Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 796 Vrsterrrtchlfche Mochenschrtst Nr. 41 Herr Julius v. Niewiadomski, kaufte ein Exemplar an und drückte schriftlich Anerkennung und Bewunderung über das großartige Werk aus. Joachim Neiger. Antisemitische Gelehrsamkeit. Ein antisemitisches, in Warschau erscheinendes Blatt, „Wiek" genannt, ist über den in diesen Blättern am 14. September d. I. erschienenen Artikel „Märchen gegen Märchen", aus dem Häuschen gerathen. In seinem mit den bekannten antisemitischen Schimpfereien wohlgespickten Artikel wirft es mir vor. ich habe den Text der Inschrift an dem famosen Gemälde in der Kirche zu Kalwarya n'cht richtig wiedergegeben und den Namen des angeblich ermordeten Christenkindes absichtlich verschwiegen. Wenn der „Wiek" auf die Namen so großes Gewicht legt, warum theilt er nicht die Namen der Juden mit, die das Kind raubten? Und wenn mein Text falsch ist, warum theilt er nicht den richtigen mit? Ich habe den Familiennamen des Kindes nicht erwähnt, weil ich ihn für ganz belanglos hielt; habe ich doch auch den Familiennamen der Päpstin Johanna nicht angegeben. „Rabbi Bloch", fährt der Artikelschreiber fort, „verkündet, als ob er Amerika entdeckt hätte, daß Charfreitag nie im Mai sein kann und daß im Jahre 1475 der Charfreitag auf den 29. März fiel." Nun, auf eine Entdeckung, wie die Amerika's thut man sich nur etwas zu gut, wenn man wirklich etwas Neues entdeckt zu haben glaubt. Ich habe aber im Gegentheil diese kalendarischen Angaben als etwas längst Bekanntes erwähnt und hervorgehoben, daß die ehrwürdigen Bernhardiner dies doch wissen sollten. Der „Wiek" weiß aber, daß der Charfreitag „sehr gut im Mai fallen kann nach dem gregori anischen Kalender— und das Ereigniß fand im fünfzehnten Jahrhundert in der Gegend von Z y to m i r statt"! — Nun, ich fordere den „Wiek" auf, mir nur auch e i n Jahr, in welchem Jahrhundert immer, zu nennen, in welchem Charfreitag im Monat Mai gefeiert wurde. Das Köstlichste ist aber der im 15. Jahrhundert in Zytomir gebrauchte „gregorianische Kalender". Dieser Kalender wurde vom Papst Gregor Xlll. mit der Bulle vom 24. Februar 1582, sage Fünfzehnhundertzweiundachtzig, eingeführt und in Zytomir war man" um ein Jahrhundert voraus und feierte die christlichen Feiertage nach ihm schon im Jahre 1475! Die Gelehrten des „Wiek", die das-Pulver nicht erfunden haben, können auf diese Entdeckung stolz sein „als ob sie Amerika entdeckt hätten". LI. Der Antisemitismus die Vorfrucht der Soeialdemokratie. Der. „Reichsherold" des Herrn Dr. B ö ckel vom 28. September enthält folgende Notiz: Gmünden a. Wohra. Unter den Parteigenossen der hiesigen Gegend, welche bei den seitherigen drei Reichstagswahlen Tausende von Stimmen für Dr. Böckel abgaben, ist infolge der seitens der Reformpartei gegen Dr. B ö ck e l beliebten schnöden Handlungsweise die Erbitterung so groß, daß beschlossen wurde, im Fall einer Neuwahl im hiesigen Wahlkreise für den Socialdemokraten zu stimmen. Die Redaction bemerkt dazu: So muß es kommen! Das ist die Ernte, welche der undankbaren Handlungsweise der Reformer entspringt. Pfarrer Naumann, ein Führer der Christlich-Socialen, hielt jüngst, als der evangelische Arbeiterverein in Frankfurt a. M. sein neues Vereinslocal bezog, eine bemerkenswerthe Rede. Ec sagte über den Antisemitismus: „Wir wollen nichts zu thun haben mit einer Bewegung, die dem Gegner gegenüber nur Lungenkraft, aber keine Gedanken in's Feld führt. Selbst das Richtige, was von solcher Seite ausgesprochen werden mag, verliert seine Kraft durch die Hintansetzung der Grundbedingung alles parlamentarischen Lebens: der Achtung vor dem Gegner." Auch ein antisemitischer Ehrenmann. Vergangenen Montag besuchte der Sattlermeister Carl C i z e k Pleininger's Weinstube und documentirte dort seine antisemitische Gesinnung, indem er sagte: „Den Liberalen saus alle Gauner, 'soll ma nach der Reih aufhängen." Dieser „Ehrenmann" nun wurde Samstag Nachts verhaftet und dem Landesgerichte eingeliefert, weil er nicht allein aus dem Arsenal gestohlene Gegenstände gekauft, sondern auch die Arbeiter zu den Diebstählen verleitet hat. Die Urgermanen von Goslar. In Goslar besteht