder zu Bettlern gestempelt, die da in Reih' und Glied aufmarschirt waren, um als öffentliches Schaustück öffentlich Almosen zu empfangen. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Waren wir, meine Geehrten, in diesem Momente edel, waren wir gut? Beantworten Sie sich diese Fragen selbst. Sie haben einer armen Mutter, die vielleicht einst bessere Tage gesehen, einen harten, bitteren Kamps aufoctroyirt, den Kampf zwischen ihrer Mutterliebe unb ihrem Stolze, denn — es kommt oft vor, meine Damen — daß Armuth und Stolz Hand in Hand gehen. Das Kind geht in zerrissenen Kleidern umher, cs braucht das^warme Winterkleid, und so kämpft die arme Mutter mit sich selbst und bringt ihrer Mutterliebe das Opfer, sich öffentlich als Bettler stigmatisiren zu lassen; deshalb auch hat sie sich in einen Winkel gedrückt und weint. Auf meinem Wege als Recherchentin in den Wohnungen der Armen kam ich auch zu einer Bittstellerin, deren Mann sich und seine Familie von eiuer Greißlerei kümmerlich ernährt, Dort sah ich ein schulpflichtiges Kind in defecter Kleidung. Auf meine Frage, warum sie ihr Kind nicht zu unserer Betheilung geschickt, antwortete die Arme bitteren Tones: „so tief bin ich noch nicht gesunken, daß ich mein Kind zu einer öffentlichen Bethrilung schicke". Diese Worte, meine Damen, -sollen uns zum Nachdenken stimmen. Das wahre Elend verbirgt sich scheu und drängt sich nicht an die Oeffentlichteit. Darum fort mit der öffentlichen Betheilung! Sie werden sich, meine Damen, vielleicht noch erinnern, daß ich schon im Vorjahre gegen die zahlreichen Einladungen zu unserer Feier gestimmt, und als man uns sogar den Tempel zur Verfügung stellen wollte, habe ich meine warnende Stimme gegen diese große öffentliche Schaustellung erhoben. Schon haben sich auch im Vorjahre einzelne Stimmen in der Presse gegen diese Art von Almosenbescheerung erhoben, indem darauf hingewiesen wurde, daß das Almosengeben in dieser Form der Charakterentwicklung des Kindes höchst nachtheilig sei, und ich glaube, meine Geehrten, daß die Abschaffung der öffentlichen Bescheerungen nur noch eine Frage der Zeit ist. Seien wir bahnbrechend, meine Damen; der „Frauenhort" soll der Pionnier einer besseren Zeit werden. Ich erlaube mir deshalb folgenden Antrag zu stellen: In Erwägung, daß die öffentliche Betheilung armer Kinder von nachtheiligem Einflüsse auf das zartbesaitete Kindergemüth ist, daß sie geeignet ist, in dem Kinde das Ehrgefühl zu ersticken und es dadurch auch systematisch zum Bettler erzogen wird, in fernerer Erwägung, daß durch die Bethätigung der Wohlthätigkeit in dieser Form den Eltern auch eine bittere Demüthigung bereitet wird und sie ihr Elend dadurch noch schwerer empfinden; und in weiterer Erwägung, daß die wahre Armuth sich scheu verbirgt und zu keiner öffentlichen Bescheerung drängt, beschließt der „Frauenhort", von der öffentlichen Bekleidung armer Kinder abzustehen und den Armen die Bescheerung von nun an direct in's Haus zu schicken. Ich bitte die geehrte Präsidentin, diesen Antrag zur Abstimmung zu bringen und Sie, meine geehrten Damen, bitte ich denselben anzunehmen. Der „Frauenhort" soll als Erster den Ruf erschallen lassen: Fort mit der öffentlichen Betheilung und dann wird das schöne Wort des Dichters auch an uns zur Wahrheit werden: Willst Du wissen, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an. Klosterneuburg, am 3. October 1894. Am ersten Tage des abgelaufenen roseb ba8ebano-Festes wurde von dem hiesigen israelitischen Bethausvereine die complete Ausstattung von Silbergeräthen «die balroä^eb", welche von dem Ergebnisse freiwilliger Spenden der Mitglieder dieses Vereines angeschafft wurden — ihrer Bestimmung zugeführt, wobei der Religionslehrer Herr Jg. Aschkenes eine erhebende Ansprach an die Versammlung richtete. Budapest, 3. October. Das Graner Comitats-Municipium hat in seiner letzten Sitzung den israelitischen Bewerber Dr. Philipp G o l d n e r einstimmig zum Notär des Waisenstuhls gewählt. An der Wahl betheiligten sich auch zahlreiche katholische Geistliche, welche sämmtlich für Dr. G o l d n e r ihre