Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 41 Vrsterretttzsptze »ochrnstchrW Seite 799 mangeln würde, aber was da von uns gesagt und verlangt wird, ist nicht zu unserem Guten. Was hat die jüdische confessionelle Schule verbrochen, daß sie als Süudenbock dem Untergang geweiht werden soll? Die jüdisch-confessionelle Schule bezweckt zweierlei: Erstens, eine religiöse Erziehung, zweitens, Erwerbung der Kenntniß beider Landessprachen. Wie wenig für erstere außerhalb der confessionellen Schule gesorgt ist, das weiß Jeder und bedarf daher keiner Erörterung, und was die Kenntniß der deutschen Sprache betrifft, glauben die „c. L.“, wir könnten diese entbehren. Der Kern des böhmischen Volkes huldigt anderen Ansichten. Zu allen Zeiten, und gingen die Wellen der nationalen Bewegung noch so hoch, unterließ dasselbe nicht, sich die Kenntniß der deutschen Sprache anzueignen. Der Austausch schulpflichtiger Kinder, um diesen Gelegenheit zu geben, die andere Landessprache auf eine billige und sichere Art zu erlernen, hat bestanden und besteht zwischen Böhmen und Deutschen stets fort. Für uns Juden ist dieses Auskunstsmittel weniger praktisch und darum müssen wir nach einem Ausweg suchen. Dieser Ausweg ist die confessionelle Schule. Nichts rechtfertigt die Beschuldigung, daß sie politischen Zwecken diene. Wie wenig Glauben diese verdient, beweist der Umstand, daß sie auch und oft zahlreich genug von böhmischen Kindern christlichen Glaubens besucht wird. Wenn man noch verlangen würde, es möge das Böhmische als Unterrichtssprache gelten, das ließe sich hören; aber uns das Wenige, das wir besitzen und zu dessen Erhaltung wir so schwere Opfer bringen, nehmen zu wollen, ohne uns einen Ersatz zu bieten, das ist herzlos. Warum erhalten andere Confessionen, die doch volle Freiheit und factische Rechte genießen, Privatschulen? Möge doch Jemand es versuchen, mit ähnlichen Anträgen an sie heranzutreten. Wir Juden sollen uns der Mittel zur Erlernung der deutschen Sprache entschlagen, dazu werden wir von unseren Freunden aufgefordert, in dem Augenblicke, als die „Närodni Listy“ das bedeutendste böhmische Blatt, die Erlernung der deutschen Sprache den Böhmen empfiehlt. Und noch Eines, was soll aus den Lehrern der aufgelassenen Schulen werden? Die „6. L.“ lassen sich aus Mäbren berichten, daß viele jüdische Lehrer aus Böhmen dort angcstellt seien, wo sie Aussicht hätten, zwanzig Jahre Unterlehrer zu bleiben. Schlimm genug, allerdings; aber was sollen die armen Leute thun. Wahrscheinlich denken sie: „Ein halber Laib Brot ist besser, als gar kein Brot." Oder glauben die „6. L.u, sie würden in Böhmen eine Anstellnng finden? Also unsere L chulen wollen uns die „6. L.“ nehmen; dagegen werfen sie uns unsere Fehler und Unthaten vor. Doch dafür können wir ihnen auch nicht danken und selbst bei ihrer antisemitisch angehauchten Collegin „Ceskä Sträz“ finden sie. wie sie sich bitter beklagen, keinen Donk. Nun ja, die Anti' semiten wollen sich nicht in's Handwerk pfuschen lassen und dann kann ein vernünftiger Antisemit die Vernichtung der Juden ebensowenig wünschen, als ein Wilddieb die Vertilgung der Thiere des Waldes. And last — but not least. Wir acceptiren nicht ihr Schlußwort: „Unser Glaube — ist das Vaterland." Wir möchten ihnen den Ausspruch von der freien Kirche im freien Staate entgegenbalten, dem wir ungefähr folgenden Sinn beilegen: Der religiöse Gedanke und die Vaterlandsliebe können ganz gut nebeneinander bestehen und es ist nicht nöthig, eine Jdeeder andern zu opfern. Wir sind eine Religionsgenossenschaft und ohne unseren sonstigen Pflichten untreu zu werden, ist es in erster Reihe unsere Aufgabe, das geistige Erbe, welches unsere Vorgänger trotz unsäglicher Leiden Jahrhunderte hindurch intact erhalten haben und welches in unseren Tagen so sehr geschmälert wurde, vor weiteren Beeinträchtigungen zu schützen. __ VermiMes. Wien, 8. October. Der Armenrath und Industrielle Herr Adolf Hupka feiert am 14. d. M. im engen Freundeskreise das Fest der silbernen Hochzeit im Restaurant T o n ell o. (Verlobung.)