Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 41 Oesterretchische Wochenschrif! Seile 793 und Anklagen gegen Juden wegen der läppischen Beschuldigung des Ritualmordes häufen sich in Deutschland immer mehr und das Blutmärchen gewinnt durch die Thatsache immer größere Verbreitung, daß die Staatsbehörde durch die eingeleiteten Untersuchungen sich den Anschein gibt, als glaubte sie an die Möglichkeit solcher Morde. Die Juden frage wird in ganz Mitteleuropa nach der gleichen Schablone aufgefaßt — die beiden verbündeten Kaisermächte haben sich darin nichts vorzuwerfen. In Ungarn und Cisleitbanien, in Deutschland, überall wird nach zweierlei Maß gemessen, und in dieser Hinsicht ließe sich die deutsch-österreichische Allianz ganz gut zu einer russisch-deutsch-österreichischen erweitern. Interessantes aus dem Berganiblatt. Das „Deutsche Votksblatt" Nr. 2062 bringt folgende Schmähung gegen einen angeblichen Juden: (Industrieritter.) Noch immer können die in den Zeitungen des In- und Artslandes so viel erwähnten Schwindelaffairen des aus Lodz, Russisch-Polen, durchgegangenen Gütermaklers Sigismund Krotowski nicht zum Abschluß kommen. Der abgeseimie Schwindler treibt trotz aller Warnungen, die schon ergangen, sein unsauberes Handwerk unbehelligt fort. Gehört doch eine Frechheit dazu, daß der Schwindler sich den Titel Ritter Krotowski von Stoll zulegt, da er in Wirklichkeit weiter nichts, als der aus der bürgerlichen Ehe zwischen Josef und Josefa, geborene M a r k u s f e l d, K r o t o w s k i'schen Eheleute entsprossener Sohn ist, welcher der m o s a i s ch e n Religion angehört. Der Schwindler hat es fertig gebracht, durch seine äußeren gewandten Formen die besseren Gesellschaftskreise zu dupiren; dadurch kam es auch zur Verlobung mit einer Dame, die den besten rheinischen Gesellschaftskreisen angehört. Die Frechheit des Schwindlers ging auch da so weit, daß er sich in der Familie seiner Braut als Rittergutsbesitzer in Rußland und Ritter Krotowski v. Stoll einführte und unter diesem hochtrabenden Namen wurden auch die Verlobungsauzeigen in die Welt gesandt, Krotowski hat jedoch niemals einen Fuß Landes weder in Rußland noch anderweitig besessen. Jetzt treibt der Jndu str i er itter sein freches Handwerk in Oesterreich weiter, er soll, um sich der Auslieferung in Rußland zu entziehen, das österreichische Bürgerrecht erworben haben. In Klosterneuburg kaufte er — wohl aus den Mitteln seiner Braut — den sogenannten Panlinenhof, den er in Hof Stoll umtaufte. Seine Braut folgte dem leichtsinnigen Burschen nach Klosterneuburg — sie nahm von Detmold aus, wo sie bis dahin ihre eigene Villa bewohnte, ihr werthvolles Mobilar, Equipagen, Pferde rc. mit, wozu der Schwindler sie.jedenfalls veranlaßt hatte. Mit gefälschten Papieren und Documenten versehen, erweckter bei seiner geprellten Braut noch heute den Glauben, — das muß man als Entschuldigungsgrund annehmen, da die Dame dem Schwindler doch sonst den Laufpaß längst gegeben — daß er wirklich Ritter Krotowski v. Stoll heißt und das Landgut Dobrun in Russisch-Polen sein Eigenthum sei. Durch diese Vorspiegelung falscher Thatsachen seiner Braut gegenüber wird der Schwindler es doch schließlich fertig bringen, dieselbe zu einer Eheschließung zu bewegen, was bis heute noch nicht der Fall sein soll. Die durch K rotowski in Rußland und Deutschland betrogenen und beschwindelten Personen sind zahlreich. Erstaunlich ist es. daß es den sonst doch so wachsamen Behörden noch nicht gelungen ist, dem gefährlichen Gauner sein unsauberes Handwerk zu legen. Solche Art Menschen, wie dieser Krotowski s i n d g e s ä h r l i ch e r, wie mancher a n d e r e V e r b r e ch e r, da er es versteht, durch seine gewandten Manieren, einnehmendes Exterieur und weltmännisches Benehmen im Vereine mit einschmeichelndem Wesen die Gesellschaft zu dupiren. Hoffen wir, daß die maßgeben- Behörden bald Veranlassung nehmen, dem Schwindler sein Handwerk zu legen. In der Nummer vom 2. October 1894 bringt das edle Berganiblatt nachstehenden Widerruf: (Ein I ndustrieritt er.) In Nr. 2062 unseres Blattes veröffentlichten wir unter diesem Schlagworte eine Notiz, die sich mit Herrn Krotowski v. Stoll beschäftigte. Die Notiz war uns von einer Person zugegangen, die, wie wir uns nachträglich überzeugten, Herrn v. Krotowski aus rachsüchtigen Motiven verfolgt, die österreichischen und reichsdeutschen Behörden mit diesbezüglichen Eingaben fortgesetzt behelligt und von Seiten der Behörden auch bereits dementsprechend charakterisirt worden ist. Die in dieser Notiz enthaltenen Angaben entbehren, wie wir uns nachträglich überzeugt haben, jeder Begründung. Indem wir dies f e st st e l l e n, d