Stimmen abgaben. Es ist dies der erste derartige Fall im Comitate des Fürst-Primas. Holleschau 7. October. Anläßlich der Namensfeier Sr. Majestät fand an unserer Schule am 4. October eine Schulfeier stait, zu welcher nebst dem ganzen Ortsschulrathe und Herrn Rabbiner Dr. I. Freimann der Herr Bezirkshauptmann Wacha und Herr Bezirkscommissär Karger erschienen. Die Kinder declamirten sehr schöne patriotische Gedichte. Daraus hielt Herr Schulleiter Max Braun eine Ansprache, in welcher er die Tugenden unseres edlen Monarchen erwähnte. Besonders hob er hervor den Besuch der Landesausstellung in Lemberg durch Se. Majestät, die Eröffnung des israelitischen Waisenhauses durch ihn; schließlich die Spende von 1000 fl. Sr. Majestät an die Gemeinde Wi s o w itz, welche zur Bezirkshauptmannschaft Holle sch au gehört und im August d. I. von einer verheerenden Feuersbrunst heimgesucht wurde. Sehr erfreut drückte der Herr Bezirkshauptmann dem Schulleiter M. Braun nach der Feier die Hand und drückte seine vollste Zufriedenheit über das gelungene Fest aus. Dann verließ er in Begleitung des Obmannes des Ortsschulrathes Herrn C. Beer und des Rabbiners Herrn Dr. I. Frei mann das Schulgebäude. Brody. Der bekannte Schriftsteller Herr Leo H e r zb e r g-F rä n kel hat einen schweren Verlust erlitten. Am з. d. M. in später Nachtstunde ist sein hochbetagter Vater Herr Markus Frankel im 87. Lebensjahre eines sanften Todes verschieden. Lemberg. Eine Anzahl wohlthätiger Glaubensgenossen, и. A. der verstorbene Osias Schmelkes, sowie die Herren Salomom Baum, Dampfmühlenbesitzer,-Leo Thom, vereinigte sich, in der Janowergasse ein eigenes Bethaus einzurichten. Freitag am 28. v. M., 4 Uhr Nachmittags, fand im Beisein zahlreicher Honoratioren die Einweihungsfeierlichkeit statt. Die Einweihung vollzog Herr Rabbiner Isaak Schmelkes und seine geistreiche Rede übte auf die Zuhörer einen mächtigen Eindruck. Mit dem Absingen der Volkshymne schloß die erhebende Feier. Herr Rabbiner Jfaak Schmelkes gründete einen Verein zur Versorgung kranker Israeliten im allgemeinen Krankenhause mit ritueller Kost und erwirkte vom hohen Landesausschuß die Concession, daß auch den israelitischen Kranken in dem Nonnenspital koscher Kost verabreicht werde. Ein Act der Humanität und Toleranz seitens des Reichsrathsabgeordneten Dr- Byk darf nicht unerwähnt bleiben. Als am Freitag den 28. Sept. Abends 28 Gymnasialschüler aus Brody corporativ mit 200 christlichen Gymnasialschülern aus Brody zur Ausstellung hier weilten und Freitag nach Brody abreisen mußten, ließ Dr. Byk die genannten jüdischen Gymnasialschüler in einem hiesigen Gasthaus über Samstag auf eigene Kosten beköstigen, da dieselben am Sabbath nicht fahren durften und am Samstag Abends ließ er sie wieder auf eigene Kosten nach Brody zurücktransportiren. J. H. Lemberg, 10. October, Heute wurde hier ein Mann zu Grabe getragen, der zu den besten unserer Cultusaemeinde gehörte: Herr Jacob Beer Sokal, Cultusvorsteher, Verwalter des israelit. Spitales, des Waisen- und Siechenhauses. Ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, dem Glauben der Väter treu ergeben, genoß er hier, wie in weiten Kreisen ungewöhnliche Achtung. Ihn betrauern eir e zärtlich geliebte Gattin, wohlerzogene Söhne und Töchter nebst zahlreichen Freunden. Der Verewigte hat seit einer Reihe von Jahren während der Osterfeiertage die israelitischen Soldaten mit ritueller Kost bespeist. An seinem Sarge vor der Vorstadt-Synagoge — deren Verweser der Verstorbene war — hielt Se. Ehrwürden Rabbiner Js. Schmelkes einen ergreifenden Nachruf und Se. Ehrwürden Rabbiner Dr. Caro nahm am Friedhofe am offenen Grabe tiefbewegt Abschied von dem Verewigten. An der Beerdigungsfeierlichkeit nahmen Tausende von Menschen theil. Der Cultusvorstand hatte sich vollzählig eingefunden, um den edlen Menschenfreund das letzte Geleite zu geben. Feuilleton. Aus alten Tagen. Nachdruck verboten. Im dem kleinen, reizend gelegenen rheinischen Städtchen T. saß an einem kühlen Herbstabend des Jahres 18 ... in einem geschmackvoll eingerichteten und behaglich durchwärmten