ein „Deutscher Verein", der in unverfälschtestem Antisemitismus macht. Ein tückischer Kobold muß jedoch den Goslarer „Urgermanen" die Hand geleitet haben, als sie zur Wahl ihres Vorstandes an die Urne schritten. Der Vorsitzende, der die Juden als Angehörige einer fremden Rasse bekämpft, ein Fabrikant Car io, stammt von Italienern, ein weiteres Vorstandsmitglied, Dr. Lind ström, von Schweden ab und der Schriftführer Jacobs, sowie ein Mitglied, Namens B a m b e r g e r sollen gar von Juden ihre Abstammung herleiten können! Die Urgermanen von Goslar! Eine Anfrage. Sehr geehrter Herr Redacteur! Mit Bezugnahme auf die in Nr. 130 Ihres sehr geschätzten Blattes citirten Worte des Kriegsministers : „Seit die Armee besteht und in allen Phasen ihrer denkwürdigen Geschichte hat sie einen Unterschied in Nationalität und Religion nicht gekannt —", beehre ich mich anzufragen, wie viel Juden derzeit bei den Militärgerichte angestellt sind? - Mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung D r. Rudolf Grünberg, Aovocat Budweis, 30. September 1894. Das Kinderfest des Vereines „Ferienheim". Wiederholt waren wir in der Lage, in kurzen Notizen von der rührigen Thätigkeit des neugegründeten Vereines zu berichten, der serienweise ganze Kinderschaaren in Feriencolonien entsendete. Die vom Comitö ausgewählten Gruppen gingen hosfnungsfreudig weit ins Land hinaus und kamen gekräftigt zu den Ihrigen zurück. Immer gab es ein liebliches Bild, an dem der Kinderfreund oder der Wohlthäter seine innige Freude haben konnte. Nunmehr sind alle Schützlinge des Vereines zurückgekehrt; gekräftigt und erfrischt hat das Völklein nach Schluß der Ferien wieder die Schulbank occupirt. Es war daher ein guter Gedanke des Vorstandes des„Ferienheim", des neugegründeten Vereines für israelitische Feriencolonien, an einem schulfreien Tage eine Revue sämmtlicher von ihm im Laufe des Sommers entsendeten Kinder vorzunehmen und das Resultat des Ferienaufenthaltes sowohl in körperlicher als auch in erziehlicher Hinsicht eingehend zu prüfen. Das Namensfest unseres erhabenen Monarchen war so recht ein Tag, den Kindern einen Festtag zu bereiten und ihnen Gelegenheit zu geben, ihren Gönnern das zu zeigen, was sie in den Ferien in doppelter Richtung profitirt haben. Im Ballsaale Ronacher versammelten sich am 4. Oktober 230 Kinder, Knaben und Mädchen. Ihr körperliches Gedeihen war ins Auge springend, denn, wer vor Wochen die fahlen Gesichter schaute, die theils aus mangelhafter Nahrung, theils nach überstandenen Krankheiten ein Bild des Mitleids darboten und somit Einer dem Andern den Rang zur Aufnahme streitig machte, der hätte diese jubelnde Kinderschaar nicht wieder erkannt. Lebhaften Auges, mit gerötheten Wangen, den Kopf oben, betraten sie den Saal, nicht Einer schämte sich, zu den Kindern der Armen gezählt zu werden, weil man in ihnen die Zusammengehörigkeit erblickte, weil jedes sich für einen guten Theil des Ganzen hielt und dieses Ganze verlor den Schein des Jammers; vielmehr war es der hoffnungsfreudige Blick einer gekräftigten künftigen Generation. Waren ja Kinder darunter, die in einem Monate um 5, eines sogar um 6 Kg. zugenommen hatten, während die Durchschnittszunahme 2'07 Kg. beträgt. Spricht diese rasche Kräfteaufnahme nicht eine beredte Sprache für die Nothwendigkeit dieser Humanitären Institution? Nimmt je ein Kind, welches regelmäßige Kost hat, so rapid zu? Angethan in ihren blauen Blousen, stellten sich die 130 Knaben unter Trommelschlag und Fahnenschwenken militärisch auf, während die Mädchen auf der entgegengesetzten Seite einen Halbkreis bildeten. Ein kleines Mädchen trat vor und richtete an das zahlreich erschienene Publicum eine Ansprache, welche in ein Hoch auf unseren Kaiser ausklang und den Dank der Kinder für die erwiesene Wohlthat kundgab. Darauf folgten kleinere Vorträge theils patriotischen, theils deklamatorischen und gesanglichen Inhaltes. Viel Beifall erzielte ein kleiner Junge, welcher Gedichte in oberösterreichischer Mundart vortrug und dessen komisches Gesicht schon allseits Lachen erregte. Die Chöre waren exact ausgeführt und wechsel- - ten mit gymnastischen Uel'ungen ab. Schließlich exercirten die