Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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2tr. 41 Veyrrvedtzisthe L)ortzeni0rrist Sette 791 Jene, welche dieselbe — wie ich höre — wünschen, nämlich für die Israeliten; für den Staat aber und für die übrigen Confessionen erblicke ich keinen großen Unterschied darin, ob die israelitische Confession jetzt recipirt oder später, wenn das Gesetz über die Glaubensfreiheit in's Leben treten wird, mittelst einer Regierungsverfügung anerkannt wird. Nachdem aber die Betreffenden es wünschen und die liberale Regierung es vorschlägt, gebe ich gerne meine Zustimmung. (Zustimmung links.) Anders verhält es sich mit der Frage des Uebertrilts; diese kann ich nicht gleichgiltig finden. Ich halte es für unbedingt nothwendig und für unaufschiebbar, daß durch diesen Schritt endlich jene Scheidewand niedergerissen werde, welche uns von den auf dem Boden des liberalen Fortschritts stehenden Nationen noch immer trennt; so lange wir jenseits dieser Mauer stehen und die Mauer nicht niederreißen, werden wir in Asien stehen und wir werden uns erst dann in Wirklichkeit auf die Höhe europäischer Civilisation erheben, wenn wir, diese Scheidewand endgiltig niederreißend, jenen Standpunkt einnehmen, auf welchem alle aufgeklärten Nationen seit Jahrhunderten stehen, ja auf welchem die Idee des wahren, unverfälschten Christenthums schon seit zwei Jahrtausenden steht. (Lebhafter Beifall links.) Ich wünsche daher, daß der Uebertritt gesetzlich geregelt werde, und zwar nicht blos aus dem Grunde, weil ich — wie Graf Ferdinand Zichy sagte — die Israeliten achte und liebe. Ob ich sie achte und liebe? Ich achte Jeden, den ich für achtenswerth kenne, und liebe Jeden, der Mensch ist; aber ich achte und liebe sie nicht mehr als Andere, sondern ich achte und liebe den Menschen, die Menschheit und im Rahmen derselben in erster Linie mich selbst (Lebhafte Heiterkeit); und eben deshalb wünsche ich die Regelung dieses Uebertrittes auf Grund der Principien des Christenthums. Se. Excellenz der Herr Graf Ferdinand Zichy hat die Israeliten sozusagenzu Tode gelobt. Denn es gibt ja zwei Gattungen von Feinden der Israeliten. Die eine Gattung ist die, welche — verzeihen Sie den Ausdruck — von stinkenden Juden spricht. Diese Gattung der Judenfeinde ist vielleicht nicht mehr so gefährlich, denn wir Alle wissen, daß der Haß, die Rachsucht, der bornirte Verstand aus ihnen spricht. In den meisten Ländern machen sich diese nur mehr lächerlich. Doch gibt es noch eine Gattung von Judenfeinden: diejenigen, die sie achten und lieben (Heiterkeit), ihnen jedoch die Errungenschaften der vorgeschrittenen Zeit nicht bewilligen wollen, weil sie sie nicht täuschen, nicht in den Jrrthum führen wollen, sie glauben zu machen, daß auch sie Menschen seien. Hohes Haus: Meine Begriffe von Christenthum weichen hievon sehr ab; ich glaubte und glaube, daß die Begründung des Christenthums die größte Umwälzung auf gesellschaftlichem und moralischem Gebiete ist, die es jemals gegeben; daß der christliche Glaube identisch ist mit dem Liberalismus, mit der Duldsamkeit, mit der Nächstenliebe. Es ist die Existenzbasis des christlichen Glaubens, daß wir Jeden lieben, der unser Nächster ist, möge er welcher Religion immer, welchem Stamme immer angehören. Ich habe gelernt — lrider ist es schon lange her, aber ich erinnere mich dessen noch genau — daß Christus mit der Geißel jene verjagt hat, die aus der Religion ein Geschäft machen wollten, und ich glaube, wenn Christus jetzt wiederkehren würde, er würde die von ihm gestiftete Religion der Nächstenliebe nicht wieder erkennen, welche in eine Religion des Hasses und der Unduldsamkeit verwandelt wurde. (Bewegung.) In dieser Grundlage der christlichen Religion erblicke ich jene riesige Expansivkraft, vermöge welcher sie sich über die ganze Welt verbreitet hat und früher oder später unbedingt die ganze Welt erobern wird. Darin erblicke ich jene riesige Expansivkraft, welcher gegenüber ich bei mehreren anderen Religionen und unter diesen auch bei der israelitischen Religion die entgegengesetzte Grundlage sehe, eine Grundlage, auf welcher ich sie nicht für lebensfähig, nicht für Staaten bildend erachte, weshalb ich auch für das Christenthum, für die christliche Gesellschaft nichts von ihnen befürchte. Die Begründung des jüdischen Glaubens und die Entwicklung desselben in früheren Jahrhunderten und in gewisser Richtung auch in neuerer Zeit ist entschieden eine defensive, eine abschließende; eben deshalb glaube ich, daß er weder eine staatsbildende Kraft besitzt," noch auch im Laufe der Jahrtausende sich ad infinitnm erhalten kann; ich glaube vielmehr, daß er — wie der mohammedanische — früher