- Fräulein Jenny Fanto, Tochter des Herrn Adolf Fant o, hat sich mit Herrn Hermann Stein, Schuhwaarenfabrikanten in Adler-Kosteletz und Wien verlobt. Wien. Sonntag den 14. October um 3 Uhr Nachmittags findet im israelitischen Tempel I., Seitenstettengasse, die Trauung des Fräulein Gisela N e u m a n n, einer Tochter des Herrn Adolf N e u m a n n. mit Herrn E r n st P o l l a k, Sohn des Herrn Friedrich Pollak, statt. Wien. (Trauungen.) Sonntag 14. October 1894 finden folgende Trauungen stakt: Im Stadttempel: Fräulein Anna Fröhlich mit Herrn Moritz Winterstein. Im Tempel VI. Bezirk Schmalzhofgasse: Fräulein Mina G al oti mit Herrn Karl Dullb erg er. Im Tempel IX. Bezirk Müllnergasse: Fräulein Jenny Rebenwurzel mit Herrn A'ois Löwy. Ferner eine Haustrauung, Fräulein Adele Wagner mit Herrn Dr. Moriz Hohn. Wien 6. September. (A u s d? m R u d o l f s s p i t a l e.) Mit der interimistischen Leitung der ersten medicinffchen Abtheilung (vorm.Prof. Kraus) wurde Assistent Dr. Heinrich Keller betraut. Wien. (Pollak v. Rudin'scher Kindergart e n.) Der soeben ausgegebene achte Jahres- und Rechenschaftsbericht des von der Familie Pollak v. Rudin gestifteten und erhaltenen Kindergartens in der Leopoldstadt gibt wieder Beweise der steten Fortentwicklung dieses segensreich wirkenden Instituts. Sämmtliche Stift- und Freiplätze waren vollständig besetzt und zum Besuche des Kindergartens wurden nicht blos blinder aus dem zweiten Bezirke, sondern selbst aus ferner gegelegenen Stadttheilen angemeldet. In den abgelaufenen acht Jahren haben 1257 Kinder in dem Kindergarten Belehrung, Beschäftigung und Aufsicht gefunden, von denen 550 katholischen, 30 protestantischen und circa 600 israelitischen Glaubens waren. Seit dem Bestände des Instituts leiten Fräulein Demel und Frau Marcus den Unterricht. Den Einnahmen mit fl. 1256 standen fl. 1140 an Ausgaben gegenüber, so daß der finanzielle Stand ein durchaus günstiger ist. Bon den Erfolgen sich zu überzeugen, haben die Eltern täglich Anlaß; Schulfreunden wurde zur Weihnachtszeit Gelegenheit geboten, die musterhaften Einrichtungen, die Geschicklichkeit der Leiterinnen im Umgang mit den Kindern und die stete aufopferungsvolle Fürsorge der Familie Pollak v. Rudin kennen zu lernen. Wien. (Der Entdecker künstlicher Eiweißkörper.) Wie die „Bossische Zeitung" mittheilt, ist Dr. Leon Lilienfeld, von dessen sensationeller Entdeckung künstlicher Eiweißkörper wir berichteten, ein Oesterreicher. Im Jahre 1869 in P o d h a j c e in Galizien geboren, begann er, in Lemberg vorgebildet, im Jahre 1887 in Krakau das Studium der Medicin, ging nach Jahresfrist nach Wien, wo er Brücke, T o l d t, Ludwig und Stricker hörte. 1891 kam er nach Berlin, wo er sich K o s s e l anschloß und in dessen Laboratorium wichtige Entdeckungen über den Chemismus der Zelle und der Blutkörperchen machte. Er promovirte erst im Jahre 1893 mit einer Arbeit zur Blutgerinnung. Wien. Der Wohlthätigkeitsverein „Frauenhort", dessen ersprießliches Wirken unsere Leser zu verfolgen wiederholt Gelegenheit fanden, hatte im Vorjahre 80 arme Kinder mit Winterkleidern und vollständiger Leibwäsche versehen und jetzt schon — der Winter hat noch lange nicht begonnen — liegt in der Bereinskauzlei eine beträchtliche Menge von Gesuchen armer Eltern, die für ihre Kinder um ein warmes Winterkleid bitten. Der Verein verdient die werkthätigste Unterstützung aller wohlthätigen Glaubensgenossen. In einer der letzten Vereinssitzungen hat die Schriftführerin Frau Rosa Feigenbaum in ihrer Eigenschaft als Ausschußmitglied nachstehenden Antrag vorgebracht: Geehrte Damen! In Ihrer lebhaften Erinnerung steht wohl noch die Feier unserer ersten Kinderbekleidung und die schöne, schwungvolle Ansprache, die unsere geehrte Präsidentin bei dieser Gelegenheit hielt und die in dem erhabenen Ausspruche des Altmeisters der Dichtkunst so stimmungsvoll ausklang: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut"! Es war die erste öffentliche Feier dieser Art, der ich beiwohnte, und ich muß Ihnen gestehen, daß sie einen deprimirenden Eindruck auf mich gemacht hat. Ir. meiner nächsten Nähe standen, in einen Winkel gedrückt, zwei arme Frauen — Mütter von zur Betheilung zugelassenen Kindern — die bitterlich weinten. Ihre gramgebeugten Gestalten, ihr unterdrücktes Schluchzen während der ganzen Feier erschütterte mich tief. Warum weinten diese Armen? Sie, meine Geehrten, werden sich diese Frage wohl auch selbst beantworten können: die Geister der Erinnerung waren in ihnen erweckt worden, ein Heer bitterer Erfahrungen und Enttäuschungen stellte sich vor ihnen auf. Sie weinten weil ein hartes