r ü ck e n w i r unser Bedauern darüber aus, die Quelle der Notiz und die Richtigkeit ihrer Angaben nicht vorher geprüft und Herrn von Krotowski durch die Wiedergabe der Notiz in seiner Ehre verletzt zu haben. In dem Widerrufe ist nicht mehr davon die Rede, daß Herr Krotowski v. Stoll jüdischer Abstammung ist. Thatsächlich ist derselbe auch gut arischer Abkunft, und das Antisemitenblatt hat ihn lediglich deshalb so maßlos beschimpft, weil es ihn für einen Inden hielt. In dem Augenblicke jedoch, wo es sich hecausstellte, daß Herr v. K r o t o w s k i Christ und vielleicht gar noch ein Gesinnungsgenosse Bergani's ist, avancirt derselbe von einem Ausbund aller Schlechtigkeit sofort zu einem grundehrlichen und hochanständigen Menschen! Der deutschnationale Gemeinderath der Stadt Wien, Herr Med. Dr. Julius R a d e r hat an Herrn Schönerer das nachstehende Schreiben gerichtet: „Sehr geehrter Herr! In der nächsten Zeit wird der 50. Geburtstag Dr. Lueger's in besonders feierlicher (!) Weise (Auffahrt, Kirchgang, Bankett u. s. w.) gefeiert. In der gestrigen Sitzung des g e m e i n d e r ä t h l i ch e n Bürgerclubs, dessen Obmann Herr Dr. Lueger ist, kam nun diese Angelegenheit zur Sprache und habe ich in m eine m und des Herrn Gemeinderathes T o m o! a Namen die Erklärung abgegeben, daß wir, bei sonstiger Werthschätzung des Herrn Dr. Lueger, uns an den F e st l i ch k e i t e n, und zwar aus dem Grunde nicht betheiligen können, als an denselben ein fann, welcher, abgesehen von früheren Sünden, sich in der letzten Zeit des infamsten literarischen Diebstahles schuldig g e m a ch t h a t, theilnimmt, und daß es unsere Ansichten von Ehre und Austandsgesühl nicht zulassen, mit einem ®ergant, diesem Berräthe r an der deutschen Sache, an einem Tische zu sitzen.— Dieser Erklärung, welche ich etwas weiter a u s f ü h r r e, haben sich denn auch die Herren Gemeinderäthe R i s s a w e g und Sauerborn angeschlossen und ist derselbe auch von Seite der Herren Gemeinderäthe Hipp und Kretschmer, welche abwesend waren, zu erwarten. Ich hielt es für nothwendig, Sie, sehr geehrter Herr, hievon zu verständigen und bin mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung und u. d. G. ganz ergebener Dr. Räder." Es gibt ein Zusammengehen der Deutschnationalen mit den Christlich-Socialen in der Judenfrage, wenn sich die christlich-soeiale Partei öffentlich von dem „christlichen Juden" Vergani und seinem korrupten „Deutschen Bolksblatt" lossagt. So lange der Führer der Christlich-Socialen der Du-Freund des Plagiators und Preßjobbers Vergani ist, gibt es überhaupt kein Zusammengehen mit den Christlich-Socialen, weil wir angesichts einer solchen Freundschaft auch den ohnedies nur auf dem Taufwasser schwimmenden „christlichen" Antisemitismus der Lueger-Partei nicht ernst nehmen können. Weiters werden folgende Briefe aus diesem Anlässe in Erinnerung gebracht: Aus dem Briese Bergani's an Schönerer vom 13. September 1887: „Ich habe Schulden, die mich schwer drücken und mir meine ganze Thatkrafl nehmen. Ist es Ihnen gar nicht möglich, mir irgendwo einen Betrag von 3000 fl. zu verschaffen, ohne daß das Publicum etwas davon erfährt" .... Aus dem Briefe Bergani's an Schönerer vom 22. September 1887: „Meine Gegner in Spitz wollen mir jedenfalls Unannehmlichkeiten bereicen, mit dem halben Betrage, den ich Ihnen früher erwähnte, konnte ich mit einem Schlage mich von diesen Reptilien befreien. Die 4000 Gulden könnte ich zuversichtlich in einem halben Jahre rückerstatten, da ich den Hof auf jeden Fall verkaufe." Aus dem Briefe Bergani's an Schönerer vom 26. October 1887 : „Was meine Wenigkeit anbelangt, so befinde ich mich in einer trostlosen Lage: den Hof kann ich nicht anbringen und die finanzielle Lage kann ich nicht ordnen, da ich trotz aller Anstrengung Niemanden finde, der mir die 4000 fl. zur Ordnung derselben für ein Jahr vorstreckt. Ich bin Folge der zu erwartenden Unannehmlichkeiten ganz unfähig, klar und ruhig über andere Dinge zu denken: meine Lage ist wahrhaft unerträglich.Ich bin oft wie wahnsinnig, wenn ich mir den Kopf zerbreche, wie aus der traurigen Lage herausznkommen." — Nachdem Herr Schönerer (laut Schuldschein vom 1. November 1887) dem Vergani 5000 fl. geliehen hatte, schrieb Vergani am 1. November 1887 an Schönerer Folgendes: »Tausendfachen Dank nochmals in meinem Name n u n d i m N a m e n d e r M e i n i g e n; Sie gaben uns neues Leben und mir frische Kraft zur ferneren A r b e i t." (Vergani hat bis heute — September 1894 — nichts zurückgezahlt! Schließlich sei noch in Erinnerung gebracht, was Herr Schönerer am 1. März 1891 unter dem Titel: „Wie si ch Vergani mit seinen Theilhabern auseinander-