oder später verschwinden, in den übrigen Religionen aufgehen wird. Und je länger die Pression dauert, welche diese Religionen selbst vor Jahrhunderten und Jahrtausenden ausgeübl haben und welche jetzt von manchen christlichen Confeffiouen seit Jahrhunderten gegen sie geübtwird, desto länger wird diese Religion bestehen, deren Grundlage eben die Abschließung, der defensive Charakter ist. Je schneller die Scheidewände niedergerissen werden, mit welchen man sie gleichsam als außerhalb der Menschheit stehend kennzeichnen will, desto schneller wird die Amalgamirung platzgreifen und desto früher werden die Israeliten — wie sie es vielleicht jetzt schon sind — nützliche Bürger aller Staaten sein, desto früher werden sie aufhören, wegen des Stammes- und Religionsunterschiedes eine Sonderstellung einzunehmen. Auch der in neuerer Zeit in die Mode gekommene Antisemitismus wirkt in zwei Richtungen. Die eine ist jene Selbstüberschätzung, die bei all jenen Consessionen anzutreffen ist, die in einer gewissen Zeit eine große Verbreitung, eine große Macht zu erlangen wußten. Dies war auch bei der jüdischen Confession der Fall; man findet es in den meisten Ländern bei den Katholiken; man fand es auch bei den Protestanten, die dort, wo sie ausschließlich herrschten, mit derselben Unduldsamkeit die Katholiken verfolgten, wie diese die anderen Consessionen. Das ist jene Selbstüberschätzung, die in dem Satze culminirt: Mein Glaube ist der einzig seligmachende. Die These: Wer einmal unserem Glauben angehört hat, kann keinem anderen Glauben mehr angehören, kann ich als Argumentation nicht acceptiren. Die andere Gattung des Antisemitismus verdient nicht einmal so viel Achtung wie die erstere; denn wer sich zu der ersteren Gattung bekennt, hat vielleicht über die Frage nachgedacht, und wenn er irrt, so irrt er wenigstens in gutem Glauben; die andere Gattung jedoch ist die Manifestation des Hasses oder der Rachsucht, die dem Gefühl der Inferiorität entstammt. Ich gestehe — wenngleich Se. Excellenz Herr Gras Ferdinand Zichy es komisch finden wird — daß ich, aus einen christlichen Standpunkt mich stellend, diese Gefühle und Auffassungen in ihrer Gänze und in ihren Details zurückweise. Auch ich wäre ein Antisemit, wenn ich die Thärigkeit der Israeliten nach welcher Richtung immer für schädlich und gefährlich hielte. Dann würde ich aber den Antisemiten empfehlen, mein System zu befolgen und sie werden sehen, daß alle jene Schäden, welche sie von Seite der Juden für den Staat befürchten, nicht eintreten. Die Sache ist sehr einfach. Die Christen mögen ebenso pünktliche Steuerzahler, ebenso fleißige Staatsbürger, ebenso gute und intelligente Soldaten sein wie die Juden, sie sollen bessere Artikel und Bücher schreiben als die Juden, den Armen, ob dies Christen oder Juden seien, zu wohlfeilerem Zinsfüße Anlehen bewilligen als die Juden (Lebhafte Heiterkeit), dann werden sie sehen, daß all jene schädlichen Wirkungen, welche sie für die Gesellschaft befürchten, auf dem kürzesten Wege schwinden werden. (Lebhafter Beifall links.) Das ist meine Auffassung vom christlichen Antisemitismus, und demzufolge nehme ich die Vorlage, welche einfach gutmachen will, was wir seit Jahrhunderten verbrochen haben, im Allgemeinen zur Basis der Specialdebatte an. (Lebhafte Zustimmung links.) Metropolit Miron Roman: Hohes Haus! Ich will nur erklären, daß ich diese Vorlage nicht annehme und gegen dieselbe stimmen werde. Ich folge aber darin nur meiner individuellen Entschließung; ich thue dies nicht aus principiellen Gründen, sondern nur aus Opportunitätsrücksichten. Hierauf wird die Debatte geschloffen. Justizminister Desider Szilagyi: Hohes Haus! Ich wünsche nur sehr kurz zu sprechen und möchte insbesondere nur auf jene zwei Reden reflectiren, auf welche von dieser Seite keine Antwort ertheilt wurde. Ich meinerseits betrachte den Gesetzentwurf als den einfachen Abschluß jener legislativen Entwicklung, welche im Jahre 1867 bezüglich der Israeliten ausgesprochen hat, daß sie in ihren bürgerlichen und politischen Rechten den Christen vollkommen gleichgestellt sind. Das war ein lückenhaftes Werk, denn insolange dasPrincip der Religionsfreiheit in dem Sinne, daß wer immer seiner Ueberzeugung nach auch zu dieser Religion übertreten könne, nicht angenommen ist, und insolange als die Unmöglichkeit der Eheschließung ein indispensables Hinderniß bildete, insolange war das Princip, als dessen Folge dies in das 1867er Gesetz ausgenommen wurde, nicht durchführbar. Und in einem Staate, dessen Politik — wie es scheint — von jeder Seite darein gefetzt wird, daß man die Verschmelzung der Staatsbürger — dort ausgenommen, wo sie die Ueberzeugung des Gewissens von einander trennt,